The Fateful Year of 1923
GA 259 — 19 January 1923, Dornach
Anschließend an den Abendvortrag
Dornach, Freitag, 19. Januar 1923
Ich habe heute vernommen,1 daß allerlei im Munde von Anthroposophen überflüssige Anekdoten herumgetragen werden, die, ich möchte sagen, aufgestachelt werden vielleicht durch die oder jene Empfindung gegenüber unserem großen Unglücke, mit der Katastrophe des Goetheanum. Aber so ungern ich ja so etwas tue, möchte ich auch wiederum bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam machen, daß die Mitgliedschaft zur Anthroposophischen Gesellschaft gewisse Verpflichtungen auferlegt, vor allen Dingen die Verpflichtung, nicht Angriffspunkt zu geben dadurch, daß wir solche Anekdoten herumtragen.2
Ich muß dabei schon betonen, weil es um der Sache willen, nicht um des Persönlichen willen ist, daß ja alle diejenigen Dinge, die in dieser Weise von den Mitgliedern verübt werden, auf mich zurückfallen und damit auf die Sache der anthroposophischen Bewegung.
Wir haben die allergrößte Zurückhaltung notwendig im Anschuldigen und sollten als Anthroposophen wirklich schon den Ernst entwikkeln können, daß wir das nicht einmal in anekdotenhafter Form tun. Denn in welchen schlimmen Dingen wir drinnen stehen und welchen Angriffen wir ausgesetzt sind, das können Sie sich ja überzeugen aus dem, was Sie heute wiederum in den «Basler Nachrichten» finden können.
Gewiß, diese Dinge sind die denkbar unberechtigsten Angriffe; aber auf der anderen Seite darf ich doch wohl bitten, daß nach und nach jener Ernst, der da sein muß in der Anthroposophischen Gesellschaft, von jedem einzelnen Mitgliede geübt werde und nicht jetzt ausgesprochen werden alle möglichen Anekdoten, die dann von den Gegnern ausgenützt werden. Und die Ausnützung wird ja dann gewöhnlich gerade auf mich abgeladen.
Ich tue es immer ungern, in dieser Weise Moral zu predigen, aber es ist von Zeit zu Zeit notwendig. Wie gesagt, ich habe heute wieder vernommen, daß solche Anekdoten auch von dem Munde von Anthroposophen ausgesprochen worden sind. Ich möchte Sie bitten, um der Sache, um der heiligen Sache willen, sich nicht dieses Ernstes zu entschuldigen und allerlei Anekdoten herumzutragen. Das überlassen Sie den anderen Leuten! Es verpflichtet in einer gewissen Weise nun schon einmal das Mitgliedsein in der Anthroposophischen Gesellschaft.