Current Social and Economic Issues

GA 332b — 7 June 1919, Stuttgart

Ansprache an der Versammlung zur Wahl von Ausschussmitgliedern für den Kulturrat

Protokollarische Aufzeichnung

Nachdem verschiedene Redner sich in der Generaldebatte geäußert haben, /ergreift Rudolf Steiner das Wort]:

Rudolf Steiner: Es scheint mir nötig, dass wir jetzt in die Spezialdebatte übergehen. Herr Leinhas hat ja schon einige Bemerkungen gemacht, die Dinge nicht von grauen Allgemeinheiten abzuleiten und auf das Gebiet zu bringen, das notwendig ist. Und Herr Molt hat ebenfalls bestimmte Vorschläge gemacht. Aber mir scheint notwendig, dass das Folgende einmal gesagt wird, um gewissermaßen eine wirklich praktische Seite unsern Bestrebungen zu geben.

Als Erstes ist notwendig, dass dieser Kulturrat sich damit befasst, die ganze Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus zu propagieren, sodass sie in breitere Kreise auch des Publikums eindringt und dort Verständnis findet. Ohne dass man für die Idee der Dreigliederung Propaganda macht, kommt man natürlich auf einem einzelnen bestimmten Gebiete nicht weiter.

Dann aber wäre es notwendig, dass dieser Kulturrat ein Zweites tut, durch das er nun wirklich raschest praktische Arbeit vollbringen könnte. Wir haben bisher versucht - rekapitulieren Sie nur, was geschehen ist -, für die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus Verständnis hervorzurufen. Da wurde uns natürlich gesagt: Das ist eine Utopie, das ist Ideologie, das hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun! - Aber wir haben uns nicht abhalten lassen, für dieses Verständnis weiter zu sorgen und zu gleicher Zeit es zu einem bestimmten Resultat zu bringen: zu der Propagierung der Betriebsräte-Idee.

Und jetzt, wo die Betriebsräte-Idee eigentlich erst seit ein paar Tagen als ein Reales vor der Welt dasteht, was erarbeitet werden soll, jetzt fangen die Leute an, die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus gar nicht mehr so stark als eine Utopie anzuschauen. Jetzt fangen sie an, sie schr real zu nehmen. Die Industriellen machen sich auf die Strümpfe, die Gewerkschaften machen sich auf die Strümpfe, kurz, von allen Seiten wird mächtig gegen diese Betriebsräte agitiert. Ich weiß nicht, ob man gegen etwas, was man höchst ungefährlich findet, so stark agitieren würde. Darin zeigt sich der Übergang von dem ursprünglichen Keimgedanken, der schon die Tatsache enthält, zur wirklichen Lebenspraxis. Aber die Lebenspraxis muss dann auch in einer entsprechenden Stärke gehalten werden. Die Frage der Betriebsräteschaft hat ja auch von Russland aus ihren Ausgang genommen, nur hat sie dort Fiasko gemacht, weil sich alles Mögliche andere darüber ergossen hat und sie bekämpft hat. In Bezug auf das Wirtschaftsleben handelt es sich also darum, dass auf der Grundlage der Betriebsräte das Wirtschaftsleben und seine Angehörigen selbst aus den gegenwärtigen Zuständen herauskommen werden. Daran will ich Ihnen nur zeigen, dass man zu wirklicher praktischer Arbeit übergeht. Zuerst muss das Verständnis für die Keimidee da sein, dann kann man zur praktischen Arbeit übergehen.

Der Kulturrat müsste sich vor allem bewusst werden, dass seine erste Arbeit selbstverständlich auf dem Gebiete des Unterrichtswesens im weitesten Sinne und derjenigen Anregungen liegt, die für das Unterrichtswesen aus dem übrigen Geistesleben heraus kommen müssen. Es kann sich heute nicht darum handeln, dass man die Sozialisierung wieder erst abstrakt nimmt. Unternehmungen, die nach und nach in der neueren Zeit ausgesprochen kapitalistische Unternehmungen geworden sind — wie das Theater und im allerhöchsten Maße das Kino, das eine Begleiterscheinung ja nur des alleräußersten kapitalistisch-bürokratischen Zeitalters ist —, das wird seine sozialisierte Gestalt doch erst erlangen können, wenn in den Grundlagen des Geisteslebens erst von einer Sozialisierung der Ausgangspunkt genommen wird. Ich fürchte wirklich, man hört demnächst auch von der «Sozialisierung der Edelrassenzucht der Hunde, der Austeilung der Weihnachtsbäume an Familien» und dergleichen. Wenn in dieser Weise die Sozialisierung aufzufassen wäre, kämen wir keinen Schritt weiter.

Womit man es zunächst zu tun hat, wenn der Kulturrat seine Tätigkeit entfalten soll, ist erstens die Volksschulfrage. Betrachten Sie die Volksschulfrage ganz praktisch. Eine geistige Bewegung, die sich aus dem gegenwärtigen Geistesleben herausgeschält und auf eine selbstständige Basis gestellt hat - wenigstens aus ihren Intentionen heraus -, ist die Anthroposophische Gesellschaft selber. Sie könnte, wenn die Menschen dazu die Courage hätten und nicht allzu sehr mit dem rechnen würden, was diesem Courage-Haben entgegensteht, recht viel leisten. Aber es handelt sich darum, dass wir da vom Gesichtspunkte der Dreigliederung aus das Richtige erfassen. In Dornach ist die Hochschule für Geisteswissenschaft gegründet worden. Die steht ganz gewiss auf keinem staatlichen Boden, die arbeitet in einem Zweige des Geisteslebens aus sich selbst heraus. Bei einer Anzahl unserer Mitglieder ist nun der Wunsch entstanden, ihre Kinder aus den Prinzipien und Impulsen des wirklichen Geisteslebens heraus auch wirklich von unten herauf erziehen zu lassen. Anthroposophen - das brauche ich in Stuttgart nicht besonders zu betonen - haben ja auch Kinder; also die Kinder hätten wir schon gehabt. In Dornach hätten wir vielleicht sogar auch schon die Lehrer gehabt. Und die Geneigtheit der Eltern hatten wir im höchsten Grade. Alles eigentlich hatten wir. Bloß — was hatten wir denn nicht? Warum gründeten wir eine solche Schule nicht? Weil uns der Staat, die freie Schweiz, kein Recht dazu gibt, weil sie nicht eine solche Schule anerkennt, die nicht vom Staate selbst eingerichtet ist.

Meine lieben Freunde, es handelt sich darum, vor allem die Anerkennung für dasjenige zu erkämpfen, was in einer solchen Schule aus rein geistig-pädagogischen Unterlagen heraus geleistet wird. Es handelt sich darum, dass jede Art von staatlicher Schulaufsicht und jede Art von Gesetz aufgehoben wird, dass nur von dem oder jenem Lehrer, der vom Staate eingesetzt ist, der Unterricht gegeben werden darf, und Ähnliches. Das ist das Erste. Und da hat man zunächst zu kämpfen mit dem, was heute unter der Flagge der Einheitsschule ja gerade von sozialistischer Seite immer eingewendet wird, wenn es sich um eine gesunde Grundlage des Volksschulwesens handelt.

Nehmen wir noch einmal das Beispiel von Dornach. Dornach liegt im Kanton Solothurn. Als ich dort von der Dreigliederung des sozialen Organismus zuerst gesprochen hatte, kam bald der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei von Arlesheim zu mir und sagte: Es wird sich im Kanton Solothurn sehr leicht zeigen, wie schwierig es ist, einer solchen Bestrebung entgegenzukommen, denn man hat mit Mühe die Schule den Schul-«Brüdern» und Schul-«Schwestern» des Kantons Solothurn entrissen, hat mit Mühe die Schule verweltlicht. Würde man nun irgendeiner Bestrebung das Recht geben, selbst Schulen zu gründen, so würden wahrscheinlich auch Klerikalschulen, vielleicht auch adelige Schulen entstehen. - Kurz, die Leute hatten die fürchterlichste Angst, dass diese Dinge etwa Platz greifen könnten.

Das sind Dinge, die zunächst bearbeitet werden müssen. Es muss mit der Öffentlichkeit in die Diskussion eingetreten werden: Wie verhält sich der Kulturrat mit der Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus zu der sogenannten staatlichen Einheitsschule mit dem Schulzwang? Das ist die Sache, die vor der Öffentlichkeit klargestellt werden muss. Also erste Aufgabe ist: Wie verhält sich der Bund für Dreigliederung zu dem, was neulich ein Mitglied der mehrheitssozialistischen Partei und Mitglied des Landtages in Reutlingen gesagt hat: Was wollt ihr denn? Wir haben jetzt ein Schulgesetz geschaffen, das geradezu den idealsten Anschauungen entspricht! — Da muss dann der Bund für Dreigliederung durch seinen Kulturrat zeigen: Und wenn ihr engelähnliche Wesen wäret, wir nehmen nie ein Schulgesetz aus den Händen des Staates entgegen! -, denn es handelt sich gerade darum, die Schule dem Staate zu entreißen. Man muss den Leuten zeigen, dass dadurch die Menschen nicht wieder Analphabeten werden, wenn die Schule frei von staatlicher Leitung wird, dass auch nicht neue Ständeschulen entstehen werden und so weiter. Das ist die erste positive Frage, die Volksschulfrage. Und ehe nicht [im Kulturrat] gezeigt wird, dass man Verständnis hat für eine solche Frage gegenüber den heutigen politischen Strömungen, wird der Kulturrat nur ein wüstes Herumreden sein.

Das Zweite ist, dass man für die höheren Schulen zeigt, dass wir sie nur freibekommen, wenn wir das scheußliche Berechtigungswesen aus ihnen herausbekommen, dass alles, was zwischen Volksschule und Hochschule steht, lediglich dadurch bestimmt werden kann, dass es Vorbereitung ist für die Hochschule. Die Hochschulen haben zu sagen: Wir wollen diese oder jene Menschen in unsere Reihen bekommen, dazu stellen wir die Anforderung, dass die Mittelschulen und die Realschulen - die auch etwas ganz anderes werden müssen nach diesen oder jenen Grundsätzen geleitet werden. - Bedenken Sie, dass die Mittelschule seit Langem nur dazu da ist, dass die Schüler durch die Einrichtung der Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst nur dazu vorbereitet werden, künftige Staatsdiener zu werden. Also auch hier gilt es: Heraus mit der Schule aus dem Staat!

Dann ist zu kämpfen für die Autonomie der Hochschule. Die war in alten Zeiten schon vorhanden. Wir schen sogar, wie in den letzten Zeiten erst die letzten Reste der autonomen Hochschule zugrunde gegangen sind. Die Hochschule muss eine autonome Korporation sein. Es muss an sie wieder das zurück[laufen], was sich besonders in den letzten Zeiten vorgewagt hat. Was die Hochschulen früher als von sich ausgehend betrachtet haben, das war das, was sie verliehen haben in der Auszeichnung mit der Doktorwürde in irgendeiner Fakultät. Das war der Ausdruck dafür: Die Universität da und dort, die als solche autonome Körperschaft gilt, gibt dem XY das Recht, sich den Doktor auf einem bestimmten Gebiete zu nennen; sie erteilt ihm daher das Diplom. Damit war ausgedrückt, dass die autonome Körperschaft das Recht hingestellt hat vor die Menschen, wofür sie als autonome Körperschaft garantieren konnte. Und diese ganze Sache hat der Staat erobert, denn heute sind die Verleihungen der Fakultäten nur Dekorationsstücke, sind Titel ohne jede Rechte, und die Staaten haben dazu ihre Staatsprüfungen eingeführt, das heißt, sie haben ihre Fangarme nach den Hochschulen ausgestreckt. Die sind nicht mehr autonom. Man kann heute nicht mehr etwas finden wie früher, wo von jemandem gesagt werden konnte: Das ist ein Mediziner, der hat an der Universität Montpellier studiert; das ist eine gute Schule! - Heute wird alles abstrahiert. Also ist die Forderung: autonome Hochschulen, Abschaffung aller Staatsprüfungen. - Wenn der Staat Leute braucht, soll er sie sich prüfen. Wenn er für einen Posten einen Menschen braucht, kann er ihn nach seinen Gesichtspunkten prüfen. Eine solche Prüfung hat dann nur eine Bedeutung für den Staat, nicht für das, was im Unterrichts- und Erziehungswesen frei vom Staate sich ausleben muss.

Es handelt sich also um folgende positive Fragen:

Erstens eine freie Einheitsschule ohne Staatsaufsicht, ihre Rechtfertigung aus den Forderungen der Zeit,

zweitens: Abschaffung des sogenannten Berechtigungswesens bei den Mittelschulen,

drittens: Zurückgehen von dem Staatsprüfungswesen und Autonomie der Hochschulen.

Diese Dinge müssen vor die Welt als klares Programm hingestellt werden. Wenn man damit beginnt, beginnt man bei einem ähnlichen Punkt wie im Wirtschaftsleben bei der Frage der Betriebsräte. Wenn man damit beginnt, werden die andern, die natürlich das oder jenes brauchen, schon nachfolgen. Es handelt sich darum, dass man zunächst die Dinge da anfasst, wo sie ganz allgemein-menschliche sind: beim niederen und beim höheren Schulwesen, das im Allgemeinen auch allgemein-menschlich ist.

Das ist es, was ich zunächst zum Übergang in die Spezialdebatte hinstellen wollte, damit das herauskommt. Es soll gewiss ein Ausschuss gewählt werden. Aber der soll sich mit den alleraktuellsten Fragen beschäftigen und auf die aktuellsten Fragen und auf positive wollte ich Sie hinweisen. Es darf zunächst kein Wert darauf gelegt werden, welches der Inhalt der einzelnen Weltanschauungen ist. Nicht darauf kommt es an, ob Katholiken, ob Protestanten und so weiter ihre Schulen gründen wollen, sondern [darauf], dass wir das allernächste Praktische positiv erreichen - zunächst auf dem Gebiete des Geisteslebens, das alle Menschen angeht: die Stellung der Schule auf ihre eigenen Füße.

So liegen die Dinge, die in den nächsten Tagen mit aller Gewalt diskutiert werden müssen und sich kristallisieren müssen zu ganz bestimmten einzelnen Punkten. Und mit diesen einzelnen Punkten müssen dann die, welche es nun wirklich können und den Willen dazu haben, vor die Menschheit hintreten, um diese Dinge geltend zu machen. Denn wichtiger noch als alles andere ist diese Umwälzung im geistigen Leben. Denn ohne diese Umwälzung im geistigen Leben kommt auch alles Übrige nicht zustande.

German original of Address at the Meeting for the Election of Committee Members for the Cultural Council · ← Previous · Next →