50. Literatur und Gesellschaft im neunzehnten Jahrhundert
Man streitet1 heute viel über wissenschaftliche Methoden. Man glaubt vielfach, ein fruchtbares wissenschaftliches Arbeiten sei nur möglich, wenn die Methoden festgestellt sind. Wem es wirklich um die Sache auf irgendeinem Gebiete des Natur- oder Geisteslebens zu tun ist, der kann aus allen Streitigkeiten über Methoden ungemein wenig gewinnen. Wirklich fruchtbar kann doch nur eine neue Beobachtung, ein neuer Gedanke sein, der die Dinge in einem bis zu seinem Auftreten unbeachteten Zusammenhange sieht. Ich habe noch jedes Mal, wenn ich auf eine Arbeit gestoßen bin, die einem Gegenstande bemerkenswerte Seiten abgewinnt, beobachtet, wie sich der Arbeiter herzlich wenig um den Streit über die Methoden kümmert. Aber ich habe auch immer beobachtet, wie herzlich unbedeutend Arbeiten sind, deren Urheber sich in die spanischen Stiefel einer bestimmten wissenschaftlichen Methode einschnüren. Was aber unbedingt erforderlich ist, um ein Gebiet des Natur- oder Geisteslebens fruchtbar zu behandeln, das ist ein freier, unbefangener Sinn, der die Dinge unbeeinflusst durch hergebrachte Urteile - ich sage absichtlich nicht Vorurteile - sieht, und eine eigene Lebensanschauung. Nur wer eine solche Lebensauffassung hat, der vermag mir über ein Ding etwas zu sagen, was ich anzuhören oder zu lesen der Mühe wert halte, wenn mir die Dinge selbst zugänglich sind. Eine Reisebeschreibung eines mir unbekannten Landes lasse ich mir auch von einer Persönlichkeit gefallen, die unbedeutend ist, ebenso den Bericht über eine geologische Exkursion, die ich nicht selbst machen kann. Wer mir aber die Entwickelung der «Literatur und Gesellschaft» im neunzehnten Jahrhundert darstellt, von dem verlange ich, dass er mich als eigenartige Persönlichkeit durch den Besitz einer Welt- und Lebensanschauung interessiert. Mit solch einer Gesinnung trete ich an ein Buch wie das von $. Lublinski «Literatur und Gesellschaft im neunzehnten Jahrhundert» heran,2 dessen ersten und zweiten Teil ich in dieser Zeitschrift bereits besprochen habe, über dessen dritten und vierten Teil ich hier meine Meinung mitteilen will. Ich habe wenige literaturgeschichtliche Bücher mit solcher Befriedigung aus der Hand gelegt wie dieses. Ein feinsinniger Beobachter geistiger Ereignisse und eine originelle Denkerphysiognomie spricht zu mir.
Gerade diese beiden Eigenschaften befähigen S. Lublinski, mit sicherem Gefühl an jeder Stelle sowohl den großen, unpersönlichen Zeitströmungen, die die Individualitäten in sich aufnehmen und mit sich fortreißen, gleichzeitig aber auch diesen Individualitäten selbst den rechten Anteil an der fortschreitenden geschichtlichen Entwickelung zuzuweisen. Wie klar tritt dies in diesem Buche bei der Behandlung Börnes, Gutzkows, Treitschkes und anderer zu Tage. Nirgends wird durch Voreingenommenheit für das Recht des Individuums der historische Hintergrund, aus dem es herauswächst, übersehen; nirgends aber auch aus Vorliebe für den notwendigen historischen Gang der Ereignisse die Eigenartigkeit der Persönlichkeiten aus dem Auge verloren. Dieser Unbefangenheit verdankt Lublinski das Beste, was er uns durch sein Buch zu bringen in der Lage ist.
Sogleich das erste Kapitel des dritten Bändchens «Menzel, Börne und Goethe» ist ein vollständiger Beweis für das Gesagte. Mit wenigen, aber umso mehr charakteristischen Strichen wird Wolfgang Menzel hingezeichnet. «[...] Menzel war der erste, der an die deutsche Geistesgeschichte den Maßstab der Burschenschaft legte. Zugleich der erste aus der neuen Generation, der dem alten Geschlecht in entschlossener «klarer Kämpferstellung» gegenübertrat.» In glänzender Weise wird die in diesen Sätzen skizzierte Stellung Menzels charakterisiert. Geradezu zurechtgerückt werden die hergebrachten Urteile über Ludwig Börne. Man hat bisher die kritischästhetische Anschauung Börnes als einen Ausfluss seiner politischen Ansichten hingestellt. Lublinski zeigt, dass der energische, kampffreudige Frankfurter als Ästhetiker ein Gegner Goethes ist, dass er der Begründer einer neuen Ästhetik ist. Von diesem Gesichtspunkte aus erscheint Börnes Verhältnis zu Jean Paul in einem neuen Lichte. «Es ist eine fable convenue der Literaturgeschichte geworden, Börnes Begeisterung für Jean Paul ganz auf die leidige Politik zu schieben. Nichts kann falscher oder zum mindesten einseitiger sein.» Nein, es ist die «intime Kunst», als dessen «Künder und Offenbarer» Börne Jean Paul ansah.
Ich bin hier Lublinski gegenüber in einer besonderen Lage. Ich bin sachlich mit ihm gar nicht einmal einverstanden. Ich glaube, dass man in dem politischen Impetus doch wohl die Grundlage zu Börnes ganzem Wirken suchen muss. Nur muss «das Politische» wesentlich weiter gefasst werden, als man das gewöhnlich tut. Lublinski sagt selbst: «Börne war, ganz im Gegensatz zu Heine, eine durch und durch soziale Natur, der geborene Publizist, nicht aber der geborene Schriftsteller oder gar Dichter. Er fühlte sich nur wohl im Volksgewühl und liebte es durchaus nicht, die Massenseele zu zergliedern und zu erforschen, weil er ja alsdann einen überlegenen Standpunkt zu ihr hätte einnehmen müssen.» Ein Geist, von dem man solches sagen kann, ist ein durchaus politischer. Dennoch gewinnt Lublinski ein durchaus neues und berechtigtes Urteil über Börne dadurch, dass er das Nicht-Politische betont. Es wird ihm dadurch möglich, das Engherzig-Politische, das man in Börnes Gesinnung in den Vordergrund rückte, zurückzuweisen. Ich möchte gerade auf diesen Punkt näher eingehen, weil es mir zeigt, wie die Gedanken eines anderen für mich auch dann bedeutsam werden können, wenn ich sie anders fassen möchte, vorausgesetzt, dass dieser andere eben von wirklich inhaltsvollen Gedanken aus seinen Gegenstand betrachtet.
Die Urteile, die Börne über Schillers «Tell» und über den König Claudius in Shakespeares «Hamlet» abgegeben hat, führt Zublinski in treffender Weise an. Er behauptet mit vollem Rechte, dass hinter Börnes Verurteilung der Schiller’schen Dichtung tiefere Motive stecken, als dieser selbst angeführt hat. Nicht die Unredlichkeit Tells gegenüber dem Landvogt, nicht Meuchelmord und Hinterlist können Börne zu seinem harten Absprechen bestimmen; dazu brachte ihn vielmehr der Umstand, dass Schiller im Tell dem Schweizer Volk einen Helden schuf, der nicht die Schicksale dieses Volkes zu seinen eigenen und zur Triebfeder seines Handelns macht, sondern der im Grunde doch nur seine ganz persönlichen Interessen vertritt. «Wer freilich nur so viel Kraft hat, gerade mit sich selbst fertig zu werden, der ist am stärksten allein, wem aber nach der Selbstbeherrschung noch ein Überschuss davon bleibt, der wird auch andere beherrschen und mächtiger werden durch Verbindung.» Der gleiche Grund, der Schiller veranlasste, in Tell nicht eine Gestalt zu schaffen, aus der heraus der Geist des schweizerischen Volkes wirkte, sondern ganz allgemein-menschliche Interessen, derselbe Grund wirkte bei Börne, diesen Charakter zu verurteilen; denn Börnes politisches Pathos verlangte an dieser Stelle keine individuell-private Persönlichkeit, sondern eine öffentlich-politische. Und von diesem Gesichtspunkte aus war ihm auch Hamlet antipathisch. Dieser Mensch schien ihm durch seine ganze Gesinnung wurzellos innerhalb der sozialen Verhältnisse, die ihn umgeben, zu sein. Er scheint nicht rechts und nicht links zu sehen, sondern nur die Antriebe der eigenen Seele zu kennen. Da war Börne selbst der Bösewicht Claudius lieber, der «nicht schlimm für eigene Rechnung allein» ist, der zu der Sorte Shakespeare’scher Bösewichter gehört, die Börne so schildert: «Sie bilden Gattung, sie tragen das Kainszeichen auf ihrer Stirn, das Titelblatt von dem Sündenbuche der Menschheit, das nicht verantwortlich ist für den Inhalt, den es anzeigt.» Das Allgemein-Menschliche, das Goethe suchte, als er die Stufe der Klassizität zu erreichen suchte, worin ihm Schiller folgte: dafür hatte Börne keine Sympathie. Goethe und Schiller empfanden es zuletzt wie eine Verfälschung der allgemeinen Menschennatur, wenn dieser etwas anhaftet von den «zufälligen» Einflüssen der unmittelbaren Umgebung, in die sie hineingeboren ist. Sie suchen daher ihre Charaktere aus dieser Zufälligkeit herauszuheben. Börne scheint diesen Drang nach einer höheren Natur im Menschen als eine Teilnahmslosigkeit gegenüber den tatsächlichen Leiden und Freuden empfunden zu haben, denen der Mensch wirklich auf Schritt und Tritt begegnet. Und diese Empfindung stammt wohl aus seinem politischen Pathos, wie das Goethe-Schiller’sche Ideal des Allgemein-Menschlichen aus einem unpolitischen, rein ästhetisierenden Pathos stammt. Es ist doch ein großer Unterschied zwischen der Gesinnung Goethes, dem der Ausbruch der Pariser Julirevolution ein uninteressantes Ereignis ist neben dem ihn tief bewegenden gleichzeitigen Streit zweier französischer Naturforscher über die tierische Organisation, und derjenigen Börnes, der fieberhaft-gierig jede Nachricht verschlang, die 1830 von dem Pariser Aufstand eintraf. Demgegenüber möchte ich Lublinskis Satz nicht unterschreiben ($. 43): «So trifft es sich sonderbar, dass Börne, dieser Goethehasser, zugleich in deutschen Landen der erste Goethe-, oder, was dasselbe ist, der erste Humanitätsphilister gewesen ist.»
Trotzdem sich Lublinski den Gesichtspunkt zur Beurteilung Börnes etwas verrückt, ist die Gesamtcharakteristik dieser Persönlichkeit doch klar, scharf und zu treffend. Mit noch größeren Sympathien bin ich seiner Charakteristik des Jungen Deutschlands und Gutzkows gefolgt. Hier hat man das Gefühl, dass Lublinski eine Geistesströmung schildert, in der er nicht allein gründlich zu Hause, sondern intim heimisch ist. Gutzkows ureigenste individuelle Wesenheit wird in ebenso charakteristischen Strichen wie sein Verhältnis zu Hegel, Goethe und den politischen und sozialen Bewegungen seiner Zeit geschildert. Ein vorzügliches Licht wird über den Ästhetiker des Jungen Deutschland, über Ludolf Wienbarg, ein ebensolches über Heinrich Laube geworfen.
Hier zeigt sich Lublinski als Historiker von einem ungewöhnlich feinen Takt. Das Thema, das er sich gestellt hat, «Literatur und Gesellschaft», verlangt von ihm ein bisweilen recht subtiles dynamisches Abwägen der Wirkungen damaliger Zeitströmungen in den einzelnen Persönlichkeiten. Es ist ihm nun gelungen, in taktvollster Weise zu kennzeichnen, wie das Hegeltum, das Goethetum, der Historismus, die Romantik und andere Zeitströmungen im zweiten Drittel des Jahrhunderts von den führenden Geistern empfunden wurden.
Um nur ein Beispiel anzuführen, sei darauf hingewiesen, wie Lublinski den Einfluss des Hegeltums auf das Junge Deutschland schildert. «Was den jungen Leuten am Hegel’schen System so schrecklich schien, das war der steinerne Turmbau des Meisters, diese mächtige Kolossalpyramide, zu der er nicht gewöhnliche Steine verwertete, sondern historische Zeitalter, alle Völker und Menschen des Erdballs. Da wurde so einem jungen Menschen entgegengehalten: du gehörst dem neunzehnten Jahrhundert an, der letzten Stufe der Pyramide ... Luther lebte im sechzehnten Jahrhundert, also machte er die Reformation. Das geheimnisvolle metaphysische Gesetz, das den Turm mauerte, hatte den Reformator eben beim Kragen, und es lag gar nicht in seiner Wahl, war gar nicht seine persönliche Gewissenssache, Reformation oder nicht Reformation zu machen.» Es kommt für Lublinskis Aufgabe nicht darauf an, dass damit eine ganz missverständliche Auffassung der Hegel’schen Weltanschauung gegeben ist, sondern darauf, dass damit richtig das Spiegelbild dieser Auffassung in den Köpfen des Jungen Deutschland gegeben ist. Denn nur weil dieses Bild in seinem Geiste lebte, konnte Gutzkow im Hinblick auf Hegels Ideenrichtung sagen: «Starb in Cato ein Begriff oder eine große, edle, hochherzige Seele? War Philipp II., war Robespierre ohne moralische Zurechnung? Ist der Weltgeist der Souffleur aller großen Worte gewesen, die von Menschen gesprochen wurden? Der Souffleur des non dolet der Arria, der sancta simplicitas Hussens und selbst jenes wehmütig herben Spruches, womit ein Gladiator den Kaiser grüßte: Caesar, moriturus te salutat? Dieser philosophische Schematismus betrügt die Menschheit um ihre Erhebungen.» Mag Gutzkow mit solchen Worten Hegel gründlich unrichtig charakterisieren: er tut es, weil in ihm der Schöpfer des «Zeitromans» sich heraufarbeitet, der nach Menschen verlangt, die den Geist ihrer Zeit als ihr Temperament,als ihre Leidenschaften, als ihr Ethos in sich tragen, die aus diesem Zeitgeiste heraus gestaltet, nicht aus der großen Weltidee heraus begriffen sein wollten. Die sozialen Faktoren, das gesellschaftliche Milieu finden wir in den Wirkungen, wenn wir die Einzelseele der Persönlichkeit studieren. Was sich auf dem Grunde der individuellen Seele abspielt, das ist in hohem Grade ein Ergebnis der Machtfaktoren in der Umgebung, in den politischen Verhältnissen des betreffenden Individuums. Den Menschen aus den volksethischen, volksreligiösen und sozialen Faktoren zu begreifen und zu gestalten: das war die Tendenz, die sich in Gutzkow heraufarbeitete. Wir erkennen diese Tendenz bereits in dem Erstlingsroman «Maha Guru»; wir finden sie auch in seinen «Charakteristiken». Lublinski sagt in Bezug auf die Letzteren von Gutzkow: «Er wählte mit Vorliebe entweder seltsame und abnorme oder wenigstens in seltsamen Verhältnissen lebende Charaktere, die er in ihrem innersten Wesen treu, gewissenhaft und dichterisch zu erfassen suchte. Dieses Wesentliche ging in seinen Stil über, der außerdem von beweisender und erklärender Art war und da und dort die Pfauenfeder farbiger Pointen aufsetzte ... Nirgends formte er einen Witz um des Witzes willen oder in der Absicht, zu bekämpfen und zu vernichten; sondern die Hauptsache war immer, einen seltsamen Charakter rein sachlich zu erklären und zu erhellen.» An einer anderen Stelle führt Lublinski weitere Gründe an, warum die Jungdeutschen besonderes Glück mit der Charakterskizze hatten. «Natürlich kam ihnen die anerzogene Hegel’sche Dialektik, diese Gymnastik des Geistes, die sich in psychologischen Scharfblick verwandelt hatte, dabei zu Hilfe. Und da sie öffentliche Charaktere schilderten, so ergab sich ganz von selbst das Prinzip der Wechselwirkung zwischen den sozialen Zuständen und dem Charakter der einzelnen Persönlichkeit.»
Ganz im Stile dieser zugleich scharfsinnigen und zugleich fein nuancierten Charakterisierungskunst schreitet Lublinski in der Ausmalung der vierziger, fünfziger und sechziger Jahre fort. Den mehr ästhetisch veranlagten Lesern wird des Darstellers flüchtiges Vorübereilen an rein künstlerischen und ästhetischen Fragen auffallen. Lublinski berücksichtigt den Gehalt der künstlerischen Erscheinungen durchaus mehr als die Form. Was fest in der ganzen Zeitkultur wurzelt, was der Ausdruck einer charakteristischen Stufe des Zeitgeistes ist, das verfolgt dieser Historiker bis in die feinsten Verzweigungen; das rein Künstlerische kommt dabei zuweilen etwas zu kurz. Ich möchte das nicht als Tadel, sondern gewissermaßen sogar als einen Vorzug des Buches bezeichnen. Es erscheint mir durchaus besser, wenn einer das macht, was er seinen ganz individuellen Fähigkeiten nach vortrefflich machen kann, als wenn er sich irgendeiner sogenannten «objektiven» Methodologie fügt. Es wird gewiss manchem sonderbar erscheinen, was Lublinski in dem Vorwort zum vierten Band sagt: «Ein Ernst von Wildenbruch konnte hier, wo es sich um Wechselwirkung zwischen Literatur und Gesellschaft handelt, übergangen werden, nachdem ich schon den prägnantesten literarischen Vertreter des neupreußischen Teutonentums erwähnt hatte: Heinrich von Treitschke.» Ich finde es durchaus gerechtfertigt, dass Lublinski eine solche subjektive Maxime geltend macht. Was er zu sagen hatte, konnte er an Treitschke besser als an Wildenbruch veranschaulichen.
Ein Meisterstück ist auch das Kapitel, das Lublinski überschreibt: «Das silberne Zeitalter der deutschen Literatur.» Er gebraucht diese Bezeichnung vornehmlich für die Zeit Hebbels, Otto Ludwigs, Kellers. Bei Hebbel fällt ganz besonders auf, wie Lublinski diesem Dichter in die grandiose Dialektik seiner Phantasie zu folgen vermag, wie er die «hohe Tragödie», die «große Form» dieses mächtig ringenden Geistes zu charakterisieren imstande ist. Ich möchte nur eine treffliche Stelle aus dieser Charakteristik anführen (IV, S. 23): «Hebbel war gleichsam als ein erster Entdecker und Gesetzgeber aus dem Urwald zur Kultur und zur Moral gekommen. Noch fühlte er kochende Naturkräfte in seinem Organismus, während sein Auge mit Entzücken und Schreck auf einer steinernen Tafel flammende Gesetzesworte las, hinter denen der grüblerische Gedanke Kulturgüter ahnte, wie sie im Urwald nicht zu finden sind. Das war das Starre und Elementare, wenn man will, das Nordisch-Atavistische in seiner Natur. Denn es erging ihm, wie den Nordgermanen überhaupt, als sie in alten Zeiten das Sittengesetz als Christentum überliefert erhielten. Auch Hebbel nahm das Gesetz ganz in sein innerstes Wesen auf, welches sich zu spalten begann, indem das junge Kulturelement mit uralten Rasseninstinkten in heftigen Kampf geriet. Die Folgen solcher Kämpfe kennt man ja: Mystik, Gewissensangst, haarspaltende Kasuistik, unermüdliches Bohren und Grübeln, dämonisches Ringen um eine Lösung des Welträtsels.»
In haarscharfen Linien werden die Gestalten Gustav Freytags, Julian Schmidts, Paul Heyses, Friedrich Spielhagens aus den Bedingungen ihrer Zeit heraus erklärt; zugleich wird mit sicherer Empfindung ihre Bedeutung abgewogen. Als guter Beobachter erweist sich Lublinski auch, wo er den Einfluss der Entstehung des «neuen Reiches» und des Überhandnehmens der sozialistischen Propaganda auf die Entwickelung von Literatur und Gesellschaft darstellt.
Zurückhaltender und skizzenhafter wird der Verfasser in seiner Schilderung der jüngst vergangenen und der gegenwärtig noch fortwirkenden literarischen Strömungen. Er hat ein Gefühl für das Unsichere und Unfertige, das in diesen Strömungen zum Ausdruck kommt. Das bewahrt ihn vor Überschätzung einzelner Erscheinungen, denen gegenüber das Urteil anderer Zeitgenossen erheblich ins Bedenkliche gerät. «Bisher ist es nicht gelungen, Werke der Höhenkunst, Monumental-Dichtungen hervorzubringen, welche der Weltliteratur angehören oder auch nur in ihrer Art den besten Schöpfungen der engeren deutschen Literatur, wie sie [in] der klassischen Zeit oder in den fünfziger Jahren hervorgebracht wurden, entfernt gleichkämen.» Damit sagt Lublinski seine Meinung über die Gegenwart der Literatur. Ob er damit recht hat oder nicht: darüber enthalte ich mich eines Urteils. Es wäre nutzlos, sich darüber auszulassen, ob der Verfasser dieses Buches der Gegenwart gegenüber die für den Darsteller notwendige Distanz hat, die ihm gegenüber den älteren Erscheinungen zweifellos zuzusprechen ist.
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S. Lublinski: Literatur und Gesellschaft im neunzehnten Jahrhundert. Band 3 und 4 (aus dem im Verlage S. Cronbach in Berlin erscheinenden Sammelwerk «Am Ende des Jahrhunderts». Band XVI und XVII). ↩
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Gleichsam zur Bekräftigung und Illustrierung des hier gesagten sei in diesem Hefte zugleich ein Aufsatz von $. Lublinski gebracht. ↩