The Fateful Year of 1923
GA 259 — 22 July 1923, Dornach
Die Internationale Delegiertenversammlung
Herr Albert Steffen eröffnete die Versammlung und sagte, es wären wohl viele heute morgen durch Kanonenschüsse unsanft aus dem Schlafe gerüttelt worden. Denn heute sei unten im Dorf die Feier des Jahrestages der Schlacht von Dornach, die 1499 auf demselben Hügel stattfand, auf dem wir jetzt versammelt sind. In dieser Schlacht kamen jene Freiheitskriege zu ihrem Gipfelpunkte, welche einst begonnen hatten, als die drei Gründer der Schweizerischen Eidgenossenschaft sich zum Schwure auf dem Rütli trafen. Wie man in schweizerischen Geschichtsbüchern lesen könne, sei diese Eidgenossenschaft das Vorbild für die Vereinigten Staaten von Amerika gewesen, die ihrerseits das Vorbild für die Republiken und Demokratien Europas wurden. Der Hügel von Dornach sei also ein entscheidend wichtiger Punkt für die Geschichte der Menschheit. Die anthroposophische Bewegung, die jetzt hier ihr geistiges Zentrum habe, sei aber weder politisch noch national. Am vergangenen Goetheanum arbeiteten auf dem Hügel von Dornach auch während des Weltkrieges Menschen aller Nationalitäten friedlich nebeneinander. Es ist von größter historischer Bedeutung, sagte Herr Steffen, daß er heute die Ankündigung machen könne, daß zu Weihnachten dieses Jahres die Internationale Anthroposophische Gesellschaft hier in Dornach wird gegründet werden können. Herr Steffen erläuterte dann an Hand einiger Beispiele, mit wie geistig niedrig stehender Gehässigkeit und Verlogenheit die Gegnerschaft gegen die Anthroposophie und das Goetheanum arbeitet, so daß es der einmütigen und rastlosen Hilfe der Mitglieder aller Länder bedarf, um die Errichtung und Erhaltung des neuen Goetheanum durchzusetzen.
Dr. Guenther Wachsmuth berichtete kurz über das Resultat der SonderVersammlung der Länderdelegierten am vorigen Nachmittag. Ein gewichtiger Schritt vorwärts sei gemacht worden, praktisch und moralisch. Es müsse betont werden, daß es nicht genüge, anzugeben, wieviel Mittel ungefähr im Laufe eines Jahres vielleicht gesammelt werden könnten; sondern Herr Dr.
Steiner könne nur dann gebeten werden, den Wiederaufbau in die Hand zu _ nehmen, wenn eine bestimmte Summe schon jetzt festgarantiert werde. Es sei ein schöner moralischer Erfolg, daß einige wenige Delegierte eine so schwere Verantwortung auf ihre eigenen Schultern genommen haben. Die folgenden Summen sind durch Unterschrift einzelner Delegierter schriftlich garantiert worden:
England... ..... 115000 Schweizer Franken
Holland........ 150 000
Schweiz... ...... 200 000
Dänemark ...... 100 000
Honolulu. ...... 200 000
Amerika ....... 30000
Tschechoslowakei . . 30000 (von dortigen deutschen Mitgliedern)
Italien. ........ 20.000
Österreich . ..... . 10000
Schweden... .... 10. 000
865 000 Schweizer Franken
Wie von allen Delegierten ausdrücklich betont wurde, sei dies nur ein erster Anfang, um sogleich mit dem Bauen beginnen zu können. Man hofft, in den nächsten Monaten durch regste Tätigkeit bedeutend größere Summen sicherstellen zu können.
Ein zweites Problem, das nunmehr hier und auch nach der Rückkehr der Delegierten von diesen in ihren Ländern besprochen werden muß, sei die Gründung der Internationalen Anthroposophischen Gesellschaft zu Weihnachten in Dornach. Im Verlaufe dieses Jahres würden noch mehrere Ländergesellschaften, z.B. in England, Holland etc., aus deren eigener Initiative heraus gegründet werden, und es sei zu hoffen, daß mehrere andere Länder möglichst bald diesem Beispiel nachfolgten. Der Wiederaufbau in Dornach werde eine große Korrespondenz mit allen Ländern und Zweigen ergeben, weshalb die Gründung von Ländergesellschaften die gemeinsame Arbeit, Berichterstattung etc. außerordentlich erleichtern werde. An Hand einiger grotesker Beispiele wurde gezeigt, warum Mitglieder, die sich nicht an andere Zweige und Ländergruppen anschließen, mit Unrecht unzufrieden sind, wenn sie nicht rechtzeitig von Veranstaltungen benachrichtigt werden. Durch Anlegung eines möglichst vollständigen Adressenarchivs einerseits und Vereinfachung der gegenseitigen Benachrichtigungen durch Gründung der Ländergruppen andererseits steht zu hoffen, daß dies in Zukunft wesentlich leichter und besser werde. (Näheres siehe weiter unten.)
Bis Weihnachten ist zweierlei mehr denn je nötig: Tapferkeit, damit wir alle physischen Grundlagen für den neuen Bau bis dahin sicherstellen, Liebe, damit zu Weihnachten die Internationale Anthroposophische Gesellschaft geboren werden kann, eine Tat, die etwas bedeuten muß für die geistige Aura der Erde.
Herr Leinhas legte in klarer, eindeutiger Weise auseinander, daß es nach den bestehenden Gesetzen unbedingt erforderlich ist, die in Deutschland gesammelten Beiträge, die bei der Treuhandgesellschaft in Stuttgart deponiert sind, in Deutschland zu belassen und dort zu verbrauchen. Er schlug als eine von mehreren Möglichkeiten vor, diese Mittel für einen Studienfonds zu verwenden, der es Studenten erleichtern solle, sich zeitweise intensivst dem Verarbetten der verschiedenen anthroposophischen Lehrgebiete zu widmen.
Mr. Heywood-Smith wies auf den heutigen Tag hin, den 22. Juli, der ein wichtiger Tag in der Geschichte der Freiheitskriege der Schweiz sei. Wir befänden uns Jetzt vor einem anderen entscheidenden historischen Momente, wo eine andere Tat vollbracht werden solle, die auch Vertrauen zu dem Ideal und das Einsetzen des ganzen Wesens verlange. Wir brauchten noch drei Millionen Schweizer Franken für den Wiederaufbau des Goetheanum. Die drei Eidgenossen am Rütli hätten ihr Leben für die Sache der Freiheit aufs Spiel gesetzt. Gäbe es drei Menschen in unserer Gesellschaft, die aus ihrem Besitztum für die drei Millionen Garantie leisten wollten und dadurch eine Liebestat gegenüber der Menschheit vollbringen? Die Mitglieder könnten es dann ihrerseits zu einer Tat der Liebe machen, dafür zu sorgen, daß die Garanten keinen Verlust erleiden, wenn die Beiträge fortwährend einfließen würden in den Fonds in gleichem Tempo, wie sie verbraucht würden für den Aufbau.
Dr. Büchenbacher schilderte die schweren Aufgaben moralischer Art, die von den Freunden in Deutschland zu bewältigen seien; man müsse, wie Dr. Steiner uns in seinen Vorträgen zeigte, dem Genius der Zeit gegenüber dem Dämon der Zeit zum Stiege verhelfen. Deutschland sei in dieser Zeit ein besonders schwerer und gewichtiger Kampfplatz für diese Gewalten.
Mr. Scott Pyle, Amerika, drückte in herzlicher Weise aus, wie bedauerlich es sei, daß die deutschen Beiträge diesmal dem Goetheanum nicht unmittelbar zugute kommen könnten und daß es ein schöner Akt internationalen Gemeinschaftsgefühls wäre, wenn die übrigen Länder, über ihre eigenen Stiftungen hinausgehend, auch noch die Aufbringung des deutschen Beitrags unter sich verteilten. Er ging selbst durch eine größere Summe mit gutem Beispiel voran.
Miss Woolley, England, ergänzte ihn durch Schenkung von Schmuckgegenständen zugunsten des deutschen Beitrags.
Herr Jan Stuten schrieb den Zuhörern die Notwendigkeit des neuen Goetheanum vor allem für eine Wiedergeburt des künstlerischen Lebens eindringlich in die Seele. Im alten Goetheanum waren alle Formen so harmonisch und musikalisch, daß sie auf den Künstler unmittelbar inspirierend gewirkt hätten. Aus dem Betrachten der Kapitäle, Architraven und der anderen lebendigorganischen Formen des Goetheanum hätte eine neue Musik geboren werden können. Er schilderte an Gegenbeispielen die phantasielos-unschöpferische Dekadenz moderner Kompositionen. Die anthroposophischen Künstler baten die Freunde der Künste, ihnen zum neuen Goetheanum zu verhelfen, damit wieder eine Stätte voller Anregung für die Schöpferkräfte der Künstler auf Erden entstehe. Auch die Eurythmie braucht das Goetheanum als Umrahmung aus gleichem Geiste. Die Darstellung, welche die Delegierten gestern z.B. von Shakespeares «Sommernachtstraum» gesehen hatten, wäre ein Ereignis gewesen, eine Renaissance von Shakespeares Werken in neuem Geiste. Wir fühlten uns Herrn und Frau Dr. Steiner gegenüber tief dankbar für dieses Ereignis. Herr Stuten schlug vor, eines oder mehrere der Mysterienspiele Dr. Steiners im Verlaufe dieses Jahres in einer Festwoche auf großen Bühnen der Schweiz und des Auslandes zu spielen.
Frau Henström, Schweden, berichtete über die anthroposophische Arbeit in Schweden und garantierte auf eigene Verantwortung einen schönen Beitrag Schwedens für den Fonds.
Fräulein Lina Schwarz, Italien, sprach über die Wünsche der italienischen Freunde und hoffte, daß es in Zukunft vielleicht möglich sein werde, ein Mitteilungsblatt von Dornach aus an alle Länder zu versenden.
Graf Polzer, Österreich, sagte, in einer richtig geführten Budget-Debatte müßten auch die geistigen menschlichen Interessengebiete zur Sprache kommen; er begrüßte, daß es in diesen Tagen gelungen sei, die Budget-Verhandlungen hier auf ein solches Niveau zu bringen, daß man dabei gleichzeitig auch so tief geistige Probleme wie die Konsolidierung der Gesellschaft in ihrem Zusammenhang mit dem Wiederaufbau des Goetheanum besprechen könne. Ein Zentrum solle hier in Dornach gebildet werden, in regstem Austausch mit dem Leben in den Zweigen aller Länder. Er hoffte, daß trotz der wachsenden Schwierigkeiten sich die Delegierten und Mitglieder recht oft in Dornach zusammenfinden und dadurch immer persönlicher und herzlicher kennenlernen werden. Graf Polzer bat, daß nunmehr die Mitglieder der übrigen Länder die von der Schweiz angenommene Resolution auch ihrerseits annehmen werden.
Herr Steffen bat diejenigen, welche der Resolution zustimmten, sich von den Sitzen zu erheben. - (Alle Delegierten blieben einige Augenblicke schweigend stehen.) — Die internationale Versammlung hat sich also hierdurch einstimmig zu dieser Resolution bekannt.
Die internationale Delegiertenversammlung wurde durch Herrn Dr. Steiner am Abend des 22.]Juli, am Ende des dritten seiner Vorträge über «Drei Perspektiven der Anthroposophie», durch folgende Worte geschlossen:
Damit war versucht worden, die drei Perspektiven, welche die Anthroposophie eröffnen kann, zu charakterisieren, die physische, die seelische und die geistige Perspektive.
Es wird ganz zweifellos eine denkwürdige Zusammenkunft sein, meine lieben Freunde, wenn nun hervorgehen kann aus ihr der Aufbau eines neuen Goetheanum. Und es wäre schön, wenn dieses neue Goetheanum so werden könnte, daß es auch wieder in seinen Formen uns das entgegenstrahlen könnte, was durch das Wort auf dem Boden der Anthroposophie der Menschheit gesagt werden soll. Damit, meine lieben Freunde, werden Sie für die Anthroposophie sehr viel getan haben.
Ich darf in allen diesen Dingen in diesem Momente unpersönlich sprechen, auf mich kommt es dabei wirklich nicht an, möchte auch nicht sprechen über den Beschluß, der zustande gekommen ist, des Inhaltes, daß es mir überlassen werden solle, die inneren Dispositionen über den Bau zu treffen. Denn indem ich gebeten habe, wenn ich den Bau aufführen soll, ihn unter diesen Bedingungen aufführen zu können, so geschah dies aus dem Umstand heraus, daß ich die Verantwortung für den Bau eben nur unter dieser Bedingung übernehmen kann. Und es bleibt dies alles innerhalb des Objektiven liegen.
Anerkennenswert bleibt es, daß man diesem Ansinnen verständnisvoll entgegengekommen ist. Es wird das, was daraus entsteht, schon der anthroposophischen Bewegung als solcher zugute kommen. Und - so möchte ich eigentlich, indem ich am Schlusse dieser Tagung den hierher gekommenen Freunden herzlichsten Gruß sage, nur der Interpret des anthroposophischen Verständnisses sein, und die Rückwirkung dieses anthroposophischen Verständnisses wird nicht ausbleiben für die, die dieses Verständnis haben. Es ist in Wahrheit aus dem Geistesreiche zu sehen, ein wie schweres Opfer unsere Freunde für den Wiederaufbau des Goetheanum bringen. Aber es ist eben das Gefühl eingezogen in unsere Reihen, daß das Wollen dessen, was da als Ideal vor dem Seelenauge steht, nicht zu verwirklichen ist ohne solche großen Opfer.
Der rechte Segen wird auf dem Goetheanum nur dann liegen, wenn es diejenigen wirklich wollen, die die Opfer bringen, und die Opfer aus einem heiligen Wollen kommen. Aber es darf schon die Schönheit, der schöne Ernst dieses Wollens durch den Interpreten der Anthroposophie als herzlicher Abschiedsgruß ausgesprochen werden. Und dessen kann ich Sie versichern: Man wird das Goetheanum, nachdem nun die Opfer zustande gekommen sind, nach bestem Können wieder aufbauen.
Der Aufbau dieses zweiten Goetheanum wird stärkere, härtere Kämpfe kosten als der Aufbau des ersten, und ein moralischer Fonds zu dem physischen wäre schon im höchsten Maße nötig. So bin ich denn im Namen der Anthroposophie allen, die hierher geeilt sind, herzlich dankbar, und wenn es so ist, daß das richtige Verständnis immer mehr und mehr um sich greift, dann wird ja in einem gewissen Sinne der Segen auch nicht ausbleiben können, und dann wird man auch ruhig entgegensehen können den schweren Kämpfen, die gerade dieses Werk nach sich ziehen wird.
Deshalb möchte ich heute in einer besonders ernsten und auch in einer besonders herzlichen Weise den Freunden hiermit den Abschiedsgruß sagen.
Einige Vorbemerkungen für die Gründung der Internationalen Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach Weihnachten 1923
Eine größere Anzahl der bei der Tagung vom 20. bis 23. Juli anwesend gewesenen Delegierten fand sich nach Schluß der Tagung noch einmal zusammen, um diejenigen Probleme festzustellen, die der Vorberatung in den einzelnen Ländern und Gruppen während der nächsten Monate bedürfen, damit die Delegierten zu Weihnachten wohlorientiert über die Ansichten ihrer Freunde zu Hause und gewappnet mit fruchtbaren Vorschlägen für die Gestaltung der Internationalen Anthroposophischen Gesellschaft erscheinen können.
Es wird daher herzlichst gebeten, die folgenden Punkte in den Versammlungen der anthroposophischen Zweige und Gruppen in der Zeit zwischen jetzt und Weihnachten gründlich zu besprechen, damit eine Harmonie der Meinungen dann in Dornach auf Grund der geklärten Ansichten der Freunde aller Länder um so schneller erzielt werden kann:
- Es wird zu sprechen sein über die Zusammenfassung der bereits gegründeten oder bis Weihnachten noch zu gründenden Ländergesellschaften zu einer Internationalen Anthroposophischen Gesellschaft. Berichterstattung über die verschiedenartige Gestaltung der einzelnen Ländergesellschaften.
- Eventuell erfolgte Ausarbeitung von Statuten seitens der Ländergesellschaften, insoweit der jetzige Entwurf1 geändert oder ergänzt werden mußte.
- Diejenigen Länder, wie z.B. Belgien, Polen etc., die den Wunsch ausgesprochen haben, vorläufig bis zum stärkeren Anwachsen ihrer Mitgliederzahl an die Schweizerische Anthroposophische Gesellschaft angeschlossen zu bleiben, werden gebeten, an die Schweizerische Anthroposophische Gesellschaft ein genaues Adressen-Verzeichnis der Mitglieder ihrer Gruppe einzusenden sowie anzugeben, welche Persönlichkeiten bei irgendwelchen Veranstaltungen, Mitteilungen etc. benachrichtigt werden müssen, die dann ihrerseits für die Weitergabe an alle zu ihrer Gruppe gehörigen Mitglieder verantwortlich sind.
- Vorschläge über die Persönlichkeit eines Generalsekretärs der Internationalen Anthroposophischen Gesellschaft. Die Entscheidung liegt selbstverständlich bei Herrn Dr. Steiner.
- Von einzelnen Delegierten war vorgeschlagen worden, sogenannte Gesandte in Dornach zu bestimmen, d.h. solche Persönlichkeiten der verschiedenen Länder, die sowieso ständig in Dornach leben und im Verkehr mit den einzelnen Ländern beratend hinzugezogen werden könnten bzw. behilflich sind. Die Ansichten über die Zweckmäßigkeit einer solchen Organisation waren geteilt. Es wäre dies selbstverständlich nur zweckmäßig, wenn es den Verkehr zwischen Dornach und den Ländergesellschaften erleichtern, nicht komplizieren würde.
- Höhe und Termin des Beitrages, der pro Mitglied (bei Eintritt und jährlich) nach Dornach zu entrichten wäre, um die Unkosten des Generalsekretariats zu decken. (Es darf nicht vergessen werden, daß die Versendung solcher Mitteilungen, Veranstaltung von Versammlungen, Erledigung der ständig anwachsenden Anfragen in Dornach etc., die sich aus dem internationalen Anwachsen der Gesellschaft ergeben, Mittel erfordern, die nicht ständig von der schweizerischen Gesellschaft oder aus Privatmitteln gedeckt werden können, sondern von allen Ländern gemeinsam getragen werden müssen.)
- Regelmäßige Ergänzung des in Dornach befindlichen Adressenarchivs der Mitglieder (soweit nichts Besonderes vereinbart). (Es wird vorgeschlagen, die Beiträge und die Verzeichnisse über Ein- und Austritt von Mitgliedern, Adressenänderungen etc. jeweils am 7. Januar und 1. Juli nach Dornach zu senden.)
- Feststellung der Verantwortlichkeit der Generalsekretäre, Vorstände etc. der Ländergesellschaften sowie des Internationalen Generalsekretärs in bezug auf die Aufnahme neuer Mitglieder in die Gesellschaft. — (Bei Besprechung mit holländischen Freunden wurde z.B. vorgeschlagen, die Aufnahmekarte eines neuen Mitgliedes durch den Generalsekretär eines Landes unterzeichnen und vom Internationalen Generalsekretariat gegenzeichnen zu lassen.) 9. Die Frage der Herausgabe eines Mitteilungsblattes ist nur zu lösen durch konkrete Vorschläge in bezug auf Persönlichkeit und Mittel.
- Organisation einer würdigen und wirkungsvollen Abwehr der Gegnerschaft in allen Ländern. Die Internationale Anthroposophische Gesellschaft muß diese Aufgabe durch erhöhte Zusammenarbeit über die ganze Erde hin so weitgehend übernehmen, daß Herr Dr. Steiner durch die lästige Gegnerabwehr nicht in wichtigen Arbeiten beeinträchtigt wird.
- Mitarbeit der Mitglieder aller Länder an der Unterstützung der im Werden der Anthroposophischen Gesellschaft ins Leben gerufenen Unternehmungen auf den Gebieten der Pädagogik, Therapie (Verbreitung der Heilmittel, Unterstützung der Klinisch-Therapeutischen Institute erc.), der wissenschaftlichen Forschung, der Kunst usw. Es wäre sehr schön, wenn gerade in dieser Hinsicht die Delegierten nach eifriger Durchberatung in allen Ländern zu Weihnachten mit konkreten Vorschlägen und Berichten über eigene Tätigkeit nach Dornach kommen könnten.
- Wieviel haben die einzelnen Länder und Gruppen für den Wiederaufbau des Goetheanum beitragen können? (Es wäre für die Kontinuität der Arbeit günstig, wenn hierüber schon bis 15. Oktober 1923 ein Vorbericht gegeben werden könnte.)
Es wird gebeten, die Namen der Delegierten, welche die Länder zu Weihnachten in Dornach vertreten sollen, bis 1. Dezember 1923 nach Dornach mitzuteilen. Desgleichen Bedarf an Quartieren etc. Außer den verantwortlichen Delegierten sind natürlich alle Mitglieder der Gesellschaft eindringlichst und auf das herzlichste zur Teilnahme eingeladen. Das genaue Datum der Weihnachts-Versammlung wird noch mitgeteilt werden.
Alle Korrespondenz wird erbeten an «Das Sekretariat der Anthroposophischen Gesellschaft», Dornach bei Basel, Schweiz, Haus Friedwart, I. Stock.
Wir wiederholen die Schlußworte Dr. Steiners: «Es wäre schön, wenn dieses neue Goetheanum so werden könnte, daß es auch wieder in seinen Formen uns das entgegenstrahlen könnte, was durch das Wort auf dem Boden der Anthroposophie der Menschheit gesagt werden soll.»
Der Aufbau des neuen Goetheanum und das Hinaustragen der anthroposophischen Wahrheiten in die Geistigkeit der ganzen Erde — daran wird sich zeigen können, daß die Internatignale Anthroposophische Gesellschaft, die zu Weihnachten geboren werden soll, ein lebendig-tätiges Wesen ist.
Kommen Sie bitte, liebe Freunde, zu solchen Aufgaben gerüstet, mit liebevollem Wollen zu Weihnachten nach Dornach.
Albert Steffen Dr.
Guenther Wachsmuth
Chronologische Übersicht der Versammlungstage mit der wörtlichen Wiedergabe der Voten Rudolf Steiners
Erster Tag, Freitag, 20. Juli 1923
11 Uhr 30, Haus Friedwart: Vorbesprechung der schweizerischen Delegierten (ohne Rudolf Steiner). Es werden die offiziellen Delegierten gewählt und die Frage besprochen, ob die Schweiz für den Wiederaufbau die vorgesehenen 400.000 Franken aufbringen könne.
16 Uhr, Glashaus: Vorbesprechung der deutschen Delegierten (ohne Rudolf Steiner). Von Carl Unger werden als 3 Punkte für die Tagung genannt: 1. Wiederaufbau des Goetheanum, 2. Aufruf zum Sammeln (Opfer), 3. Anschluß an die «Resolution» der Schweizer. Beschlossen wird die Zusammensetzung der deutschen Delegation aus Dr. Unger, Emil Leinhas, Wolfgang Wachsmuth, Hans Büchenbacher, Maria-Röschl, Felix Peipers, Graf Lerchenfeld, Kurt Walther, Frau Goyert, Oberstleutnant Seebohm (Johanna Mücke ist zurückgetreten).
17 Uhr, Glashaus: Vorbesprechung aller von den verschiedenen Ländern namhaft gemachten Delegierten zur Festsetzung des Tagungsprogramms und der Versammlungsleitung. Gewählt werden Albert Steffen zum Vorsitzenden, George Kaufmann aus London zum Vizevorsitzenden, Guenther Wachsmuth zum Schriftführer. Von dieser Besprechung berichtet der schweizerische Delegierte E. Etienne aus Genf in einem Privatbrief vom 29. Juli 1923 folgendes:
«Diese erste Aussprache war eigentlich mehr eine Fühlungnahme. Die verschiedenen Länderdelegierten waren mehr oder weniger orientiert hergekommen, einige wußten kaum den Zweck der Versammlung; diese hatten daher auch keine Vollmachten mitbekommen und waren mehr hier, um etwas zu erfahren, worüber sie dann ihr Land und ihre Zweige informieren konnten. Das war natürlich erschwerend und hinderlich für eine glatte Abwicklung des rein finanziellen Teiles des Arbeitsprogramms.
Interessant war es, zu verfolgen, wie sich durch die Darlegung der verschiedenen Delegierten die Mentalität ihres Volkes spiegelte. Am opferwilligsten zeigten sich die Schweiz, Holland, Deutschland und Österreich. Das Tragische ist dabei, daß für die beiden letzten Länder die Valuta-Verhältnisse derart sind, daß ihre ungeheuren Opfer so klein erscheinen, wenn in Franken umgerechnet. Dagegen versagen die nordischen Länder. Italien und Frankreich haben wohl guten Willen, aber wenig Mitglieder und wenig Geld. Enttäuscht haben England und Amerika... Dagegen hat sich die deutsche Gruppe der Tschechoslowakei vorbildlich gezeigt. Von den 27 Mitgliedern sind bis jetzt 150000 tschechische Kronen (ca. 10000 Franken) abgeliefert worden, und ihr Delegierter hat sich persönlich für weitere 20000 Franken verpflichtet. Ob die drei tschechischen Gruppen auch so treu zur Sache stehen werden? Sie waren nicht vertreten.»
20 Uhr, Schreinerei: 1. Vortrag Rudolf Steiners über «Drei Perspektiven der Anthroposophie» (in GA 225).
Zweiter Tag, Samstag, 21. Juli 1923
10 Uhr, Saal der Schreinerei: Erste allgemeine Versammlung der Delegierten und Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft. Begrüßungsansprache von Albert Steffen und Bericht von Dr. Guenther Wachsmuth über die gestrigen Vorverhandlungen. In der anschließenden Diskussion, wie die Mittel für den Wiederaufbau aufgebracht werden können, werden verschiedene Vorschläge gemacht. Vgl. hierüber den Bericht von Albert Steffen und Dr. Guenther Wachsmuth auf Seite 557. Am Schluß der Vormittagsversammlung ergreift Rudolf Steiner das Wort:
See GA 252
George Kaufmann übersetzt die Ausführungen Rudolf Steiners ins Englische. Dann wird bis 13 Uhr weiter über die Finanzierung des Baues und die angeregte Broschüre verhandelt.
15 Uhr, Glashaus: Sonderbesprechung aller Delegierten über die von den einzelnen Ländern zu erbringenden Summen. (Hiervon liegt kein Protokoll vor.)
17 Uhr, Schreinerei: Eurythmieaufführung mit einleitender Ansprache Rudolf Steiners (in GA 277).
20 Uhr, Schreinerei: 2. Vortrag Rudolf Steiners über «Drei Perspektiven der Anthroposophie» (in GA 225).
22 Uhr 30, Glashaus: Versammlung der Delegierten nach dem Vortrag Rudolf Steiners. Es liegt kein Protokoll vor, jedoch der schweizerische Delegierte E. Etienne aus Genf berichtet in einem Privatbriief vom 29. Juli über diese Versammlung, bei der auch Rudolf Steiner anwesend war, wie folgt:
«Es war teilweise bemühend, das Markten und Feilschen mit anzuhören. Das Komitee, das drängte zu großen Summen, um etwas Rechtes zustande zu bringen, und die Delegierten, zum Teil ohne Vollmachten, wirkliche Verpflichtungen einzugehen. Es ist deshalb zu hoffen, daß sie wirklich alles daransetzen werden in ihren Ländern, um die garantierten Minimalbeträge zu erhöhen, in Einklang zu bringen mit der Mitgliederzahl und den finanziell effektiven Möglichkeiten.
Nachdem man sich auf die Minimalbeträge geeinigt hatte (was davon abhing, ob Herr Doktor die angebotene Garantie als genügend erachtete oder nicht - er wollte absolut sicher sein und nahm nur Kenntnis von garantierten Beträgen), kam man zu dem Ergebnis, daß von den garantierten Beträgen wenigstens 25 % bis zum 15. Oktober nächsthin einbezahlt sein müssen. Auf diesen Termin wollte man ursprünglich wieder zusammenkommen, sämtliche Delegierte jedoch mit genügender Vollmacht ausgerüstet und wohlinformiert über die definitiven Beträge, welche ihr Land an den Wiederaufbau leisten wolle und in welchen Raten.
Herr Doktor sagte, er werde nun sofort darangehen, das neue Goetheanum zu projektieren für die jetzt zur Verfügung gestellten Gelder (Versicherung und Minimalbeträge). Wenn dann im Oktober die Delegierten größere Summen garantieren können als jetzt vorgesehen, so würden diese Gelder dann verwendet für Zubauten. — Das gab lange Gesichter, und sofort erhob sich der Einwand, hiervon in der morgigen Generalversammlung ja nichts verlauten zu lassen (wir Delegierten würden sowieso über alles Stillschweigen bewahren), denn jeder möchte doch sein Geld fürs Goetheanum geben und nicht für Zubauten. Der Opfersinn könnte erlahmen, wenn dies bekannt würde. Herr Doktor erwiderte hierauf, daß, wenn unser altes Goetheanum nicht abgebrannt wäre, wir gezwungen gewesen wären, auch Zubauten zu errichten, weil die Arbeit, die uns erwartet, eben nicht hätte getan werden können im alten Bau; das haben wir ja seinerzeit selber empfunden. Und wir sollen uns nur nicht einbilden, daß jetzt größere Opfer von uns gefordert würden, als wir sie ohne Brand hätten bringen müssen in den nächsten drei Jahren (wir hätten dann keine drei Millionen gehabt zum Anfangen!). Kurz, Herr Doktor war bestrebt, uns klarzumachen, daß Zubauten nicht nur kein Unglück, sondern etwas Wünschenswertes seien, und suchte uns aufzumuntern. — Später trater wieder auf und sagte sehr nett: Glauben Sie jetzt nicht, ich wolle einen Witz machen: Man kann sehr gut auch so vorgehen, daß ich für das vorhandene Geld ein Goetheanum entwerfe bis zum Dach, also vorderhand ohne Dach. (Große Heiterkeit.) Ich nehme an, die meisten Anthroposophen möchten dann doch das Dach auch noch haben und das nötige Geld dafür beschaffen.
Der Vorschlag gefiel allgemein - aber ob Herr Doktor wirklich so vorgeht, wird wohl vom Grade des Vertrauens in unseren Opferwillen abhängen. Herr Doktor sagte eben deutlich, er wolle nicht ein zweites Mal die Misere der Geldbeschaffung mitmachen. Er baue nur mit dem, was wirklich aufgebracht werde und verlasse sich nicht auf Versprechungen.»
-
Bezieht sich auf den «Entwurf der Grundsätze einer Anthroposophischen Gesellschaft» aus dem Jahre 1912/13. Siehe unten «Hinweise». ↩