Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920

GA 277b — 5 April 1919, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

Program
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Sehr verehrte Anwesende!

Gestatten Sie, dass ich unserer eurythmischen Darstellung nur ein paar Worte voraussende. Es scheint mir notwendig, weil ja unsere Darbietung noch nicht den Anspruch einer gewissen Vollkommenheit schon machen kann. Es handelt sich um einen Versuch, ja, ich darf vielleicht sogar sagen um den allerersten Keim eines Versuches. Würde ich das nicht sagen, so könnte man schr leicht glauben, dass wir durch unsere Eurythmie in irgendeine Konkurrenz treten wollten zu Nachbarkünsten, allerlei pantomimischen oder Tanzkünsten, die heute ja bis zu einem hohen Grade von Vollkommenheit ausgebildet sind. Dass wir auf dem Boden der besonderen Kunstform, die hier dargeboten werden soll, nichts so Vollkommenes wie diese Nachbarkünste [bieten können], das ist uns voll bewusst, und wir bilden uns gar nicht ein, mit diesen Nachbarkünsten irgendwie zu konkurrieren. Es handelt sich aber auch gar nicht darum, irgendetwas diesen Künsten Gleiches oder Ähnliches darzubieten, sondern es handelt sich darum, etwas Eigenes, Besonderes hinzusetzen, das wie im Grunde genommen alles, was hier in diesem Goetheanum gepflegt wird, auf dem Boden der Goethe’schen Weltanschauung steht, — hier in diesem Falle auf dem Boden der Goethe’schen Kunstanschauung steht. Nicht so, als ob wir dasjenige, was Goethe gemacht hat, herübernehmen wollten einfach in unsere Zeit, sondern so, wie wir empfinden, dass der Goetheanismus umgestaltet werden muss nach den Empfindungen, nach den Kunst- und geistigen Anschauungen der Gegenwart, der modernen Zeit.

Wenn ich zunächst darauf aufmerksam machen soll, wie diese Kunstform, die wir Eurythmie nennen hier, eigentlich entstanden ist, so will ich damit nichts über das ästhetische Moment zunächst noch sagen; das muss sich aus dem unmittelbaren Anschauen ergeben. Allein es kann vielleicht doch von Bedeutung sein, darauf aufmerksam zu machen, wie diese besondere Kunstform gefunden ist. Und da darf ich auf etwas hinweisen, was zunächst theoretisch erscheint, was aber tief begründet ist in Goethes grandioser Naturanschauung, die dann metamorphosisch übergegangen ist in seine umfassende Kunstauffassung. Ich möchte auf das hinweisen, was man die Goethe’sche Metamorphosenlehre nennt, die - in künstlerische Empfindung umgesetzt - in unserem ganzen Bau auch wahrzunehmen ist.

Goethe sah - um das kurz anzudeuten - jedes einzelne Pflanzenblatt als eine ganze Pflanze an, auch das einzelne farbige Blumenblatt als eine ganze Pflanze an. Er dachte sich in der Idee, in der metamorphosischen Entwicklung jedes einzelne Blatt als ganze Pflanze, aber auch die ganze Pflanze nur als ein kompliziertes ausgestaltetes Blatt.

Diese Goethe’sche Anschauung kann man nun anwenden auf alles Lebendige, vor allem auf das umfassendste Lebendige, auf den Menschen selbst. Hier in der Eurythmie ist diese, ins Künstlerische umgesetzte Naturanschauung angewendet, und nicht auf die Formgestaltung allein, sondern auf die Bewegung. Intuitiv ist gesucht worden, was eigentlich für besondere Intentionen, für besondere Anlagen, für Bewegungskeime im menschlichen Kehlkopf und seinen Nachbarorganen vorhanden sind, wenn der Mensch übergeht in Künstlerisches, also Dichterisches oder Musikalisches, gesangliches Hervorbringen des Lautes. Dabei wendet sich ja die Aufmerksamkeit des Menschen vorzugsweise dem Hörbaren zu. Und nur derjenige, der etwa schen würde - vielleicht durch künstliche Einrichtungen -, wie die Luftmasse, angeregt durch die Bewegungsanlage des Kehlkopfes und seiner Nachbarorgane, in rhythmische Schwingungen versetzt wird, wenn der Mensch künstlerisch spricht, oder gesanglich sich hörbar macht, wer dieses sehen würde, der würde sehen, wie da aus dem einzelnen Organkomplex des Menschen heraus eine ganze Welt entsteht, der ganze Mensch sich offenbart. So wie nun das einzelne Pflanzenblatt in der ganzen Pflanze wieder ersteht auf kompliziertere Weise, so kann man umgestalten das, was man intuitiv, übersinnlich wahrnimmt, während der Mensch künstlerische Töne formt. Das kann man umgestalten zur Bewegung und Gestaltung des ganzen Menschen. Der ganze Mensch kann Kehlkopf werden. Dann, in dem ganzen Menschen, wirkt wiederum wie in inneren, bedeutsamen, lebendigen Anlagen dasjenige, was sich im einzelnen Kehlkopf zum Ausdruck bringt. Goethe sagte einmal so schön: Die Kunst beruht auf einer Manifestation geheimer Naturgesetze, die ohne sie niemals zur Wahrnehmung käme. - Und wiederum mit einem anderen Worte bezeichnet er das subjektiv als dasselbe, indem er sagt: Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis enthüllt, der empfindet eine gewisse Sehnsucht nach ihrer besten Auslegerin, der Kunst.

Die Wahrheit dieser Worte fühlt man so recht, wenn man umsetzt eben dasjenige, was sonst übersinnlich und unsichtbar im menschlichen Sprechen und Singen [ist, wenn das] in der Bewegung des Gesamtorganismus des Menschen zum Ausdruck kommt. Was Sie also hier auf der Bühne sehen, ist teilweise in der Umgestaltung der Bewegung des einzelnen Menschen aber auch von Menschengruppen so ausgeführt, dass in dem sichtbaren Ausdruck der durch den ganzen Menschen sichtbare Kehlkopf des Menschen sich darstellt. Eurythmie soll ein sichtbarlich gewordenes Sprechen sein. Allerdings, Kunst, künstlerische Empfindung muss in der ganzen Entstehung der Eurythmie zugrunde liegen. Nicht graue Theorie oder Wissenschaft ist es, woraus das entstanden ist, was Sie hier sehen werden, sondern eben die Goethe’sche Natur- und Kunstauffassung in unmittelbare Empfindung umgesetzt. Dasjenige hauptsächlich, was der einzelne Mensch darstellt, in seinen Stellungen, seinen Bewegungen, es ist dasjenige, was im Kehlkopfe sonst als Bewegungsanlage beim künstlerischen Sprechen und Singen sich offenbart. Dasjenige, was wir in Gruppen darstellen, in dem gegenseitigen Verhältnisse einer Person zur anderen in den Gruppen, in den Bewegungen der Gruppen, das ist mehr dasjenige, was dann die Sprache durchglüht als Empfindung, als innere Seelenstimmung, als Seelenwärme. Das ist dasjenige, was in künstlerischer Sprachgestaltung als Reim, als Rhythmus, als verschiedene Assonanz und so weiter vorhanden ist. Da kann alles dasjenige, was sonst nur in das tonliche Element, in das Hörbare übergeht also, stilvoll durch eine Ausgestaltung und Offenbarung des ganzen Menschen und von Menschengruppen sichtbarlich ausgedrückt werden. Stil- nach Goethes Wort beruhend auf den tiefsten Grundlagen der Erkenntnis, auf dem Wesen der Dinge, insoferne es uns gestattet ist, es in greiflichen und sichtbaren Gestaltungen darzustellen -, das ist hier versucht, diese höchste Offenbarung der Welt, diesen Mikrokosmos, den Menschen, in dem, was in ihm liegt, zu empfinden, sichtbarlich, wie einen großen Kehlkopf darzustellen.

Natürlich sage ich, indem ich dieses ausspreche, nichts anderes, als wie diese Kunstform entstanden ist: So wie die Natur im Menschen selber schafft dasjenige, was Kunst werden kann - in der Dichtung, im musikalischen Gesange -, so kann dasjenige, was im ganzen Menschen liegt, zur Kunst werden. Aber alles dasjenige, was ich gesagt habe, soll nur die Entstehung ausdrücken. Das Künstlerische muss in der unmittelbaren Anschauung empfunden werden. Und wir sind überzeugt, es kann auch empfunden werden.

So werden wir uns bemühen, auf der einen Seite das Tonliche zum Hören zu bringen durch die Rezitation oder Deklamation oder durch Musik, [und auf der anderen Seite] dasselbe, was gehört werden kann, sichtbarlich durch die Eurythmie zur Anschauung zu bringen.

Man kommt ja, sehr verehrte Anwesende, auch gegenüber unserer eurythmischen Kunstform, durch die Rezitation in Konflikt mit den heutigen Anschauungen. Die jetzt jüngeren Leute haben - selbst in dekadenter Form, wie sie noch in den siebziger, achtziger Jahren vorhanden war -, die alte Rezitationskunst nicht mehr kennen gelernt, jene Rezitationskunst, welche äußerlich die Form wahrte. Man braucht nur daran zu denken, wie Goethe in Weimar mit dem Taktstock seine «Iphigenie» einstudierte. Heute hat man zum großen Teil viel mehr Wohlgefallen - nicht so sehr an dieser Rezitation, die das Formelle, das eigentlich Künstlerische, das mit dem Inhalt der Worte nichts zu tun hat, berücksichtigt, nicht so sehr als an vorgetragener Prosa, aus der hervorgeht das Inhaltliche, Nuancen und dergleichen. Wir müssen darauf schauen, hier die Rezitation, die mit der Eurythmie zu einem Gesamtkunstwerke zusammentreten soll, so zu gestalten, indem wir zurückgehen — wie unsere Tanzkunst auch auf den sakramentalen Tanz des Altertums vielfach zurückgehen muss -, wir müssen zurückgehen zu älteren Formen des Rezitierens, die heute weniger verstanden werden, die aber wieder verstanden werden können, wenn aus der niedergehenden Kunstkultur des 19. Jahrhunderts sich entwickeln wird etwas, was wiederum elementares Geistiges, Übersinnliches vor allen Dingen in sich hat. Um mit einem Worte Goethes diese kurze Einleitung zu beschließen, lassen Sie mich aussprechen etwas, das Goethe gewissermaßen über seine Naturanschauung und seine Kunstanschauung in dem schönen Buch über Winckelmann ausspricht: Wenn der Mensch an den Gipfel der Natur gestellt ist, so fühlt er sich wiederum da als einen Gipfel, indem er die ganze Natur zusammenfasst; er sucht Ebenmaß, Harmonie, Ordnung auf und erhebt sich endlich zur Produktion des Kunstwerkes, in dem der Geist der Welt seiner selbst bewusst wird. - Das empfindet man insbesondere, wenn man gerne möchte, den ganzen Menschen zu einem Kunstwerk umzugestalten, wie es hier durch die Eurythmie geschehen soll.

Aber bei alledem bitte ich Sie, sehr verehrte Anwesende, dasjenige, was wir hier unternommen haben als die Absicht, zu irgendeiner neuen Kunstform zu gelangen, zu betrachten als einen Anfang. Wir selbst denken sehr bescheiden über dasjenige, was die Eurythmie hier zunächst noch ist; aber wir glauben auf der anderen Seite, dass aus dem, was hier als ein schwacher Anfang vorliegt, wirklich einmal etwas Vollkommenes werden kann. Nehmen Sie das Dargebotene in diesem Sinne auf. Wir sind überzeugt, dass die Eurythmie, entweder noch durch uns selbst, oder - wenn uns dieses verwehrt werden wird - durch andere, dass aus diesem schwachen Anfange, den wir heute erst darbieten können, einst eine selbständige Kunstform entstehen kann, die sich neben die anderen Künste vollgültig hinstellen kann.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →