The Fateful Year of 1923

GA 259 — 16 January 1923, Stuttgart

Erste Sitzung mit dem Siebenerkreis

[Rudolf Steiner und Marie Steiner kommen abends in Stuttgart an und werden im Hause der Anthroposophischen Gesellschaft, Landhausstraße 70, von dem «Siebenerkreis» empfangen. Von der ersten noch am gleichen Abend die ganze Nacht hindurch stattgefundenen Sitzung liegt kein Protokoll vor. Marie Steiner berichtet in ihrer Ausgabe von 1947 aus der Erinnerung mit der Bemerkung: «Es ist etwas mißlich, sich nach Jahrzehnten nur auf das eigene Gedächtnis zu verlassen, man müßte an dem der anderen kontrollieren können»:]

Zweck dieser ersten Sitzung war gewesen: darzustellen die Unstimmigkeiten, die sich ergeben hatten zwischen dem Vorstand und den andern führenden Persönlichkeiten, besonders aber die Klagen der Jugend zu untersuchen. Dr. Steiner wies das sehr persönlich gefärbte Gerede über Dr. Ungers Unzulänglichkeiten recht ungehalten zurück und wollte wissen, warum sein Auftrag nicht erfüllt worden sei und der Vorstand nicht Antwort gegeben habe.1 Keiner wußte etwas davon. Uehli hatte geschwiegen, die Sache einfach vergessen.2 Nun wurde es mehr als ernst. Dr. Steiner hielt nicht mit seiner Entrüstung zurück. Er verlangte energisch, daß sich der Vorstand über seine Aufgaben klar werde, die Lage überprüfe und bei der nächsten Sitzung ihm die erwarteten Vorschläge mache, die bis dahin ausgearbeitet werden müßten. Die Nacht müßte dazu verwendet werden.

An anderer Stelle berichtet Marie Steiner über diese Sitzung so:

Die erste der intimen Sitzungen war von ausschlaggebender Bedeutung. Sie war gefordert worden von einer Gruppe, die sich der «Siebenerkreis» nannte, und sollte die Absägung Dr. Ungers zum Ziele haben. Dr. Steiner bat um die Liste der Namen und fragte erstaunt: Aber der Name Dr. Ungers fehlt ja! — Der wäre nicht eingeladen, antwortete man. Sie werden doch nicht Klagen gegen Dr. Unger vorbringen, antwortete Dr.Steiner empört, ohne ihm Gelegenheit zu geben, darauf zu anworten?! Beschämt nahm man das zur Kenntnis. Herr Uehli war der erste Redner; er sprach lange, aber inhaltslos. Das Schwerwiegendste, was er vorbrachte, war der Umstand, daß die Jugend nicht mit Dr. Unger arbeiten wolle; sie könne keine Beziehung zu ihm finden und wolle unter sich arbeiten als eigene Gesellschaft. Andere Klagen bestanden darin, daß Dr. Unger in die Zeitung blicke, wenn er mit den Leuten spräche, und ähnliches. Die ganze Sache hatte keinen realen Boden; man versank im Wesenlosen. Dr. Steiner schwieg. Ich wagte zu sagen: Ach, Herr Uehli, würden Sie nicht ihre Anklage noch einmal vorbringen? — Er tat es, und die ganze Angelegenheit zerfiel plötzlich wie eine aufgeplusterte Schaumblase. Aber Dr.Steiner machte seiner Empörung Luft: Für so etwas werde ich gerufen, für etwas, das auf Klatsch, Antipathien und Konkurrenzneid beruht!3



  1. Siehe hierzu Rudolf Steiner im Vortrag Dornach, 9. Februar 1923 (in diesem Band auf Seite 113) ↩

  2. Uehli äußerte sich dazu in einem Brief vom 16. Januar 1948 an Emil Bock so: «Ess ist nicht wahr, daß ich den mir damals von Dr. Steiner erteilten Auftrag «ignoriert, übersehen, vielleicht verschlafen» habe. [Dies bezieht sich auf Marie Steiners Formulierung in ihrem Rückblick, vgl. Seite 21 dieses Bandes.] Wahr ist, daß ich mich außerstande sehen mußte, ihn auszuführen. Was sich dann Januar-Februar 1923 im Dreißigerkreis zugetragen hat, daß nicht einer, auch ich nicht, in der Lage war, auch nur einen Teil von dem zu leisten, was Dr. Steiner von dem Dreißigerkreis erwartete und forderte, das habe ich vorher in wochenlanger Qual und Bedrückung durchgemacht, und darum habe ich den Auftrag in der mir erteilten Form nicht ausführen können. ... In dem tragischen Zwiespalt, in welchem ich mich damals befand, habe ich als Ausweg den Siebenerkreis gebildet, um die Lage der Gesellschaft mit Dr. Steiner zu besprechen.» ↩

  3. Ergebnis dieser Nachtsitzung war der Rücktritt von Ernst Uehli aus dem Zentralvorstand. ↩

German original of First Meeting with the Circle of Seven · ← Previous · Next →