Current Social and Economic Issues
GA 332b — 27 June 1919, Stuttgart
Anthroposophie und soziale Frage
Vortrag bei einer Versammlung von Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft
Meine lieben Freunde! Es sollte die Erkenntnis durchdringen, dass wir doch in der Gegenwart in einer Zeit des Umschwunges leben, in einer Zeit, die wir anzusehen haben als die Zeit einer Verwandlung, und dass es uns vor allen Dingen obliegt, unsere Aufgabe in dieser Zeit gerade zu finden. Wir werden, da wir uns ja heute nicht auf den Boden stellen, auf den wir uns stellten in der Betrachtung, die wir dem allgemeinen Kulturrat-Aufruf widmeten, sondern gerade auf unserem Boden, als Angehörige der anthroposophischen Gesellschaft, wir werden da guttun, gerade von diesem Gesichtspunkte der anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Bewegung aus ein wenig unsere Gedanken zu beschäftigen.
Sehen Sie, wenn man heute redet von geisteswissenschaftlicher Erfassung der Welt, von dem wirklichen Inhalt der Geisteswissenschaft - Sie haben das ja auch in Stuttgart erfahren können, durch viele Jahre sind geisteswissenschaftliche Vorträge gehalten worden, die, man kann schon sagen, ein immer größeres Publikum gefunden haben -, wenn man von diesen geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkten aus im Konkreten heute zu den Menschen redet, so findet sich zunächst ein den Verhältnissen der Gegenwart entsprechendes Publikum. Sie haben dann aber auch erlebt, dass wir, selbst abgesehen von dem öffentlichen Publikum, Anthroposophie immer weiter und weiter getrieben haben. Viele von Ihnen haben es erlebt, dass wir diese Anthroposophie auch auf den verschiedensten Gebieten fruchtbar gemacht haben, fruchtbar gemacht haben aus einem ganz bestimmten Geiste heraus. Stellen wir uns einmal vor, wie das versucht worden ist aus einem bestimmten Geiste heraus.
Wir können bei irgendetwas anfangen - fangen wir bei den öffentlichen Vorträgen an. Diese öffentlichen Vorträge mussten eine neue Erkenntnis, eine ganz neue Charakteristik des Geisteslebens in die Welt hineinstellen. Niemals wurde zurückgeschreckt davor, auch in öffentlichen Vorträge nicht, und erst recht nicht in den Vorträgen, die dann für Fortgeschrittene innerhalb der anthroposophischen Gesellschaft selber gehalten worden sind - niemals wurde davor zurückgeschreckt, in prägnanter Weise energisch auf dasjenige hinzuweisen, was dieses im Niedergang begriffene Kulturleben der Gegenwart ablösen soll. Immer wurde bemerklich gemacht seit Jahrzehnten ja jetzt schon: Dieses Kulturleben ist im Niedergang; das Leben, in dem wir drinnenstehen, ist im Niedergang. Und es wurde überall darauf hingewiesen, wie aus einer Erneuerung der geistigen Erfassung der Welt eine aufwärts gehende Entwicklung gefördert werden müsse. Es wurde mit aller Deutlichkeit darauf hingewiesen, dass mit dem gründlichsten Ernste unterschieden werden müsse zwischen dem, was in niedergehender Bewegung ist, und dem, was die Menschheit erfüllen muss, damit sie wieder aufsteigen kann. War nicht das, meine lieben Freunde, der Geist all der Vorträge, die in der Öffentlichkeit oder im engeren Kreise gehalten worden sind? Und war nicht im Grunde genommen in diesen Vorträgen immer dasjenige drinnen, was jetzt in einer äußeren Weise illustriert wird durch die weltgeschichtlichen Ereignisse und das weltgeschichtliche Elend?
Sehen wir auf irgendetwas anderes auf unserem speziell anthroposophischen Gebiet: Wir haben in Dornach einen Bau aufgerichtet. Wir haben uns an nichts angelehnt bei der Aufrichtung dieses Baues, was irgendwie hergebrachte Architektur, hergebrachte Malerei, hergebrachte Plastik ist. Wir haben aus dem Bewusstsein heraus, dass eine vollständige Erfrischung und Erneuerung unseres Geisteslebens notwendig ist, etwas, was ein Anfang ist, was aber etwas Neues ist, zu schaffen versucht. Wir haben nicht gescheut, alledem ins Gesicht zu schlagen mit dem, was wir schufen, welches aus den alten Anschauungen heraus architektonisch, malerisch, plastisch und so weiter urteilen wollte. Da standen ja gewiss vor dem Dornacher Bau die Philister manchmal kopf; wir ließen sie kopfstehen. Und wir wussten: Das ist ja gerade dasjenige, was wir wollen mussten, dass die philiströsen Träger der bisherigen Weltanschauung vor den Dingen kopfstehen. Wir ließen uns auch nicht abhalten, wenn alle die unvermögenden neueren Versuche, zu irgendeiner unphiliströsen Kunst zu kommen, mit all den Untergründen, aus denen so oftmals künstlerisches Schaffen entsteht mit den Untergründen der Hysterie oder des Nichtskönnens, aber Vielwollens, wenn die einfach ihr «Unkünstlerisch» aussprachen über dem, wovon sie doch, gerade weil sie in einer neuen Art in ihrem Sinne künstlerisch sein wollten, nichts verstanden. Wir ließen uns nicht abhalten, von den Philistern und, verzeihen Sie das Wort, Überphilistern schief und scheel angesehen zu werden.
Als wir darangingen, die Eurythmie zu pflegen, mit dem, was dazugehört, einer Wiedererschaffung der Rezitationskunst, da habe ich gesagt: Die zart besaiteten Seelen, die mit der Aufführung dieser Dinge beschäftigt sein werden, die müssen sich darauf gefasst machen, dass die Dinge, wenn sie einmal in die Öffentlichkeit gebracht werden, gründlich beschimpft werden; aber das wird gerade der Beweis dafür sein, dass sie etwas bedeuten; denn würden sie gelobt, dann würden sie ja übereinstimmen mit dem Niedergehenden, und dann wären sie ganz gewiss nichts nutz. Dieses Bewusstsein, das jetzt, ich möchte sagen, mit Blut von der Menschheit heraus gefordert wird, dieses Bewusstsein wurde in der anthroposophischen Bewegung aus den Forderungen eines neuen Geisteslebens herausgeholt.
Wir haben in München unsere Mysterien aufgeführt, deren eigentlichen Inhalt wenig Menschen bis jetzt im Grunde genommen verstanden haben. Wir haben durch vier Jahre diese Mysterien aufgeführt, mancherlei Menschen haben sie gesehen; vor der Welt sind sie eingesargt; seither wird überhaupt nicht mehr davon gesprochen. Sie sind vergessen, weil sie vorübergegangen sind vor denjenigen, vor denen sie aufgeführt worden sind, wie ein Traum, den man vergisst; an dem man sich wohl behaglich ergötzt, aber den man vergisst. Diese Dinge müssen einmal gesagt werden, meine lieben Freunde, denn wir kommen sonst nicht dazu, anzuknüpfen an dasjenige, was ich eigentlich am letzten Sonntag meinte.
Ja, meine lieben Freunde, es wäre schön gewesen, wenn wir 1907 in Angriff genommen hätten all die Dinge, die heute hier erwähnt worden sind. Aber wir leben ja in 1919, und heute können wir nicht mehr dasjenige bloß in Angriff nehmen, was wir hätten vielleicht auf Grundlage unseres erwachten anthroposophischen Bewusstseins im Jahre 1907 in Angriff nehmen sollen. Um was handelt es sich nun? Verzeihen Sie, wenn ich, damit die Sache nicht allzu lange dauert und möglichst schmerzlos verläuft, wenn ich mich etwas scharf konturiert ausdrücke: Ich möchte sagen, mit Bezug auf unsere anthroposophische Bewegung gab es zweierlei Leute, von denen man zweierlei voraussetzen konnte: diejenigen Leute, die in öffentlichen Veranstaltungen waren, oder die sehen konnten, wie jetzt der Dornacher Bau für alle Welt offen ist, die sehen konnten dasjenige, was wir wollten, einfach als - nun, sagen wir, als Zeitgenossen. Das war die eine Sorte von Menschen. Wir haben sie auch hier erlebt, als die allgemeinen anthroposophischen Wahrheiten spezialisiert wurden für die Dreigliederung. Wir haben sie hier erlebt im Siegle-Haus. Leute haben wir erlebt, für die diese Dinge schon verständlich sind, soweit sie für ein allgemeines Publikum verständlich zu sein brauchen. Aber ich habe es ja oftmals hier charakterisiert, wie das Verständnis der Menschen der Gegenwart, die sich überhaupt mit diesen Dingen beschäftigen, eigentlich ist. Diese Menschen der Gegenwart, sie nehmen schon manches hin, sie sehen auch manches ein, aber sie können sich nicht aufschwingen, dasjenige, was sie einsehen, zum Inhalt ihres ganzen Menschen zu machen; zum Inhalt nicht nur ihres Denkens und Träumens, oder träumenden Denkens, sondern auch zum Inhalt ihres Wollens zu machen. Und so kann man erleben, dass vielleicht eine ganze Versammlung, oder der größte Teil von Menschen, die öffentlich zuhören bei den Dingen, die jetzt gesprochen werden müssen zum Heile der Menschheit, dass die ja bis zu einem gewissen Grade ihre deutliche Zustimmung zeigen, aber am nächsten Tage ist für sie alles, wie es vorher war; es hat für sie keine andere Bedeutung, als dass sie durch eineinhalb oder zwei Stunden die Dinge gehört haben; dass die Dinge da sind dazu, dass der Mensch sie in sein Inneres aufnimmt, dazu hat die gegenwärtige Menschheit überhaupt nicht die Veranlagung. Das, meine lieben Freunde, ist die eine Sorte von Menschen.
Die andere Sorte waren die Anthroposophen, eine ganz andere Sorte von Menschen. Bei der ersten Sorte von Menschen, die ich eben charakterisiert habe, konnte man nichts anderes hoffen als das, was ich gesagt habe, denn das ist das Bürgertum der Gegenwart, das ist derjenige Teil der Menschheit, von dem man glauben könnte, dass er Pökelfleisch im Kopfe hätte statt ein von Furchen durchzogenes Gehirn. So sind sie einmal, die Menschen der Gegenwart. Dann aber waren die Anthroposophen da, zu denen wurde seit Jahrzehnten noch von ganz anderen Dinge geredet als von dem, wovon öffentlich gesprochen werden konnte. Bei den Anthroposophen konnte es nicht genügen, dass sie diese Dinge aufnehmen; konnte es nicht genügen, dass sie den allgemeinen inneren Lebensusancen des Gegenwartsmenschen sich hingeben. Da muss man allerdings fragen: Sucht der moderne Mensch ein Geistesleben? Ja, er sucht es, er sucht ein Geistesleben, denn dasjenige, was ihm die Kirche gibt, was ihm die moderne Schule gibt, das ist ihm nichts mehr. Er sucht ein Geistesleben, aber was für ein Geistesleben sucht er eigentlich? Er nimmt im Grunde genommen die höchsten Wahrheiten hin, aber nimmt sie so hin, dass sie ihn erstens wenig behelligen, dass er zweitens sein Inneres dabei möglichst wenig zur Mittätigkeit zu beanspruchen braucht, und dass er drittens neben dem, was er sich so nimmt, ganz gut, so wie es die äußere verfallende Welt fordert, in dieser äußeren verfallenden Welt sich bewegt. Das heißt, er findet es höchst natürlich, ohne darin einen inneren Widerspruch zu empfinden, dass er den Hantierungen seines Lebens nachgeht im Sinne der dekadenten Welt, im Sinne des Zugrundegehens, auf das er so mit der Nase gestoßen werden musste durch die Weltkriegskatastrophe und was nachher folgte, und dann fühlt er manchmal das Bedürfnis, sich erheben zu lassen durch eine anthroposophische Rede oder anthroposophische Belehrung, die er hinnimmt wie eine Sonntagnachmittagspredigt, die ihm eine Abwechslung bietet für dasjenige, was er doch sonst ganz gut aufnimmt als das Leben innerhalb der verfallenden Kultur. Es rüttelt den Menschen der Gegenwart zuweilen auf, dass die Dinge so unsinnig sind um ihn herum, die Dinge, die er mitmachen muss, dass sie so unsinnig sind; dann wendet er sich auch zu so etwas wie Anthroposophie wohl hin, aber nicht als zu etwas, was er sucht als den Impuls, wie die Dinge andere werden sollten bis ins Einzelne hinein, sondern er sucht in der Anthroposophie ein hübsches Schlafpülverchen, wodurch er sich hinweg betäuben kann über dasjenige, in dem er doch zur äußeren Beruhigung seines inneren Menschen leben kann.
Sehen Sie, das war der fortdauernde Aufruf an die Mitbeteiliger an der anthroposophischen Bewegung: zu verstehen, dass das nicht so fortgehen dürfe in der modernen Menschheit, dass Anthroposophie nicht als Schlafpülverchen so verstanden werden sollte und als Sonntagnachmittagspredigt, sondern dass der moderne Mensch seine Anthroposophie in sich aufnehmen muss, um in allen Einzelheiten des Lebens sie auch wirklich darzustellen, um sie auszuprägen, um in sich das Bewusstsein der Selbstbesinnung hineinzubilden, dass wir in einer verfallenden Kulturwelt drinnenstehen.
Die Anpassungsfähigkeit des modernen Menschen ist eine riesige. Aber an was passt man sich denn an? Sehen Sie, wir leben ja in dreifacher Unnatur in der Gegenwart drinnen. Wir leben in der Phrase drinnen. Wir leben in einem bloßen positiven Festsetzen von allerlei Geboten und Verboten, statt im ursprünglichen menschlichen Recht. Wir leben im Wirtschaftsegoismus, statt in der Brüderlichkeit des Wirtschaftslebens drinnen. Das alles wird vom modernen Menschen hingenommen so, dass er es möglichst wenig zu bemerken braucht.
Ja, sehen Sie, Anthroposophie, ernsthaftig aufgefasst, lässt einen nicht dabei, diese Dinge einfach nicht zu bemerken, sondern es ist das etwas, was ich oftmals gesagt habe: Anthroposophische Wahrheiten in sich aufnehmen bedeutet eine gewisse Gefahr für das Leben, bedeutet, dass man mutvoll leben muss, bedeutet, dass man den inneren Entschluss haben muss, mit mancherlei Dingen zu brechen. Fast in allem, was versucht worden ist, ist hingewiesen worden auf dasjenige, was Anthroposophie sein will. Als Devise war gegeben worden: «Die Weisheit lebt nur in der Wahrheit.» Die moderne Menschheit aber lebt in der Lüge. Denn das, was durch die Welt gegangen ist während der Weltkriegskatastrophe, das war nur Lüge. Man hat über die Dinge überall anderes gesagt, als sie eigentlich waren, weil die Menschen sich in der niedergehenden Kultur entwöhnt haben, überhaupt den inneren Zusammenhang noch zu haben zwischen dem, was sie sagen, und dem inneren Erleben. Die Menschheit braucht eine starke spirituelle Substanz in ihrer Seele, um diesen Zusammenhang wiederum zu gewinnen. Auf diesen Boden sollte man sich streng stellen. Man sollte auch im Einzelnen die Dinge einsehen. Man sollte zum Beispiel einsehen, was zu diesem Unglück der Weltkriegskatastrophe geführt hat; notwendig ist, zu wissen, was die Unfähigkeit der leitenden, führenden Persönlichkeiten bewirkt hat, und dass diese Unfähigkeit großgezogen worden ist aus dem Grunde, weil großgezogen worden ist die Antipathie gegen das Geistesleben auf allen Gebieten. Wo wurde sie aber am meisten großgezogen? Am meisten wurde sie großgezogen in der Kirche, denn dasjenige, was am meisten vermaterialisiert ist, das ist heute das landläufige Christentum aller Konfessionen. Dieses landläufige Christentum aller Konfessionen soll den Menschen zur Geisteswelt erheben, während es nur den Versuch immer macht, dem Menschen möglichst die Geisteswelt so darzustellen, dass sie handgreiflich materiell ist. Auf alle diese Dinge wurde ja im Einzelnen oftmals hingewiesen, immer wieder und wiederum. Es nützt heute nichts, diese Dinge nicht zu sehen in ihrer wahren Gestalt. Vor allen Dingen aber muss eingesehen werden, wie dasjenige, was jetzt als Dreigliederung des sozialen Organismus in die Welt tritt, ein Ergebnis anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft ist. Man wird aber diese Sache nur im richtigen Sinne verstehen, wenn man, wie ich eben gesagt habe, in diese Dinge hineinschaut.
Meine lieben Freunde, es ist notwendig, dass der Mensch durch Geisteswissenschaft eine auf sich selbst gestellte Persönlichkeit werde, sodass er lernt, die Außenwelt, auch die menschliche Außenwelt, gerade dadurch in der richtigen Weise zu beurteilen, dass er zugleich fest auf seinem eigenen Boden als freie Persönlichkeit steht. Die freie Persönlichkeit, sie wird ja heute überhaupt gar nicht mehr in der Welt anerkannt. Wir haben uns gewöhnt, die freie Persönlichkeit überhaupt nicht mehr anzuerkennen. Wenn jemand irgendwo seine eigenen Gedanken sagt, möglichst eigene Gedanken, die er sich blutig errungen hat, so nennt das die törichte, dumme Welt heute ein Referat. In solchen Dingen, bis ins Einzelne hinein, handelt es sich darum, dass man sieht, wo die Dinge faul sind. In dieser Anpassung an die Dummheit der Gegenwart zeigt sich, wie wir nicht mehr auf dem Boden einer freien, in sich selbst schaffenden Persönlichkeit zu stehen vermögen. Es ist durchaus keine Pedanterie, auf solche Dinge aufmerksam zu machen, denn in den gewohnheitsmäßigen Ranken des gewöhnlichen Lebens zeigt sich, wo die Dinge faul sind, auch im Großen. Und wenn wir gesunden wollen, dann muss diese Gesundung vom Großen ausgehen und so stark im Großen sein, dass das Große eingreifen kann in die gewöhnlichen kleinsten Ranken des Lebens. Wir haben in dem Augenblick, in dem schon alle Welt sehen konnte äußerlich: Auf dem Waffenwege geht es schief mit Mitteleuropa -, wir haben unseren, ich möchte sagen, unmittelbar an der ausländischen Entente-Grenze stehenden Dornacher Bau in diesem Augenblick das Goetheanum genannt, damit der ganzen Welt klar das sagend, was wir für das Richtige halten, niemals irgendwie nachgebend dem, wovon man sagen könnte: Wie wird es auf die Leute wirken, auf was hat man Rücksicht zu nehmen? - und dergleichen.
Und damit zusammenhängend möchte ich doch darauf aufmerksam machen, dass es gut wäre, wenn sich insbesondere die mitteleuropäische Bevölkerung wiederum erinnern würde daran, dass in Mitteleuropa einmal solche Menschen gelebt haben wie Goethe, Schiller, Lessing, Herder und ähnliche Leute, dass Fichte gesprochen hat. Denn diese Dinge, meine lieben Freunde, sind vergessen. Es ist nicht wahr, dass diese Dinge heute noch leben. Es ist eine ungeheure Lüge, wenn man sagt: Fichte lebt noch. In den Menschen lebt er nämlich nicht mehr. Denn dadurch lebt er nicht, dass ihn die Nachfolger des alten, weiland deutschen Reichstages in Weimar sogar zu zitieren angefangen haben. Diese Leute, die die Größe Mitteleuropas ausmachten, die wurden zu Parasiten des Lebens vom Ende des neunzehnten und des Lebens vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Die müssen erst wiederum ausgegraben werden. Und verstehen wird man das eine müssen, dass die Zeit eine Realität ist.
Meine lieben Freunde, ich will Ihnen in radikaler Weise das Folgende sagen: Nehmen Sie an, Herder oder Goethe hätten irgendetwas geschrieben; das legen Sie vor sich hin; und heute geschehe es durch Karma oder durch Zufall - es ist eben hypothetisch gesprochen -, dass einer derselben schreibt, er wüsste gar nicht, dass Goethe oder Herder das geschrieben haben; er schriebe dasselbe, mit denselben Worten sogar. Da würden wohl die meisten Menschen der Gegenwart sagen: Nun ja, das ist ja ganz dasselbe. Und doch, die Wahrheit könnte diese sein, dass dasjenige, was Goethe oder Herder geschrieben haben, durchsetzt wäre von real Spirituellem, und dasjenige, was der Mensch heute schriebe mit denselben Worten, Phrase, Phrase, Phrase ist. Daraus aber mögen Sie entnehmen, wenn irgendeiner einen Wisch bringt von der oder jener Gemeinschaft, die heute auftaucht mit irgendeinem netten Programm, dass man das oder jenes sozial machen soll, und vergleicht es mit dem, was hier als Dreigliederung auftritt, so mag manches wörtlich übereinstimmen; derjenige aber, der auf solche Übereinstimmung etwas gibt, der zeigt nur, dass er nicht in der anthroposophischen Bewegung mit seiner Seele wirklich drinnensteht. Denn der große Unterschied gegenüber all diesen Dingen - ich habe es durch die Jahrzehnte hindurch bei den verschiedensten Anlässen immer wieder gründlich klargemacht -, der große Unterschied liegt darin, dass hinter dem, was wir sozial verkünden, eben die anthroposophisch charakterisierte Welt steht, das ist Substanz, und das macht den Unterschied; das erhebt dasjenige, was unsere Sätze sagen, über den Charakter der Phrase hinaus, zu einem wirklichen Inhalt, während die meisten Menschen heute nur Phrasen reden, die gerade so klingen können wie der Wirklichkeitsinhalt. Auf die Realität kommt es an und nicht auf die Phrase. Das ist es, wovon man möchte, dass es verstanden werde. Wird die Sache verstanden, meine lieben Freunde, dann handelt es sich darum, dass man von diesem Gesichtspunkte aus in Wirklichkeit unsere Zeit zu erfassen vermag.
Ich hätte ja gerne gehabt, dass ein anderer es gesagt hätte, aber da es kein anderer sagt, muss ich es eben selber sagen: Wir haben doch die Anthroposophie, wir haben doch die Geisteswissenschaft; aus ihr geht das Bewusstsein hervor, dass eine Umwandlung notwendig ist in unserer Kulturwelt. Das weiß aber die Menschheit noch nicht, das weiß sie nicht genügend, das muss ihr gesagt werden, das muss ihr bemerklich gemacht werden, und zwar so deutlich bemerklich gemacht werden, wie ich es eben jetzt gezeigt habe. Will einer eine Schule gründen, gut, er mag es tun; will einer Märchen erzählen, gut, er mag es tun; man hätte das auch 1907 tun können. Dasjenige, um was es sich heute handelt, ist, dass der Menschheit das Bewusstsein überliefert wird, dass Anthroposophie da ist und dass Anthroposophie wachsen muss. Und wenn sie nicht wächst, so wächst nichts, weil das andere zugrunde geht, wie sich deutlich zeigt im Geistesleben. Und das muss ernsthaftig vor die Menschheit hingestellt werden. Wir können selbstverständlich heute nicht gleich irgendwelche Schulen im Großen gründen, aber wir haben der Menschheit zu sagen: Eure Welt geht zugrunde, hier habt ihr die Wahrheit, aus der heraus ihr sie erneuern könnt. Ihr habt die Befreiung der Hochschule zu begründen im Sinne des neuen Geistes! - Die Erweckung dieses Bewusstseins, das ist es, um was es sich handelt. Es freut mich deshalb, dass angeschlossen worden ist an meinen Aufruf «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt» im letzten Heft des «Reich» ein Aufsatz, in dem die Worte stehen:
Die Kräfte der Selbstbesinnung müssten aber zuletzt doch zu einer solchen gemeinsamen Verständigung führen können, wenn diese Selbstbesinnung in diejenige Richtung gelenkt würde, welche zu einer Erkenntnis der Grundlagen, auf denen allein ein Aufbau noch möglich ist, führen muss. Im Grundriss des Aufbaues müssen die Entwicklungskräfte der neuen Zeit eingezeichnet sein. Wollte man ohne einen so gearteten Grundriss aufbauen, dann müsste jede auch noch so gut gemeinte Leistung aus Mangel an wirklichkeitsgemäßer Unterlage in sich selbst zerfallen. Wer den Schritt zu einer solchen Selbstbesinnung macht, dem wird die Tragweite der in dem Aufruf vertretenen Anschauung bewusst werden, dass eine wirkliche Mission des deutschen Volkes unauflöslich verknüpft sein muss mit all demjenigen, was die Entwicklungskräfte der neueren Zeit fordern. Gültige Grundlagen für einen Aufbau können nicht geschaffen werden, wenn die unaufhaltsam heraufdrängenden Entwicklungskräfte, welche im Laufe der letzten hundert Jahre entbunden worden sind, im Strombett der alten Denkge wohnheiten weitergeleitet werden. Diese Entwicklungskräfte wollen sich ein neues Strombett graben. Geistige Pionierarbeit großen Stiles ist zu leisten, wenn die Zukunft des deutschen Volkes gesichert werden soll. Die Waffen der alten Denkgewohnheiten erweisen sich aber zu stumpf, um diese Arbeit zu leisten.
Jeder sollte so denken, der teilgenommen hat an der anthroposophischen Arbeit, und jeder sollte dieses zu seinem Tun machen. Denn nicht kommt es darauf heute an, was wir morgen im Einzelnen tun, sondern darauf, dass möglichst viele Menschen wissen, was zu geschehen hat, dann werden möglichst viele Menschen da sein, die das tun können. Und wir dürfen nimmermehr zurückschrecken vor dem Entschluss, die Dinge heute so radikal wie möglich zu sehen. Sie so zu sehen, dass wir wahrhaftig nicht in den alten blöden Formulierungen des Kulturprogramms stehen bleiben, sondern dass wir sehen: Hie alte Kultur - hie diejenige, die eingeschlagen werden soll durch Geisteswissenschaft. Das Einzelne ergibt sich.
Es ist gerade vordem gefordert worden, dass die Kinder in den untersten Klassen eine gewisse Musik treiben sollen, dass jedes ein Instrument lernen soll. So etwas kann man im Einzelnen fordern. War das nicht unsere Forderung von Anfang an, den Kindern, jedem, ein Musikinstrument in die Hand zu geben? Diese Dinge ergeben sich dann, wenn die Arbeit, die geistige Arbeit, die aus der Anthroposophie folgt, in großem Stile zunächst zur Selbstbesinnung der Menschen angeknüpft ist. Daher war es, als ich hierherkam, dass es mir vor allen Dingen darauf ankam, möglichst viele Menschen dazu zu bringen, dass sie die Dinge zunächst einsehen, auf die es heute im sozialen Leben ankommt. Da haben die Leute zunächst gedacht, weil sie töricht waren und nicht gefühlt haben die Realität in den Dingen: Das sind Träumer, die Dinge sind auf anthroposophischem Boden gewachsen. Da waren sie zunächst nicht mehr ängstlich. Dann haben wir tausend und abertausend von Anhängern gehabt, die ihre Anhängerschaft mit Namen besiegelten durch die Zustimmung, wir hatten bei vielen Resolutionen eine große, große Stimmenzahl. Dann sind diejenigen, denen sich die Massen fügen aus den heutigen Zeitverhältnissen heraus, ängstlich geworden, und da sich ihnen gezeigt hat: Das ist keine Anthroposophie, sondern das sind Realitäten in den Köpfen und in den Seelen drinnen, verschrien sie es als Utopie, darum, weil die Führer der heutigen proletarischen Massen nicht selber proletarisch denken, sondern gerade die fürchterlichsten bürgerlichen Spießer sind. Sie sind diejenigen, in denen das Bürgertum in der charakteristischsten Form gerade zum Ausdruck kommt. Deshalb handelt es sich darum, dass wir jetzt vor allen Dingen unsere Aufgabe erfassen. Diese Aufgabe, wir erfassen sie nur dann, wenn wir wissen, das Erziehungssystem von unten auf neu aufzubauen. Und wir haben es der Welt klarzumachen, dass dieses Erziehungswesen neu aufzubauen ist, dass es aus dem Geiste der Geisteswissenschaft heraus aufgebaut werden muss. Wir haben es heute klarzumachen, dass diejenigen Universitäten, die jetzt bestehen, dem Untergang der Menschheit dienen; dass unsere Gymnasien, unsere Realschulen, unsere Mittelschulen dem Untergang der Menschheit dienen; dass in unseren Volksschulen nicht Menschen gebildet werden, sondern Staatskrüppel. Wenn wir uns aber Anthroposophie lassen eine Sonntagnachmittagspredigt sein, die wir möglichst neben unserem Leben hergehen lassen, und dann unterkriechen und uns nicht zu sagen getrauen draußen, dass die Dinge, auf die die anderen Menschen so viel geben, lauter unmögliches Zeug enthalten, dann brauchen wir auch nicht Anthroposophen zu sein. Wir müssen uns durchdringen mit dem Geiste der wirklich neuen Zeit, nicht mit der Phrase der neuen Zeit. Daher haben wir zunächst die Aufgabe, wenn wir als Anthroposophen wirken sollen, möglichst dafür zu sorgen, dass die Leute erst wissen, was zu tun ist; dass sie wissen lernen, was zu tun ist. Ich möchte prüfen die Anthroposophen, die da sind, es sind lauter einzelne Persönlichkeiten - ich möchte Sie fragen: Denken Sie einmal, statt Ihrer, statt dessen, dass Sie da sitzen und ich zu Ihnen rede, säßen da lauter Jesuiten, und einer der Jesuiten feuerte die anderen zu Taten an. Ich möchte wissen, was diese Jesuiten, wenn sie in solcher Zahl hier wären, für den Jesuitismus wirken würden - das möchte ich einmal wissen. Die würden Feuer machen für dasjenige, was sie sollen. Sie brauchen nicht gleich im Einzelnen das oder jenes zu tun, sie würden sich gerade zunächst darauf beschränken, im großen Stil zu wirken für die Entstehung des Bewusstseins, das sie in den Menschen bereiten wollen. Es kann im Grunde genommen das Wichtigste die Persönlichkeit da nur sein, zu der wir uns aufraffen, denn mit etwas anderem erreicht man in der Gegenwart doch nichts, meine lieben Freunde, als dadurch, dass möglichst viele Menschen durchdrungen werden von der Wahrheit, und dass man sich getraut, diese Wahrheit zu sagen. Wir erleben es immer wiederum, wie wenig dieser Mut zur Wahrheit da ist, und wie wenig der Wille dazu vorhanden ist, die Dinge zu durchschauen. Ein solcher Kulturschädling wie Johannes Müller, wie wird er angefasst in der Gegenwart? Erst heute lag mir ein Aufsatz vor, von dem ich glaube, dass ihn sehr viele Leute für außerordentlich geistreich halten. Die Frankfurter Zeitung, diese Ablagerungsstätte für alle gegenwärtigen blödsinnigen Ausschleimungen derjenigen Menschen, die auch mitmachen wollen bei der Neugestaltung, die Frankfurter Zeitung druckt ihn sogar als Feuilleton ab, einen Aufsatz von Johannes Müller, in dem er redet davon, dass das deutsche Volk Vertrauen gehabt hat zu seinen Generälen, aber diese nicht zum deutschen Volk, und dass davon das Unglück herrührt. Es ist der reine Unsinn, es ist das reine Blech, aber diesem Blech laufen die Menschen heute nach. Und man muss sich getrauen, diesem Blech mit aller Schärfe entgegenzutreten, denn Anthroposophie soll nicht sein etwas, was aufgenommen wird wie eine Sonntagnachmittagpredigt, sondern etwas, was Feuer in unser Blut gießt. Darauf kommt es zunächst an, dass wir im umfassendsten Sinne das der Welt sagen, worauf ich am letzten Sonntag am Schluss der Betrachtung hingewiesen habe: Wir sind als Anthroposophen da! Würden wir heute eine Universität gründen, was wäre die Folge davon? Nun, nehmen wir an, wir bekämen Schüler - ich will davon absehen, ob wir die Lehrer dafür hätten -, wir bekämen also Schüler; ich glaube es nicht, dass wir unter den heutigen Verhältnissen Schüler bekämen, denn diese Schüler könnten noch so gut ausgebildet werden, selbst wenn das von vielen gepriesene sozialistische Staatswesen weiter besteht, oder in anderer Form zustande käme, man würde sie nicht staatlich anerkennen, diese Schule. Sie hätten sozusagen zu ihrem Vergnügen für die Außenwelt studiert. Darum handelt es sich nicht, sondern darum handelt es sich, dass wir der Welt begreiflich machen: Der ganze Geist, der heute in unserer öffentlichen Wissenschaft herrscht, muss ein anderer werden. Und wir haben ein Recht, zu fordern, dass es alle Menschen machen - darauf kommt es an.
Sehen Sie, warum spreche ich diese Dinge? Ja, ich spreche sie aus dem Grunde: Da haben wir durch Jahrzehnte gearbeitet; gar mancherlei von dem, was ich auch von diesem Platze aus besprochen habe, es trat erst vor mein seelisches Auge in diesen letzten Jahrzehnten; ich weiß, was manches für ein erschütterndes Erlebnis war; ich weiß, wie ich es anzusehen habe; ich weiß aber auch, wie wenig ein Wille entwickelt wurde, die Dinge so zu sehen, wie sie in der Wirklichkeit sind in Bezug auf ihren geistigen Inhalt.
Im neuen Heft des «Reich» ist ein sehr interessanter Aufsatz von Hermann Haase, ein Beitrag zu einer Phänomenologie des Bewusstseins. Dieser interessante Aufsatz zeigt etwas sehr Merkwürdiges. Es weist der Verfasser hin auf eine Untersuchung, die ein Psychiater, ein Pathologe gemacht hat, wo er untersucht hat die Schizothymie und ihren Zusammenhang mit der Dementia praecox, einer gewissen Form von Schwachsinnigkeit. Durch die Untersuchung an einem schwachsinnigen Menschen ist der betreffende Psychiater darauf gekommen, dass es vier Arten von Bewusstseinsschichten im Menschen gibt, das Oberbewusstsein (Ob. genannt), das erlebende Unterbewusstsein (erl. Ub. genannt), das ordnende Unterbewusstsein (ord. Ub.) und das tiefste Unterbewusstsein (t. Ub.). Da findet sich der moderne Forscher, der herausgebildet ist aus der modernen Universität. Er stellt vier Stufen des Bewusstseins fest aus schwachsinnigen Individualitäten, in denen sich das im negativen Spiegelbild zeigt, und man kommt nicht darauf, dass diese Sache in gesunder Art verkündet worden ist der Welt, indem ihr gesagt worden ist: das gewöhnliche Gegenstandsbewusstsein, das imaginative Bewusstsein, das inspirierte Bewusstsein, das intuitive Bewusstsein. Sagt man heute etwas im Lichte gesunder geistiger Arbeit, dann nimmt sie es nicht an. Kommt ein Psychiater und holt etwas aus krankhaften Zuständen krankhafter Individuen heraus, dann findet sich die Welt ein, um die Sache in einer Karikatur entgegenzunehmen. Dazu haben wir es gebracht. Solch ein Abgrund ist zwischen dem, was heute verkündet werden kann und verkündet werden muss aus dem Geiste heraus, und dem, was die Welt annehmen will. Dazu müssen wir uns durchringen: diese unsere Mission innerhalb der Gegenwart einzusehen und nicht uns hinzugeben an den Gedanken: «Ja, es kann doch aber nicht alles so schlimm sein, die Leute wollen doch das Beste.» Nein, wir haben einzusehen, dass die Welt im Niedergang begriffen ist, und dass sie einen Aufbau braucht. Das haben wir ihr zunächst zum Bewusstsein zu bringen. Wenn wir es ihr nicht zum Bewusstsein bringen, nützt auch alles nichts, was wir in die Welt hineinstellen, und die Welt würde es gar nicht verstehen, wenn nicht elementar erst darauf hingewiesen würde, dass es notwendig ist, dass an Stelle der staatlichen Wissenschaft der Gegenwart etwas anderes zu treten hat. Inder Form muss es die Welt erfahren. Und schwingen wir uns dazu nicht auf, so arbeiten wir als Anthroposophen nicht mit an der Umgestaltung der neueren Kultur. Alles andere ist Wischiwaschi. Wir haben daher zu suchen die Formen, in denen wir das der Welt mitteilen können, in denen wir wirklich immer wiederum gerade von Geisteswissenschaft reden. Wir brauchen uns heute nicht damit zu beschäftigen in diesem wichtigen historischen Augenblick, ob wir Märchen zu erzählen haben oder nicht; das mag eine schöne Aufgabe sein, aber heute handelt es sich darum, wie wir der Welt das Geistesgut der Geisteswissenschaft vor die Augen legen. Darum handelt es sich, dass wir nicht immer protegieren und protektionieren dasjenige, was was anderes ist, sondern dass wir uns auf den Boden anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft wirklich stellen. Geisteswissenschaft haben wir zu vertreten. Das habe ich gemeint am letzten Sonntag. Und mutvoll sollten wir, wo wir uns auch hinstellen können, diese Geisteswissenschaft vertreten, in welchem Beruf wir auch tätig sind. In jeden Beruf hinein kann diese Geisteswissenschaft ihr Reformierendes, ihr Revolutionierendes kraftend senden. Wir müssen nicht zurückschrecken, wenn so etwas möglich ist, wie, dass eine erstklassige Universität der alten niedergehenden Zeit ein Individuum wie Max Dessoir hervorbringt, der lügt, lügt wissenschaftlich. Wir müssen den Mut aufbringen, diese Dinge in ihrer Wahrheit hinzustellen. Jetzt aber müssen wir wohl darauf aufmerksam sein, wie überall herauskriechen die schleimigen Gestalten, die sich gegen dasjenige heranmachen, was nun gerade von hier aus hätte ausgehen sollen. Was wird da alles aufgetrieben von diesen schleimigen Gestalten! Zu allem Übrigen, was geschleimt worden ist, hat sich neuerdings eine solche schleimige Gestalt gefunden, die noch hineingemischt hat eine Lobhudelei des Dessoir, und die die schleimige Lüge hervorbringt, dass der Dessoir sich gerechtfertigt hätte in der Neuauflage seines Buches. Aufmerksam muss man sein auf diese Schleimigkeit der heutigen Kultur, wie sie besonders im öffentlichen Pressewesen hervorgeht. Wenn wir nicht aufstreben zur Deutlichkeit, helfen uns alle konfusen Gedanken nichts. Dazu brauchen wir sowohl Mut wie auch die Bescheidenheit, uns zu begrenzen in unserem Vermögen und in unseren Kräften, dasjenige zu tun, was wir tun können. Sehen Sie, ich wollte Ihnen nur diese Dinge sagen, um Ihnen begreiflich zu machen, was ich eigentlich letzten Sonntag gemeint habe. Ich habe nicht gemeint, dass man denken soll, man solle jetzt dasjenige tun, was man hätte 1907 machen sollen; dann hätte es sich bis 1919 ausgewachsen in irgendeiner Weise; sondern ich habe gemeint, dass man jetzt den großen historischen Augenblick ergreifen soll und der Welt bemerklich machen soll, dass es eine anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gibt. Das weiß sie nicht. Das weiß sie gar nicht, weil auf diese Dinge nicht hingehorcht wird, weil die Dinge nicht in Taten umgewandelt werden. Da könnte ich Ihnen unzählige Beispiele sagen, wie die Dinge nicht in Taten umgewandelt werden, wie die Dinge nichts bedeuten als eine vorübergehende Redesensation. So ist Anthroposophie nicht gemeint. Anthroposophie ist so gemeint, dass aus jedem ihrer Worte die Tat hervorgehen kann, und wenn diese Tat selber zunächst nur in Worten bestehen kann. Aber diese Worte dürfen nicht Phrase sein, die dürfen nicht salbungsvoll gestaltet sein, wie eine salbungsvolle Rede des alten Christentums oder des gegenwärtigen Christentums; diese Reden müssen körnig sein. Wir müssen heute begreiflich machen, dass derjenige, der aus unseren Hochschulen kommt, verdummt ist, und wir dürfen nicht müde werden, zu zeigen, dass das eine kulturhistorische Erscheinung ist, dass alle vier Fakultäten (oder wie viele neu errichtet sind) Verdummungsanstalten im Sinne der wirklichen Menschheitsentwicklung sind. Wenn wir uns nicht aufschwingen zu solchem Bemerklichmachen, dann wird die Anthroposophie schon noch lange arbeiten müssen, bis sie dasjenige ausführen kann, wozu sie eigentlich berufen ist. Dann sehen Sie, glauben Sie, dass dasjenige, was ich Ihnen neulich gesagt habe, dass zum Beispiel was in unserer Anatomie und Physiologie als «Mensch» beschrieben wird, eigentlich kein Mensch, sondern der von Ahriman beschriebene Luzifer ist, was sich dadurch ausdrückt, dass die heutige Physiologie unterscheidet zwei Arten von Nerven, sensitiven und motorischen Nerven; glauben Sie, dass es leicht zu finden ist? Wenn es gefunden ist, ist es heute eine Wahrheit, die nicht als Sensation, als Rederei genommen werden müsste, sondern dass sie aus den Angeln hebt ein ganzes System an Wissenschaft, wie manches andere ein ganzes System von Wissenschaften, die heute an unseren Universitäten von den Konfusionsräten tradiert werden, aus den Angeln heben könnte, und wie diese Geisteswissenschaft noch viel anderes aus den Angeln heben könnte. Aber solange wir nicht ein Bewusstsein davon haben, dass Anthroposophie alles ist, dass die anderen Dinge gar nicht neben ihr bestehen können, dass es unrecht von uns ist, wenn wir uns immer wiederum unterkriegen lassen, sobald wir nur zu dieser Türe heraus sind, dann können wir natürlich nicht das bewirken, wovon ich letzten Sonntag sprach. Wir sollen als Anthroposophen der Welt begreiflich machen, dass wir da sind. Das ist es, worauf es ankommt. Das müssen wir vor allen Dingen erfassen. Die Welt muss erfahren, dass Anthroposophie für ihre Sache eintreten kann. Denken Sie daran, wenn hier statt Ihrer lauter Jesuiten säßen und die ermahnt würden, zu wirken, wie sie wirken würden, dann werden Sie einen Maßstab bekommen, was Menschen, die für ihre Sache eintreten wollen, tun für ihre Sache. So aber muss man die Dinge ansehen können, nicht als eine Sonntagnachmittagpredigt. Das, glaube ich, ist das Praktischste der Gegenwart, darüber möchten wir uns am liebsten einigen: wie wir das anthroposophische Geistesgut heute, wo die Zeit dazu da ist, wo es höchste Zeit dazu ist, wirklich in die Welt hereinbringen. Wir haben damit begonnen, dass wir uns immer geniert haben im Anfang, als diese Bewegung hier in Europa begann; wir haben uns immer geniert; wir haben uns abgerungen, wie wir das oder jenes sagen, aber nur ja nicht, woher das ist, nur ja nicht, auf welchem Boden das gewachsen ist; das haben wir geradezu als unsere Aufgabe betrachtet. Diese Zeit, an sie sollen wir zurückdenken, und wenn wir zurückdenken, daraus das richtige lernen. Dann könnten wir vor allen Dingen eine Gemeinschaft von Menschen sein, die die richtige, aber jetzt produktive Kritik an der Unkultur der Gegenwart übt. Und diese produktive Kritik, dieses Betonen desjenigen, dass das, was da ist, durch anderes ersetzt werden muss, dass das ganze gegenwärtige Schulwesen keinen Schuss Pulver wert ist, diese produktive Kritik, die ist dasjenige, was wir zunächst zu tun haben. Dazu kann dann jeder erläuternd hinzufügen dasjenige, was er aus seiner speziellen, einzelnen Erkenntnis heraus hinzufügen kann, da kann er dann gerade dasjenige, was er als einzelner Mensch ist, fruchtbar machen. Aber allerlei fruchtbar machen wollen, ohne dass man es in den Dienst des großen Zuges stellt, wird heute gar nichts nützen, denn heute steht die Menschheit nicht vor kleinen, sondern vor großen Abrechnungen, das muss immer wiederum gesagt werden.