The Fateful Year of 1923

GA 259 — 23 July 1923, Dornach

Die Internationale Delegiertenversammlung

8 Uhr, Glashaus: Versammlung der deutschen Freunde in Anwesenheit Rudolf Steiners. Am Schluß der gestrigen allgemeinen Versammlung war von einem deutschen Mitglied die Frage gestellt worden, wann die deutschen Freunde zur Besprechung ihrer besonderen Aufgaben zusammenkommen würden. Dr. Carl Unger antwortete, daß am nächsten Tag, von morgens 8 Uhr an, vor allen Freunden, die aus Deutschland herübergekommen sind, referiert werden würde.

Diese Sonntags-Frühversammlung der deutschen Freunde wurde von Dr. Carl Unger eingeleitet, indem er die drei Punkte hinstellte, über die gesprochen werden soll: 1. Der Aufruf zum Sammeln, 2. die Resolution der Schweizer, 3. der moralische Fonds.

Anschließend ergriff Rudolf Steiner das Wort. (Stenogramm Hedda Hummel.)

Dornach, 22. Juli 1923, 8 Uhr morgens

Ich werde nicht zu lange zu sprechen haben, da ich die Einzelheiten Ihnen überlassen will. Nur ein paar Worte möchte ich sagen: Ich möchte gerade bei dieser Gelegenheit, wo eben ausschließlich, wie mir scheint, die deutschen Vertreter hier vereinigt sind, etwas sagen, was vielleicht auch mehr oder weniger bloß unter den deutschen Vertretern eigentlich sein Wissen, sein Mitwissen finden soll. Denn natürlich, die Zeiten sind ja heute so, daß die Dinge, die eigentlich aber doch gewußt werden sollten, in der mannigfaltigsten Weise mißverstanden werden. Ich möchte das folgende sagen, bemerke aber ausdrücklich, daß dahinter selbstverständlich nicht im geringsten irgend eine nationale oder dergleichen Meinung steckt, sondern daß nur Tatsachen sprechen sollen.

Die Anthroposophische Gesellschaft hat wirklich nur dann eine Berechtigung, wenn sie beachtet dasjenige, was aus anthroposophischer Erkenntnis von Zeit zu Zeit auch, ich möchte sagen, in bezug auf das unmittelbare Leben immer hervorgehen kann. Sie werden das, was ich meine, aus den folgenden Andeutungen ersehen.

Sehen Sie, es war natürlich in gewissem Sinne eine Naivität, wenn geglaubt worden ist, daß die schwachen Kräfte Mitteleuropas sich gegen den Ring der ganzen Welt physisch halten können. Ich blicke zurück auf die letzten Zeiten. Es war eine Naivität, das zu glauben, als die Koalition der ganzen Welt außerhalb Mitteleuropas zustande gekommen ist. Und es war von Anfang an klar, seit 1914, daß es eine Naivität wäre zu glauben, daß irgendwie von einem äußeren Siege Mitteleuropas gesprochen werden könne. Diesen Glauben hat im Grund genommen Mitteleuropa bis jetzt nicht aufgegeben, sondern es zieht sich immer zurück auf bestimmte Gebiete und wird sich auch nicht abhalten lassen, da, wo die geistige Einsicht nicht vorhanden ist, diesen Glauben nun wenigstens auf das wirtschaftliche Gebiet noch so lange auszudehnen, so lange es eben nicht auf wirtschaftlichem Gebiete das gleiche erlebt wie auf politischem.

Also davon, daß irgendwie, sagen wir, innerhalb des Gebietes des physischen Planes von Mitteleuropa aus aufgekommen wird gegen nun einmal die Machtmittel der ganzen Welt, daran zu glauben ist doch eigentlich eine Naivität. Dagegen muß man sich klar sein darüber, daß dasjenige, was aus mitteleuropäischem, namentlich deutschem Geiste heraus der Welt zu sagen ist, eben noch lange nicht gesagt und getan ist, daß Mitteleuropa eben in geistiger Beziehung für die Welt noch Ungeheures zu leisten hat und daß Mitteleuropa sich endlich ein Gesicht dafür aneignen müßte, daß in der wenn ich es so ausdrücken darf -, in der Maja die Dinge eben doch zuweilen sogar entgegengesetzt der Wirklichkeit sich ausnehmen. So daß also dasjenige, was sowohl auf politisch-staatlichem wie auch auf wirtschaftlichem Gebiete gegenwärtig in der Welt geschieht, eigentlich das Gegenbild von dem ist, was auf geistigem Gebiet geschieht. Es ist das wahre Gegenbild. Denn in Wirklichkeit sind die Siege, die errungen werden - auch die wirtschaftlichen Siege werden es sein -, eigentlich Niederlagen; Niederlagen gegenüber der sich fortentwickelnden Menschheit. Und man wird es erleben, daß sich in gar nicht so ferner Zeit in der ganzen Welt, trotz allen Strebens nach politischer und wirtschaftlicher Präponderanz, trotz alledem sich ergeben wird in der ganzen Welt, und, wie gesagt, in gar nicht zu ferner Zeit, das Urteil: Das Geistige hat man in Mitteleuropa zu suchen! Das Geistige muß von Mitteleuropa genommen werden! - Und es wird auftauchen in der Welt eine förmliche Sehnsucht, den Geist zu nehmen von dorther, wo man in äußerer Weise eigentlich versklavt ist. Und das wird innig zusammenhängen mit der zukünftigen Gestaltung der Welt.

Aber ich möchte nicht vergessen lassen, daß solche Dinge vielfach zusammenhängen in unserer heutigen Kulturepoche mit der menschlichen Freiheit; daß es also einfach nicht möglich ist, den richtigen Moment zu versäumen; daß demgegenüber ein Wachen notwendig ist. Und die Anthroposophische Gesellschaft, sie hätte vor allen Dingen die Aufgabe, wach zu sein gegenüber dem, was auch in der unmittelbaren Gegenwart sich abspielt. Es kann sehr leicht der Zeitpunkt verpaßt werden, der eben doch, man möchte sagen, wie vorgezeichnet ist in der Geschichte, wo aus zahlreichen Zentren in der Peripherie, in der Mitteleuropa umschließenden Peripherie, die Ansicht auftaucht: Ja, wir haben zwar an äußeren Machtmitteln gegenüber Mitteleuropa Ungeheures errungen; aber, wenn wir nicht auf der Erde geistig zugrunde gehen wollen, müssen wir Mitteleuropa als den Quell des Geisteslebens ansehen.

Nicht wahr, denken Sie sich einmal das Ungeheure, was eintreffen könnte, daß diese Urteile, mehr oder weniger Gefühlsurteile, in den verschiedenen Zentren der Welt aufleuchten würden und in Deutschland alle Leute dastehen und Maulauffen feilhalten und nicht verstehen, was da herankommt und was eigentlich zu tun ist.

Diese Dinge, die sind dasjenige, was als reale Gedankenbildung zugrunde liegen muß dem, was man sozusagen exoterisch — wenn ich es so ausdrücken darf — nennt: «die moralische Forderung». Bei uns in der Anthroposophischen Gesellschaft dürfen die Dinge nicht Phrase bleiben - selbstverständlich redet jeder idealistische Phraseur auch von moralischen Forderungen -, sondern bei uns müssen sie durch geistige Realität gestützt sein.

Deshalb, um eine Richtung zu geben und Kraft in die geistigen Muskeln hinein, wollte ich diese paar Worte vorausschicken.

[In der darauffolgenden Diskussion wurde die Organisierung der Arbeit in der deutschen Gesellschaft, über die Möglichkeiten, zur Baufinanzierung beizutragen, und über die Gegnerfrage gesprochen. Die Fortsetzung wurde auf 15 Uhr vertagt. Es ging dabei um die Angelegenheit Lempp, siehe hierüber auf Seite 596.]

10 Uhr, Schreinerei: Zweite allgemeine Versammlung der Delegierten und der Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft. (Vgl. hierüber den abgekürzten Gesamtbericht von Albert Steffen und Dr. Guenther Wachsmuth.)

Laut Stenogramm sprachen Albert Steffen, Herbert]. Heywood-Smith, Emil Leinhas, Dr. Wachsmuth, William Scott Pyle, George Kaufmann, Oberstleutnant Seebohm, Jan Stuten, Frl. Henström aus Stockholm, Miss Woolley aus London, Baron Walleen aus Dänemark, Frl. Henström, Lina Schwarz aus Mailand über ein Mitteilungsblatt zur Orientierung der italienischen Mitglieder über die Arbeit in Dornach und bittet Rudolf Steiner um eine Meditation, die gemeinsam gemacht werden soll. Antwort Dr. Steiners: Dinge dieser Art können von mir nur in Vorträgen besprochen werden, nicht in Versammlungen, die eigentlich einen anderen Charakter haben. Dinge dieser Art gehören eben in Vorträge. Dann spricht Margarita Woloschin für die russischen Freunde, Ludwig Polzer-Hoditz, Albert Steffen, Dr. Blümel.

George Kaufmann gibt eine zusammenfassende englische Übersetzung.

Rudolf Steiner: Es scheint mir, als ob wir nun am Schluß der Tagung wären, und ich möchte dasjenige, was ich noch zu sagen habe, vielleicht am Schluß des Vortrages [seines Abendvortrages] sagen.

Albert Steffen schließt nun die Versammlung mit dem Hinweis, daß noch viele ungeklärte Fragen in der Luft schweben, «zum Beispiel die wichtigste, diejenige eines Mitteilungsblattes, das sich zum Verkehr der Peripherie mit dem Zentrum bilden müßte. Aber wir haben diese Frage schon durchgesprochen, und es sind hier wirklich große Schwierigkeiten, die ich allein hier unmöglich lösen kann... Und so möchte ich die Versammlung, wenn sich sonst niemand zu Worte meldet, was mich betrifft, heute schließen.»

Rudolf Steiner: Wegen des Mitteilungsblattes — ich betrachte nämlich die Tagung nicht als abgeschlossen, ich möchte also nicht sozusagen irgendein Schlußwort jetzt sagen —, aber was das Mitteilungsblatt, das ja oft besprochen wird, betrifft, so möchte ich folgendes bemerken. Nicht wahr, man kann vieles machen; aber es ist ein anderes, in einer gewissen Abstraktheit die Notwendigkeit von etwas einzusehen oder die Dinge auch wirklich auf die Füße zu stellen. Nicht wahr, wir mußten irgendwo anfangen und haben wirklich aus guten Gründen heraus damit angefangen, die Zeitschrift «Das Goetheanum» hier zu begründen.

Ja, liebe Freunde, zu einer solchen Sache braucht man aber das Interesse zunächst der Mitgliedschaft. Das «Goetheanum» ist heute noch immer eine «inaktive» — wie man sie nennt — Zeitschrift, das heißt, es muß bei ihr draufgezahlt werden. Und man kann schon sagen, etwas hängt das durchaus mit dem ja schon besprochenen Mangel an Interesse zusammen. Wir hier stehen immer vor der Frage: Wir müssen irgendwo anfangen, beim Anfang. Oftmals wird aber dann die Forderung aufgestellt, man solle beim Ende anfangen. Das läßt sich eben nicht machen.

Wir haben versucht, im «Goetheanum» selbst ein Bild des zugrunde gegangenen Goetheanum zu geben. Gestern ist schon mit Recht von Herrn Leinhas hervorgehoben worden: es ist gar nichts geschehen — die Aufsätze sind, glaube ich, auch in der «Anthroposophie» in Deutschland abgedruckt gewesen -, gar nichts ist geschehen, um diese Dinge bekanntzumachen. Woher soll denn - abgesehen von allem übrigen, was bei der Herausgabe einer Broschüre konzipiert werden muß -, woher soll denn die Aussicht kommen, daß eine solche Broschüre irgendwie mit einem größeren Eifer empfangen wird und für sie etwas getan wird, als wie es mit demjenigen geschieht, was wir eben als den Anfang bezeichnen müssen. Ich glaube, daß ebenso, wie hier die Zeitschrift «Goetheanum» ein schweres Dasein führt, so führt draußen in Deutschland auch ein schweres Dasein die «Anthroposophie». Und eine Broschüre, die geschrieben würde, die so wäre, daß sie aus dem Inneren der Sache hervorgehen würde — denn man kann ja natürlich für Anthroposophie nicht eine Reklame-Broschüre fabrizieren —, also dasjenige, was aus dem Inneren der Anthroposophie hervorgehen würde, das würde heute wiederum in schweren Zentnern daliegen, ohne daß dafür ein Interesse wäre.

Nun, nicht wahr, ein Mitteilungsblatt erfordert wirklich ungeheuer vieles. Es ist leicht zu sagen, man soll ein solches Mitteilungsblatt machen; die Gründe sind selbstverständlich Hunderte, die man vorbringen kann dafür. Aber dasjenige, was man vor allen Dingen braucht, ist ein Beleben des Interesses für die Dinge, die eben gemacht werden. Und man kann es auch gar nicht verantworten, die Dinge immer fortzusetzen — denn die Fortsetzung kostet ja immer neues Geld -, wenn die alten Dinge immer liegenbleiben. Nicht wahr, gewiß, es ist in Italien schon eine Broschüre hergestellt worden, aber das ist eben, ich möchte sagen, in einem kleinen Häuflein aus der Anthroposophischen Gesellschaft geblieben.

Wir brauchen auch für diese Dinge wirklich mehr das Zulangen der Mitgliedschaft, denn es ist ein wahrhaftig gar nicht erheiterndes Geschäft, immer von dem sprechen zu müssen. Aber es wird ja allzuoft eben notwendig gemacht dadurch, daß von den Dingen gesprochen wird, die wirklich so, wie man sich sie denkt, einfach nicht ausgeführt werden können, bevor gesehen wird, wie das An-die-Hand-Gehen sich für den Anfang herausbildet.

Gewiß, man könnte es ja sogar als eine recht gute Tatsache begrüßen, wenn jeder Vortrag, der hier gehalten wird, ja was weiß ich, sich selber vervielfältigen würde und dann durch Taubenpost überall hingetragen würde. Gewiß, es wäre eine sehr schöne Sache. Aber die Dinge lassen sich so im Gedanken nicht ausführen, sondern dasjenige, was zunächst notwendig wäre, das ist, daß man eingehen würde auf die Art und Weise, wie aus der Sache selbst heraus der Versuch gemacht wird, die Dinge zu verbreiten.

Denken Sie doch nur einmal: Eigentlich ist doch von Herrn Steffen — man kann in diesem Falle nicht von Versuch sprechen, weil man etwas hat, was in sich vollendet ist, auch als selbständige schriftstellerische Leistung —, es ist von Herrn Steffen unternommen worden, vieles von dem, was hier vorgeht, nach auswärts zu berichten. Ja gewiß, es ist ein Erziehungskurs gedruckt worden. Aber das Echo, das diese Dinge eigentlich doch durch die Mitgliedschaft finden müßte, war ja nicht da; und es ergibt sich keine Möglichkeit, zu irgend etwas Esoterischem vorzuschreiten, wenn der Anfang nicht gemacht wird damit, daß ein regeres Interesse innerhalb der Mitgliedschaft entsteht für dasjenige, was nun wirklich gemacht wird. Es ist der Mangel an Interesse für die Dinge dasjenige, was doch zuletzt zugrunde liegt dem Umstand, daß sich alle mehr oder weniger unbefriedigt fühlen mit dem, was gemacht wird. Aber tatsächlich, vielleicht könnte man doch, aus dem Umstande zum Beispiel, daß innerhalb der Gesellschaft so jemand ist wie Herr Steffen, von dem bei der letzten schweizerischen Versammlung hier mit Recht gesagt worden ist, er ist ungefähr diejenige Persönlichkeit, die heute den besten deutschen Stil schreibt; es ist das immerhin etwas, was als Positives auch einbezogen werden sollte.

Aber wirklich, diese Tatsache zum Beispiel, die sehr viel bedeutet für die ganze anthroposophische Bewegung, daß die anthroposophische Bewegung den besten deutschen Stilisten in Herrn Steffen in sich schließt, dies sollte also ein Anlaß dafür sein, daß die Zeitschrift «Das Goetheanum», deren Redakteur zu sein Herr Steffen der Anthroposophischen Gesellschaft geschenkt hat, daß dieses «Goetheanum» in einer ganz anderen Weise aufgenommen würde, als es in Wirklichkeit geschieht. Ich merke so wenig Echo von demjenigen, was eigentlich im «Goetheanum» steht, von seiten der Gesellschaft. Ich konnte ja, als vor vierzehn Tagen, glaube ich, einmal der Versuch. gemacht wurde, ob sich vielleicht doch ein Echo dadurch hervorrufen läßt, daß man nun das Rätsellösen in einer Weise herausfordert; man konnte da sehen, nun wollten wenigstens die Leute dahinterkommen, was mit diesen Rätseln gemeint ist.1 Aber sonst lebt viel zu wenig in der Gesellschaft von demjenigen, was in diesem «Goetheanum» steht. Es lebt viel zu wenig darinnen. Und wirklich, glauben Sie das, es ist wirklich außerordentlich schwierig, für Herrn Steffen oder eventuell für mich selber, sich hinzustellen und zu sagen, was das «Goetheanum» eigentlich für eine Zeitschrift ist. Man kann ja schon... [Lücke im Stenogramm].

Aber sehen Sie, vielfach habe ich das Urteil gehört: Ja, das «Goetheanum» ist uns eben noch viel zu wenig. Aber ich habe bis heute überhaupt [Zweifel], ob die Zeitschrift «Das Goetheanum» nach der Ansicht der Anthroposophischen Gesellschaft für die anthroposophische Bewegung etwas bedeutet. Es besteht für uns hier heute immer noch die Möglichkeit, daß die Zeitschrift «Goetheanum» als etwas höchst Unnötiges angesehen wird von seiten der Mitgliedschaft. Diese Möglichkeit besteht noch immerhin durchaus. Es ist nicht irgendein wirkliches Teilnehmen da für solch eine Sache, in die tatsächlich etwas von den besten Kräften jede Woche hier hineingelegt wird. Ja, nicht wahr, es ist nicht eine Philippika, die ich hier halten möchte; sondern es ist eben etwas, worauf ich aufmerksam machen möchte, wenn gesagt wird: Wir können nicht genug haben mit dem «Goetheanum», das ist exoterisch, das können auch die Leute in der Außenwelt lesen, wir brauchen etwas viel Esoterischeres. — Ja, man warte doch einmal, was für Früchte kommen, wenn man erst die Wurzeln pflegt. Aber die Wurzeln müssen erst gepflegt werden. Das ist schon so.

Wir haben ja heute noch den ganzen Nachmittag, und ich werde Ihnen dasjenige, was ich dazu abschließend zum Abschied sagen will, am Ende der Tagung in meinem Vortrag sagen.

Emil Leinhas kommt auf die Frage nach der Verbreitung der Nachschriften von Rudolf Steiners Vorträgen zurück und meint, es komme auch das in Betracht, «daß Dr. Steiner immer wieder sein Mißfallen ausgesprochen hat über die Nachschriften und auch über die wahllose Verbreitung, daß es gar nicht seinem Geschmack entspricht. Man kann ja wohl verstehen den Wunsch nach den Nachschriften, aber man sollte auch den Wunsch Dr. Steiners, daß die Nachschriften nicht so hinausgehen, auch nicht unbeachtet lassen.»

Albert Steffen: Bevor ich also die Versammlung vertage auf heute nachmittag drei Uhr, möchte Rudolf Steiner: Es würde sehr schwer sein, hier in diesem Saal am Nachmittag zu tagen.

Albert Steffen: Man kann sofort spüren die Schwierigkeiten, die bestehen, solange es kein Goetheanum gibt. Die Deutschen wollten sich im Glashaus, soviel ich weiß, um drei Uhr versammeln. Dieser Saal kann höchstens bis vier Uhr benutzt werden, denn um fünf Uhr soll Eurythmie sein.

Rudolf Steiner: Ich wollte vorhin nicht irgend etwas ansetzen, sondern wollte nur sagen: Nach dem Programm gehören ja die Veranstaltungen um fünf und um acht Uhr auch noch zur Tagung. Deshalb wollte ich nicht irgendein Schlußwort sagen, bevor die Tagung zu Ende ist.

Albert Steffen: Ich habe nur noch nötig, Herrn Dr. Steiner zu danken für das, was er über mich als Schriftsteller gesagt hat. Ich muß sagen, daß ich mich in dieser Beziehung ganz als Anfänger betrachte, so daß ich, wenn ich mich übe im Worte, vielleicht es einigermaßen zu etwas bringen kann. Jedenfalls bin ich erst auf dem Wege dazu. Und ich möchte wenigstens zu der Bemerkung, die diejenige Persönlichkeit an mich gerichtet hat, welche das Wort der Gegenwart und in der Vergangenheit am besten beherrscht, dieser Persönlichkeit danken für das Zutrauen.

15 Uhr, Glashaus: Fortsetzung der Morgenversammlung der Deutschen (kein Protokoll).

Ein Teilnehmer, Hans Büchenbacher, berichtete darüber in «Mitteilungen, herausgegeben vom Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland» Nr. 7, Stuttgart, September 1923, folgendes:

In den Versammlungen, welche die etwa achtzig in Dornach anwesenden Deutschen hatten, standen im Vordergrunde die rheinischen Freunde. Sie waren der Überzeugung, daß die Rheinländer der Gesellschaft bedeutende Anregungen zu geben hätten und daß Wichtiges für den Verlauf der ganzen Tagung von ihnen ausgehen müsse. Zugleich waren sie aber dabei in einer gewissen Kampfstimmung und besonders in einer oppositionellen Einstellung gegenüber dem Vorstande der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland. Daraus ergab sich aber folgendes. Zu Beginn der Vollversammlung der Deutschen am Sonntagmorgen im Glashaus sprach Herr Dr. Steiner in tief zu Herzen gehender Weise von der geistigen Aufgabe gerade des Deutschen Volkes. [Seite 585] Daß auf diese Worte Dr. Steiners in der darauf folgenden Aussprache nicht eingegangen werden konnte, lag nun in der Hauptsache wohl weniger an der Versammlungsleitung als an der oben charakterisierten Einstellung der rheinischen Freunde. Die ganze Besprechung nahm dadurch einen chaotischen Verlauf, und die Situation war so, daß Dr. Büchenbacher sie mit der auf der Stuttgarter Delegiertentagung im Februar vergleichen mußte. Man wollte nicht einmal auf den Entwurf einer Kundgebung für Herrn Dr. Steiner, die Dr. Unger anläßlich der Lempp-Angelegenheit vorbrachte, eingehen.2

Es wurde beschlossen, am Nachmittag eine weitere Sitzung abzuhalten, um zunächst ganz ausführlich, ihrem Wunsche entsprechend, lediglich die rheinischen Freunde zu hören. Diese forderten, daß auch ein Rheinländer den Vorsitz der Versammlung führen solle. Hierauf ging, was durchaus berechtigt ist, der Vorstand nicht ein, und Herr Leinhas gab nun als Versammlungsleiter am Nachmittag in ausgiebiger Weise den Rheinländern Gelegenheit, alles, was sie zu sagen hatten, vorzubringen. Daß das Ergebnis, das sich nun herausstellte, sehr gering war, wäre an und für sich nicht schlimm gewesen. Aber, darf man fragen, mußte darum stundenlang fruchtlos und zum Teil recht gereizt hin und her geredet werden, so daß auf die Worte Dr. Steiners, auf die Kundgebung für ihn, nicht eingegangen werden konnte? Möchten doch die für die Gesellschaft so wichtigen Verhandlungen im September bei aller Betonung des eigenen Standpunktes nicht mit einer Einstellung geführt werden, die, wie schon die Stuttgarter Delegiertentagung zeigte, den Bestand der Gesellschaft aufs ernsteste gefährdet. So war die für die Besprechungen zur Verfügung stehende Zeit fast dahingegangen, als Herr Leinhas den deutschen Freunden eine Darstellung der Lempp-Angelegenheit geben konnte. Mit großer Schärfe und Bestimmtheit, für die wir ihm nur dankbar sein können, griff hier nun Dr. Steiner ein und stellte diese Angelegenheit in ihrer grundsätzlichen Bedeutung hin. Die Folge war eine begreifliche Erregung der Versammlung. Nun drängte man zu einer Kundgebung für Herrn Dr. Steiner. Dieser war schon weggegangen, der Beginn der Eurythmieaufführung war da. Zu einer geordneten Besprechung war keine Zeit mehr...

17 Uhr, Schreinerei: Eurythmieaufführung mit einleitender Ansprache Rudolf Steiners (in GA 277).

20 Uhr, Schreinerei: 3. Vortrag Rudolf Steiners über «Drei Perspektiven der Anthroposophie» (in GA 225) mit den angekündigten Abschiedsworten an die Tagungsteilnehmer:



  1. Aufsatz Rudolf Steiners: Der Philosoph als Rätselschmied. In: «Das Goetheanum», 2. Jg., Nr. 48 vom 8. Juli 1923, jetzt in GA 36. In diesem Artikel werden vier Rätsel gebracht, die aus dem Büchlein «Aenigmatias. Neue Rätsel» von Franz Brentano, 2. Aufl., München 1909, stammen. ↩

  2. Näheres darüber siehe Seite 596. ↩

German original of The International Delegates' Assembly · ← Previous · Next →