The Fateful Year of 1923
GA 259 — 17 January 1923, Stuttgart
Zweite Sitzung mit dem Siebenerkreis
und den neuen Teilnehmern: Carl Unger und den beiden Waldorflehrern Paul Baumann und Dr. Herbert Hahn. Es werden als neuer Vorstand vorgeschlagen: Emil Leinhas, Dr. Hahn, Paul Baumann, Dr. Kolisko, der an die Stelle des aus dem Zentralvorstand zurückgetretenen Ernst Uehli tritt.
Die Sitzung beginnt1 mit einem Vorschlag, die künftige Zusammenstellung des Zentralvorstandes betreffend, aus dem Herr Uehli sich zurückgezogen hat. Der Siebenerausschuß ist durch drei Mitglieder erweitert worden: Dr. Unger, Baumann und Dr. Hahn sind zu der Sitzung zugezogen worden. Wortführer ist Dr. Kolisko; er übernimmt vorläufig im Zentralvorstand die Stelle des Herrn Uehli. Es wird davon gesprochen, daß die Pflege konkreterer Beziehungen zu der Jugend notwendig sei und daß Dr. Unger den Weg zu den Jungen nicht fände; ihre Art verbände sich nicht mit der seinen.
Zu den von den vier Herren mitgeteilten Vorschlägen und Beschlüssen, nun Anthroposophie intensiver in den Mittelpunkt der Arbeit treten zu lassen, bemerkt Dr. Steiner, daß dies der einzige Weg sei, um mit der Opposition in den Kreisen der Jugend fertig zu werden. Wenn auch die nach dieser Richtung hin tendenziös beeinflußte Jugend gefunden hätte, daß die Vorträge Dr. Ungers zu trocken seien, so dürfte das für ihn kein Grund sein, inaktiv zu werden; auch für den Zweig sei die Arbeit Dr. Ungers dringend notwendig.
Es wird von den Herren des weiteren darüber gesprochen, daß den Mitgliedern und den Zweigen in der Peripherie Informationen gegeben werden sollten über die brennenden Fragen der Gesellschaft. Die Vertrauensleute der Zweige würden gebeten werden, zu den wichtigen Besprechungen demnächst nach Stuttgart zukommen. Verständigung mitderreligiösen Erneuerungsbewegung soll gesucht werden. Eineneue Einstellung gegenüber der Gegnerschaft ist als notwendig erkannt.
Dr. Stein: Wir wollen zusammen arbeiten. Ich glaube, daß auch Dr. Unger mit uns arbeiten kann.
Dr. Unger: Die nächstliegenden Aufgaben sind in diesen Vorschlägen zusammengefaßt. Worauf stützt sich das Vermuten, daß Vertrauen da sein wird?
Dr. Steiner: Ich möchte eine Frage aufwerfen bezüglich der gemachten Vorschläge. Es kommt nicht darauf an, daß jetzt eine Anzahl von Persönlichkeiten die Dinge, die hier formuliert worden sind, im Kopfe haben und sie aussprechen; denn diese vier Wände hier hören ganz stumm zu! Es kann zunächst die Meinung sein, daß es außerordentlich gut gehen wird; man muß aber einen Anfang damit machen, einsehen zu wollen, ob das eine Realität ist. Von dem mangelnden Vertrauen ist ja auch viel gesprochen worden. Wie würden Sie sich das vorstellen, den Dreißigerkreis der in Stuttgart residierenden Persönlichkeiten Montag zusammenzurufen, um die fertigen Vorschläge vorzulegen? Würden Sie sich vorstellen können, was die Versammlung zu diesen Dingen für ein Gesicht machen würde? Können Sie sich lauter Einigkeit dabei vorstellen? Wie war es denn schon bei der ersten Sitzung des Auschusses der Sieben? -— Man kann nicht behaupten, daß zum Beispiel Herr Uehli am vorigen Abend dabei war. Er war nicht in Wirklichkeit dabei. Er kam, um seine Ämter zur Verfügung zu stellen. Den Eindruck, daß Herr Uehli den Siebenerausschuß zu mir gebracht hat, habe ich auch nicht empfangen. Den Eindruck hatte ich nicht. Ich hatte wohl den Eindruck, daß Herr Uehli nur mitgeschleppt wurde. Wirklich, ich hatte nicht den Eindruck, daß Herr Uehli diesen Kreis zu mir gebracht hat. Diesen Glauben konnte ich nicht haben.
Es spricht zuerst Frau Marie Steiner. Dann äußern sich mehrere Personen über die Sachlage, so wie sie von ihnen gesehen wird.
Dr. Steiner: Diese Darstellung würde ein kleines Opiat sein. Wenn wir so beginnen, so ohne Klarheit, so fußen wir auf etwas, was nicht wahr ist. Wie hätte man darauf kommen sollen, daß Herr Uehli diesen Siebenerausschuß herbeigebracht hat. — Es ist so viel gesprochen worden von aktiver Energie, die nun erwacht sei durch das Bewußtwerden dessen, was innerhalb der ersten Sitzungen vor sich gegangen ist. Man konnte das nicht bei allen Anwesenden merken. Herr Uehli war nicht in Wirklichkeit dabei; man kann auch nicht behaupten, daß Herr Uehli dabei war, als die Ergebnisse des ersten Abends besprochen wurden.
Mehrere Personen schildern ihre Eindrücke und Vorsätze.
Dr. Steiner: Wenn jetzt etwas geschehen soll, so kommt es darauf an, daß dies gleichsam auf einem lebendigen Gerüst stehe. Die sich Aufraffenden müssen sagen: Bisher ist das, was notwendig ist für die ganze Gesellschaft, nicht geschehen, und wir müssen es jetztmachen. —Sonst genügt es nicht; Sie müssen davon durchdrungen sein, daß es weiter nicht so geht. Sogar in einem Zirkular muß es wirklich gesagt werden: Es geht nicht so weiter. Alles muß begründet und substantilert werden. Man muß sich ganz klar darüber sein: Will man den alten Vorstand behalten, oder will man etwas Neues haben?
Nehmen wir dieses von Ihnen auf die Tagesordnung gebrachte Beispiel der «Religiösen Erneuerung». Diese «Religiöse Erneuerung» ist ein Geschehen. Eines Tages traten Dr. Rittelmeyer und Emil Bock auf und setzten diese Sache in die Welt. Ausgegangen ist das von den verschiedenen Versammlungen, die gehalten worden sind mit den prominenten Persönlichkeiten der religiösen Erneuerungsbewegung. Aus all diesen Versammlungen haben die führenden Persönlichkeiten ihre Konsequenzen gezogen. Bei all diesen Versammlungen war Herr Uehli dabei. Es lag nicht nahe, Herrn Leinhas dazu zu berufen, sondern just Herrn Uehli. Er kennt ganz genau alles, um was es sich handelt. Die anderen Kursteilnehmer haben ihre Aktion begonnen, das Mitglied des Zentralvorstandes aber hat sich auf den kurulischen Stuhl gesetzt!2 Daraus entstand der Brei, den Sie jetzt auskochen müssen.
Es folgt eine weitere lebhafte Debatte. Dr. Steiner schließt sie ab mit folgenden Worten:
Dr. Steiner: So würde es sich also darum handeln, daß wir Montag zusammenkommen mit dem Dreißigerkreis und mit Leuten, die Sie außerdem noch zuziehen wollen. Nicht wahr, der Dreißigerkreis ist zunächst die erste Peripherie. Es handelt sich jetzt darum festzustellen, wer noch da sein soll.
Es werden Namen genannt, und die Sitzung wird geschlossen.
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In Marie Steiners Ausgabe — aufgrund des Protokolls von Karl Schubert - mit «Kurz nach dem 8. Jan. 1923» bezeichnet. Das genaue Datum konnte erst jetzt erruiert werden. ↩
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Uehli war nicht nur Mitglied des Zentralvorstandes, sondern auch Religionslehrer für den freien Religionsunterricht der Waldorfschule. Aufgrund dieser beiden Funktionen war er zu den Vortragskursen für die religiöse Erneuerungsbewegung zugezogen worden. Rudolf Steiner hatte es als selbstverständlich erwartet, daß die Gesellschaft durch den Zentralvorstand, respektive Uehli, entsprechend orientiert würde. Da dies nicht geschehen war, gab Rudolf Steiner in seinen zwei unmittelbar vor dem Brand des Goetheanum gehaltenen Vorträgen (30. und 31. Dezember 1922) selber diese Orientierung. Vom Zentralvorstand erschien dann nach dem Brand in den von ihm herausgegebenen «Mitteilungen» (Nr. 2, Januar 1923) folgende Mitteilung: «Das Auftreten der Bewegung zur religiösen Erneuerung hat in weite Kreise der Anthroposophischen Gesellschaft Schwierigkeiten und Mißverständnisse getragen. Kurz vor Beginn ihres öffentlichen Wirkens hatten die drei Mitglieder des Zentralvorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft [Dr. Carl Unger, Emil Leinhas, Ernst Uehli] in Dornach eine Unterredung mit den vier leitenden Persönlichkeiten der Bewegung zur religiösen Erneuerung [Friedrich Rittelmeyer, Emil Bock, Werner Johannes Klein, Gertrud Spörri] über das Zusammenarbeiten beider Bewegungen. Im Sinne dieser Besprechung hatte sich der Zentralvorstand entschlossen, eine kurze Darstellung der geschichtlichen Entstehung und der Aufgaben der Bewegung für religiöse Erneuerung den Mitgliedern an dieser Stelle zur Kenntnis zu bringen. Diese Darstellung sollte unmittelbar nach Abschluß der über Weihnachten und Neujahr stattfindenden Veranstaltungen in Dornach ausgesandt werden. Das erschütternde Ereignis der Vernichtung des Goetheanums durch ein böswillig angelegtes Feuer ist unterdessen als furchtbarer Schmerz in alle Herzen gedrungen. Die letzten Vorträge, die Herr Dr.Steiner noch im Goetheanum gehalten hat, behandelten die Aufgaben der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft, und am 30. Dezember 1922, am Tage vor der Katastrophe, sprach Herr Dr. Steiner über die Bewegung zur religiösen Erneuerung; es soll im folgenden statt unserer Darstellung, die schon fertig vorlag, eine freie Wiedergabe dieses Vortrages stehen.» ↩