Anthroposophy and its Opponents
GA 255b — 28 November 1919, Dornach
Mitteilung vor dem Mitgliedervortrag
Mitteilung vor dem Mitgliedervortrag
Dornach, 28. November 1919
Meine lieben Freunde! Eine kleine Einleitung muß ich dem Vortrag voranschicken, weil ich Sie doch gewissermaßen informieren muß, besonders in der jetzigen Zeit, über verschiedene Dinge, die eben vorgehen, und da möchte ich Ihnen nur eine kleine Notiz vorlesen, die unser Freund Dr. Stein in der letzten Nummer der «Dreigliederung des Sozialen Organismus» geschrieben hat, ein kleiner Artikel, der heißt «Neue Wahlverwandtschaften»:
Am 11. November hielt im Siegle-Haus in Stuttgart Domkapitular Laun einen gänzlich unbedeutenden Vortrag über das Thema «Theosophie und Christentum», von dem wir keinerlei Notiz nehmen würden, wenn er nicht nach einer sogleich zu charakterisierenden Richtung symptomatisch gewesen wäre. Der Vortragende folgte nämlich in seinem Gedankengang — genauer müßte man sagen: «in seiner Sätzeanordnung» — den Ausführungen der Broschüre des Professors Traub, die den Titel trägt «Steiner als Philosoph und 'Theosoph». Natürlich blieb Traub unerwähnt, aber es war symptomatisch interessant zu sehen, wie ein katholischer Domkapitular gemeinsame Sache machte mit dem evangelischen Professor - hinter den Kulissen. Katholische und evangelische Partei (denn Religionen sind das doch nicht mehr) kämpfen gemeinsam gegen Steiner. Was sich vor aller Augen bekämpft hinter den Kulissen versteht es einander. Welcher Art die Kampfesmittel des Vortragenden waren, geht wohl zur Genüge hervor, wenn ich erwähne, daß nach dem Vortrag keine Diskussion stattgegeben wurde und daß der Vortragende darauf hinwies, daß, wer sich über Steiner orientieren wolle, dies bei Gegnern Steiners, die er aufzählte, tun könnte, nicht aber durch Steiners Schriften selbst, da dies der Papst verboten habe. Dr. J. W. Stein
Sie sehen, wie sehr es notwendig ist, meine lieben Freunde, ein unbefangenes Urteil sich über die Menschen unserer Zeit anzueignen und wie wenig es heute mehr an der Zeit ist, so obenhin nur die Verhältnisse zu beurteilen, wie man dies leider auch vielfach in unseren Kreisen tut. Denn das muß immer wiederholt werden: Die Zeiten sind sehr ernst, und es genügt nicht, daß man den alten Autoritätsglauben in veränderter Form zu seiner eigenen schläfrigen Bequemlichkeit weiter fortsetzt.