49. Deutsche Literatur und Gesellschaft im neunzehnten Jahrhundert
Bis jetzt musste,1 wer ein Buch suchte über die literarische Entwickelung Deutschlands in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, trotz mancher trefflicher Leistungen anderer, doch zu Georg Brandes «Hauptströmungen der Literatur im neunzehnten Jahrhundert» greifen. Denn nur hier war der Zusammenhang der literarischen Erscheinungen mit dem Ganzen des Geisteslebens von einer starken Persönlichkeit dargestellt, die ein Verhältnis hatte zu den Ideen der Zeit, zu den bewegenden psychologischen und ethischen Kräften. Man darf nun ruhig behaupten, dass durch S. Lublinskis Schrift «Literatur und Gesellschaft im neunzehnten Jahrhundert» sich diese Tatsache ändert. Wir meinen, dass dies in Zukunft das Buch werden wird, das alle diejenigen befriedigen kann, die bisher nur bei Brandes ihre Wünsche erfüllt fanden.
Es hatte in zweifacher Beziehung etwas Missliches, dass das Werk von Brandes in dem bezeichneten Sinne ausschlaggebend war. Wenn sich der dänische Literarhistoriker auch in seltener Weise in das [Geistesleben] Deutschlands versetzt hat: er nimmt seinen Gesichtspunkt doch außerhalb desselben. Er schildert zuletzt doch, wie ein Däne schildern muss. Dazu kommt ein anderes, wichtigeres. Brandes ist ein feiner Psychologe. Aber ein Psycholog e, an dem die Erkenntnisse der modernen naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise spurlos vorübergegangen sind. Bei ihm ist der Geist doch noch ein Wesen für sich. Die Seele hat bei ihm etwas Fleischloses. Das Stück Physiologie, das die neue Naturwissenschaft der Psychologie einverleibt hat, fehlt bei ihm. Er schildert die führenden Köpfe, als wenn sie rein geistige Wesen wären. Er hat zum Beispiel in unvergleichlicher Weise die Psychologie der Romantik gegeben. Aber die Romantiker haben etwas Schemenhaftes, Ätherisches. Alles wird durch das Geistige an sich motiviert. Das ist heute nicht mehr möglich. Unsere psychologische Einsicht hat durch die Naturwissenschaft Konsistenz gewonnen. Manches erscheint uns daher in Brandes’ Psychologie wie ein willkürliches Apergu. Der Ausblick auf die «ewigen, ehernen Gesetze», nach denen auch der Geist seines Daseins Kreise vollenden muss, fehlt.
S. Lublinski ist ein modern gebildeter Kopf. Er rechnet mit den Einsichten, die Naturwissenschaft und Soziologie geliefert haben. Überall tritt zu Tage, dass er als Geist des scheidenden Jahrhunderts darstellt. Zwar möchte man ein Mehr an naturwissenschaftlichen Erkenntnissen wünschen. Das Bildungselement, das sich aus der gediegenen deutschen Kulturentwickelung der ersten Jahrhunderthälfte ergeben hat, tritt uns in dem Buche entgegen, die Betrachtungsweise, die man aus einem verständnisvollen Vertiefen in die deutsche Philosophie gewinnt. Solche war ja aber auch bei Geistern wie F. Th. Vischer, Carriere, Hettner vorhanden. Bei ihnen fehlte nur der Einschlag, den Natur-und Gesellschaftswissenschaft heute geben können. Lublinski hat diesen Einschlag in seine Betrachtungsweise aufgenommen. Wir möchten das allerdings in noch höherem Grade wünschen. Aus manchen Anführungen, die dem Gebiet der Naturerkenntnis entnommen sind, geht hervor, dass unser Autor in der Denkart der modernen Weltbetrachtung noch nicht voll heimisch ist. Doch ist das unwesentlich in Anbetracht des Umstandes, dass er überhaupt Naturanschauung in moderner Art im Leibe hat.
Dazu kommt, dass sich in dem Buche durchaus ein Mann ausspricht, der persönlich über die Dinge etwas zu sagen hat, über die er spricht. Der Verfasser des Buches interessiert uns neben dem Inhalt des Werkes. Dadurch ist Lublinskis Darstellung eine moderne Schöpfung geworden.
Das besondere Kapitel «Literatur und Gesellschaft» wächst aus dem Ganzen des Kulturlebens heraus. Nichts fehlt, was herangezogen werden muss, um die Tätigkeit der führenden Geister auf der einen Seite, die Physiognomie des Geschmackes auf der anderen Seite zu erklären. Mit feinem Takt werden Wissenschaft, Philosophie, Politik, Gesellschaftsleben herbeigerufen, um dem Gesamtbild die äußeren Farben zu geben. In der Heranziehung von erklärenden Beispielen ist Lublinski Meister. In der Anführung von Tatsachen, die zum Beleg der Wahrheiten dienen, die er ausspricht, scheint er uns besonders glücklich. Wie anschaulich wird zum Beispiel das deutsche Publikum charakterisiert durch die Stellung, die es Kotzebue gegenüber einnahm! Wie fein wird auf Heines Eigenart hingewiesen durch eine Äußerung, die dieser Dichter Adolf Stahr gegenüber gemacht hat. Und dabei treten nirgends, wie das bei so vielen Literarhistorikern der Fall ist, die Vorarbeiten des Verfassers in aufdringlicher Weise uns entgegen. Lublinski hat die Ergebnisse dieser Vorarbeiten erst ausreifen, Frucht werden lassen, bevor er sie uns aufgetischt hat.
Gegenüber dem geistreichen Brandes dürfen wir hier wohl das Prädikat geistvoll anwenden. Ein Zug von Gediegenheit geht durch das Werk. Der Standpunkt ist hoch genommen, und dennoch liest sich alles wie eine einfache Erzählung. Solche Bücher sind ein Beweis dafür, dass wir jene Stufe der Darstellungskunst wieder erreicht haben, die Gutzkows literarhistorische Schriften so entzückend macht.
Einen feinsinnigen Betrachter und einen mutigen Beurteiler haben wir vor uns. Es ist keineswegs häufig, dass sich diese Eigenschaften vereinigt finden. Das eigene Urteil wird nur zu oft durch die hingebungsvolle Betrachtung getrübt. Oder es leidet die Betrachtung durch den Eigensinn eines oft recht willkürlichen ästhetischen Standpunktes. Die Bearbeiter der Literaturgeschichte haben ja gerade in unserer Zeit nach diesen beiden Richtungen das Unglaublichste geleistet. Bei Lublinski entspringt das Urteil aus der ruhigen Betrachtung, und keine Voreingenommenheit kann seine Versenkung in die Tatsachen stören.
Die Größe der dargestellten Persönlichkeiten erdrückt bei Lublinski nirgends die eigene Individualität. Er stellt Kleist dar als den ersten großen, vielleicht größten «Dichter, den das neunzehnte Jahrhundert in Deutschland hervorbrachte», aber das hindert ihn nicht, diesem Dichter seine Fehler vorzurechnen. Wie tief in Kleists Wesen lässt eine Bemerkung blicken wie diese: «Kleist ist zweifellos der erste Gipfelpunkt der Romantik gewesen. Er erfüllte fast alle Forderungen der Schule: er entfesselte die dunkelsten, die geheimnisvollsten Gewalten der menschlichen Natur, die er zugleich mit gewaltiger Willenskraft dem starren Zwang einer knappen, gemeißelten Kunstform unterjocht. Er stand auf der Höhe der Bildung seines Zeitalters, er beherrschte die griechische wie die christliche Mythologie, die hellenische wie die moderne Kunstform und wusste in seinen höchsten Leistungen diese grundverschiedenen Elemente zu neuer Ganzheit umzuschmelzen. Allerdings gab es auf diesem Wege gewisse Grenzen, und die Risse und Klüfte und Widersprüche, die manchmal grell hervortraten, konnten selbst durch die Mystik und zeitweiliges Zerstören der Kunstform nicht ganz verschleiert werden, weil er sich auch als Mystiker und Zerstörer völlig fernhielt von dem Phrasennebel eines Zacharias Werner oder dem witzigen, höhnischen, spielerischen Übermut der andern Romantiker. Er war eben nicht aus Schwäche Romantiker geworden, aus einem femininen Gelüst der Selbstironie, sondern weil furchtbar schmerzliche Erfahrungen ihn gelehrt hatten, an das Geheimnisvolle und an die chaotische Verwirrung zu glauben.»
Der Verfasser versucht den Einfluss, den die philosophische Bewegung im Beginne und im ersten Drittel des Jahrhunderts auf das Literaturleben gehabt hat, dadurch zu kennzeichnen, dass er gewissermaßen populäre Extrakte aus den Anschauungen der Philosophen gibt. Unzweifelhaft hat er auch dadurch der Gesamttendenz seines Buches gedient. Dennoch kann sich der Kenner der Weltanschauungsgeschichte mit diesen Extrakten nicht einverstanden erklären. Ich glaube, in diesen Dingen Erfahrung zu haben. Ich weiß, dass es keine philosophische Wahrheit gibt, die nicht in populärer Form, kurz und bündig, mit einer nicht zu großen Zahl von Sätzen sich darstellen ließe. Die Extrakte Lublinskis scheinen mir aber fast in keinem Falle die Gedankengänge der Philosophen richtig wiederzugeben. Bei Kant zum Beispiel legt er den Hauptwert darauf, dass dieser Denker das menschliche Erkennen auf die Erfahrung verwiesen hat. Der Königsberger Weise soll die Unerkennbarkeit des Dinges an sich nur deswegen gelehrt haben, damit der Mensch sich mit der Untersuchung des Diesseits zufrieden gebe und sich um das Jenseits nicht weiter wissenschaftlich kümmere. Es scheint mir aber ganz gewiss zu sein, dass Kant sein Hauptziel mit den Worten verraten habe: ich suchte das Wissen einzuschränken, um für den Glauben Platz zu bekommen. Er wollte dem Menschen den Glauben an Gott und Unsterblichkeit erhalten; deshalb suchte er zu beweisen, dass das Wissen bis zu dem Gebiet nicht hinanreicht, aus dem diese jenseitigen Elemente stammen. Ebenso wenig ist die große Denkweise Fichtes mit den Sätzen Lublinskis charakterisiert. Ich gebe zu, dass die Romantiker Fichte in der hier wiedergegebenen Form verstanden haben. Er selbst hätte sich aber zweifellos verwahrt gegen diese Ausdeutung. Das Fichte’sche Ich musste von den Romantikern erst missverstanden werden, um Grundlage der sogenannten Ironie zu bilden. Eine gleiche Anmerkung hätte ich gegenüber der Darstellung Hegels von Seiten Lublinskis zu machen. Es ist mir doch fraglich, ob es gestattet ist, die Anschauungen eines Denkers in der Form zu geben, in der sie sich bei unklar sehenden Zeitgenossen spiegeln. Denn gerade die Weise, wie die echte Form in ein falsches Bild sich verwandeln und als solches wirken kann, ist interessant und kulturgeschichtlich wichtig. Diese Weise kann man aber nur verstehen, wenn man die echte Form kennt.
Nicht unerwähnt möchte ich auch lassen, dass Goethe in dem Buche zu wenig zur Geltung kommt. Dadurch erscheint die Romantik wie aus der Pistole geschossen. Sie ist aber nichts anderes als die Ausgestaltung eines Elementes der Goethe’schen Weltbetrachtung. Die Wirklichkeitsferne, in die sich Goethe nach seiner italienischen Reise versetzt hat, wirkte faszinierend auf einzelne Zeitgenossen. Goethe wollte in einer höheren Welt, über der alltäglichen, leben. Er drang auf das Typische, weil ihm die gemeine Wirklichkeit mit ihren Individualitäten nicht die tiefere Wahrheit der Natur zu geben schien. Was er anstrebte, nachdem er durch den vollen Erfahrungsgehalt der Wirklichkeit hindurchgegangen war, das wollte die Romantik ohne solche Voraussetzung, durch ihre auf bloßer Willkür beruhende Ironie erreichen. In der höheren Gesetzmäßigkeit wollte sich Goethe heimisch machen, weil ihm die alltägliche Notwendigkeit nicht genügte. Die Gesetzlosigkeit verwechselten die Romantiker mit der höheren Gesetzmäßigkeit. Die ganze Romantik ist im Grunde doch der missverstandene Satz Schillers, den dieser an Goethe in Anknüpfung an «Wilhelm Meister» schrieb: «Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt; und er spielt nur da, wo er im höchsten Sinne des Wortes Mensch ist.» Die Romantiker haben sich nur an den ersten Teil dieses Satzes gehalten. Erst aber muss der Mensch sich durch die höchste Kultur zu einer Bildungsstufe erheben, die sein Spiel als höchsten Ernst erscheinen lässt. Er muss die Notwendigkeit in sich fühlen, in sich verwirklicht haben, dann wird er sie mit Freiheit spielend wiedergebären.
Goethes Stellung innerhalb des literarischen Lebens im ersten Drittel des Jahrhunderts ist eine solch überragende, dass er allerdings einen breiteren Raum einnehmen muss, als ihm Lublinski einräumt.
Diese Ausstellungen sollen aber nicht dazu dienen, den Wert des Buches gering erscheinen zu lassen. Wenn es dem Verfasser gelingen wird, seine Aufgabe in derselben Weise, wie er sie begonnen hat, zu Ende zu führen, das heißt, wenn er uns die zwei letzten Drittel des Jahrhunderts in so befriedigender Weise darstellen wird, wie ihm dies bezüglich des ersten gelungen ist: dann wird er ein Werk geschaffen haben, das weitesten Kreisen in der denkbar besten Weise dienen kann.
Ohne Zweifel darf man aber den bisher vorliegenden Teil als eine wesentliche Bereicherung der Literaturgeschichte ansehen, sowohl was die Beherrschung des Stoffes wie auch seine Behandlung anberrifft.
-
«Am Ende des Jahrhunderts. Rückschau auf 100 Jahre geistiger Entwicklung.» Band XII und XIII. S. Lublinski: «Literatur und Gesellschaft im 19. Jahrhundert». Berlin, Verlag Siegfried Cronbach ↩