Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920
GA 277b — 8 November 1919, Dornach
Ansprache zur Eurythmie
Diese Aufführung fand speziell für die Arbeiter am Goetheanum-Bau statt; vorher hatte Rudolf Steiner sie durch den Bau geführt. Der Beginn der Aufführung verschob sich, weil das Licht ausfiel, so improvisierte Rudolf Steiner einen Vortrag, bis das Licht wieder anging. - Das Programm entsprach demjenigen der Aufführung vom 31. Oktober 1919 in Zürich, siehe S. 194.
Sehr verehrte Anwesende!
Ich würde Sie ja shr gerne, wenn es hier Licht gäbe, bei Licht herzlich willkommen heißen. Aber da wir vorläufig noch kein Licht haben, so gestatten Sie mir, alle diejenigen verehrten Anwesenden, die heute uns die Ehre geben, unsere Gäste hier zu sein, auf das Herzlichste willkommen zu heißen. Es ist uns immer eine besondere Freude, wenn wir Gäste hier sehen können, auch schon jetzt in derjenigen Zeit, in der ja unser Bau eigentlich noch lange nicht fertig sein kann. Denn das, was notwendig sein wird gerade für die Bestrebungen, welchen dieser Bau dienen soll, das wird ja sein das Interesse unserer Zeitgenossen, das Interesse für dasjenige, was, wie wir glauben, aus einem wirklichen Menschheitsbedürfnis der Gegenwart heraus durch jene geistige Bewegung angestrebt wird, der dieser Bau, das Goetheanum, die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft dienen soll. Es ist allerdings heute noch für weite Kreise der Menschheit etwas Zweifelhaftes, wenn von Geisteswissenschaft, von Erkenntnis des Geistes als solchem gesprochen wird. Da auch dasjenige, was wir Ihnen, sofern wir Licht bekommen werden, als unsere eurythmische Kunst in einer Probe darbieten wollen, zusammenhängt mit dem Ganzen unserer geistigen Bestrebungen, so darf ich wohl in Kürze einiges zur Charakteristik dieser geistigen Bestrebungen voranschicken. Hier werden wir durch alles das, was mit diesem Bau zusammenhängt, den Versuch machen, eine wirkliche Erkenntnis der geistigen Welten wiederum in die Menschheitskultur einzuführen. Ich sage, eine wirkliche Erkenntnis, denn dass die Welt zurückzuführen ist auf geistige Ursachen, das geben ja viele als etwas zu, an das man glauben kann. Hier handelt es sich aber nicht etwa bloß darum, der Menschheit irgendein Glaubensbekenntnis zu geben - wir denken gar nicht daran, irgendein neues religiöses oder sonstiges Glaubensbekenntnis zu geben -, sondern dasjenige, was hier versucht werden soll, das ist eine wirkliche Erkenntnis des geistigen Lebens, das ebenso in der Welt vorhanden ist wie das äußere Leben der Sinneswelt. Allerdings, meine sehr verehrten Anwesenden, es liegt ja die Zeit hinter uns- und für viele Menschen ist sie noch immer da -, in der es geradezu als das Kennzeichen eines gescheiten Menschen gilt, wenn er sagen kann, aus seiner vermeintlichen Überzeugung heraus sagen kann: Ja, der Mensch kann durch seine Erkenntnis nichts irgendwie Geistiges erreichen; der Mensch kann durch seine Erkenntnis nicht dazu kommen, nachzuweisen, dass er wirklich in sich selbst ein Geistig-Seelisches trägt, das zusammenhängt mit dem Geistig-Seelischen, das die ganze Welt durchdringt. - Das war gewissermaßen dasjenige, was viele Menschen als ihre Überzeugung geltend machten gerade in dem Zeitalter, das als das wissenschaftliche Zeitalter gilt, das wir hinter uns haben und das für viele heute auch noch, wie ich gesagt habe, vorhanden ist. Es wird eine Zeit kommen, in der diese Anschauung als etwas sehr Allgemeines gelten muss. Gewiss, viele Menschen werden heute noch entweder zweifeln oder mit einem gewissen Hohn einem begegnen, wenn man von einer Geisterkenntnis spricht. Diejenigen aber, die sich auf den Wegen mit Geisterkenntnis beschäftigt haben, die hier gesucht werden, die wissen, dass es mit allem, was sich in die Menschheitsentwicklung einfügen will, schließlich sich so verhält, dass es zunächst Gegner findet, Leute findet, die es verhöhnen, und dass es dann, wenn es Verbreitung gewinnt, wie etwas Selbstverständliches gilt. Und als etwas Selbstverständliches wird die Erkenntnis der geistigen Welt in einer verhältnismäßig gewiss gar nicht fernen Zeit gelten.
Der Mensch, so wie er in die Welt hereingeboren wird, kann durch seine Sinne die äußere Welt wahrnehmen, die er Natur nennt, die äußere Welt, die ihm darbietet Mineralisches, Pflanzliches, Tierisches, die ihm darbietet über ihm die Welt der Sterne, die Welt von Sonne und Mond und so weiter. Wenn der Mensch nichts anderes sein ganzes Leben hindurch sucht als dasjenige, was ihm werden kann, wenn er einfach sich gehen lässt, nichts weiter unternimmt, um etwas Tieferes in seiner Wesenheit heraus zu entwickeln, dann wird er ganz selbstverständlich zu einer Ablehnung aller Wissenschaft vom Geistigen kommen müssen.
Allein, zur Anerkennung der Wissenschaft des Geistigen gehört eine gewisse, ich möchte sagen Vernunftbescheidenheit. Es sieht sonderbar aus, wenn man zu den heutigen Menschen von dieser Vernunftbescheidenheit redet. Denn die heutigen Menschen, insbesondere dann, wenn sie ein bisschen etwas gelernt haben, kommen sich ja außerordentlich gescheit vor. Aber man braucht sich nur etwa zu denken, wie ein fünf- oder sechsjähriges Kind steht, sagen wir vor einem Globus oder einer Landkarte: Es wird höchstens mit der Hand über diesen Globus darüberfahren, es wird die Karte versuchen zu zerreißen und dergleichen. Man kann nicht sagen, dass das Kind mit dieser Landkarte das Richtige zu machen versteht. Wenn aber das Kind dann entwickelt wird, wenn die Kräfte, die in diesem fünf- oder sechsjährigen Kind noch nicht da sind, aus seinem Inneren hervorgeholt werden, dann weiß das Kind — nach zehn Jahren sagen wir — recht viel mit dieser Landkarte oder diesem Globus anzufangen, weiß sich zu enträtseln, was es darauf sieht. Ich erwähne das nur als ein Gleichnis dafür, dass es doch nicht ganz töricht zu sein braucht, wenn man sagt: Vielleicht ist die ganze Welt ringsherum mit ihren Steinen, Pflanzen, Tieren, Sternen, mit Sonne und Mond zunächst für den Menschen, der einfach so, wie er geboren ist und heranwächst, sich selbst überlässt, so ähnlich, wie die Landkarte oder der Globus für ein fünfjähriges Kind. - Man kann etwas ganz anderes noch in der Welt, der sogenannten Natur sehen, wenn man über das hinaussehen kann, was das fünfjährige Kind sieht, wenn es die Landkarte in die Hand nimmt und [Lücke im Text], was sich einfach von selbst für den Menschen ergibt. Und dass es möglich ist, dass gewisse Entwicklungen durchgemacht werden vom Menschen, durch die er viel mehr in der Natur sehen kann, als er ohne diese Entwicklung sehen könnte. Das soll eben gerade durch die hier gemeinte Geisteswissenschaft bewiesen werden.
Wer auf dem Gesichtspunkte dieser Geisteswissenschaft steht, der weiß ganz gut, warum so viele Menschen diese Geisteswissenschaft ablehnen. Was notwendig ist, das ist eben, dass man zugibt: Der Mensch kann über dasjenige, was er erreicht, einfach dadurch, dass er als Mensch geboren wird, sich weiterentwickeln; dann werden für ihn geistig sichtbar, seelisch sichtbar Dinge, die er ohne diese Entwicklung nicht sehen kann.
Nun gehört wirklich einiges dazu, um eine solche Entwicklung durchzumachen. Ich habe in verschiedenen Büchern beschrieben, was dazu gehört für den Menschen, um eine solche Entwicklung durchzumachen, durch die ihm, um dieses Goethe-Wort zu gebrauchen, seine Geistesaugen, seine Seelenaugen aufgehen. Was da beschrieben ist, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist etwas, was verhältnismäßig leicht jeder Mensch, wenn er nur Geduld und Ausdauer hat und sich Zeit dazu lässt, durchmachen kann. Man wird dann allerdings nicht immer schon in der Lage sein, große Entdeckungen in der geistigen Welt zu machen, aber diese geistigen Entdeckungen, diese Entdeckungen in der geistigen Welt, sie können von einzelnen Zeitgenossen ja immer gemacht werden. Und nicht um, ich möchte sagen mit vollen Segeln in die geistige Welt hineinzugehen, ist das Buch geschrieben Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, sondern es ist dazu geschrieben, dass man eine innere Kraft erhält, die wirklich sonst in der Seele schlummert, eine innere Kraft, um zu begreifen, was der geistig Forschende in der geistigen Welt wirklich finden kann.
Also zweierlei muss man unterscheiden: Erstens, dass es wirklich Menschen geben kann, welche in der Lage sind, in der geistigen Welt gewisse Entdeckungen zu machen, die mit dem Menschenleben innig zusammenhängen. Gewiss, es wird nicht jeder diese Entdeckungen machen können, aber jeder kann, wenn er sich nur seinem gesunden Menschenverstande hingibt und dann dasjenige beobachtet, was gesagt ist etwa in meiner Schrift über Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, jeder kann dasjenige, was Geisteswissenschaft behauptet, wirklich verstehen. Freilich wird man sagen können: Ja, dann werden einzelne wenige Menschen sein, die in die geistige Welt eindringen; die anderen, sie werden nur die allerdings für das Menschenleben wertvollen Wahrheiten von solchen Menschen erfahren können. — Man sollte gerade in der heutigen Zeit begreifen, welche Bedeutung es für das Menschenleben hat, dass das gerade so ist und eigentlich vielleicht immer mehr und mehr in der Zukunft so sein wird. Wir reden ja heute davon, dass ein gewisses soziales Leben sich in der Menschheit ausbreiten muss. Soziales Leben aber, das heißt, zusammenleben, miteinander leben, heißt so leben, dass dasjenige, was der Einzelne hervorbringt, von dem anderen angenommen wird, für den anderen gilt, dass wir Menschen füreinander arbeiten, füreinander leben sollen —- aber die Menschen nicht nur materiell füreinander arbeiten sollen, sondern auch geistig.
Und es wird ein richtiges soziales Leben sich gerade dadurch entwickeln, dass es in der Zukunft einzelne Menschen geben wird, welche dasjenige durchmachen, was Entdeckungen machen lässt in der geistigen Welt, und andere, die sich nur aneignen jene Entwicklung, durch die man verstehen kann das, was die Erforscher der geistigen Welt mitzuteilen wissen. Aber was die Erforscher der geistigen Welt mitzuteilen wissen, das ist für das menschliche Leben ungeheuer bedeutungsvoll. Es würde die Menschheit nach und nach dazu kommen, das Geistige überhaupt nicht mehr anzuerkennen, wenn es keine Geisteswissenschaft in der Gegenwart und für die Zukunft geben würde. Was gegenwärtig verhindert, dass schon die großen Schäden des Mangelns einer Geisterkenntnis eintreten, das ist, dass aus alten Zeiten, in denen Geisterkenntnis da war - wenn auch auf eine andere Weise, als das heute der aufgeklärten Menschheit gegenüber der Fall sein kann -, dass aus alten Zeiten eben noch geistige Erkenntnisse da sind. Mit denen arbeitet heute die Menschheit wie mit einem Erbstück. Ohne dass geistige Erkenntnisse wirklich errungen werden, kann der Mensch auch nicht in der physischen, in der materiellen Kultur wirklich weiterdringen. Ich möchte Ihnen das durch einen Vergleich klarmachen.
Bedenken Sie einmal, in der Schweiz sind so und so viele Tunnels; diese Tunnels können heute nicht gebaut werden, ohne dass die Ingenieurkunst die Grundlage dazu liefert. Ja, diese Ingenieurkunst ist aber zusammenhängend mit dem, was in einsamer Gedankenarbeit Leute erarbeitet haben, die damals, als sie das erarbeiteten, noch nicht daran dachten, irgendetwas hervorzubringen einmal, was etwa Tunnels sind. Aber die Tunnels könnten nicht da sein, und vieles andere könnte nicht sein; alles dasjenige, was uns heute — nicht in diesem Augenblicke gerade, aber sonst heute in der Welt - umgibt als elektrisches Licht, was uns sonst in der Gegenwart umgibt, sehen Sie, es könnte nicht da sein, wenn es nicht seinen Ausgangspunkt genommen hätte von den Gedanken einsamer Denker. Aber diese Gedanken - man glaubt das heute nicht, man meint, dass die Gedanken der praktischen Welt so einfach aus den menschlichen Gehirnen herauswachsen, aber das ist nicht der Fall -, die Gedanken, die gefasst worden sind, die konnten nur gefasst werden, weil die Menschheit ein altes geistiges Erbgut hatte. Der Mensch, der keine geistigen Anregungen aus einer geistigen Welt heraus erhält, er kann nicht in Wirklichkeit - geistig auch nicht - arbeiten für die äußere materielle Kultur. Das sehen die Leute heute nur noch nicht ein, weil sie es im ganzen Zusammenhang noch nicht erkennen. Unsere materielle Kultur würde verschwinden, es würde nichts Neues zu ihr hinzukommen, und das Alte würde auch nach und nach verschwinden, wenn nicht auch ein wirklicher geistiger Fortschritt in der Menschheit Platz greifen könnte. Aber ein wirklicher geistiger Fortschritt ist nur möglich, wenn eine wirkliche geistige Erkenntnis immer mehr und mehr wiederum Platz greift und wenn das Vorurteil aufhört, das man gerade im Zeitalter der Aufklärung immer mehr und mehr geltend gemacht hat: Dass eigentlich nur der ein gescheiter Mensch ist, der nicht an Geistiges und Seelisches glaubt.
Also es handelt sich darum, dass die geistige Welt erforscht werden kann, dass außer unserer Welt, die wir mit unseren Augen sehen, mit unseren Händen greifen, dass außer dieser Welt eine geistige Welt vorhanden ist. Nun haben ja immer mehr in der neueren Zeit Menschen auch das Bedürfnis gehabt nach einer Erkenntnis der geistigen Welt, aber sie haben dieses Bedürfnis mit recht ungeeigneten Mitteln befriedigt. Und wenn man heute hört, dass so etwas da ist wie unsere anthroposophische Bewegung, die sich solch einen Bau aufrichtet, dann sagen sehr viele Menschen: Nun ja, das ist auch so etwas Obskures wie die Spiritisten; da sucht man mit allerlei mystischen Mitteln den Geist. - Nein, meine sehr verehrten Anwesenden, alles dasjenige, was Sie hören können in der Welt heute als Spiritismus, als falsche Mystik, das wird gerade am heftigsten von unserer geistigen Bewegung abgewiesen. Wir haben nichts zu tun mit irgendwelchen obskuren Dingen, wie sie heute vielfach zur Erforschung des Geistes getrieben werden und die man auch als wissenschaftliche ausgibt. Wir haben mit etwas zu tun, was ebenso klar und scharf ist wie die Naturwissenschaft selbst. Wir haben mit etwas zu tun, was so klar und scharf ist wie dasjenige, wodurch ein Kopernikus, ein Galilei, ein Giordano Bruno in der neueren Zeit gewirkt haben. Wir haben mit etwas zu tun, was allerdings Geist und Seele ist, aber wir bedienen uns derjenigen Denkmethoden, die gerade in der Naturwissenschaft ihre großen Triumphe gefeiert haben.
Sehen Sie, bis zu der Zeit, in der am Beginne der neueren Zeit solche Geister gewirkt haben wie Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno, bis zu der Zeit haben die Menschen hinaufgesehen, sahen da oben das Himmelsgewölbe, das blaue, wie ein blauer Glassturz etwa über die Erde darübergestülpt, die Sterne so darauf gemalt; und was draußen war, das, haben die Menschen gesagt, nun, das ist die achte Sphäre. Aber das ist ganz anders geworden, als solche Geister wie Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno gewirkt haben. Da haben die Menschen endlich begriffen: Da oben, wo das scheinbare blaue Firmament erscheint, da ist in Wirklichkeit nichts, obschon unsere Augen es sehen. Durch die Beschränktheit unseres eigenen Sehens erscheint uns ein blaues Himmelsgewölbe; das rührt davon her, dass wir nicht weitersehen können. Der Raum aber ist unendlich. Und dasjenige, was scheinbar aufgemalt ist auf dem Himmelsgewölbe, das ist dasjenige, was über unendliche Raumesweiten ausgebreitet ist. — Nun, in Bezug auf den Raum ist das überwunden worden. Heute gilt es, dass man ein beschränkter Kopf ist, wenn man glaubt, da oben sei ein blauer Glassturz als Firmament und darauf seien die Sterne aufgeheftet. Aber es gilt noch immer für viele gerade als ein Zeichen der Aufklärung, wenn sie sagen: Ach, wir können vom Menschen doch nichts anderes erkennen als dasjenige, dass er von einem Vater, von einer Mutter geboren wird und dass er dann wieder stirbt; was darüber ist, das kann man nicht erkennen.
Geradeso, wie die Menschen des Mittelalters gesagt haben: Da oben, da ist eine Grenze, das blaue Firmament -, so sagen die Leute noch vielfach für das Erkennen: Da ist eine Grenze, Geburt und Tod, über die kann man nicht hinaussehen. Geradeso wenig wahr ist es, dass man über Geburt und Tod nicht hinaussehen kann, wie es nicht wahr ist, dass man über das blaue Firmament nicht hinausschauen kann und nicht hinausdenken kann. Und wie es heute als das Zeichen eines beschränkten Geistes gelten würde, wenn man da oben das blaue Firmament als etwas Festes ansehen würde, so wird es in nicht allzu langer Zeit als das Zeichen eines beschränkten Geistes eben gelten müssen, wenn man sagen wird: Man kann nichts erkennen, was über Geburt und Tod hinausreicht. - Der Mensch trägt in sich die ewigen Kräfte seines Daseins. Und wenn er diese ewigen Kräfte seines Daseins nur wirklich ausbildet, dann gelangt er dazu, ebenso wie Giordano Bruno hinausgewiesen hat über das Firmament, hinauszuweisen über Geburt und Tod, so hinauszuweisen, dass man wissen kann: So, wie im unendlichen Raume eingebettet sind die Sterne, so ist unser eigenes menschliches Dasein eingebettet in die unermessliche Zeit. Wir waren da, bevor wir geboren worden sind, und wir werden da sein, nachdem wir gestorben sind.
Gewiss, für viele Menschen ist das heute ein Glaube, aber es wird in der Zukunft ein Wissen sein, es wird in der Zukunft eine Erkenntnis sein. Und zu diesen Reifegraden, dass das eine Erkenntnis werden wird, dass das etwas werde, was der Mensch so wissen kann, wie er, sagen wir, Rechnen, Geometrie weiß, dazu soll beitragen eine solche Bewegung, wie diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft es ist. Und nicht durch irgendwelche äußeren Veranstaltungen, nicht durch äußere Experimente wird das erreicht, sondern es wird dadurch erreicht, dass der Mensch an sich selbst arbeitet, dass er dasjenige, was sonst schlummert in ihm, zum Erwachen bringt und dass er in seinem Inneren die Kräfte des Ewigen gewahr wird. In dem Momente, wo die Menschen sich getrauten, mit ihrem Denken über das Firmament hinaus zu denken, in diesem Momente waren sie glücklich, den Raum als ein Unendliches zu erkennen. In dem Momente, wo sie den Mut fassen werden, über Geburt und Tod hinaus zu forschen, in diesem Momente werden sie ihr eigenes Seelisches als ein Ewiges wissen.
Sehen Sie, damit skizziere ich Ihnen nur eben mit ein paar Worten dasjenige, was eine ausgebreitete Wissenschaft ist, was eine so ausgebreitete Wissenschaft ist, dass, man möchte sagen alle anderen Wissenschaften befruchtet werden können gerade durch diese Geisteswissenschaft. Erst dann, wenn man auf diese Geisteswissenschaft wird eingehen können, werden gewisse Rätselfragen, die dem Menschen schwer auf der Seele liegen, sich lösen lassen. Und manches, was heute gesucht wird - man glaubt es suchen zu können aus den alten Voraussetzungen heraus -, man wird es nur suchen können, wenn man auf die hier gemeinte Geisteswissenschaft wird eingehen können.
Ich will Sie auf Eines aufmerksam machen, meine sehr verehrten Anwesenden. Es ist nun schon lange her, mehr als anderthalb Jahrhunderte, da wurde die Theorie gefasst, dass unser ganzes Sonnensystem hervorgegangen sci aus einem Urnebel. Ein Urnebel war da, so dachte man, der rotierte, der sich drehte. Man nennt das die Kant-Laplace’sche Theorie. Da ballten sich ab die Planeten von der Sonne, diese Planeten umkreisten dann die Sonne und so weiter, und im Laufe langer, langer Zeiten, da hätte sich auf dem Planeten, vorzugsweise also auf unserer Erde, gebildet - was man ja zunächst glaubt nur wissen zu können - Pflanzen, Tiere, zuletzt auch der Mensch und so weiter. Ja, es gibt immerhin einzelne Geister, welche das ganz Törichte dieser heute so viel bewunderten Naturanschauung eingesehen haben. Der große Kunstschriftsteller Herman Grimm, er hat einmal sehr schön über diese Kant-Laplace’sche Theorie gesprochen. Er sagte: Da bilden sich die Menschen heute ein, aus irgendeiner, besonders dieser Naturwissenschaft heraus annehmen zu dürfen, dass einmal ein solcher Urnebel da war, und aus diesem Urnebel heraus habe sich durch Zusammenballen von selber dasjenige gebildet, was wir heute auf der Erde bewundern. Und dann, das wird ja auch gesagt, nach wiederum unermesslich langen Zeiträumen wird all dasjenige, was auf der Erde ist, zugrunde gehen, die Sonne verfallen und so weiter. -— Herman Grimm meint: Ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund seine Kreise herumziehe, wäre ein appetitlicherer Anblick als diese sogenannte wissenschaftliche Errungenschaft. In der Zukunft werden die Menschen nicht begreifen, meint er, wie eigentlich ein solcher wissenschaftlicher Wahn in unserer Zeit habe Platz greifen können überhaupt, wie er die Menschen einmal habe überfallen können.
Sie müssen nur bedenken, meine sehr verehrten Anwesenden, was eigentlich mit einer solchen Sache gesagt ist. Es ist sehr viel gesagt, denn die Menschen, die heute unterrichtet werden gerade von unserer vielgepriesenen Wissenschaft, die betrachten es als einen Aberglauben, als etwas durchaus Rückständiges, wenn man nicht schwört auf das Vorhandensein dieses Kant-Laplace’schen Urnebels. Nun, ich weiß sehr gut alle Gründe, die solche Menschen vorbringen, die auf diesen Kant-Laplace’schen Urnebel schwören. Ich weiß auch, dass es durchaus begreiflich ist, dass, wenn jemand so spricht wie ich, dass man das als einen Wahn hinstellt, dass er dann unter Umständen als ein beschränkter Kopf oder selbst als ein wahnwitziger Mensch angesehen werden kann. Aber über diese Dinge wird man erst urteilsfähig, wenn man wirklich eindringt in dasjenige, was hier als Geisteswissenschaft gemeint ist. Denn da stellt sich heraus, dass ebenso wenig, wie der Mensch mit der Geburt etwa aus der Materie heraus entsteht, sondern wie er sich als Geist und Seele nur verbindet mit der Materie und wie er, nachdem er durch den Tod gegangen ist, auftaucht in der geistigen Welt als eine geistige Wesenheit, so ist dasjenige, was wir heute als unsere Erde erkennen, nicht aus einem materiellen Urnebel hervorgegangen, sondern unser Planet, unsere Erde, ist aus einem geistigen Zustande hervorgegangen, ist Geistiges. Das ist dasjenige, was vorangegangen ist allem Materiellen. Die Menschen forschen heute nach, wie der Geist sich an der Materie entwickle. In Wahrheit hat sich alle Materie aus dem Geiste entwickelt. Und geläuterte, gereinigte Begriffe bekommt man, wenn man sich auf dasjenige, was hier als Geisteswissenschaft gemeint ist, einlässt.
Sehen Sie, dasjenige, was heute die Menschen als Materie, als materielle Welt erkennen — was ist es? Ich möchte Ihnen das durch einen Vergleich wiederum darlegen. Nehmen Sie an, Sie hätten ein großes Bassin vor sich, darinnen sehen Sie Eisstücke, Sie sehen nicht, dass auch Wasser da ist; ich nehme an, Sie könnten das Wasser nicht sehen. Sie sehen dann die Eisstücke. Sie wissen nicht, wenn Sie nur die Eisstücke sehen würden - ich meine, wenn Sie niemals etwas vernommen hätten von dieser Sache, nur die Eisstücke sehen würden -, so würden Sie nicht wissen, dass dieses Eis ja nichts anderes ist als aus dem Wasser Entstandenes, durch Verdichtung aus dem Wasser Entstandenes.
So verhält sich der äußere Mensch gegenüber der materiellen Welt. Er schaut diese materielle Welt an und er glaubt, dass sie für sich da ist. Diese materielle Welt ist in Wahrheit ebenso durch Verdichtung entstanden, Verdichtung des Geistigen, wie das Eis durch Verdichtung des Wassers entstanden ist. Und indem irgendwo in der Art, wie ich es angedeutet habe, der Mensch die Kräfte in sich entdeckt, die ihn das Geistige schauen lassen, das Geistige wahrnehmen lassen, in dem Augenblicke sieht er alles Materielle wie eine Verdichtung des Geistigen an. Alles Materielle hört auf, eine Selbständigkeit zu haben. Und dasjenige, was wir als Erde, als materielle Erde, mit allem Materiellen, was darauf ist, anzuerkennen haben, das ist aus einer Geist-Erde hervorgegangen und das wird wiederum zurück sich verwandeln in eine Geist-Erde, sodass wir erkennen, dass das Materielle ein Zwischenzustand ist zwischen geistigen Zuständen. Ich schildere Ihnen mehr oder weniger nur die Ergebnisse; ich kann Ihnen natürlich nicht in einer kurzen Betrachtung alle die Methoden zeigen, die ebenso sichere Methoden sind wie diejenigen, die auf der Sternwarte zur Erkenntnis der äußeren materiellen Sterne verwendet werden oder die in der Klinik getrieben werden, um die menschliche Anatomie kennenzulernen. Die Methoden sind, insofern sie hier getrieben werden, durchaus geistige Methoden, aber sie führen zur Erkenntnis desjenigen im Menschen, was etwas ist, das als Seelisch-Geistiges mit dem Geistig-Seelischen der Welt zusammenhängt. Sehen Sie, der Mensch erlangt dadurch, dass er sich seines Geistigen wieder gewiss wird, eine gewisse innere Sicherheit, einen gewissen inneren Schwerpunkt, möchte ich sagen. Heute gibt es ja noch viele Menschen, welche durchaus mit Recht davon überzeugt sind, dass das Seelisch-Geistige durch die Todespforte geht und dann in einer geistigen Welt bleibt. Aber wenig wird darüber nachgedacht, dass, indem der Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt, er aus der geistigen Welt kommt. Was er aus der materiellen Welt erhält, ist nur wie eine Umkleidung dessen, was aus der geistigen Welt kommt, aus der geistigen Welt herunterkommt. Und ebenso, wie man sagen muss: Dasjenige, was nach dem Tode übrigbleibt, ist eine Fortsetzung des physischen Lebens, das wir auf der Erde führten, ebenso kann man sagen: Das, was hier auf der Erde zwischen Geburt und Tod ist, das ist eine Fortsetzung eines geistigen Lebens, das wir früher geführt haben. - Dadurch aber ergibt sich die Möglichkeit, ganz anders dem Menschen gegenüberzustchen, als man diesem Menschen gegenübersteht, wenn man eigentlich nur den Glauben hat, dass der Mensch mit der Geburt unmittelbar entstanden ist aus dem Materiellen heraus. Denken Sie nur einmal, was es heißt, ein werdendes Kind von seiner Geburt an anzuschauen, sich zu sagen: Mit jedem Tage, mit jeder Woche, mit jedem Jahre arbeitet sich der Geist, der aus dem Geistigen gekommen ist, heraus, arbeitet sich durch die materiellen Glieder hindurch. Wenn das einmal wirkliches Prinzip der Erziehung und des Unterrichtes des Menschen wird, dann werden Sie schen, welcher Einfluss auf die Pädagogik, auf die Erziehungskunst wirklich [aus]geübt werden kann. In dieser Beziehung kann dasjenige, was wir Geisteswissenschaft nennen, heute schon durchaus gebracht werden.
Wir waren in der Lage, in einer Stadt in Süddeutschland vor kurzer Zeit dasjenige einzurichten, was dienen soll im Sinne unserer Geisteswissenschaft als Erziehungskunst. In Stuttgart haben wir die Waldorfschule eingerichtet, eine Volksschule, die auf der einen Seite all den sozialen Forderungen dienen soll, die jetzt gestellt werden, wo nur Rücksicht genommen werden soll auf dasjenige, was der Mensch als Mensch ist, die aber auf der anderen Seite auch dienen soll all dem, was eine wirkliche Erziehungskunst der Zukunft ist, die ausgehen soll von einer wirklichen Menschenerkenntnis, die den Menschen so erziehen soll von seinem sechsten bis zu seinem fünfzehnten Jahre gerade durch die Schulzeit, dass in jedem einzelnen Lebensalter im siebenten, neunten, elften, fünfzehnten Jahre, immer Rücksicht darauf genommen wird, was sich da aus der Menschennatur heraus enthüllt. Dadurch allein können wirklich alle Kräfte der menschlichen Natur entwickelt werden. Ich will das nur andeuten. - Denn, da wir jetzt so glücklich sind, wiederum Licht zu haben, werden wir versuchen, zu unserer Eurythmie-Vorstellung möglichst bald zu kommen. - Sie ist es ja, wodurch man uns heute gestattet, schon praktische Versuche zu machen, und es ist mir eine große, eine tiefe Befriedigung, ein Lehrerkollegium auszubilden für diese Volksschule, ein Lehrerkollegium, das eine wirkliche Erziehungskunst entwickelt heraus aus der Geisteswissenschaft. Eine Erziehungskunst, die mit dem ganzen Menschen rechnet, nicht bloß mit der Leiblichkeit des Menschen, die mit dem Menschen rechnet als mit Leib, Seele und Geist.
Und sehen Sie, es ist ja so, dass dieses, was aus der Geisteswissenschaft heraus die menschliche Seele durchdringen kann, dem Menschen einen ganz anderen Halt zu bieten vermag als dasjenige, was heute vielfach als materialistische Gesinnung die Menschen durchsetzt. Davon wird sich die Menschheit noch überzeugen können. Es soll hier nicht ein müßiges Spiel getrieben werden mit allerlei vermeintlichen Wissenschaften, sondern es soll ehrlich und redlich gerade denjenigen Forderungen gedient werden, die heute in zahlreichen menschlichen Seelen Wurzel gefasst haben. Nur sind sich die Menschen noch nicht klar darüber geworden, was eigentlich für Sehnsucht in ihnen ist. Instinktiv streben heute die Menschen schon nach einer solchen geistigen Erkenntnis hin. Dieser geistigen Erkenntnis möchte alles dasjenige dienen, wofür dieser Bau hier ein äuRerer Repräsentant ist. Dieser Bau ist in seiner ganzen künstlerischen Gestaltung so eingerichtet, dass man ihm ansieht, es handelt sich um eine neue geistige Bewegung, um etwas, das unter die Menschen kommen muss, wenn die Kultur wirklich fortschreiten soll, nicht rückwärtsschreiten soll, rückständig bleiben soll mit dem, was von alten Zeiten heraufgekommen ist.
Nun, ich wollte Ihnen mit ein paar Worten das ehrlich-redliche Bestreben nach einer Geisterkenntnis charakterisieren, die hier gemeint ist, nach jener Seite, von der heute viele Menschen noch glauben, dass sie überhaupt irgendein Wahngebilde sei. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, als in Deutschland die erste Eisenbahn gebaut worden ist, von Fürth nach Nürnberg, da hat man ein Ärztekollegium gefragt um ein Gutachten, ob man eine solche Eisenbahn bauen solle. Und da hat das Ärztekollegium gesagt - es ist das kein Märchen, es ist eine wahre Tatsache, 1837 passiert, also noch nicht einmal hundert Jahre liegt das hinter uns -, da hat das Ärztekollegium gesagt, man solle keine Eisenbahn bauen, denn die Menschen, die darinnen fahren werden, die werden sich ihre Nerven ruinieren und man wird sie ganz krank machen. Aber wenn es schon solche Menschen gäbe, die sich bereitfinden, in den Eisenbahnen zu fahren, dann solle man wenigstens links und rechts hohe Bretterwände aufrichten, damit diejenigen, an denen die Eisenbahn vorbeifahre, nicht Gehirnerschütterungen kriegen.
Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist durchaus kein Märchen, das ist ein nachweisbares Gutachten einer gelehrten Gesellschaft. Sie können natürlich heute zahlreiche materialistisch denkende Menschen fragen, ob dasjenige, was hier an dieser Hochschule für Geisteswissenschaft getrieben wird, so getrieben werden solle? Und diese gelehrten Leute werden heute das Urteil abgeben: Es soll nicht getrieben werden, denn die Menschen könnten dadurch, ja, was weiß ich, den Verstand verlieren. Es ist das geradeso begründet wie das Ärztegutachten jenes bayrischen Medizinalkollegiums 1837, das geglaubt hat, durch die Eisenbahn würden die Menschen krank werden. Wenn man auf die Menschen hört, die so denken, dann kommt man überhaupt nicht weiter. Denn diejenigen Menschen, die heute solch einen geistigen Fortschritt ablehnen, wie er hier gemeint ist, die gehören auf das Blatt, auf das diejenigen gehörten, die, als Kolumbus seine Schiffe ausrüsten wollte, um hinauszufahren in die weite Welt, gesagt haben: Das ist doch ein Wahnsinn, da hinauszufahren! Wohin könnte man denn da kommen? - Er hat nur eben Amerika entdeckt, und wenn er nicht hinausgefahren wäre, wäre Amerika nicht entdeckt worden. Stellen Sie sich vor, wie anders die Welt heute ausschauen würde.
Gewiss, es gibt heute viele Leute, die sagen: Es ist ein reiner Wahnsinn, der da getrieben wird. Aber es wird eine Zeit kommen, wo man diesen Wahnsinn ansehen wird als etwas, was sehr notwendig war für die Entwicklung der Menschheit. Gewiss gibt es sehr viele Menschen, die sagen: Man kann doch dasjenige, was als Geist dargeboten wird, nicht essen und trinken. Von einem gewissen elementaren Standpunkte aus wird man Recht haben damit, aber von einem tieferen Standpunkte aus nicht. Denn dasjenige, was für die äußere materielle Kultur der Menschheit getrieben wird, das kann nur in richtiger Weise getrieben werden, wenn sich die Menschheit geistig zu verhalten weiß. Aber geistig verhalten kann sich die Menschheit nur, wenn sie wirklich in den Geist eindringen kann. Vom Geiste wird hier nicht nur gesprochen, sondern Geist soll wirklich erkannt werden — nicht nur gesagt werden ‹Geist ist in der Welt›, sondern es sollen die geistigen Methoden so durchschaut werden, dass man aus Überzeugung, mit Bestimmtheit sagen kann: Unsere Erde ist nicht aus einem Kant-Laplace’schen Urnebel hervorgegangen, sondern aus einem geistigen Wesenszustand, und kehrt wiederum mit uns allen in einen geistigen Wesenszustand zurück - und dergleichen mehr.
Sehen Sie, dasjenige, was wir Ihnen als ein Stück darbieten wollen des Künstlerischen, das hier getrieben wird, als eine Probe unserer Eurythmie, es ist ja im Grunde genommen etwas von dem, was nur geboten werden kann, wenn man vieles, was sonst nur materiell angeschaut wird, was sonst nur mit den äußeren Sinnen angeschaut wird, wenn man das vom Gesichtspunkte einer Geisterkenntnis auffasst. Der Mensch spricht durch seinen Kehlkopf und dessen Nachbarorgane, Zunge, Gaumen und so weiter. Wir wenden, indem wir dem Menschen zuhören, unsere Aufmerksamkeit durch das Ohr auf das Gehörte. Aber während wir sprechen, da bewegt sich fortwährend, ohne dass es gesehen wird, wenigstens in der Anlage der Kehlkopf und seine Nachbarorgane. Das weiß sogar die Physik, dass da Bewegung im Spiele ist. Denn während ich hier zu Ihnen rede, bewegt sich die Luft im Saale in bestimmten Formen.
Durch dasjenige geistige Schauensvermögen, durch das man den Geist in der Natur, im Menschen erkennt, erkennt man auch das Geistige, das der menschlichen Sprache zugrunde liegt. Dieses Geistige kann man dann so, wie wir cs hier in der eurythmischen Kunst tun, anwenden auf Bewegungen des ganzen Menschen. Und so werden Sie heute Menschen sich bewegen sehen hier auf der Bühne, die sich nicht bewegen in Bewegungen, die wir ausgedacht haben, o nein, sondern wenn Sie dabei ein Gedicht rezitieren hören, wenn Sie kunstvolle Sprache dabei hören, dann machen die Menschen hier oben mit ihrem ganzen Körper diejenigen Bewegungen, die sie sonst selbstverständlich ausführen, wenn sie die Sache sprechen. Nur hört man sonst der gesprochenen Sprache zu, den Lauten zu, dem Hörbaren zu. Hier kommt eine sichtbare Sprache. Aber dieselben Bewegungen, die sonst auch ausgeführt werden, die werden hier durch den ganzen Menschen zur Anschauung gebracht. Sie lernen also, ich möchte sagen den ganzen Menschen kennen wie einen lebendig gewordenen Kehlkopf, eine sichtbar gewordene Sprache. Und Kunst ist immer dasjenige, was dadurch entsteht, dass gewisse Geheimnisse der Natur offenbar gemacht werden.
Goethe nach haben wir diese Hochschule für Geisteswissenschaft Goetheanum genannt. Er hat das schöne Wort gesagt: Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis enthüllt, der sehnt sich nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst. Und besonders, wenn wir dem Menschen gegenüberstehen. Oh, im Menschen ist unendlich viel Geheimnisvolles. Wenn wir dasjenige, was unsichtbar zugrunde liegt der Sprache, hervorholen durch die Bewegungen der Arme, durch die Bewegungen des ganzen Menschen, durch die Bewegungen von Menschengruppen machen lassen, dann wird dasjenige enthüllt, was als so großes Wunder lebt in der menschlichen Sprache. Die Menschen sehen gar sehr - besonders heute - hinweg über dasjenige, was als großes Wunder überall zugrunde liegt dem natürlichen Dasein. Derjenige, der kennenlernt, welcher Wunderbau dieser menschliche Kehlkopf mit seinen Nachbarorganen ist und der aufzuwecken versucht dasjenige, was im Kehlkopf und seinen Nachbarorganen darinnen lebt, was als ein Wunder bewahrt ist in dem einzelnen Menschen, der kann es verstehen, dass Goethe tatsächlich es ausspricht: Denn indem der Mensch an den Gipfel der Natur gestellt ist, sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich selbst abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich endlich zur Produktion des Kunstwerkes erhebt. - Und wenn er dann aus sich selber ein Instrument macht und enthüllt dasjenige, was für seine eigenen Glieder zum Vorschein kommen kann, dann kommen ganz besonders tiefe Naturgeheimnisse, Geistesgeheimnisse, Seelengeheimnisse für die unmittelbar menschliche Empfindung zum Vorschein. Dasjenige, was heute in der Schule getrieben wird als Turnen, es wird bloß aus dem Leibe heraus gedacht; einmal wird es an der Stelle dieses Turnens auch diese Eurythmie geben. Diese Eurythmie, sie wird durchgeistigtes Turnen, beseeltes Turnen sein. Der Mensch wird nicht nur diejenigen Bewegungen machen im Turnen, die er macht, weil ihm der Anatom, der Physiologe, der Naturwissenschafter sagt, dass dies körperlich gesund sei. Man wird einsehen, wie die Gesundheit auch vom Seelischen, vom Geistigen ausgeht und wie der Mensch tatsächlich beseelte Bewegungen dann macht, beseelte, durchgeistigte Bewegungen. Und man hat es ja auch schon sehen können, wenn man gesagt hat gegenüber der Waldorfschulpädagogik, wo immer eine Stunde nur das gewöhnliche Turnen getrieben wird, die andere Stunde Eurythmie mit den Kindern zum Beispiel getrieben wird, man hat sehen können, wie die Kinder dabei sind, wie sie sich enthusiasmiert fühlen von dem, dass sie nun Bewegungen machen, die nicht bloß aus dem Leibe heraus gedacht sind, sondern die aus Geist und Seele heraus gedacht sind. Auch in diesem kleinen Teile - es ist nur ein ganz kleiner Teil von dem, was wir mit unserer Geisteswissenschaft meinen, aber auch da zeigt sich, was wir wollen: auf allen Gebieten Durchgeistigung, Durchseelung. Und so bitte ich Sie, das, was hier geboten wird, als einen Anfang zu betrachten. Es muss alles erst vervollkommnet werden. Nehmen Sie es mit Nachsicht als einen Anfang auf, aber man kann schon daraus erkennen, wohin, möchte ich sagen, der Weg geht. Er geht zu einer wirklichen Geisteskultur, die auf allen Gebieten des Lebens fruchtbar werden kann.
Und jetzt möchte ich Ihnen, meine sehr verehrten Anwesenden, eine kleine Probe von dieser eurythmischen Kunst zeigen. Sie werden sehen, wie der ganze Mensch die Bewegungen ausführt, die man sonst nicht sieht, sondern nur hört. Sie werden eine sichtbare Sprache seen, und Sie werden hören, wie zu gleicher Zeit die Musik bei dem Ertönen dasselbe ausdrückt, was Sie auf der Bühne sehen durch die Bewegungen des Menschen. Sie werden hören die Gedichte rezitieren, die eben durch die Sprache dasjenige ausdrücken, was Sie auf der Bühne hier sehen werden durch den bewegten Menschen: eine sichtbar gewordene Sprache. Sie werden sie erkennen als etwas, das erst aus der Natur, aus den geheimnisvollen Tiefen der menschlichen Wesenheit herausgeholt werden soll. Und so bitte ich Sie, mit Nachsicht dasjenige aufzunehmen, was auch nur ein Anfang sein soll, so wie unser Bau nur ein Anfang sein soll. Denn wir glauben, dass, wenn die Menschen diesen Dingen Interesse entgegenbringen, so wird dasjenige, was hier getrieben wird, immer mehr und mehr gleichsam nach sich ziehen, sodass dasjenige, was heute noch von vielen nur als etwas Törichtes, Phantastisches angesehen wird, einstmals als etwas Selbstverständliches, als wahre Kunst angesehen wird, etwas, was zu jedem menschlichen Dasein notwendig ist und was wie ein geistiges Licht anerkannt werden wird, weil die Menschen es brauchen werden.
Nach einer kurzen Pause wollen wir nun zwei kleine Szenen aus «Faust» darstellen: «Mitternacht». Dieser zweite Teil des «Faust» ist Ja, wie Sie vielleicht wissen, Goethes reifste Dichtung. Das Manuskript zum zweiten Teil des «Faust» ist kurz vor Goethes Tod erst fertig geworden, und der zweite Teil ist erst nach Goethes Tod erschienen. Man kann sagen, dass die «Faust»-Dichtung Goethe eigentlich sein ganzes Leben hindurch begleitet hat. Vielleicht zu den allerersten, wenigstens nahezu zu den allerersten Dichtungen Goethes gehören die ersten Szenen des ersten Teils. Und immer wieder und wieder hat Goethe im Verlaufe seines langen Lebens die «Faust»Dichtung vorgenommen und im höchsten Alter sie erst vollendet. Gerade an der «Faust»-Dichtung kann man so recht beurteilen, was es bedeutet, ein aufsteigendes und fortwährend sich entwickelndes Leben durchzumachen. Wir wissen ja, dass auch heute es immer noch Leute gibt, welche mit dem größten Vergnügen sich nur an die Jugenddichtungen Goethes halten, die ganz eigentlich aus der Sphäre des gewöhnlichen Lebens heraus nur gedichtet sind. Goethe hat ja dann verschiedene Stufen, immer reifere und reifere Stufen seines Schaffens durchgemacht. Als Goethe in Italien war und die großen Kunstwerke betrachten konnte, da glaubte er erst recht in das Wesen der Kunst eingedrungen zu sein. Und er sprach ja dazumal die großen, schönen, bedeutungsvollen Worte aus: Ich habe nun die Kunst der Griechen kennengelernt und glaube, dass die Griechen nach denselben Gesetzen verfuhren bei Erschaffung der Kunstwerke, nach denen die Natur selbst verfährt und denen ich auf der Spur bin. Goethe selbst wusste, wie er immer mehr und mehr heranreifte zu immer höherer Kunstauffassung.
Daher muss es uns merkwürdig berühren, wenn wir sehen, wie es auch schon Zeitgenossen Goethes gab, welche immer wieder zurückwiesen auf die ersten Teile des Goethe’schen «Faust», als Goethe seine «Iphigenie», seinen «Tasso» und seine «Natürliche Tochter» geschrieben hatte, die er selber als viel bedeutendere Kunstwerke betrachtete als den ersten Teil des «Faust». Da gab es viele, die sagten: Na, Goethe ist eben alt geworden, da kann er sich nicht mehr so recht auf der Höhe halten. - Die Leute wussten gar nicht, woran es eigentlich lag, nämlich: Sie konnten sich nicht auf die Höhe Goethes hinaufstellen und wiesen daher immer wieder zurück auf das, was Goethe in seiner Jugend gedichtet hat. Dasselbe hat man lange nach Goethes Tod noch erleben müssen, zum Beispiel dass ein großer Ästhetiker, sogar Leute, die man durchaus nach einer gewissen Seite schätzen kann, der sogenannte Schwaben-Vischer - der V-Vischer, weil er sich mit V schrieb -, der dicke Bände einer Kunstgeschichte geschrieben hat und der, trotzdem er ein bedeutender Gelehrter in der Kunst war, immer wieder gesagt hat: Ja, der erste Teil, das ist ein richtiges Kunstwerk; aber der zweite Teil des «Faust», das ist ein zusammengeschustertes, zusammengeleimtes Machwerk des Alters. - Sehen Sie, man muss schon auf solche Dinge hinweisen, denn es gibt unter den großen Kennern Leute - na, sehen Sie, wie es höhere Töchter gibt, so gibt es höhere Philister, und trotzdem ich den Schwaben-Vischer, Friedrich Theodor Vischer, doch sehr schätze von einer gewissen Seite her, so ist er doch dem «Faust» gegenüber ein höherer Philister. Er hat ja auch versucht, einen anderen Teil zu «Faust II» zu schreiben. Und es muss erwähnt werden, dass Goethe selbst oft einen bitteren Groll gehabt hat über die Leute, die seine späteren Dichtungen — «Faust II» erschien ja erst nach seinem Tode, aber dem wäre es ebenso gegangen -, zum Beispiel den «Tasso», seine «Iphigenie», seine «Natürliche Tochter» und so weiter nicht mochten und immer wieder zurückwiesen auf den ersten Teil seines «Faust». Da sagte Goethe:
Da loben sie den Faust
Und was noch sunsten
In meinen Schriften braust
Zu ihren Gunsten.
Das alte Mick und Mack,
Das freut sich sehr,
Es meint das Lumpenpack
Man wär's nicht mehr.
So hätte Goethe wohl auch gesagt, wenn er erfahren hätte, wie der Schwaben-Vischer oder andere Gelehrte über den zweiten Teil seines «Faust» gedacht haben. Im ersten Teile des «Faust» - mit Ausnahme dieser Szenen, wo er auch mit der Empfindungswelt des Menschen ins Übersinnliche hinaufsteigt, um im Weiteren das menschliche Leben darzustellen -, so schön die Gretchen-Szenen sind im irdischen Felde, im zweiten Teile, ja, um in die übersinnliche Welt selbst hinein zu dringen, auf die Welt der geistigen Erlebnisse hinzuweisen, da muss man sagen, dass es schwer ist, diesen zweiten Teil des «Faust» mit den gewöhnlichen Mitteln darzustellen und die höchsten Erlebnisse des Menschen auf der Bühne vorzuführen. Wer mancherlei gesehen hat, wie ich - ich habe in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die liebenswürdige Bearbeitung des zweiten Teiles des «Faust» von Wilbrandt im Wiener Burgtheater gesehen, in seiner eigenartigen, liebenswürdigen Regie, habe dann manches andere über die Bühne gehen sehen, zum Beispiel in der Devrient’schen Mysterienbearbeitung des «Faust» mit der Lassen’schen Musik und so weiter —, aber man kann immer sehen: Die Mittel der Bühne, man sieht es überall, sie reichen hier nicht aus.
Nun haben wir schon versucht, verschiedenes Charakteristisches in Angriff zu nehmen in unseren eurythmischen Kunstdarbietungen und den zwei kleinen Szenen, wo an den Faust herangetreten wird mit Bezug auf diejenigen inneren Erlebnisse, die Faust hat mit diesen Seelenkräften und Schicksalskräften. Das ist etwas, wo durchaus das Menschenleben hinaufgerückt wird in eine höhere Sphäre. Und da kann man sagen: Goethe wollte nach seinen Imaginationen in diese Dichtung seines Lebens viel, viel hineingeheimnissen. Das muss aber auch bühnenmäßig in der richtigen Weise herausgeholt werden. Man kann es nicht mit den gewöhnlichen Bühnenmitteln herausholen. Nun nehmen wir hier zu Hilfe die eurythmische Kunst, die Darbietungen, die ich Ihnen vorhin beschrieben habe und die Sie in einigen Proben hier gesehen haben.
Wir stellen dann noch dar die Szene «Faust» um «Mitternacht», wo er alle Tiefen und Schauer des Lebens erlebt. Selbstverständlich, das, was Faust spricht, muss mit den gewöhnlichen Bühnenmitteln dargestellt werden; dann aber, wenn diese vier Gestalten, die vier grauen Weiber, namentlich die Sorge auftritt, da soll die Eurythmie zu Hilfe genommen werden, damit dasjenige, was Goethe so schön hineingeheimnisst hat in seine «Faust»-Dichtung von den tiefsten menschlichen Seelenimpulsen und Seelenerfahrungen, damit das gerade durch diejenige Kunst herauskomme, die sich selbst aus der Menschennatur heraus entwickeln und offenbaren möchte.