51. Literatur und Gesellschaft im neunzehnten Jahrhundert von S. Lublinski
Band XI1, XII, XVI und XVII des Sammelwerkes «Am Ende des Jahrhunderts. Rückschau auf 100 Jahre geistiger Entwickelung.» Berlin, S. Cronbach
Der Verfasser dieses Buches hat sich eine bedeutende Aufgabe gestellt. Er will die literarischen Erscheinungen des neunzehnten Jahrhunderts in ihrem Zusammenhange mit dem gesellschaftlichen Leben darstellen. Für eine solche Aufgabe gibt es wenig Vorarbeiten. Die Literarhistoriker betrachteten bisher die Literatur als eine Welt für sich. Sie suchten nach Methoden, um in dieser Welt wissenschaftlich Ordnung zu schaffen. Dass aber diese Welt mit dem ganzen sozialen Leben zusammenhängt: das berücksichtigten sie nicht. Lublinski ist tief durchdrungen von der Überzeugung, dass nur derjenige versteht, was in der Welt der Dichtung vorgeht, der ein Auge hat für das ganze Leben. Bis in die wirtschaftlichen Erscheinungen auf der einen Seite und bis in die philosophischen Gedankenströmungen auf der anderen Seite verfolgt er die Fäden, welche die Literatur mit dem Leben verbinden. Man muss zugestehen, dass der Versuch, den Lublinski macht, das Kapitel «Literatur und Gesellschaft» als einen Teil der Kulturgeschichte zu behandeln, in überraschend guter Weise gelungen ist. Was bei Werken dieser Art zumeist störend wirkt, ist, dass ihre Verfasser nur über das eine oder das andere etwas Individuelles zu sagen haben und dass sie uns im Übrigen über weite Gebiete führen, auf denen wir nur die Geschicklichkeit bewundern dürfen, mit der sie ihre «Methode» auf einen ihnen gleichgiltigen Gegenstand anwenden. Man kann Georg Brandes, den geistreichen Darsteller der literarischen «Hauptströmungen des neunzehnten Jahrhunderts», von diesem Fehler nicht freisprechen. Er hat zum Beispiel über die deutsche Romantik Dinge vorgebracht, die nur er in dieser Weise sagen konnte. Aber er hat die Methode, durch welche die Psychologie der Romantik in prächtiger Weise bloßgelegt wird, auch auf das «Junge Deutschland» angewandt. Da versagt sie. Lublinski kann ein solcher Vorwurf nicht gemacht werden. Er hat eine solche einseitige Allerwelts-Methode nicht. Weil er die Literatur nur als ein Glied der ganzen Kultur betrachtet, findet er innerhalb des ganzen Umkreises des Lebens immer den Punkt, von dem aus eine literarische Erscheinung anzusehen ist. Man darf von ihm sagen: er hat für jede Erscheinung eine eigene Methode. Er wird zum Beispiel der einzelnen Persönlichkeit vollkommen gerecht, wenn diese wirklich das treibende Element vorzüglich in sich selbst und in [ihrer] individuellen Entwickelung hat; und er lässt auf das «Milieu» dann das rechte Licht fallen, wenn die Persönlichkeit nur der Ausdruck gewisser Zeitströmungen ist. Besonders gelungen sind die Charakteristiken von Heinrich von Kleist, Heine, Friedrich Hebbel und die Milieudarstellungen in den Kapiteln: «Geistige Struktur Deutschlands um 1800», «Das Publikum», «Tendenzen des Jungen Deutschland», «Das silberne Zeitalter der deutschen Literatur», «Das Bürgertum». Ein Glanzpunkt des ganzen Werkes ist die Schilderung Gutzkows. Es ist nicht zu leugnen, dass viele literarische Erscheinungen in ihrem rechten Lichte nur erscheinen können, wenn man die Linien weiter verfolgt, die Lublinski vorläufig angedeutet hat. Es liegt in der Natur der Sache, dass man gegen vieles in dem Buche Einwendungen machen kann. Man hat oft das Gefühl, dass ein Weg gerade erst begonnen ist, und dass noch eine erhebliche Strecke zurückgelegt werden müsste, wenn ein einigermaßen sicheres Ergebnis dastehen sollte, wo wir jetzt eine bloße Vermutung antreffen. Allein das kann nicht anders sein. Lublinski hat sich eine Aufgabe gestellt, die man wahrscheinlich nicht einmal dann vollkommen lösen kann, wenn man drei bis vier Jahrzehnte zu ihrer Bewältigung verwendet. Dankenswert ist es deshalb doch, dass er geleistet hat, was vorliegt. Wir brauchen solche Bücher, die zwar nicht abschließend, dafür aber im höchsten Grade anregend sind. Es gibt gewiss manchen Literarhistoriker in Deutschland, der ausgebreitetere Kenntnisse hat als Lublinski; es gibt aber wenige, die eine solch umfassende Bildung haben wie er; und es gibt bis jetzt keinen, der alle Zweige der soziologischen Struktur im Sinne der modern naturwissenschaftlichen Denkungsweise so zu verbinden wüsste wie er. Man stelle neben Lublinskis Buch das eines bloßen Schöngeistes, wie Rudolf von Gottschalls «Die deutsche Nationalliteratur des neunzehnten Jahrhunderts». Auch Gottschall macht seine Streifzüge über das Gebiet der schönen Literatur hinaus. Aber ihn interessieren doch nur die philosophischen und etwa noch die politischen Strömungen; auch sie interessieren ihn jedoch nur soweit, als der Schöngeist von ihnen spricht. Das ästhetische Urteil wird im Geistesorganismus solcher Persönlichkeiten souverän. Bei Lublinski ist die ästhetische Beurteilung nur ein Teil seiner Gesamtwertung der Dinge. Ihn geht nicht nur an, ob ein Kunstwerk bedeutend oder unbedeutend ist. Für ihn beginnt das eigentliche Problem erst in dem Augenblicke, in dem er mit dem ästhetischen Werturteile fertig ist. Dann frägt er sich: warum konnte in einer bestimmten Zeit und von einer gewissen Persönlichkeit ein bedeutendes Werk geschaffen werden? Man wird nicht fehl gehen, wenn man behauptet, dass Lublinski durch seine Fragestellung die literarhistorischen Probleme wesentlich vertieft hat.