52. Ludwig Jacobowskis «Leuchtende Tage»

Vor kurzem hat uns Ludwig Jacobowski1 mit seinem «Loki» eine erzählende Dichtung geschenkt, die in symbolischen Handlungen schwere, heiße Kämpfe darstellt, wie sie sich auf dem Grunde jeder menschlichen Seele abspielen, die nicht im Alltagstreiben aufgeht, sondern ein tieferes Leben führt. Wer sich in diesen «Roman eines Gottes» versenkt, der wird gefesselt von der hohen Einsicht des Dichters in das Walten der seelischen Mächte und von seiner kräftigen Empfindung für alles, was das Menschenherz erschüttert, erhebt und in Abgründe stürzt.

Nun hat Jacobowski dieser Schöpfung seine «Neuen Gedichte»* folgen lassen. Durch sie können wir auf den Grund seiner eigenen Seele blicken, auf die Erlebnisse seines Innern, auf alles das, was ihn hinaufgehoben hat auf die hohe Warte, von der er im «Loki» die Welt mit ihren Rätseln überschaut. Tief in des Dichters Natur ist die große, freie Weltanschauung gegründet, die uns in dem Roman entgegentritt. Zwei Charakterzüge sind dieser Natur eigen, die in ihrem harmonischen Zusammenwirken immer die bedeutende Persönlichkeit bedingen: feine, empfängliche Sinne für alle einzelnen Dinge, die uns im Leben entgegentreten, und ein Geist, der die großen Zusammenhänge der Einzelheiten in ihrer wahren Bedeutung erfasst. Den empfänglichen Sinnen verdanken wir die frischen, satten Farben, die uns aus Jacobowskis Gedichten entgegenleuchten; und der Geist ist es, durch den uns der Dichter immer auf das hinweist, was «die Welt im Innersten zusammenhält». Nirgends vermissen wir in den «Leuchtenden Tagen» den großen Ausblick auf das Wesenhafte der Welt, das hinter dem ewigen Fluss der Erscheinungen steht. Vielmehr lenken diese Dichtungen fortwährend unser Empfinden und unsere Phantasie nach diesem Wesenhaften hin. Man hat stets das Gefühl, dass dieser Dichter aus dem ewigen Quell schöpft, aus dem uns des Lebens bester Inhalt fließt.

Wessen Geist eine solche Richtung hat, dem wird das Leben nicht leicht. Denn jeder Schritt bedeutet für ihn eine Prüfung. Ihm hat die Welt viele Geheimnisse zu verraten. Aber die Natur gibt nichts freiwillig her. Sie lässt sich alles im harten Kampfe abringen. Den Weg zu jeglichem Ziel pflastert sie mit Leiden und Entbehrungen. Das Wesenhafte aber, zu dem sie uns zuletzt doch immer führt, ist dasjenige, was Herz und Geist befriedigt. Die Nebel des Daseins lösen sich auf; und die Sonne des Lebens lächelt uns an. Der wahre Künstler zeigt uns diese Sonne. Weil sie es ja doch ist, die als geistiges Band den Zusammenhang der Dinge bewirkt. Alle echte Kunst ist deshalb «heiter». Und eine sonnige Heiterkeit, ein Frohsinn, der aus dem schweren Lebenskampfe heraus geboren ist: die sind es, die von Jacobowskis Gedichten auf uns einströmen.

Ach, unsre leuchtenden Tage
Glänzen wie ewige Sterne.
Als Trost für künftige Klage
Glüh’n sie aus goldener Ferne. Nicht weinen, weil sie vorüber!
Lächeln, weil sie gewesen!
Und werden die Tage auch trüber,
Unsere Sterne erlösen!

Wie mit einem künstlerischen Evangelium leitet Jacobowski die Sammlung mit diesem Gedicht ein, und ausklingen lässt er sie in das Bekenntnis:

Sinkende Arme,
Gefaltet die Hand,
Um mich das warme,
Beleuchtete Land;
Wimpern geschlossen
Im schmeichelnden Licht,
Goldhell umflossen
Das braune Gesicht. Steh’ so in Sonne,
Dass ich vergeh ...
Wehmut wird Wonne,
Und Wonne wird Weh!
Hätt ich doch Gnaden
Und Güte und Lust,
Im Glanze zu baden
Die dunkelste Brust! ... Leuchtende Tage,
Nun sinkt ihr gemach!
Ach, ohne Klage
Schau ich euch nach.
Heimlicher Schimmer,
Der so mich umhellt,
Beglänzt ja für immer
Die blühende Welt!

Der befreiende Grundton, der aus dem ganzen Buche herausklingt, ist mit diesen Versen ausgesprochen. So kräftig auch die einzelnen Erlebnisse den Dichter befruchten, stets drängt ihn sein Gemüt nach den Höhen des Daseins, in jene lichten Regionen, für die das Vergängliche des Alltags nur ein Gleichnis ist. Wie dem Philosophen jede individuelle Erfahrung ein Symbol für die ewigen Ideen des Weltgeschehens wird, so wird für den wahren Lyriker jedes einzelne Gefühl, jede besondere Stimmung zum Sinnbild des gesamten Seelenschicksals. Und Jacobowski ist in diesem höchsten Sinn ein echter Lyriker. Man sehe, wie in folgenden Versen ($. 56) eine Einzelempfindung lebensvoll in einer universellen ausklingt.

Aus weißer Vase ragen braune Zweige
Und schleppen schwer an dichtgefülltem Flieder.
Hellgrüne Blätter drängen immer wieder
Die schlanken Spitzen durch die braunen Zweige.
Verwehter Wind umstreift die Blüten leise,
Ein Duften läuft verzitternd auf und nieder.
Das ganze Zimmer trinkt sich satt an Flieder,
Und selbst die Seele spürt die Blüten leise. Einst konnt ich überselig im Gemüte
us Fliederstengeln Süßigkeiten saugen. —
O tu ich’s wieder und mach Kinderaugen
Und spür der Jugend nach im Saft der Blüte!

Dieses Ablenken des Einzelerlebnisses ins Allgemeine ist ein Grundzug von Jacobowskis Persönlichkeit. Es wirkt in ihm wie ein natürlicher Lebensvorgang im menschlichen Organismus. Er sucht nirgends die Tiefe, er strebt nicht hinaus über das Einzelne. Dieses lebt in seiner Seele in unmittelbarer Weise, wie die einzelne Pflanze als Repräsentant ihrer ganzen Gattung vor uns erscheint. Man braucht seine Lyrik nur mit der Richard Dehmels zu vergleichen,um die ganze Unmittelbarkeit seiner universellen Empfindungen zu begreifen. Bei Dehmel führt der Weg von dem Einzelerlebnis zu den großen Weltzusammenhängen immer über die Idee, über die Abstraktion. Bei Jacobowski hat sie das nicht nötig. Denn er empfindet universell. Er braucht die Vorstellungswelt nicht, um sich zu den Urtatsachen des Seelenlebens zu erheben; jede Seelenerfahrung hat bei ihm ursprünglich den Charakter des Ewig-Bedeutungsvollen.

Dieser Charakterzug bei Jacobowski steht im Wechselverhältnis mit einem andern, ohne den Größe in der menschlichen Seele nicht möglich ist. Es ist dies die Empfindung für die großen, einfachen Linien im Weltenzusammenhange. Alles Große in der Welt ist einfach; und wenn jemand die schlichte Größe des Einfachen nicht empfindet, sondern das Bedeutende in dem Seltsamen, in den sogenannten Heimlichkeiten des Daseins sucht, so beweist das nur, dass ihm der Sinn entschwunden ist für das Große, das uns in jedem Augenblick des Lebens begegnet. Die Sünden mancher modernen Lyriker, die in zufälligen, entlegenen Stimmungen das Heil suchen, weil ihnen die Empfindung für das Schlichte, für das «Einfältige» fehlt, liegen Jacobowski ganz fern. Wie im Volkslied der alltägliche Vorgang eine gigantische Stärke der Empfindung auslöst, so wird bei Jacobowski ein schlichter Vorgang groß, weil er ihn in die Sphäre seines Gemütes versetzt. Es ist die einfachste Sache der Welt; und es ist zugleich eines der tiefsten Erlebnisse, die dem Menschen begegnen können, was in dem Gedichte «Die alte Frau» dargestellt ist (S. 207):

Die alte Frau

I

Ich hab da eine alte Frau,
Die wohnt zu allernächst dem Himmel,
Denn neunzig Stufen sind’s genau,
Und Kinder drauf, ein Mordsgewimmel. In ihrem Stübchen blank und rein
Vertost der laute Hall der Gassen.
nd mählich sinkt die Nacht herein
Verfinsternd auf die Häusermassen. Der Vollmond klettert über Dach,
ie Sterne leuchten rings im Reigen,
Die Wanduhr tickt nur noch gemach ...
Wir sitzen reglos da und schweigen. II Was hab ich wohl an der alten Frau?
Das weiß ich selber nicht so genau.
Ihr Kaffee kann es doch nicht sein,
Sie gießt mir zu viel Milch hinein,
Nur ihre Bratäpfel lieb ich sehr,
Die pflegt sie für mich in der Ofenröhr”.
Was ich wohl an der Alten hab?
Das macht weit draußen ein schmales Grab.
Dort legte sie ihre Hoffnung hinein,
Ein schlankes, blondes Mägdelein.
Das ging durchs Leben still für sich,
Und dachte an einen und der war ich.
Und ward sonst niemandem offenbar,
Dass sie meines Lebens Süße war.
Fühl ich das Leben wirr und rau,
Dann steig ich empor zu der alten Frau.
Denn ihr bescheidenes Kämmerlein
Schließt meiner Seele Blüte ein.
Und komm ich zu ihr, ist mir weh’.
Und wohl nur, wenn ich von ihr geh!

Den hervorragenden Platz, den Jacobowski unter den Lyrikern der Gegenwart einnimmt, zu schildern und das Gepräge seiner lyrischen Schöpfungen im Einzelnen darzustellen, wird die Aufgabe der folgenden Zeilen sein.

II

Wer rückblickend die «Leuchtenden Tage», nach dem Genuss der einzelnen Dichtungen, als Ganzes überschaut, vor dessen Seele steht ein einheitliches, in sich geschlossenes Kunstwerk. Die sämtlichen Iyrischen Schöpfungen bilden eine stilvolle Harmonie. Der Umkreis des menschlichen Seelenlebens zieht an uns vorüber. Die Empfindungen, die in uns erregt werden durch die Erhabenheit und Vollkommenheit des Weltganzen, das Verhältnis der Seele zur Welt, die menschliche Natur in verschiedenen Gestalten, die Leiden und Freuden der Liebe, die Schmerzen und das Glück der Erkenntnis, die gesellschaftlichen Zustände und ihr Rückschlag auf das menschliche Gemüt, die rätselvollen Wege des Schicksals: alle diese Glieder des Lebensorganismus finden ihren Ausdruck. Der Persönlichkeit, die sich in diesem Buche darlebt, ist nichts fremd; sie ist heimisch auf den Höhen und in den Tiefen des Daseins. Und man hat das Gefühl, dass in dieser Persönlichkeit jeder Empfindung das rechte Maß, der richtige Grad zugeteilt ist. Keine drängt sich auf Kosten der andern vor. Eine harmonische Allseitigkeit, durchstrahlt von den zentralen Lebensinteressen, ist Jacobowskis Wesenheit. Und nach diesen Lebensinteressen drängt sein Gefühl mit einer Wärme und Kraft, die im schönsten Sinne des Wortes persönlich, unmittelbar wirken. Was die ganze Menschheit bewegt, das wird in echt lyrischer Art bei diesem Dichter zu einer eigenen Sache. Wir brauchen uns, um seine Schöpfungen zu verstehen, nicht in die Seelenwelt eines Vereinzelten zu versetzen; wir werden durch ihn auf unser eigenes Innere hingelenkt. Er spricht auf seine Weise aus, was uns alle bewegt. Er hat den Zauberstab, um überall aus dem Leben die poetischen Funken zu schlagen, und braucht deshalb nicht nach Absonderlichkeiten zu suchen. Empfindungsduselei ist ihm ebenso fremd, wie ihm feine Empfindlichkeit eigen ist; er ist kein Träumer, sondern ein kraftvoller Zugreifer. Ein seltenes Vertrauen in seine Seelenrichtung, ein sicheres, festes Gefühl von der Fruchtbarkeit seines Strebens spricht aus seinen Dichtungen. Es liegt etwas Kernhaftes und Zartes zugleich in seiner Natur; er ist wie ein Baum, der starken Stürmen ausgesetzt ist, aber fest im Boden wurzelt. Er weiß, dass er sich dem Leben, dem Alltäglichen überlassen darf, weil er überall, auch auf den ausgetretensten Wegen, Schätze findet.

Man vergleiche Jacobowski mit zeitgenössischen Lyrikern von Bedeutung. Wie viele glauben das Wertvolle nur zu finden, wenn sie nach den Muscheln suchen, und ihnen seltene kostbare Perlen entnehmen. Jacobowski sucht nicht nach glänzenden Perlen; das Saatkorn, nach dem er die Hand ausstreckt, die gemeine Blume am Wiesenrande sind ihm genug. Will man Lyriker der Gegenwart nennen, die jetzt, nachdem er uns mit seinen «Leuchtenden Tagen» erfreut hat, mit ihm in der vordersten Reihe stehen, so werden sich wohl nur zwei Namen auf die Lippen drängen: Detlev von Liliencron und Otto Erich Hartleben. Die Unterschiede der drei Dichter sind allerdings groß. Und die Bewertung wird uns bei Zeitgenossen, die noch mitten im rüstigen Schaffen stehen, die noch täglich bei uns neue Empfindungen aufregen, schwer. Wir können nur ein vorläufiges und ganz subjektiv gefärbtes Urteil geben. Otto Erich Hartleben, der Lyriker, wirkt auf mich, wie Goethe im «Winckelmann» den Künstler schildert. Mit seinem bewundernswerten Geschmack und seinem Schönheitskult teilt er uns etwas mit, das wie antike Kunst auf uns einströmt. Er steht in dieser Beziehung so sehr als Einzelner da, dass wir ihn lieber isolieren als vergleichen wollen. Detlev von Liliencron ist der Iyrische Meister in der Einzelheit. Sein Auge sieht ein jegliches Ding im Lichte des Ewigen. Aber sein Geist weiß nichts von diesem Ewigen; deshalb sagt er uns auch nichts davon. Es ist bei Liliencron, wie wenn wir noch einen zweiten hören müssten, wenn uns das Zusammenhaltende in seinen Augenblicksbildern aufgehen soll. Eine Art zweites Gesicht müssen wir bei diesem Dichter haben: dann sehen wir, was er uns gibt, im Lichte des Ewig-Bedeutungsvollen. Jacobowski hat dieses zweite Gesicht selbst. Und damit erreicht er etwas, was nur Dichter erreichen, die aus einer Weltanschauung heraus schaffen, und was ich als das Kennzeichen des wahren Dichters ansehen muss: dass der Philosoph ihn als «Bruder Dichter» bezeichnen muss und zugleich, dass das schlichteste Gemüt sich selbst in ihm wiederfindet. Die einfachste Natur und der höchste Geist, der aus dieser Natur gezogen werden kann, sind ein und dasselbe.

Jacobowskis Dichtung wird die höchste Probe bestehen, die es für den Dichter gibt: gleich anziehend zu sein für den Mann, der morgens an die körperliche Arbeit geht und nur sonntags die Feieraugenblicke verwenden kann, um das heitere Reich der Kunst auf sich wirken zu lassen, und den wahren Philosophen, der mit den ewigen Rätseln des Seins auf du und du steht. Wie der Philosoph ein Weltdenker, ist Jacobowski ein Weltempfinder. Man sehe, wie er den großen Gedanken der indischen Weisheit, dass alles in der Welt nur eitel Schein ist und uns deshalb nicht zu berühren braucht, in eine ganz individuelle Empfindung umsetzt:

«Es ist ja nichts! Geh an der Welt vorüber!» Dies fremde Wort, es macht mein Herz nicht frei.
Wie gerne ging ich an der Welt vorüber,
Doch, ach, die Welt geht nicht an mir vorbei! Denn steh ich auch gleich Kindern im Verstecke,
Dem Tanz der Tage angstvoll abgewandt, —
Sie reißen mich gewaltsam aus der Ecke,
Und jeder drückt mir Schmerzen in die Hand.

In einem solchen Gedichte wirkt die höchste Weisheit wie holdeste Naivität; die drei monumentalsten Formen des Seelenlebens zeigen ihre innerste Verwandtschaft: die kindliche, die künstlerische und die philosophische.

Weil Jacobowski diese drei Formen in ursprünglichster Weise in sich vereinigt, glaube ich, dass er als Dichter seinen Zeitgenossen Dehmel überragt. Er ist ein ganzer Dichter; Dehmel ist halb Dichter und halb Denker. Und zwei solche Hälften geben so wenig ein Ganzes wie eine halbe Linse und eine halbe Bohne. Bei Dehmel wird man vergebens nach einem Gedichtchen von der Einfachheit des folgenden suchen, das geradezu als Motto vor vielen der größten philosophischen Schöpfungen stehen könnte:

Seele, sag, was ringst du so in Pein?
«Bin von Erde, möcht von Himmel sein!»
Seele, du erringst nur Nacht und Tod?
«Über Nächte glüht ein Morgenrot!»

Die geistvolle Lou Andreas-Salome hat in einer schönen psychologischen Studie im «Pan» (1898, 3. [Heft, 4. Jahrgang]) einen großen Teil der gegenwärtigen Lyrik getroffen, wenn sie sagte: «In heutiger Zeit wenden sich viele, und nicht die schlechtesten, vom ganzen äußeren Lebensgetriebe ab und verschmähen es sogar als bloßen Anlass, um sich daran persönlich zu betätigen und auszuleben, weil sie sich durch die gesamten Kulturverhältnisse, in denen wir leben, im besten ihres individuellen Daseins bedrängt und beraubt fühlen. [...] Es ist ein Suchen und Langen nach Einsamkeit in den vorgeschrittensten Menschen, in allen, die etwas in sich tragen, was nicht auf dem Markt geboren werden kann, in allen, die in sich Hoffnung und Zukunft tragen und heimlich fürchten, dass ihnen diese entheiligt werden könnten. Sie wissen wohl, dass aus dem vollen Kontakt und der ganzen Breite und Tiefe des wirklichen Lebens die großen Werke entspringen, die mit ehernen Siegerschritten und klingendem Spiel über die Erde gehen, Jahrhundert um Jahrhundert, aber bis dahin - das wissen sie auch - müssen noch viele andere, stillere Werke ihnen voranschreiten in weißen Gewändern, schüchterne Knospen im Haar, und davon zeugen, dass es Menschenseelen gibt, die festlich angetan sind und willig und bereit zu einer neuen Schönheit ihres Lebens.» Man darf demgegenüber wohl kühnlich sagen, dass für die Zukunft die Leute mit den weißen Gewändern und den schüchternen Knospen im Haar interessante Symptome vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts sein werden, Leute, mit denen man sich ihrer Absonderlichkeit halber beschäftigt, dass aber die eigentliche Signatur dieses Zeitraums die Geister sein werden mit den gesunden Sinnen, mit den entwickelten Blüten im Haar, die die frischen Farben und nicht das fahle, kranke Weiß lieben. Zu ihnen zählen wir Jacobowski.

Unser gesundes Denken hat in der zweiten Jahrhunderthälfte den Darwinismus mit allen seinen Konsequenzen großgezogen; auf den Wegen, auf denen dieses gesunde Denken und gesunde Fühlen wandelt, treffen wir auch Lyriker wie Jacobowski. Weltentfremdet, in ästhetische und philosophisch-mystische Schrullen verrannt, begegnen uns die Dichter mit den weißen Gewändern und den schüchternen Knospen im Haar. Erkünstelte poetische Formen haben ebenso wenig Wert, wie bizarre, erklügelte Ideen. Beide entstehen allerdings immer in Zeiten mächtigen geistigen Ringens. Sie treten aber niemals bei den starken, originellen, unabhängigen Geistern auf, sondern bei den schwachen, abhängigen, denen kein ursprünglicher Inhalt aus der Seele sprudelt, die alles mit Zangen und Pumpen aus sich holen müssen, die aber doch auch mittun möchten. Solche Geister sind den Forderungen, den Aufgaben der Zeit nicht gewachsen. Sie wissen keine einfachen, geraden Antworten auf die Fragen, die um uns herumschwirren. Deshalb suchen sie das Abstruse, das Ausgetiftelte. Der tiefsinnige Kenner der Naturwirksamkeiten, Galilei, hat die weisen Worte gesprochen, dass das Wahre nicht hart und schwierig, sondern einfach und leicht sei, und dass sich die Natur in allen ihren Werken der nächsten, einfachsten und leichtesten Mittel bedient. Nur derjenige Geist lebt wirklich mit der Natur im Bunde, der sich, ebenso wie sie, der nächsten, einfachsten und leichtesten Mittel zu bedienen weiß. Als ein solcher Geist erscheint Jacobowski inmitten der Schar gegenwärtiger Lyriker. Dehmels verkünstelte Formen und verkünstelte Empfindungen erscheinen wie ein Abfall von der natürlichen Einfalt.

III

Welch ein Irrtum es ist, wenn einzelne Zeitgenossen in der Formlosigkeit das Heil der Dichtung suchen und glauben, dass die «alten» Formen abgebraucht seien, das zeigt sich am besten, wenn den Schöpfungen dieser Enthusiasten der Formlosigkeit Dichtungen wie diejenigen Jacobowskis gegenübergestellt werden. Der Philosoph Simmel hat einen interessanten Essay über einen Anhänger der Formlosigkeit, über Paul Ernst, geschrieben. Nach der Ansicht Simmels soll in dieser Formlosigkeit insofern ein Fortschritt liegen, als der Künstler nicht mehr in einer Verkünstelung, in einer Bearbeitung der unmittelbaren natürlichen Erscheinungen das Höhere, das Göttliche in der Kunst sucht, sondern mit einer Art von Pantheismus in jedem vor unseren Sinnen sich abspielenden Erlebnis ein göttlich Bedeutungsvolles erblickt, das verdient, in dieser Unmittelbarkeit festgehalten zu werden. Auf Grund solcher Anschauungen werden heute Dichtungen für «modern» gehalten, die nichts weiter sind, als versartig abgeteilte Prosa. Wer einer solchen Ansicht huldigt, der lebt in dem irrtümlichen Glauben, dass die «alten» Formen etwas sind, was der Künstler willkürlich aus seiner subjektiven Wesenheit heraus zu den Erscheinungen der Natur hinzubringt. Er sieht nicht ein, was Goethe wiederholt in lichtvollster Art ausgeführt hat, dass der äußere Ablauf der Erscheinungen nur die eine Seite des natürlichen Daseins bildet, die Oberfläche, und dass sich für den, der tiefer blickt, in der Natur selbst höhere Formgesetze ausdrücken, denen er in seinen künstlerischen Formen nachschafft. Es gibt eine «höhere Natur» in der Natur. Was Goethe im «Faust» den Engeln durch den Herrn sagen lässt: «Doch ihr, die echten Göttersöhne, erfreut euch der lebendig reichen Schöne! Das Werdende, das ewig wirkt und lebt, umfass’ euch mit der Liebe holden Schranken, und was in schwankender Erscheinung schwebt, befestiget mit dauernden Gedanken», das drückt die Mission des Künstlers aus. Nur die «schwankende Erscheinung» stellt sich in Formlosigkeit dar, das ewig Werdende ist ein formvolles; es ist innerlich, durch seine Wesenheit, gebunden an die Form. Das Ablehnen der Form ist nichts anderes als der Ausdruck des Unvermögens, die «höhere Natur» in der Natur zu sehen, für deren innerlichste Harmonie den subjektiven stilvollen Ausdruck zu finden. Allen solchen Verirrungen der Zeit gegenüber geht Jacobowski, aus einer inneren Notwendigkeit seines Kunstempfindens heraus, den sicheren Weg des Künstlers. Man sche, was er mit den bewährten «alten» Formen erreicht, in einer Dichtung wie «Die vier Räuber», die den Schluss der «Leuchtenden Tage» bildet. In dieser Legende vereinigt sich schlichte Einfachheit mit symbolischer Hindeutung auf tiefe Zusammenhänge des Weltgeschehens und mit edler, geschlossener Form. Was ich im Eingang dieser Ausführungen über Jacobowskis Lyrik gesagt habe, dass dieser Dichter aus dem ewigen Quell schöpft, aus dem des Lebens bester Inhalt stammt, das ist der Grund, warum er sich als eine so erfreuende, erfrischende Dichtergestalt von andern Mitstrebenden abhebt. Diese andern kennen im Grunde doch nur abgeleitete Quellen. In ihnen wirkt ein Lebensinhalt, der den Menschen nicht auszufüllen vermag. Sie sehen höchstens Zweige und Sprossen, aber sie vermögen nicht zu den fruchtbaren, aufbauenden Elementen des Lebensorganismus zu dringen. Nur wer den Blick auf diese fruchtbaren Wesenheiten richtet, für den erhält das Leben seine höhere Rechtfertigung. Wenn so oft gesagt wird, dass geistige Größe zur Einsamkeit führe, so muss man erwidern, dass die stolze, notwendige Einsamkeit, die aus dem Empfinden des Ewigen in der Welt entsteht, nichts zu tun hat mit der zufälligen Einsamkeit, die daraus entspringt, dass sich jemand in irgendeinen einzelnen Winkel des Daseins zurückzieht. Wenn er in diesem Winkel nichts sieht als «was in schwankender Erscheinung lebt», dann kann uns sein Bericht nicht fesseln, trotzdem er von Dingen spricht, die dem Alltagsauge entzogen sind. Der Kulturinhalt der Welt wird nicht dadurch bereichert, dass man abseits liegende Erscheinungen zu dem alten Bestande hinzufügt, sondern dadurch, dass man das Ewig-Werdende auf ein neues Entwickelungsstadium führt. Wie ein Künstler, der solches vermag, sich zu Lebenserscheinungen verhält, die in seiner Zeit als neue «moderne» erscheinen, das tritt in dem Teil der «Leuchtenden Tage» hervor, der «Großstadt» überschrieben ist. Hier spricht ein Geist vom sozialen Leben unserer Tage, der dieses nicht in der Perspektive des Augenblicks sieht, sondern in derjenigen, die aus der Betrachtung der großen Weltgesetze sich ergibt. Die Sänger der sozialen Leidenschaften und Konflikte sehen ja oft nur wenige Schritte weit. Das Licht, das auf die Zeiterscheinungen fällt, wenn man sie hineinstellt in den Zusammenhang einer Weltauffassung, gibt unseren Empfindungen über diese Erscheinungen erst die rechte Nuance. Eine solche erhält das moderne Großstadtleben zum Beispiel in Jacobowskis Gedicht «Sommerabend»:

Sommerabend. —
Weich und warm die Luft;
Fern von Gärten ein verirrter Duft,
Matthell noch die weiten Himmelsfluren,
Hie und da von Sternen blasse Spuren;
Auf der Straße Peitschenknall und Lärmen,
Knaben, die um junge Mädchen schwärmen;
Vor den Türen spielen Kinder Reifen,
Kutscher klopfen ihre Tabakspfeifen;
Stahlrossritter, die auf Liebe sinnen,
Mühen redlich sich um Radlerinnen, ...
Und um alle weiche, warme Luft,
Und von Gärten ein verirrter Duft.

Der Dichter erlebt eine «moderne» Situation; er stellt sie dar auf dem Grunde des ganzen Weltzusammenhangs. Wir erblicken die Stadtszene nicht isoliert, sondern so, dass die übrige Welt in sie hereinspielt. In diesem Sinne eine echt moderne Schöpfung ist «Der Soldat, Szenen aus der Großstadt», in der das Schicksal eines vom Lande nach der Großstadt verpflanzten Menschen geschildert wird. Ergreifende Bilder ziehen da vor unserer Seele vorüber, und aus ihnen heraus blickt uns der Leidensgang eines Menschen an, den das ewige, gigantische Schicksal mit dem Teil Unvernunft, der nun einmal in der Welt ist, in seine Schlingen fasst und zermalmt. Welcher Vertiefung aus einer Gesinnung heraus, wie sie bei Jacobowski vorhanden ist, die Empfindung gegenüber dem modernen Leben fähig ist, das lehrt ein Gedicht wie dieses:

Die Mutter schleppte einst Gemüse,
Und wenn die Kirschenernte kam,
Dann stahl für mich die liebe Liese,
So viel die kleine Schürze nahm.
Wie schmausten wir in Feld und Wiese! Die Mutter hockt vor ihren Körben;
Jetzt ist sie alt, doch froh im Sinn,
Drum prahlt sie vor der Nachbarin:
«Mein Mädel kann ja nicht verderben,
Denn sie versteht sich aufs Erwerben
Und legt noch was für später hin!» Ich hab’ sie gestern erst geschen
Und hab’ ihr Antlitz gleich erkannt.
Stumm blieb ich in der Menge stehen,
Bis ihrer Rembrandtfedern Wehen
Im Straßentrubel langsam schwand. Ich konnt’ nicht von der Stelle gehen,
So hat ihr Dirnenblick gebrannt.

IV

Jacobowskis Fähigkeit, in dem einzelnen Erlebnis die tieferen Zusammenhänge des Daseins zu sehen, macht es ihm möglich, auch das poetisch zu gestalten, was sich uns im Leben als Zufall, als blinde Notwendigkeit offenbart. In solcher poetischen Schöpfung erscheint dann das sinnlose Ungefähr als der Ausdruck einer sinnvollen Führung in den Weltereignissen. Man pflegt heute die Dichtungsart, die aus einer solchen Anschauung hervorgeht, die symbolistische zu nennen. Eine vielseitig wirkende Natur wie diejenige Jacobowskis wird stets zur symbolischen Gestaltung gewisser Erlebnisse drängen. Das ernste Spiel der Phantasie wird die ewige Gesetzmäßigkeit auch dort suchen, wo sie sich in der Wirklichkeit nicht von selbst aufdrängt. Aber gerade diese Allseitigkeit wird es auch sein, welche verhindert, dass der Symbolismus in einseitiger Weise übertrieben wird. Denn die harmonische Persönlichkeit empfindet immer mehr oder weniger, was Goethe beim Anblick der griechischen Kunstwerke in Italien empfunden hat: dass der wahre Künstler nach eben denselben Gesetzen verfährt, nach denen die Natur selbst bei Erzeugung ihrer Geschöpfe verfährt. Wenn dann die Phantasie eines solchen Dichters symbolisierend wirkt, dann geschicht es nicht in der aufdringlichen Weise, mit der manche Symbolisten der Gegenwart uns ihre subjektv-willkürlichen Einfälle für Offenbarungen aufdrängen möchten, sondern mit jener geistigen Keuschheit, die auch im Sinnbild die Natur selbst sprechen lässt, ohne die innere Wahrheit ihrer Äußerungen zu verbiegen und zu verrenken. In diesem schönen Sinne ist Jacobowskis «Frau Sorge» ein symbolisierendes Gedicht:

Durch die Abendhelle geht ein Pärchen hin,
Er ein Schmiedsgeselle, sie ist Nähterin. «Rosel, wenn wir beide einen Karren zieh’n,
Ist es doppelt Freude und ein halbes Müh’n!» Und sie lehnt sich müde an den Liebsten an;
Unterm Augenlide zuckt es dann und wann. «Rosel, lass das Weinen um das täglich’ Brot;
War’s genug für einen, langt’s für zwei zur Not!» Nahm sie in die Arme, fragte länger nicht,
Streichelte das warme, glühende Gesicht... Mählich wich die Helle und sie gingen weit

Auf dieselbe Stelle setzt ein Weib sich breit,

Sah mit grauem Blicke, hob die welke Hand,

Drohte mit der Krücke, murmelte und schwand...

Kam das Paar geschritten in die Stadt hinein,
Saß Frau Sorge mitten schon im Kämmerlein.

In demselben Sinne symbolisierend wirkt Jacobowskis Phantasie den Erscheinungen der Natur gegenüber. Das tritt auch in seinen Prosaerzählungen überall hervor. Das erscheint in seinem «Loki» so hinreißend. Das Geistige wächst bei ihm gleichsam aus dem Natürlichen hervor; es wirft seine beseelende Kraft auf die Natur zurück und empfängt von dieser eine feste Wirklichkeitsgrundlage. In den «Leuchtenden Tagen» kommt dieser Charakterzug besonders in der Abteilung «Sonne» zum Vorschein. Ich führe das Gedicht «Leuchten» an:

Eben jetzt, wo die Sonne scheint,
Geht mein Schatz übers Feld;
Geht ein Leuchten über das Feld,
Fängt sich, als wär’ es für sie gemeint,
Blitzend im blonden Haar. Eben jetzt, wo die Liebste läuft
Über das blühende Feld,
Wo ihr Lachen herniederfällt,
Glitzern die Halme wie taubeträuft,
Glitzern die Blumen im Gras. Eben jetzt, wo die goldige Spur
Hell mir erglüht im Blick,
Schau ich nur Segen, nur Liebe, nur Glück,
Schau ich ein einziges Leuchten nur
Über der blühenden Welt.

Und wie ein Bund, den in der Phantasie Natur und Seele schließen - im besten Sinne eine symbolistische Naturbeseelung - erscheint mir das Gedicht «Maienblüten»:

Duld es still, wenn von den Zweigen,
Von den überfüllten Zweigen,
Blüten weh’n ins fromme Haar,
Und sich sacht herüberneigen,
So im Durst herüberneigen,
Lippen sich auf Lippenpaar.
Sieh, ein Beben süß und wunderlich
Rinnt durch übersonnte Blätterreihen.
Alle Blüten, die sie niederstreuen,
Segen streuen sie auf dich und mich.

Wenn wir die verschiedenen Strömungen der modernen Lyrik an uns vorüberziehen lassen, so treffen wir gewiss auf manche herrliche Blüte. Aber wir sehen nur zu oft, dass Schönheit im Einzelnen mit Einseitigkeit bezahlt werden muss. Die harmonische Allseitigkeit ist das, was Jacobowski bedeutend macht. Er kennt kein poetisches Dogma; er kennt das Leben, und seine Interessen hören da auf, wo das Leben aufhört.



  1. Not«Leuchtende Tage». Neue Gedichte (1896-1898) von Ludwig Jacobowski. J. C. C. Bruns Verlag, Minden in Westf. ↩

German original of Ludwig Jacobowski's “Bright Days” · ← Previous · Next →