Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920

GA 277b — 6 May 1919, Stuttgart

Ansprache zur Eurythmie

Diese Aufführung um 12 Uhr fand ausschließlich für die Angestellten und Arbeiter der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik im Kuppelsaal des Kunstgebäudes Stuttgart statt.

Was wir Ihnen vorführen wollen, ist eine neue Kunst, aber Sie müssen berücksichtigen, dass wir mit dieser neuen Kunst ganz am Anfang stehen. Was damit gewollt wird, es wird ja auch nach einiger Zeit vollkommener werden können, und es wird zu gewissen sehr weiten Zielen hinführen können. Allein man wird schon jetzt aus den Vorstufen, die wir gewissermaßen erreicht haben, sehen, was gerade mit dieser besonderen Kunst für das zukünftige Leben der Menschheit gemeint ist. Auch diese Kunst soll sich nämlich in jenes Leben der Menschheit hineinstellen, das nicht engbegrenzten Kreisen angehört, sondern der ganzen breiten Masse der Menschheit dienen soll. Auch diese Kunst soll sich in dieses Zukunftsleben hineinstellen.

Wenn ich daher vergleichen wollte dasjenige, was Sie als Eurythmie sehen werden, mit irgendetwas, was gegenwärtig in der Welt gepflegt wird, so könnte ich es nicht. Gewissermaßen ist das, was sonst als Bewegungskunst ausgeübt wird, immer nur ein Stück, ein Teil von dem, was Sie hier sehen werden und dasjenige, was hier gepflegt wird, ist der Versuch eines Zusammenflusses von verschiedenen Einzelheiten des vollen menschlichen Wesens zu kräftigender, gesundender, wie andrerseits zu künstlerisch sich entfaltender Tätigkeit. Wenn ich auf der einen Seite einen Vergleich ziehen sollte, so möchte ich sagen, es wird durch diese Eurythmie etwas angestrebt in seelischer, in geistiger Weise, sodass der Mensch sich wirklich auch dabei als seelisches und geistiges Wesen fühlt, was nur in ungeistiger, in unseelischer Weise bisher angestrebt worden ist durch das Turnen. Das Turnen bringt den Körper des Menschen nach körperlichen Gesetzen in eine äußere Bewegung, und man darf sich darin keiner Illusion hingeben: Das Turnen ist eine Bewegungskunst ohne eigentlich seelisch-geistiges Element. Hier sehen Sie eine Bewegungskunst, die in den menschlichen Bewegungen der Glieder zugleich Seelisch-Geistiges durchleuchten lässt. Wenn ich nach der anderen Seite einen Vergleich ziehen möchte, so könnte man das, was hier geboten wird, zwar vergleichen mit der Bühnentanzkunst. Aber auch das, was in der Bühnentanzkunst geboten wird, ist nur eine einseitige Ausgestaltung eines wahren Menschlich-Künstlerischen, denn da wird von Äußerlichkeiten ausgegangen und Äußerlichkeiten werden dann in menschliche Tanzbewegungen umgesetzt.

Hier wird nicht von etwas Äußerlichem ausgegangen. Was Sie hier, meine sehr verehrten Anwesenden, von diesen Menschen einzeln dargestellt sehen werden und von den Verhältnissen der Stellungen und Bewegungen von Menschengruppen — Sie machen [es] im Grunde genommen fortwährend selbst den ganzen Tag hindurch. Nur machen Sie es nicht mit Ihren äußerlich sichtbaren Gliedern, mit Armen und Beinen, sondern Sie machen es, indem Sie sprechen, fortwährend mit den äußerlich unsichtbaren Organen Ihres Kehlkopfes, und Sie machen es mit der Luft, die Sie durch Ihren Kehlkopf in Bewegung bringen. Da ist man nur nicht aufmerksam auf die Art, wie die Organe des Kehlkopfes und die benachbarten Organe schwingen, wie Gaumen und Lunge in Bewegung sind, weil man beim Sprechen zuhört, weil man auf die Umsetzung der Bewegungen in den Ton hinhört. Aber wer sich vertiefen kann in dasjenige, was eigentlich Kehlkopf, Lunge, Zunge, Gaumen, Lippen vollführen, was namentlich die Luft vollführt, wenn gesprochen wird, [der sieht,] so kann man sagen: Die kunstvollsten Bewegungen werden von jedem Menschen im Sprechen ausgeführt, besonders aber im künstlerischen Sprechen, in der Deklamation, und diese Bewegungen, diese künstlerischen Bewegungen sind in ihrer Wirkung dem Musikalischen ähnlich. Sodass man sagen kann, so sonderbar es klingt: Was wir als Eurythmie bringen, es ist etwas den geheimnisvoll künstlerischen Schöpfungen Abgelauschtes, welche die Natur des Menschen im Sprechen vollzieht. - Wenn Sie irgendeinen Eurythmisten auftreten sehen, so ist alles, was Sie da auftreten sehen in dem Verhältnis der Stellungen und Bewegungen der Gruppe in menschliche Bewegung umgesetzte Kehlkopfbewegung. Da ist der ganze Mensch und die ganze Gruppe einfach Kehlkopf, alles wird Sprachorgan.

Daher können wir auf der einen Seite hören lassen das Musikalische, auf der anderen Seite das, was im Musikalischen veranlagt ist, statt durch Kehlkopfbewegungen wie im Singen durch die Bewegungen der Menschengruppen. Daher können wir auch Dichterisches, kunstvoll geformte Sprache in der Bewegung einzelner Menschen, in Bewegungen und Stellungen von Menschengruppen darstellen. Dasjenige, was das einzelne Wort, der einzelne Laut enthält, das drückt immer der einzelne Mensch in der Eurythmie aus. Dasjenige, was unsere Sprache, namentlich unsere dichterische Sprache durchsetzt an menschlicher Empfindungswärme, an Gemütsinhalt, das drücken die Bewegungen und Stellungen der Gruppen aus. Und alles im reinen Rhythmus. Alles können wir ausdrücken durch dasjenige, was Sie hier sehen werden. Also das, was im Menschen am beseeltesten ist, dasjenige, wodurch des Menschen innerste Gemütsbewegungen nach außen sich ausdrücken, das menschliche Sprachorgan, das übertragen wir auf den ganzen Menschen. Dadurch durchseelen und durchgeistigen wir den Menschen, bringen das, was im Körper geformt ist, in den Geist hinein, sodass der Mensch in der Eurythmie sich als Seele, als Geist in Wirklichkeit fühlen kann.

In der neueren Zeit haben die Menschen verlernt, zu der wahren dichterischen Kunst ein Verhältnis zu haben. Rezitieren, deklamieren kann man heute wirklich gar nicht mehr, weil man doch immer Prosa liest. Hier ist der Mensch genötigt zu wissen, dass Dichtung mehr ist als bloße Prosa, dass Dichtung geformte, gestaltete Sprache ist. Daher wird [das Gesprochene], wenn jetzt rezitiert werden wird - wodurch Sie das, was Sie in den Bewegungen schen, auch hören werden -, durch das kunstvolle Sprechen wiedergegeben werden, nicht durch prosaische Deklamation, wie Sie es überall da sehen können, wo die Kunst verloren ist auf diesem Gebiet. [Es muss] wiederum gefunden werden für die Deklamation eine echte Kunst. Diese Kunst wird gerade gelernt, wenn man genötigt ist, das Deklamieren dem anzupassen, was der Mensch, wenn er ganz Kehlkopf ist, zum Ausdruck bringen muss.

So sehen Sie, wird zusammengefügt zu einer Einheit das seelenlose Turnen mit dem nur äußerlich beseelten Tanz. Dadurch wird etwas geschaffen, was nicht bloß zum Anschauen ist wie der Bühnentanz, auch nicht bloße Körperbewegung ist wie das Turnen, sondern es ist beides, ist als Kunst etwas Neues, was man als Mensch ausführen kann, indem man sich aus dem Geistig-Seelischen heraus gesund und kräftig macht, was das Turnen nicht kann, weil es nicht den ganzen Menschen ergreift.

Aber Sie müssen berücksichtigen: Die Arbeit ist eine große. Sie will dem Leben der Zukunft dienen, der Zukunft, von der ich Ihnen in Ihrer Werkstätte drüben in Ihrer Fabrik kürzlich vom sozialen Standpunkte aus gesprochen habe. Sie will auch dann den befreiten Menschen, wenn sie verständnisvoll sich einleben können, dienen. Sie wird sich schon vervollkommnen, entweder durch uns oder durch andere, denn sie ist ein richtiger Anfang zu dem in die Zukunft hinein seine Entwicklung suchenden Menschheitsideal.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →