Current Social and Economic Issues

GA 332b — 21 June 1919, Stuttgart

Ansprache bei den Beratungen zur Gründung eines Kulturrates

[Carl Unger begrüßt die Teilnehmenden. Danach verliest Emil Leinhas den von ihm umgearbeiteten Text des Aufrufs. Wilhelm von Blume referiert über die sich stellenden Schwierigkeiten bei der Propaganda und der praktischen Durchführung der Verselbstständigung des Geisteslebens. Er wendet sich gegen die Verbreitung einer dritten Version des Aufrufs, da sie wirkungslos bliebe. Der neue Text solle als erläuternde Flugschrift verwendet werden.]

Rudolf Steiner: Mir scheint, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn über die hier auf der Tagung aufgestellten Fragen verhandelt werden soll in fruchtbringender Weise, dass es dann notwendig ist, doch den Ausgangspunkt, der in Betracht kommt, ganz genau ins Auge zu fassen. Ich habe bei der Erörterung der gegen die Zukunft hin zu verwirklichenden Verselbstständigung des Geisteslebens durchaus bemerkt, dass gerade in Bezug darauf gewisse Missverständnisse sich ganz leicht einstellen. Ich habe hier von diesem Orte aus vor Angehörigen der jüngeren Lehrerschaft vorgestern meine Anschauungen auseinandergesetzt und habe auch da gesehen, dass zunächst vor allen Dingen leicht das Missverständnis auftaucht, als wenn behauptet würde, dass das Verhältnis, die Beziehung zwischen dem Staat und der Schule, wie man sie bisher gewöhnt war, durchaus abgekanzelt und abkritisiert werden sollte, und als ob behauptet werden sollte, dass nun dieses Verhältnis zwischen Schule und Staat nur etwas Grundschlechtes hervorgebracht hat, und ein Neues einzutreten habe. So ist eigentlich das, was mit der Dreigliederung des sozialen Organismus in diesem speziellen Fall auch gemeint ist, nicht zu fassen. Es handelt sich heute gar nicht so sehr darum, den Blick darauf zu richten, wie die Schule mit dem Staate bisher ausgekommen ist, sondern es handelt sich vor allen Dingen darum, dass wir uns nun wirklich fähig zeigen, auf den großen Augenblick der weltgeschichtlichen Entwicklung uns heute einzustellen. Die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus kann ja nur so gefasst werden, dass man sich klarmacht: Wir sind einmal in einer Zeit, in der sich erstens von selbst vieles umwälzt und in der Neubildungen unbedingt eintreten müssen. Die Frage kann gar nicht sein: Gefällt uns heute dieses oder jenes an der Schule oder am Staate, oder gefällt es uns nicht? — sondern gewisse Dinge machen sich, wollen sich machen, wollen sich verwirklichen, und wir haben den weltgeschichtlichen Augenblick zu ergreifen. Und diesen weltgeschichtlichen Augenblick glauben diejenigen, die sich zu der Idee der Dreigliederung bekennen, eben durch die Propagierung dieser Dreigliederung des gesunden sozialen Organismus zu erfassen.

Nun möchte ich nicht weiter eingehen - das ist ja von mir recht zahlreiche Male schon geschehen - auf das Wirtschaftsleben, sondern ich möchte nur speziell dasjenige ins Auge fassen, was mit Bezug auf das Geistesleben im Allgemeinen und insbesondere auf das Schulwesen geht. Nicht wahr, dass das Wirtschaftsleben auf einen neuen Boden gestellt wird, dass das Wirtschaftsleben einer gewissen Sozialisierung entgegengeht, nun ja, das ist ja nicht etwas, was man heute beschließen oder nicht beschließen kann, das tut sich schon von selber. Wir haben uns nur die Frage vorzulegen: Wie gestaltet man das, was sich gestalten will, in der allervernünftigsten Weise? Eben so, dass sich das Staatsleben in der Zukunft demokratisiert, bis in die letzten Gründe hinein demokratisieren muss, das tut sich auch wiederum von selber; man hat sich nur zu überlegen, wie man das am vernünftigsten zu machen hat.

Nun kommt das Geistesleben. Das halte ich nicht für etwas, was so nebenherläuft in der gegenwärtigen Aufgabe, sondern meinerseits halte ich es für das Allerallerwichtigste. Denn das Schulwesen bisher mag gut oder schlecht gewesen sein - die Kritik soll uns heute gar nicht beschäftigen -, aber wenn wir ein Gemeinwesen haben, das wirtschaftlich sozialisiert und rechtlich demokratisiert ist, dann brauchen wir für die Menschen, die innerhalb der Demokratie und innerhalb der sozialen Wirtschaftsordnung werden leben wollen, eine andere Erziehung. Also, es handelt sich gar nicht darum, zu fragen: Wie kriegen wir die Schule von dem gegenwärtigen Staate los? -, sondern es handelt sich darum: Wie erziehen wir durch die Schule Menschen, die hereinwachsen können in eine neue Gesellschaftsordnung, die sich mehr oder weniger von selbst ergibt? Zu prüfen, ob die Schule unter dem alten Staate gut oder schlecht gediehen ist, das hat ja für uns keine große Bedeutung, denn dieser alte Staat wird eben in den neuen übergehen, und wir haben nachzudenken, wie wir die Schule zu gestalten haben zum neuen Staate.

Er wird nicht sehr lange uns Zeit lassen zur Überlegung. Da ist etwas, was von uns fordert, dass wir rasch, ganz rasch zugreifen, dass wir uns gewachsen zeigen den Aufgaben, die uns die menschliche Entwicklung selber stellt. Und das sieht man ja häufig schon an dem sozialistischen Programm, was man eigentlich zu tun hat. Sehen Sie, man hat sozialistische Wirtschaftsprogramme, auch sozialistische politische Programme; an denen ist mancherlei auszusetzen. Aber von derselben Seite, von der sozialistische Wirtschafts- und Politikprogramme kommen, kommen auch sozialistische Schul- und Pädagogikprogramme. Die Leute fordern, dass das oder jenes verwirklicht werde auf pädagogisch-didaktischem Gebiet. Und derjenige, der nun wirklich es ernst meint mit der Entwicklung der Menschheit, der Herz und Sinn hat für das, was geschehen soll und geschehen muss, der empfindet das, was in diesem sozialistischen Programm als pädagogische Didaktik herauskommt, als etwas furchtbar Grauenvolles. Man kann sich nichts Schlimmeres denken, als dass über die Menschheit kommen soll, was in diesem sozialistischen pädagogischen und didaktischen Programm ausgemalt wird. Da wird ungefähr gefordert, man solle die Sozialisierung und die Demokratie möglichst tief unten in die Schule hineinzwingen. Die Kinder sollen schon sozialisiert und demokratisiert werden. Die Direktorate sollen abgeschafft werden. Der Lehrer soll mit den Kindern kameradschaftlich in eine Schulgemeinde nach demokratischen und sozialistischen Grundlagen hineingezwängt werden. Ja, meine lieben Freunde, wenn Sie so erziehen für das, was sich herausgestalten will als radikalste Demokratie und radikalster Sozialismus, dann bekommen Sie in diese Demokratie und in diesen Sozialismus hinein keine Menschen, sondern Sie bekommen hinein Wesen mit den furchtbarsten elementarsten Instinkten, die wahrhaftig wenig Sozialismus und wenig Demokratie entwickeln werden.

Darum handelt es sich, dass wir zunächst uns klarmachen: Wenn auf der einen Seite sozialisiert und demokratisiert wird, dass wir dann umso mehr nötig haben, in der Schule die Menschen zu gewöhnen — wie ich es vorgestern ausgeführt habe - erstens an eine würdige Nachahmung, an eine würdige Imitation desjenigen, was das Kind in den ersten Entwicklungsjahren immer den Eltern nachahmen will, und dass wir vor allen Dingen das Kind vom siebten bis zum vierzehnten Jahr, was ja gerade die Schulzeit ist, vor allen Dingen an ein Autoritätsgefühl zu gewöhnen haben - an ein absolutes Autoritätsgefühl, das viel, viel größer und energischer gepflegt wird, als es bisher gepflegt worden ist. Wir dürfen nicht den Autoritätsglauben aus der Schule verbannen, wenn wir sozialisieren und demokratisieren wollen. Wir müssen das Kind von seinem sechsten, siebenten bis zum vierzehnten, fünfzehnten Jahre daran gewöhnen, dass es hinaufschaut zum Lehrer wie zu einer «Halbgottheit» oder zu einer «ganzen menschlichen Gottheit», möchte ich sagen, damit durch diejenigen Gefühle, die es in dieser Zeit in sich entwickelt, in der Seele stark werde dasjenige, was dann ein Staat sein muss in Demokratie und Sozialismus, wenn nicht alles ins Bestialische auseinanderfallen soll.

Also, wir müssen umso mehr diese Dinge entwickeln durch eine ganz gründliche Vertiefung in die allerallerinnersten Triebe der menschlichen Natur, wenn wir die Menschen in den sogenannten Zukunftsstaat irgendwie hineinführen wollen - und das wollen wir ja. Also aus der Zeitentwicklung heraus, meine lieben Freunde, ist das gedacht, was für das Geistesleben gedacht werden muss, wenn von der Dreigliederung des sozialen Organismus gesprochen wird. Das konnten natürlich diejenigen wahrhaftig nicht bedenken, die heute ihre Aufmerksamkeit nur dem Wirtschaftsleben zuwenden wollen; das müssten gerade diejenigen bedenken, welche auf dem Boden der Didaktik, der Pädagogik schon jetzt gestanden haben, die schon Erfahrungen darinnen haben. Es hat überhaupt nur einen Zweck, dass wir über die Dinge reden, aus den Untergründen der Erfahrung heraus. Es tut doch heute so weh: Wenn man in Proletarierversammlungen kommt, so reden die Proletarier ihre Sprache, und wenn man mit Bürgerlichen über die Proletarier redet, so merkt man, dass sie keine Ahnung haben, was in den letzten Jahrzehnten in Proletarierkreisen vorgegangen ist. Die Leute verstehen einander gar nicht, die Leute der verschiedenen Klassen. Und so handelt es sich nun wirklich darum, dass wir endlich dazu kommen, sachgemäß zu reden, nicht bloß standes- und klassengemäß — dann werden sich die Menschen verstehen. Das ist, was ich Sie bitte zu berücksichtigen; dann kommen wir auch zur richtigen Taxierung dieser drei Forderungen.

Sehen Sie, ich habe jetzt abgesehen von den ersten Kindheitsjahren, die ja zur Erziehung im Hause gehören, weil ich ja auf die erste Stufe der Grundschule eingehen wollte. Ja, da meine ich, dass es in der Zukunft notwendig ist, dass zwischen dem sechsten, siebenten Jahre und dem vierzehnten, fünfzehnten Jahr die Erziehung ganz gebaut ist auf eine anzustrebende wirklich intimere und bessere psychologische Anthropologie, als wir das bisher in unserer Pädagogik getan haben. Das muss etwas werden, was sich wirklich abspielt zwischen dem Lehrer, der seine Autorität hat, und dem Kinde, das in diese Autorität sich hineinlässt, und alles, was es empfängt, so empfängt, dass ihm der Wahrheitsquell durch eine andere menschliche Seele geht, dass es lernt, Vertrauen zu haben im Hinaufschauen zu dem anderen Menschen. Und der Lehrer wiederum muss von Jahr zu Jahr rechnen mit der Art, wie sich der junge Mensch zwischen dem sechsten, siebten bis zum vierzehnten, fünfzehnten Jahr entwickelt. Wir müssen die Schulfächer so heranbringen, dass wir Rücksicht darauf nehmen, wie die Entwicklung des Kindes innerlich bestimmt ist. Wir müssen gewissermaßen die Möglichkeit sehen - ja, missverstehen Sie das nicht, ich meine, wir haben manchmal Ausdrücke, die nicht ganz die Sache decken, man kann sich aber verständigen -, wir müssen vor der Möglichkeit stehen, im Unterricht eine religiöse Handlung zu erblicken. Wir müssen uns eigentlich bekannt machen damit, dass wir etwas erlösen, indem wir das Kind nach und nach erziehen: dass da der geheimnisvolle Geist und die geheimnisvolle Seele durch die Körperlichkeit herauswollen. Dieses hingebungsvolle Gefühl, dass man Geist und Seele erlöst aus der Körperlichkeit, das ist dasjenige, was da wirklich Platz greifen muss. Und da meine ich, dass es sich wirklich darum handelt, dass man nicht so sehr der Meinung ist, es solle stückweise nur gebaut werden. Ich habe vollen Enthusiasmus für die Schule, die als Waldorfschule hier begründet werden soll, damit wir einmal ein Beispiel geben können, wie wir uns gerade die anthropologische Erziehung denken, durch die der Mensch wirklich zum Menschen gemacht wird.

Aber das alles bleibt doch nur Surrogat. Und es handelt sich darum, dass alles dasjenige, was als die Dreigliederung des sozialen Organismus gedacht ist, wirklich nicht so ist, dass man sagen kann: Das muss langsam und allmählich verwirklicht werden, das sind weitgehende Entwicklungsideale, sondern das man tatsächlich, wenn man nur will, wirklich gleich machen kann. Meine ganzen Ausführungen, die ich in dem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» gegeben habe, gründen sich eigentlich darauf, dass man sie sogleich in Wirklichkeit umsetzen kann. Es handelt sich mir wirklich mehr darum, dass man - wenn man sich nur einmal vollständig klar geworden ist, was die Selbstständigkeit des Geisteslebens mit Rücksicht auf den dreigegliederten sozialen Organismus bedeutet -, dass man ersetzen kann alles das, was staatsmäßig heute in der Schule ist, durch sachliche Pädagogik schulmäßig selbst. Warum sollte das nicht geschehen können? Das ist etwas, wozu man sich bloß zu entschließen braucht und wozu man bloß den Mut dazu haben braucht. Es werden nicht die äußeren Verhältnisse besser werden, aber die Grundlagen werden geschaffen werden für dieses Besserwerden der äußeren Verhältnisse. Anzufangen wäre gerade von oben herunter.

Anzufangen wäre damit, dass man die Verwaltung des Schulwesens auf ihre eigenen Beine, auf ihren eigenen Boden stellt, dass man also die Universität oder Hochschule haben will als autonome Körperschaft, und dass innerhalb der autonomen Hochschule auch diejenigen Lehrer, die im Ministerium sitzen und die keine Bürokraten sind, sondern die im lebendigen Geistesleben selber drinnenstehen, die zu tun haben jetzt nicht mit Gesetzen, die in Parlamenten gemacht werden, sondern mit menschlichen Ratschlägen, die von Mensch zu Mensch gehen, dass die zu tun haben, die im Schulwesen selber drinnenstehen, mit dem, was im Schulwesen zu geschehen hat. Loslösung also, wirkliche menschliche Loslösung des Schulwesens vom Staatswesen. Kann man heute noch die Frage nicht lösen, wie die Schule bezahlt wird, so kann man in dieser Beziehung Übergangszustände schaffen. Wenn die Leute, die zu unterrichten haben, kein Vertrauen dazu haben, dass aus dem Wirtschaftsleben heraus die nährende Göttin oder Kuh, ich weiß nicht was, kommt, dann lasse man vorerst noch den Staat die Schule bezahlen. Darauf kommt nicht viel an, sondern darauf, dass dasjenige, was geistig ist am Geistesleben, nun wirklich ein Selbstständiges wird, dass der ganze Geist des Pädagogisch-Didaktischen auch durch die Verwaltung und die Struktur des geistigen Organismus durchgehe, darauf kommt es an. Wenn man das auch selbst nur, ich möchte sagen, zunächst in einem Punkte angreift und dann nach dieser Richtung hin wirkt, dann habe ich, ich möchte sagen, nichts gegen das «allmählich». Aber nur ja nicht daran denken, dass es nun irgendwie darauf ankommt, dass das schwierig ist. Es ist gar nicht schwierig; wenn man den Gedanken einmal gründlich erfasst hat, dann wird man darauf kommen. Ich habe das einmal in der folgenden Weise ausgedrückt.

Es gibt einen Philosophen der Gegenwart. Ich schätze seinen Scharfsinn sehr - ich unterscheide Scharfsinn von Genie wie von Geistestiefe und Sachkenntnis. Es gibt also einen scharfsinnigen Mann, der hat ein Buch geschrieben in den Achtzigerjahren «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende». Er sucht in diesem Buche nachzuweisen, dass wir durch unsere naturwissenschaftliche Denkweise, die alles ergriffen hat, dahin gekommen sind, dass eigentlich alle philosophische Weltanschauung aufhören muss, und abgegeben werden müssen die Dinge, die bisher die Philosophie gemacht hat, an Politik, an Naturwissenschaft, an Jurisprudenz und auch an Staatspädagogik. Das ist etwas sehr Bedeutsames. Dieser Mann, der hat konsequent zu Ende gedacht dasjenige, was eigentlich in den Denkgewohnheiten liegt. Er ist daher ganz richtig dazu gekommen: Wenn wir so weiterwursteln - und er ist dafür, dass wir so weiterwursteln, er ist enthusiasmiert für die Auflösung alles philosophischen Denkens. Er beweist das sehr scharfsinnig und ist deshalb auch Professor der Philosophie an einer Universität geworden. Er redet von Staatspädagogik. Das bedeutet für den, der die Sache als Symptom ins Auge zu fassen versteht, auch sehr viel. Das bedeutet, dass keine in sich autonome Pädagogik mehr da ist, dass nicht etwas da ist, was mit dem Menschen als solchem rechnet, sondern der Staat ist im Laufe der Jahrhunderte soundso geworden; er verlangt für das, was er geworden ist, diese und jene Zubereitung des Menschen; der Mensch, der im Staate drinnensteht, muss soundso aussehen. Jetzt hat man zu studieren, wenn man Pädagoge ist: Nun ja, also der Mensch muss soundso aussehen, wir haben die Menschen so zu drechseln, dass sie soundso aussehen. - Das ist etwas, was überwunden werden muss. Und wollen wir den historischen Zeitpunkt ins Auge fassen, dann müssen wir das überwinden. Es darf nicht das Geistesleben seine Direktive vom Staate bekommen, sondern der Staat hat seine Direktive vom Geistesleben zu bekommen. Der Referendar und der Assessor - ich bin schon einmal der Meinung -, nehmen Sie es als grotesk, aber diese Meinung wird nicht lange auf sich warten lassen: Wie ein Referendar und ein Assessor aussehen sollen in der Welt, das hat die Universität zu bestimmen und nicht der Staat. Nicht der Staat hat ein Gesetz darüber zu geben, wie das oder jenes sein muss, sondern führend hat das Geistesleben zu sein. Das hat dem Staate zu sagen: Wenn du ein richtiger Staat bist, muss dein Assessor und dein Referendar soundso aussehen. - Also, ich denke mir: Eine wirklich innere Autonomie des ganzen Geisteslebens, das ist es, worauf es vorzugsweise ankommt.

In dieser Art denke ich mir auch das Berechtigungswesen. Nicht wahr, wer in den letzten Zeiten dieses Berechtigungswesen studiert hat-ich will nicht einmal so sehr auf Eignungsprüfungen eingehen -, der wird gesehen haben: Immer wieder und wieder haben sich da Berechtigungen, welche entstehen durch die Sache selber, verwandelt in staatliche Prüfungssysteme. Der Staat hat seine Staatsprüfungen gesetzt an Stelle der früheren Diplomprüfungen der Universitäten und

Hochschulen. Das war ein Zug der Zeit; das war in vieler Beziehung ein berechtigter Zug der Zeit, aber er muss wieder rückwärts gemacht werden, nicht im schlimmen Sinne; nicht ins Mittelalter wollen wir verfallen, aber wir müssen dazu kommen, dass das Geistesleben ganz autonom von sich aus der Welt die Gestalt gibt, denn sollen wir so weit ins materielle Fahrwasser hineinkommen, wie es der Sozialismus will, dann können wir das nur, wenn wir ein starkes Gegengewicht haben, wenn wir gerade ein ganz starkes Geistesleben haben.

Sehen Sie, nehmen wir einmal die Sachen so, wie sie sind. Es lässt sich nicht leugnen: Die Sozialdemokratie, wie sie sich entwickelt hat im Laufe eines halben Jahrhunderts, denkt mit geringerer oder gröRerer Abweichung ganz marxistisch. Und derjenige, der sich heute nicht an den Marxismus hält — das heißt an denjenigen Marx, den die heutigen Parteipäpste für den richtigen Papst halten -, der gilt nichts innerhalb der sozialdemokratischen Partei. So hat sich in der Tat im Laufe des letzten halben Jahrhunderts diese Sozialdemokratie entwickelt. Durch den sogenannten Revisionismus hat man allerlei Dinge abzustumpfen versucht, jetzt werden sie aber wieder immer schärfer betont. Es gibt aber auch solche Leute, die die letzten Konsequenzen des Marxismus ziehen. Es lässt sich nicht leugnen: Die letzte, wirkliche Konsequenz des Marxismus — wer hat sie gezogen, theoretisch zunächst, und dann versucht, es praktisch auszuführen? Das ist Lenin - Lenin, der eigentlich die Scheidemänner oder Bindemänner, die Kautskys und wie sie alle heißen - es ist von ihm gesagt —, der sie, die deutschen Sozialisten, alle für Halunken hält, Lenin, der mit einem großen logischen Scharfsinn die letzten Konsequenzen des Marxismus zieht auf allen Gebieten.

Die Verwirklichung ist das heutige bolschewistische Russland. Da drinnen steckt eine innere Notwendigkeit: Der Marxismus führt dazu und kann, wenn er auf seine eigene Beine gestellt wird, zu gar nichts anderem führen. Nun hatte Lenin ein Buch geschrieben, «Revolution und Staat». Da sagt Lenin: Der alte Staat ist schlecht, nach jeder Richtung hin schlecht; es ist nichts zu machen, überhaupt nichts zu machen mit dem Staat. Der Staat muss überwunden werden, nur können wir ihn nicht gleich überwinden. - Da sagt er: Also machen wir eben einen Staat, in dem die proletarische Diktatur herrschen wird. Das richten wir ein; da soll sein gleiches Recht und gleiche Entlohnung für alle. - So ist es heute in Russland schon so, dass manchmal der eine so entlohnt wird, dass er sechsmal so viel verdient wie der andere, da gibt es Leute, die als Geistesarbeiter schon 200000 Rubel verdienen, aber dennoch: Gleiche Entlohnung und gleiches Recht für alle! Es nehmen sich die Dinge in der Wirklichkeit manchmal ganz anders aus, aber da stellt sich die Sache so hin, dass solche Leute wie Lenin - der also ganz scharfsinnig ist, der wirklich die letzten Konsequenzen des Marxismus gezogen hat - also sagt: Machen wir es noch ein bisschen mit dem alten Staat fort, machen wir mit den Strukturen fort, die wir sehen im alten Staate. Aber wenn wir es so machen, hat dieser Staat, dieser neue Staat, eine bestimmte Aufgabe. - Da hat Lenin in «Staat und Revolution» eigentlich auch sehr, sehr strikt und logisch genau definiert. Er sagt: Dieser Staat, den er jetzt begründet hat, hat die Aufgabe, nach und nach sich selber zum Tode zu führen. Keine Aufgabe hat der Staat, als sich selber zum Tode zu führen. Das ist eigentlich Lenins Definition desjenigen Staates, den er begründet hat. Denn erst, so sagt er, und da setzt er übrigens an Dinge an, die bei Marx selber zu finden sind, denn da sagt er: Also wird der jetzige Staat, in dem es nicht besonders behaglich ist - es ist nicht so gekommen, wie wir es gewollt haben -, der Staat wird sich selber zum Tode hin revolutionieren, und dann erst kommt das Neue, wo jeder nach seiner Fähigkeit und seinem Bedürfnis behandelt werden wird.

Aber nun setzt Lenin hinzu, und das bitte ich als maßgebend zu betrachten: Das, was dann entsteht aus dem Staat, der sich nun selbst gemordet hat, das kann man nicht machen mit dem heutigen Menschen, sondern dazu brauchen wir eine neue Art von Menschen. — Also Verweisung auf den Zukunftsstaat, zu dem man erst eine neue Art von Menschen braucht. Ja, meine verehrten Anwesenden, da will eben der dreigliedrige soziale Organismus diesen weltgeschichtlichen Wahnsinn, der außerordentlich logisch ist und Methode hat, dasjenige, was verwirklicht werden kann, was auf einen wirklichen Grund und Boden gestellt werden kann. Dazu braucht man aber vor allen Dingen, dass man nicht ein Anhänger ist des Wahnsinns, dass auf irgendeine - ja, ich weiß schon nicht, wenn alles sich selbst gemordet hat -, auf welche Art dann das neue Menschengeschlecht entstehen soll, aber wenn man sich diesem Gedanken nicht hingibt, dann braucht man Herz und Sinn für den heranwachsenden Menschen. Dann muss man eben verstehen, dass man braucht eine Neugestaltung des Geisteslebens, dann muss man vor allen Dingen Herz und Sinn haben für die Heranbildung des Geisteslebens, für diese Entwicklung eines sachgemäßen Geisteslebens. Dann werden diese Wahnsinnsgedanken, man brauche erst ein neues Menschengeschlecht, aus den Köpfen der Menschen hinausgehen, und man wird den Mut fassen, die Menschen zu dem geeignet zu machen, was sie entwickeln sollen in Demokratie und Sozialismus. Es ist ein realer Gedanke, um den es sich dabei handelt. Nun stehen aber doch die Dinge nicht so - wahrhaftig nicht! -, dass man sich darauf einrichten kann, in den nächsten drei Jahren die Dinge in Muße und Ruhe zu beraten. Die Dinge sind zu brennend und zu drängend; es müssen Dinge geschehen. Darum handelt es sich, dass wir den guten Willen haben, die Dinge schnell zu fassen und das zu tun, was wirklich geschehen kann. Dazu muss man allerdings für diese Dinge Herz und Sinn haben, und einsehen, dass das heutige Menschengeschlecht nicht ausgerottet zu werden braucht, damit etwas geschieht im Lenin’schen Sinne, sondern dass das ganze gegenwärtige Menschengeschlecht etwas taugt.

Aber die Menschen müssen erzogen werden. Schauen wir uns die Gegenwart an, wie sie geworden ist, und sagen wir uns: Die Leute, die nun weiter hineinwachsen sollen in das, was sich verwirklichen will in der Geschichte, die müssen eben anders erzogen werden. Es ist einmal heute die Zeit, in der man die Fragen im großen Stile anpacken muss. Deshalb habe ich öfter gesagt: Es handelt sich darum, dass vor allen Dingen verstanden werde der wirkliche Gedanke der Dreigliederung. Der besteht mit Bezug auf das Geistesleben darin, dass wir es wirklich auf seinen eigenen Grund und Boden stellen. Es bedarf dazu nichts anderem, als dass man die gewöhnliche Schulaufsicht [abschafft], die in so halbamtlicher Tätigkeit durch Beamte ausgeübt wird, wie es in der neuen württembergischen Verfassung heißt, wo sich ein Widerspruch, der im Leben besteht, sofort durch eine solche Stilisierung zum Ausdruck bringt: «Beamte, die halbamtlich tätig sind». Man kann da fischen, wo in der Wirklichkeit das auftritt, was nicht auftreten sollte, sondern es handelt sich darum, dass man wirklich erfasst, dass in die Schule hinein nur Leute des Geisteslebens hineinkommen, da sollen nicht zufällig die Köpfe der Menschen angefüllt werden mit dem Geiste, der aus Verordnungen heraus spricht. Was braucht es denn weiter, als dass der Staat erklärt: Du Geistesleben, du sollst dich selbst verwalten; wir schaffen Kultus- und Unterrichtsministerium ab und geben dem Geistesleben selbst die Möglichkeit, sich zu verwalten. Ich kann nicht einsehen, warum es besser sein soll, dass die Beamten des Staates die Dinge verwalten als die Menschen, die im Geistesleben drinnenstehen. Das ist etwas, was wirklich von heute auf morgen geschehen kann, wenn man nur den starken Willen dazu hat. Das ist das, was ich meine, was vor allen Dingen ins Auge gefasst werden müsste, und das, was ich gemeint habe, ist das, dass es heute wirklich darauf ankommt, die Massen zu gewinnen für den Zeitgedanken, auf einem anderen Gebiete, dass auch heute es darauf ankommt, möglichst viele Menschen zu haben, die verstehen können, dass das Geistesleben auf eigenen Boden gestellt werde, und die in ihrer Art zusammenwirken, damit das zustande kommt.

Sehen Sie, wie wir hier unsere Arbeit angefangen haben, zunächst in der Strömung des Wirtschaftslebens, hatten wir es in drei Wochen so weit, dass wirklich Tausende und Abertausende von Proletariern aller Gebiete verstanden haben, was gemeint war mit der Dreigliederung des sozialen Organismus. Sie haben es in ihrer Art selbstverständlich verstanden, aber es ist doch ein gefühlsmäßiges, empfindungsmäßiges Verstehen bei den breiten Massen nicht etwas Schlimmes, sondern es ist etwas Natürliches. Dann sind die selbstsüchtigen Führer gekommen, die sich zuerst gedacht haben: Ach, der «kohlt», der spricht Kohl, der wird auf die Leute keinen Eindruck machen, der hat keine Autorität. - Dann haben sie gesehen, dass der Kohl Tausende von Menschen gewinnt. Da haben sie dann Angst bekommen, dass ihnen das Heft aus den Händen gewunden werden könnte, und jetzt stehen wir vor der Möglichkeit, dass die breiten proletarischen Massen, die schon auf dem Wege zur Vernunft waren, wieder abschwenken, weil sie ihren Führern nicht untreu werden können, weil sie auf dieselben eingefuchst sind. Und nun wollen die Parteischablonen und die Parteischlagworte wieder einmal über die Vernunft siegen. Wenn man fragt: Muss denn das sein? —, so bekommt man zur Antwort: Die Masse ist eben doch Stimmvieh. Aber die Masse könnte nun auch einmal nicht Stimmvieh sein, sondern das, was nun wirklich aus einer vernünftigen Gestaltung der Wirklichkeit herauskommt, das also - sehen Sie, was dort angestrebt worden ist, das müsste in erhöhterem Maße angestrebt werden für unsere heutige Zeit, von der man sagen kann: Jede Woche kann das Furchtbare bringen. - Es müsste angestrebt werden für das Geistesleben, es müsste aus dem verselbstständigten Geistesleben selbst angestrebt werden, dass die Erziehung so eingerichtet wird, dass der Mensch zu seiner Geltung kommt, damit er auch drinnenstehen kann in der Demokratie und dem Sozialismus. Man fürchtet aber so sehr, wenn man sieht, wie wenig Gefühl vorhanden ist für dasjenige, was heute durch die Entwicklung der Menschheit pulsiert, man fürchtet so sehr, dass das, was ich so oft am Schlusse meiner Vorträge gesagt habe: Es müsste eigentlich verstanden werden das, was zu geschehen hat, bevor es zu spät wird. Man fürchtet so sehr, dass es zu spät werden könnte; ich fürchte sogar wirklich, wenn man sagt: Wir können unseren Staat nicht ohne Weiteres zertrümmern -, dann fürchte ich mich davor.

Meine sehr verehrten Anwesenden, wir wollen ihn auch nicht zertrümmern, denn schließlich, wenn wir bis morgen beschließen wollen über das Schulwesen, dass es auf sich selbst gestellt würde bis morgen, so glaube ich, dass es kaum viel anders ausschauen würde. Sie würden nur mal den Anfang machen mit dem, was nach und nach das Geistesleben intensiver machen würde. Es würde sich gar nicht um eine Zertrümmerung handeln; es würde in den nächsten Wochen in den Schulen gar nicht anders ausschauen; sondern eher so, dass nicht Leute über die Schule gebieten, die aus der Bürokratie heraus gebieten, sondern solche aus der Pädagogik. Wer nicht genauer zusehen würde, der würde nämlich, wenn das Wichtigste geschieht, gar keinen besonderen Unterschied bemerken. Und ein Revolutionär, der sich darauf einrichtet, dass, wenn die Revolution kommt, kein Stein mehr auf dem andern liegt, der würde vielleicht dann sagen: Schöne Revolution! Es schaut ja gar nicht anders aus als vor vierzehn Tagen!

Also um Zertrümmerung kann es sich nicht handeln. Aber etwas anderes ist es, wenn man sich zu sehr fürchtet vor der Zertrümmerung, denn dann könnte es ja sein, dass wir zwar das Zertrümmern vermeiden, dass aber andere, elementare Mächte, die sich heute mit Riesenkräften durch Europa verbreiten, diese Zertrümmerung recht gründlich besorgen könnten. Deshalb meine ich, wir haben nicht die Wahl, uns zu stark einzurichten auf die Langsamkeit, sondern wir müssen zugreifen. Wir müssen tatsächlich dasjenige sehen, worauf es ankommt, und es kommt schon darauf an, dass diese Dreigliederung bei der Neugestaltung herauskommt.

Mir hat einmal nach einem Vortrag ein Mann gesagt: Man soll also den Staat in drei Glieder zerschneiden; ob nun die Entente uns vierteilt oder ob Dr. Steiner uns dreiteilt, das ist ganz gleichgültig. — Aber darum handelt es sich gar nicht, es handelt sich um etwas ganz anderes. Da ist zum Beispiel ein Mann, der immer den Vorträgen, die ich halte, wie ein getreuer Eckart folgt - ich weiß nicht, ob er auch heute wieder hier ist —, und der sagt gewöhnlich nach den Vorträgen etwas sehr Treffliches. Nachdem die einen dieses, die anderen jenes eingewendet haben, sagt er: «Aber Kinder, nehmt doch das, was da gesagt worden ist, ganz einfach; man braucht es nur ganz einfach zu nehmen, wie es wirklich ist.» Das ist wirklich so ein getreuer Eckart, der immer von Vortrag zu Vortrag nachfolgt und am Schlusse die treffenden Worte gebraucht: «Nehmt doch die Sache einfach!» - Dasjenige, was man da sieht in dieser Dreigliederung, ist einfacher, als man glaubt, und was man für schwierig hält, ist oft erst hineingetragene Schwierigkeit. Das, was ich jetzt sage, das sage ich, damit man mich nicht missversteht, damit man nicht glaubt, ich wollte den Staat, den bisherigen Staat heruntersetzen oder ich wollte glauben, dass, wenn der bisherige Staat bleibe, die Schule viel anders würde. Nein, das glaube ich nicht, aber wir sollten erkennen, dass wir uns in einem großen weltgeschichtlichen Augenblick befinden, dass wir in diesem weltgeschichtlichen Augenblick das erfassen, was mit Bezug auf die Befreiung des Geisteslebens und besonders auf die Neugestaltung des Schul- und Unterrichtswesens zu erfassen ist. Über das Weitere können wir ja noch reden.

[In der Diskussion geht es um den Text des Aufrufs. Auf Antrag Emil Molts wird eine Kommission berufen, die die endgültige Fassung ausarbeiten soll. Die Debatte wird dann aber doch fortgesetzt. Ein Teilnehmer, Karl Bittel, kritisiert Rudolf Steiners Darstellung der Verhältnisse in Russland.]

Rudolf Steiner, Zwischenruf: Ich habe nicht über Russland gesprochen, ich habe über das Buch «Staat und Revolution» von Lenin gesprochen und [über] das, was sich unmittelbar daran anlehnt. Das ist doch keine abfällige Kritik, das ist ganz objektiv gemeint.

[Karl Bittel erwähnt gegen Ende seiner Ausführungen noch den württembergischen «Rat geistiger Arbeiter».]

Schlusswort Rudolf Steiners: Herr Dr. Bittel hat wirklich manches gründlich missverstanden. Ich selbst möchte aber ausdrücklich nicht missverstanden werden, sondern von vornherein bemerken, dass ich durchaus auf dem Boden stehe, dass solche Einwendungen, wie sie Herr Dr. Bittel gemacht hat, mit aller Dankbarkeit aufgenommen werden müssen, auch wenn sie an manchem so vorbeihauen, dass abgekommen wird eigentlich von dem Verfolg der Sache, die in Aussicht genommen ist. So zum Beispiel ist dasjenige doch ganz übersehen worden, worauf in meinen Ausführungen der größte Wert gelegt worden ist, und das ist, dass das Unterrichtliche auf eine als gesund anzustrebende psychologische Anthropologie gestellt werden soll, dass wir gerade aus dem Grunde keine Hoffnung haben können, dass aus einem Erziehungswesen etwas herauskommt, weil wir eine solche gesunde Anthropologie nicht haben. Ich habe nicht die Forderung aufgestellt - wer mich irgendwie oft gehört hat, der sollte wissen, dass ich kein Programm-Mensch bin und nicht aus irgendeinem Blauen heraus Forderungen aufstelle -, sondern ich habe einfach charakterisiert, was sein muss nach den Naturgesetzen der Menschheitsentwicklung. Ich sagte: Wenn wir die Menschen dazu vorbilden wollen, dass sie wirklich in Demokratie und Sozialismus hineinwachsen, dann ist einfach aus der menschlichen Natur heraus notwendig, dass sich zwischen dem Zahnwechsel, also zwischen dem 6., 7. und dem 14., 15. Lebensjahr Autoritätsgefühle in dem Menschen entwickeln, damit er dann die innere starke Kraft hat, die ihm ermöglicht, später in einem demokratischen Staatswesen drinnenzustehen, um im vollsten Sinne Demokratie und Sozialismus zum Ausdruck kommen zu lassen. Diese Auffassung der Sache ist von dem Gesichtspunkt einer wirklich realen Psychologie aus gedacht. Das bitte ich Sie als Unterschied desjenigen, was hier auf dem Boden der Dreigliederung auftritt, von anderen Programmen, die aus Forderungen heraus gestellt werden, aufzufassen. Es soll alles, was in dieser Idee der Dreigliederung auftritt, einfach aus der Wirklichkeit heraus sein.

Ein anderes Missverständnis ist das Folgende. Wir würden in der ganzen Diskussion nicht fortwährend in lauter Sackgassen und Unmöglichkeiten einlaufen, wenn wir uns darauf einlassen würden, dem, was hier gewollt wird, nicht mit allerlei anderen Programmpunkten zu begegnen. Sehen Sie die Sache doch lieber so: Man mag ja pro und kontra - darauf will ich mich nicht einlassen - gegen solche Programme wie das der Jugendorganisation manches auf dem Herzen haben. Mir selber ist dieses Programm, das hier verlesen wurde, muss ich sagen, zu senil; ich selbst fühle mich nicht alt genug, um diesen Weg zu betreten. Aber was wirklich innere Jugendkraft hat, das ist dasjenige, was ich vermisse in den heutigen Jugendbewegungen; dass sie schon so alt sind und sich nicht stellen können auf den Boden einer wirklichen Jugend. Ich habe einem jüngeren Vertreter, der mit großer Emphase auftrat, in Bern glaube ich, einmal gesagt: Sie sind 35 Jahre, ich bin bald 60 Jahre alt, aber nach dem, was Sie vorgebracht haben, fühle ich mich viel jünger, als Sie es sind. - Es kommt darauf an, dass man die Dinge so nehmen kann, wie sie gemeint sind - das Pro und Kontra soll ja gar nicht berücksichtigt werden.

Über die Sache selbst soll einfach diskutiert werden - und ich wäre sehr froh, wenn ich nicht nur stundenlang, sondern tagelang Diskussionen über diese Fragen einmal beiwohnen könnte -, nur heute sind sie nicht auf der Tagesordnung, aus dem Grunde, weil wir fruchtbar erst diskutieren können, wenn ein realer Boden dafür geschaffen ist. Wenn das Geistesleben befreit ist, dann haben wir erst Aussicht, mit diesen Dingen durchzudringen, ihnen den Boden zu bereiten. Ob man nun mehr dafür oder dagegen ist: Allen diesen Bewegungen wird ein gesunder Unterboden gerade durch die Idee der Dreigliederung geschaffen, auf dem sie sich ausleben können. Ich kann Ihnen aufrichtig gestehen, ich wäre todfroh, wenn sich auf dem Boden des neuen Geisteslebens nicht nur diejenigen Bewegungen ausleben würden, denen ich mit meinen Sympathien zuneige, sondern auch die entgegengesetzten in Freiheit sich ausleben würden, denn mir kommt es nicht darauf an, irgendeine Weltanschauung durchzuführen, sondern einen Boden der Freiheit zu schaffen, auf dem die einzelnen geistigen Impulse konkurrieren können. Dann wird auf dem Boden dieses freien Geisteslebens das kommen, was sich Geltung verschaffen können wird.

So bitte ich auch, die Sache mit der Autorität nicht misszuverstehen. Sie ist so gemeint, dass sie vor allen Dingen als etwas Selbstloses von dem Schüler empfunden wird. Dass heute die Autorität nicht vorhanden ist, bezeugt einmal die Bierzeitung, auf der anderen Seite auch das Streben nach der Schulgemeinde. Würde wirklich die Autorität da sein, wie ich sie mir denke, dann hätten wir Schulgemeinden längst. Dass wir sie heute anstreben müssen und nicht einmal wissen, woher wir die Lehrer nehmen müssen, um zur Neugestaltung der Schule zu kommen, das bezeugt umso mehr, dass man sich umso mehr nach der Befreiung des Unterrichtswesens sehnt. Es kommt doch nicht darauf an, zu sagen: Derjenige, der etwas will, muss sich zur geistigen Revolution bekennen, muss sich zu diesem Aufruf bekennen und so weiter. - Meine sehr verehrten Anwesenden, mit dem fortwährenden Betonen « radikale Revolution, Revolution, Revolution!» kommen wir nicht weiter. Ich bin mir dessen bewusst: Wenn das, was hier gemeint ist, verwirklicht wird, nämlich ein freies Geistesleben, dann ist dies eine viel radikalere Revolution als dasjenige, was die Herren meinen, die das Wort «Revolution» immer nur in dem Sinne nehmen, wie es eben der Herr Vorredner gebraucht hat. Warten Sie nur ab, wie radikal verschieden das sein wird im Gegensatz zu dem, was als Befreiung des Geisteslebens von dem Bunde für Dreigliederung angestrebt wird, was dann auf dem Boden des freien Geisteslebens herauskommt. Ich bin auch durchaus einverstanden mit dem, was der Herr Vorredner gesagt hat mit Bezug auf die Presse. Da ist es aber auch nur möglich einzugreifen, wenn wir auf dem Boden des freien Geisteslebens stehen. Durch ein Eingreifen auf einem gesetzmäßigen Boden oder durch eine Art Pressegerichtshof - davon kann ich mir nichts versprechen. Dass der Geschichtsunterricht nicht so aussehen wird, wie er bisher immer ausgesehen hat, scheint mir auch eine selbstverständliche Sache zu sein.

Dann die Frage der Volkshochschule. Ja, selbstverständlich bin ich sehr für die Sache, aber wir haben keine Wissenschaft und auch keine Kunst für diese Volkshochschule. Da brauchen wir vor allen Dingen das, was aus dem freien Geistesleben herauswächst. Jene Popularisierung der Klassenwissenschaft und der Klassenkunst, die die heutigen Hochschulen verzapfen, gibt keine Volkshochschule. Gerade für eine Volkshochschule brauchen wir erst ein freies Geistesleben. Ich habe schon einmal betont: Ich kenne den Unterschied [zwischen dem], was wahres, wirkliches Geistesgut ist, und dem, was heute von Professoren als die Gedanken der Volkshochschulen verzapft wird. Denn sehen Sie, ich habe diesen Zwiespalt empfunden, als ich Lehrer war an der von Wilhelm Liebknecht begründeten Arbeiterbildungsschule. Wenige konnten zu meinen Schülern, die alle Sozialisten waren, so sprechen - ich konnte so sprechen, dass dasjenige, was ich ihnen sagte, hervorgeholt war aus dem Allgemein-Menschlichen: Jeder verstand und jeder war dabei. Wenn ich aber folgen musste den Usancen, dem Glauben, der so herrscht, dass man nun auch dasjenige anschauen müsse, was in den Museen von Klassenkunst hineingehängt wird - die Leute stellten dazu nämlich oft den Antrag -, dann hatte ich so meine Beklemmungen, denn da war Klassenkunst, da war nicht das, was ich aus dem Herzen dem Volke zu geben versuchte, sondern da war das vorhanden, wovon der Proletarier nichts verstehen konnte, weil er nicht auf demselben Boden stand - da musste man, wenn man den Leuten die Dinge erklärte, eine andere Sprache sprechen. Und ich war immer froh, wenn ich dann sagen konnte: Das ist dasjenige, was durch etwas anderes ersetzt werden muss, wenn etwas entstehen soll, was tatsächlich Kunst der Zukunft oder dergleichen sein kann. Denn da kann man bis ins Innere des Kunstgefühles gehen und sehen, wie unmöglich es ist, zum wirklichen Volkstum zu kommen. Bedenken Sie doch nur einmal, wie der Künstler von heute aus der bürgerlichen Klasse herausgewachsen ist; er wird sehr schöne Landschaftsbilder hinmalen, aber niemals wird der, der nicht aus dieser selben Klasse herausgewachsen ist, überhaupt etwas davon verstehen können, weil er den Übergang nicht findet zwischen der doch viel schöneren Natur, die der Professor an jedem Sonntagnachmittag selbst anschauen kann, und demjenigen, was auf die Schinken hinaufgekleckst ist, selbst wenn es mit großer künstlerischer Vollendung geschehen ist.

Es handelt sich um viel Radikaleres, wenn es sich um Volkshochschulen und Volkskunst handelt, wenn man von dem redet, was mit der Bestrebung des dreigliedrigen sozialen Organismus gemeint ist. Da handelt es sich um etwas, wovon diejenigen sich noch nichts träumen lassen, die immer davon sprechen: «radikale Revolution»; es handelt sich um etwas, was bis in das hineingeht, was seit Jahrhunderten die Kluft zwischen den Menschen aufgerichtet hat, was bis ins Innere des Geisteslebens hineingeht. Und da ist tatsächlich notwendig, dass man aufsucht dasjenige, was mit der Idee des dreigliedrigen sozialen Organismus gemeint ist, bevor man andere Programme diesen Ideen entgegensetzt, denn wahrhaftig - Sie können wenigstens von mir die Versicherung entgegennehmen -, diese Programme habe ich reichlich kennengelernt. Und die Idee der Dreigliederung ist nicht deshalb da, weil ich diese Programme nicht kennengelernt hätte, sondern weil ich sie kennengelernt habe. Die Einwendungen, die von diesen Gesichtspunkten aus gemacht werden, habe ich mir längst selbst gemacht; und weil ich sche, ich habe sie mir längst selbst gemacht, deshalb nur gibt es die Idee der Dreigliederung. Mir ist das «Programm» der Dreigliederung ganz gleichgültig; mir handelt es sich darum, dass heute wirklich der Geist in die Menschheit hineinkommt, der von der geistigen Seite aus den großen geschichtlichen Moment ins Auge fassen kann. Dann überlasse ich es meinetwillen den andern, dieses oder jenes anders aufzufassen. Darum handelt es sich mir, dass möglichst viele Menschen da sind, die diesen neuen Geist in sich tragen. Dann werden diejenigen, die etwas dazu tun können, diesem großen historischen Geist auf die Beine zu helfen, diesen neuen Geist auch fördern können. Deshalb ist mir die Fassung des einen oder andern Punktes absolut gleichgültig - mir kommt es gerade auf den Geist an; da mag die Fassung besser oder schlechter sein. Und wenn das erreicht wird, dass eine möglichst große Anzahl von Menschen in den Dienst des Geistes sich zu stellen vermögen, dann ist das erreicht, was ich möchte.

Carl Unger: Weitere Wortmeldungen liegen nicht vor; ich schließe somit die Versammlung.

German original of Address at the Deliberations for the Founding of a Cultural Council · ← Previous · Next →