Anthroposophy and its Opponents
GA 255b — 16 November 1919, Dornach
Alte und neue Gegnerschaften I
Meine lieben Freunde! Die letzten Betrachtungen werden Sie darauf aufmerksam gemacht haben, welche Stellung das geisteswissenschaftliche Erkennen einzunehmen hat in der Geistesentwicklung der Menschheit. Über diese Frage ist ja sehr, sehr viel zu sprechen; wir werden in der nächsten Zeit noch einiges darüber zu sprechen haben. Allein, es ist manchmal schon notwendig, daß auch hingewiesen wird auf die Hemmungen, die aus dem Geistesleben der Gegenwart kommen gegen dasjenige, was gerade im Interesse der Fortentwicklung der Menschheit getan werden muß. Und so werde ich in diesen heutigen Auseinandersetzungen — indem ich, ich möchte sagen Typisches herausgreife - Sie bekannt machen müssen mit solchen Gedanken, wie sie gegen die hier gemeinte Geisteswissenschaft ja heute ziemlich gebräuchlich sind. Ich werde dabei versuchen, die Eigenart solcher hemmender Gedanken Ihnen zu charakterisieren.
Es ist ja nun schon einmal so, daß, seit Geisteswissenschaft in der letzten Zeit mehr berücksichtigt wird von dieser oder jener Seite, auch die Stimmen sich mehren, welche darauf ausgehen, dieser Geisteswissenschaft nicht nur alles mögliche in den Weg zu legen, sondern sie gewissermaßen zu zertreten. Sie müssen nur bedenken, daß eine geistige Bewegung in unserer Zeit, solange man die Möglichkeit hat, sie als eine Sekte zu bezeichnen, wenig angefochten wird. Allein, es wäre von unserer Seite eine große Bequemlichkeit, wenn wir über das, was an Hemmungen auftritt, heute auch noch in derselben Art denken würden, wie wir gewöhnt waren zu denken in der Zeit, in der diese Geisteswissenschaft in kleineren Zirkeln wie sektiererisch betrieben worden ist. Nach meinem eigenen Geschmack war ja das Sektiererische niemals; aber es ist angesichts der Denk- und Empfindungsgewohnheiten und Willensgewohnheiten der Gegenwart außerordentlich schwierig, aus dem Sektiererischen herauszukommen, weil es ja fast selbstverständlich ist, daß der einzelne Mensch für den Fortgang und die Entwicklung seiner Seele Anknüpfungspunkte da sucht, wo er sie aus einer geistigen Erkenntnis heraus finden kann. Dann aber kommt natürlich wiederum das äußere Leben, in dem man nichts so fürchtet wie die Möglichkeit, daß man da oder dort anstößt, und dann verraucht zum großen Teil der im stillen Seelenkämmerchen durchgefochtene Wille, wenn es sich darum handelt, mehr vor die Öffentlichkeit hinzutreten.
Dasjenige, was heute an Gegnerischem geschrieben wird, ist ja so zahlreich, daß ich nur etwas Typisches herausgreifen kann, und dabei knüpfe ich an an eine Broschüre, die eben erschienen ist, «Rudolf Steiner als Philosoph und Theosoph», von einem Professor in Tübingen, Dr. Friedrich Traub, der ja wohl von evangelisch-protestantischem Empfinden der Gegenwart aus seine gegnerischen Bemerkungen geformt hat. Das Eigentümliche, das uns bei solchen Dingen in der Gegenwart entgegentritt, ist etwas, das gerade angeknüpft werden kann an Betrachtungen, die in der letzten Zeit und auch in diesen Tagen hier von mir gepflogen worden sind. Es muß ja immer wieder und wiederum daran erinnert werden, daß zu einer wirklich gedeihlichen Pflege einer geisteswissenschaftlichen Bewegung durchaus gehört, sich an der Betrachtung und an der Behandlung der Dinge der physischen Welt ein völlig ungetrübtes Wahrheitsgefühl und ein gewissenhaftes Verfolgen der Wahrheit anzueignen. Daß die Weisheit nur in der Wahrheit gesucht werden kann, das, meine lieben Freunde, soll nicht ein wesenloses Motto unserer Bewegung sein, das soll auf etwas ganz Wesentliches hindeuten.
Nun ist es eine Eigentümlichkeit in unserer Zeit erstens, daß überhaupt die Menschen sehr leicht dazu neigen, dasjenige, was geschieht, zu retuschieren, in irgendeiner Weise zu retuschieren. Es steckt ja gewiß viel Unbewußtes in solchem Retuschieren, aber auch das unbewußte Retuschieren muß derjenige, der Wahrhaftigkeit gegenüber den Dingen anstrebt, bestrebt sein aus seinem Leben auszumerzen. Es handelt sich darum, daß, wenn man Dinge erinnert, man bestrebt sein muß, sie in ihrer wahren Gestalt wiederum in das Gedächtnis heraufzurufen. Es ist so merkwürdig, wie selbst in unseren Kreisen es immer wieder vorkommt - das muß schon gesagt werden -, daß Dinge erzählt werden, Dinge des gewöhnlichen physischen Planes, denen man dann nachgehen kann und an denen gar nichts ist, die völlig in der Luft verfliegen. Das sind Dinge, die wirklich mit einem größeren Ernst genommen werden sollen, als sie gemeiniglich genommen werden. Dann aber handelt es sich darum, daß man im Verkehr der Menschen untereinander gewisse Dinge einhält, welche notwendig sind, wenn das soziale Leben nicht überhaupt ins Absurde verfließen soll.
Sehen Sie, vor einiger Zeit mußte in Stuttgart hart gerügt werden — Dr. Unger hat das damals getan -, daß ein Theologe einen Vortrag gehalten hat über meine Anthroposophie und viel Persönliches in diesen Vortrag hineinmischte. Theologen sollten ja eigentlich Menschen mit Wahrheitsgefühl sein. Dieses Persönliche war nun fast restlos entlehnt aus der Broschüre des bekannten Ex-Anthroposophen — man ist ja solche Wortbildungen heute gewöhnt - Max Seiling. Nun, der betreffende Theologe, der ein Forscher, also ein Wissenschaftler sein will, der sagte unter anderem, diese Dinge wären ja in der Öffentlichkeit bisher nicht widerlegt. - Nun, meine lieben Freunde, wollte man alles, was von einer solchen Seite kommt, widerlegen, so wäre das eine Arbeit, die dem gleichkäme, wenn Buben einen auf der Straße mit Dreck beschmeißen und man dann mit den Buben sich in einen Raufhandel einließe, nicht wahr. Also, das bezüglich der Widerlegung. Aber es ist an der Aussage eines Menschen, der Wissenschaftler sein will, das folgende zu rügen.
Derjenige, der etwas behauptet, hat die Verpflichtung, den Quellen für die Beweise nachzugehen, also nicht einfach nachzusprechen, sondern die Quellen erst zu prüfen. Wohin käme man zum Beispiel bei der geschichtlichen Forschung, wenn man alles das als wirkliche Geschichte ansehen würde, was man irgendwo aufliest, und sich nicht verpflichtet fühlen würde, den Wahrheitsgehalt der Quellen wirklich zu prüfen. Nicht derjenige, der beworfen wird, hat die Verpflichtung, die Behauptungen zu widerlegen, sondern derjenige, der sie nachsagt, der sie benützt, um sie zu charakterisieren, der hätte die Verpflichtung, einer solchen Sache nachzugehen, bevor er sie nachspricht. Und diesem Herrn, der noch dazu im äußeren sozialen Leben sich Universitätsprofessor nennen darf, dem müßte begreiflich gemacht werden, daß solch ein Mensch, der wissenschaftlich arbeitet, ohne die Quellen zu untersuchen, sich einfach durch diese Tatsache so vor der Welt dokumentiert, daß er in der Zukunft niemals, in bezug auf gar nichts wissenschaftlich ernst genommen werden kann.
Sehen Sie, solche Dinge müssen deshalb heute so dezidiert ausgesprochen werden, weil diesen Dingen nachgegangen werden sollte in der Öffentlichkeit, weil in der Tat die Leute auf ihren Wahrheitsimpuls hin heute geprüft werden müßten. Man müßte den Dingen nachgehen, ob irgend jemand, der im öffentlichen Leben steht, es mit der Wahrheit ernst nimmt oder nicht ernst nimmt, das heißt, ob er auch die Verpflichtung fühlt, für alles das, was er behauptet, selber die Quellen der Wahrheit zu prüfen. Es genügt nicht, wenn jemand sagt, er sage etwas in gutem Glauben; dieser Glaube ist für die Geltendmachung eines öffentlichen Urteils gar nichts wert. Von Wert ist lediglich die gewissenhafte Prüfung, zu der jeder verpflichtet ist, der irgendeine Behauptung tut. Würde man sich das schon im privaten, persönlichen Leben angewöhnen, so würde es auch nicht in einem solchen Zusammenhang vorkommen können wie dem, den ich charakterisiert habe. Und wenn es vorkommt, dann ist das ein Symptom, daß es im gewöhnlichen Leben in der heutigen Zeit gang und gäbe ist, blind ins Blaue hinein etwas zu behaupten, ohne sich gewissenhaft daran zu halten, die Quellen für irgendeine Behauptung auch zu prüfen. Das ist etwas, was durchaus im Allgemeinen gesagt werden muß.
Nun, meine lieben Freunde, ich werde mit etwas scheinbar außerordentlich Belanglosem zu beginnen haben, mit etwas, das meinetwillen auch viele unter Ihnen für belanglos halten und sagen könnten: Nun, solche Dinge, auf die kommt es doch nicht an, solche kleinen Versehen, die muß man schon verzeihen. - Dennoch, gerade an der - ich möchte sagen - gewissenlosen Art, wie jemand oftmals Kleinigkeiten behandelt, zeigt sich, wie er in Großigkeiten verfährt. Sehen Sie, die Broschüre, von der ich gesprochen habe, die in der Einleitung, in dem Vorwort sagt:
Die vorliegende Schrift - ursprünglich ein Vortrag auf dem vom Evangelischen Bund veranstalteten und im August 1919 in Tübingen abgehaltenen Kurs - ist bemüht, die Steinersche Gedankenwelt möglichst klar und sachlich zu schildern und zu beurteilen.
- diese Schrift enthält zunächst auch einige biographische Angaben, und diese biographischen Angaben beginnen damit:
Steiner ist im Jahre 1861 in dem ungarischen Grenzstädtchen Kraljewitz geboren.
Nun, meine lieben Freunde, wenn der Mann irgendein Handbuch aufschlagen würde -— wozu er verpflichtet wäre - und aufsuchen würde Kraljevec auf der Mur-Insel in Ungarn, so würde er finden, daß es ein entsetzliches kleines Dreckloch von Dörfchen ist, um das es sich da handelt. Also, man braucht nur nachzuschlagen. Sie werden es vielleicht unbedeutend und belanglos finden, aber im Forschen kommt es auf Genauigkeit an, im Forschen kommt es auf exakte Wahrheitsliebe an, und wenn jemand in Kleinigkeiten solche Dinge macht und sich nicht verpflichtet fühlt, die Wahrheit zu erforschen, so ist auf seine Großigkeiten eigentlich schon nichts zu geben. Dann geht es weiter:
Er ist aber trotzdem nicht Ungar, sondern Deutschösterreicher.
Und so weiter. Dann heißt es:
Die geistige Atmosphäre, in der er aufwuchs, ist die eines aufgeklärten Katholizismus, woraus sich erklärt, daß er der Gedankenwelt des deutschen Protestantismus innerlich ferne steht.
Nun, meine lieben Freunde, woher hat das der Mann? Aus einer vernünftigen Quelle kann er es nicht haben, weil ich wahrhaftig nicht in einem aufgeklärten Katholizismus aufgewachsen bin, sondern aufgewachsen bin ohne Katholizismus, sogar ohne aufgeklärten Katholizismus, tatsächlich in einer Denkweise, die durchaus der - ich möchte sagen — radikalsten naturwissenschaftlichen Anschauungsweise der sechziger und siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts entspricht. Man möchte also glauben, daß solch ein Mann überhaupt nichts weiß von dem, was im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts vorgegangen ist, sonst würde er nicht in meinen Schriften irgend etwas finden können von aufgeklärtem Katholizismus. Dann nur noch einen Satz von dieser Sorte:
Er studierte in Graz und Wien Naturwissenschaft und Mathematik und ging später zur Philosophie über.
Meine lieben Freunde, ich war in Graz zum ersten Mal beim Leichenbegängnis von Hamerling im Jahre 1889, nachdem ich längst mit allen philosophischen Studien fertig war. Ich habe niemals die Grazer Universität oder eine Grazer Hochschule von innen gesehen.
Sie mögen das, wie gesagt, alles belanglos finden, Sie mögen sagen, das seien so kleine Versehen, die man verzeihen kann. Nein, meine lieben Freunde, denjenigen, der Forscher sein will, kann man nicht in dieser Weise behandeln, sondern bei dem muß man auf die exakte Wahrheit sehen. Wenn irgend jemand aus was weiß ich welcher Phantasie solche Dinge behauptet, dann muß man sich auch klar sein darüber, daß von dem, was er sonst vorbringt, eigentlich nicht viel zu halten ist.
Ich habe nun aber studiert, was denn der Mann eigentlich gedacht haben könnte, wie er herausgefunden haben könnte, daß ich in Graz studiert hätte - ich habe ja in Wien studiert -, wie kommt er auf so etwas?
Ja, sehen Sie, meine lieben Freunde, wenn Sie sich vorstellen: hier die steirische Mur, so ist hier die Mur-Insel, Großmurschen, da das ganz kleine Örtchen Kraljevec, Csaktornya ist davor, dann Kottori. Nun, wenn hier Graz ist, ist hier etwa Wien. Nun hat der Mann gesagt: Wie ist Steiner von Kraljevec nach Wien gekommen? Selbstverständlich über Graz (siehe Tafel 1). - Eine andere Möglichkeit, diese Dinge zu behaupten, scheint es mir durchaus nicht geben zu können. Sie sehen aber daraus, meine lieben Freunde, wie es mit der Denkweise [eines] manchen, der sich Forscher nennen darf aus unseren sozialen Verhältnissen heraus, eigentlich steht.

Die Broschüre Traubs zerfällt in zwei Teile. Der erste Teil handelt von «Steiners Philosophie», der zweite von «Steiners Theosophie». Nun, man hat ja nach den Erfahrungen des Lebens nicht gerade Veranlassung zu glauben, daß evangelische Theologen viel von Philosophie verstehen durchschnittlich; aber wenn jemand darüber schreibt und den Anspruch darauf macht, wenigstens in der Theologie ernst genommen zu werden, so sollte doch bei ihm die Möglichkeit vorliegen, wenn er über die «Philosophie» einer Persönlichkeit schreibt, wenigstens die Hauptsache irgendwie zu berühren; es müßte irgendwie das herausgestellt sein, auf was es im wesentlichen ankommt. Das Ganze, wie er hier meine Philosophie behandelt, das ist im Grunde genommen zuerst eine Feststellung, daß ja manche geistreichen Bemerkungen in meiner «Philosophie der Freiheit» stünden, dann aber gipfelt es in dem folgenden Satz, der da steht:
Aber dann kommen auch Partien, die recht dunkel sind und denen der Leser ratlos gegenübersteht.
Ich glaube es bei dem Pfarrer beziehungsweise Professor Traub, daß er manchem ratlos gegenübersteht; allein, es scheint mir, daß es ihm zukäme in dieser Beziehung, doch sich einmal zu überlegen, ob die Ratlosigkeit nicht aus seiner Seelenverfassung kommen könnte. Denn schließlich gilt ja auch heute noch, was schon vor langer Zeit der gute Lichtenberg gesagt hat: Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, so muß nicht gerade das Buch daran schuld sein. Nun sehen Sie, wenn sich einer soweit versteigt zu sagen:
Es liegt also hier bei Steiner eine begriffliche Unklarheit vor, die für die Begründung seines Standpunktes verhängnisvoll ist.
- so müßte er doch wenigstens danach trachten, den Gesichtspunkt, auf den es ankommt, irgendwie ins Auge zu fassen. Vielleicht hätte es Herrn Traub doch einiges helfen können, wenn er sich bemüht hätte, den Dingen gewissenhaft nachzugehen. Allein, er zitiert unter den Schriften, die er gelesen hat für die Charakteristik meiner Philosophie, bloß die «Philosophie der Freiheit» und «Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert» von 1901; diese Bücher nennt er, also schon nicht «Wahrheit und Wissenschaft», was ihm sehr gut hätte helfen können, der «Philosophie der Freiheit» nicht ganz so ratlos gegenüberzustehen.
Aber den Kernpunkt der Sache - es ist, als ob der Pfarrer Traub ja wirklich der Sache ratlos gegenüberstehen würde -, diesen Kernpunkt herauszufinden, das wäre allerdings das Wichtigste. Bei diesem Kernpunkt handelt es sich nämlich darum, daß sowohl in meinem Buche «Wahrheit und Wissenschaft» wie in meinem Buche «Die Philosophie der Freiheit» ein bewußt anti-kantischer Standpunkt einmal klar und deutlich formuliert worden ist. Und das, worauf es dabei ankommt, das ist, daß von mir gezeigt worden ist, daß man überhaupt nicht sich der sinnlichen Außenwelt so gegenüberstellen kann wie Kant und alle seine Nachbeter sich dieser sinnlichen Außenwelt gegenübergestellt haben, so daß man sie einfach hinnimmt und fragt: Kann man nun tiefer in sie hineindringen oder nicht? — Dasjenige, was ich habe zeigen wollen im Beginne meiner schriftstellerischen Laufbahn, das war das, daß die äußere Sinneswelt, so wie sie sich uns darbietet, deshalb ein bloßer Schein ist, deshalb eine halbe Wirklichkeit ist, weil wir in die Welt nicht so hereingeboren werden, daß unser Verhältnis zu der Außenwelt ein fertiges ist, sondern daß unser Verhältnis zur Außenwelt ein solches ist, das wir selber erst fertigzustellen haben, wenn wir über die Welt denken, wenn wir über die Welt dies oder jenes an Erfahrungen, an Erlebnissen uns aneignen. Wenn wir also im weitesten Sinne uns Wissen über die Welt erwerben, dann erst kommen wir zur Wirklichkeit.
Das ist der Grundfehler des Philosophierens des 19. Jahrhunderts, daß immer einfach die Sinneswelt als fertige genommen wird. Man ist sich nicht bewußt geworden, daß zur wahren Wirklichkeit der Mensch dazugehört, daß dasjenige, was im Menschen namentlich an Gedanken auftritt, sich abspaltet von der Wirklichkeit, indem der Mensch in die Wirklichkeit hineingeboren wird, daß die Wirklichkeit zunächst verborgen ist, so daß sie uns als eine Scheinwirklichkeit entgegentritt; und erst wenn wir diese Scheinwirklichkeit durchdringen mit dem, was in uns aufleben kann, haben wir die volle Wirklichkeit vor uns. Damit aber würde von vornherein philosophisch, vom Gesichtspunkt einer gewissen Erkenntnistheorie, alles dasjenige charakterisiert sein, was später wiederum meiner Anthroposophie zugrundeliegt. Denn es ist vom Anfang an versucht worden nachzuweisen, daß die Sinneswelt nicht eine Wirklichkeit ist, sondern daß sie eine Scheinwirklichkeit ist, zu der erst hinzukommen muß dasjenige, was der Mensch zu ihr hinzubringt, was dem Menschen in seinem Inneren aufleuchtet und was er dann erarbeitet. Die ganze kantische und nach-kantische Philosophie geht im Grunde genommen davon aus, daß man eine fertige Wirklichkeit vor sich habe und daß man dann die Frage aufstellen könne: Ja, kann man denn diese fertige Wirklichkeit erkennen oder kann man sie nicht erkennen? - Sie ist aber keine fertige Wirklichkeit, sie ist nur eine halbe Wirklichkeit, und die ganze Wirklichkeit entsteht erst, wenn der Mensch dazukommt und dasjenige in die Wirklichkeit hineingießt, was ihm in seinem Innersten aufgeht. Würde man so charakterisieren, wie es gegeben ist in meiner «Wahrheit und Wissenschaft» und was dann überleitet von dieser «Wahrheit und Wissenschaft» zur «Philosophie der Freiheit», so würde man sehen, daß das Denken, das notwendig ist, um eine Anthroposophie zu begründen, ja bereits seinem Kernpunkte nach philosophisch von mir charakterisiert worden ist. Interessant ist es, daß da bei Traub steht:
Wer von sittlicher Freiheit redet, der kann dies, sollte man denken, unmöglich tun, ohne zu der fundamentalen Frage «Freiheit und kausale Naturnotwendigkeit» Stellung zu nehmen. Von dieser Frage steht in diesem ganzen Buche so gut wie nichts.
Mit diesem Zwischensätzchen «so gut wie» kann man natürlich alles mögliche treffen. Aber wenn man davon absieht, dann möchte man fragen: Hat denn der Mann das Buch erst in der Mitte aufgeschlagen und nur von der Mitte bis zum Ende gelesen? Im ersten Kapitel ist ja in Anknüpfung an Spinoza die Rede davon, wie man aufzufassen hat die Idee der Freiheit im Gegensatze zu der Naturkausalität. Soweit es für notwendig zu halten ist innerhalb eines solchen Buches, ist gerade diese Frage der Ausgangspunkt. So etwas übersieht ein so geartetes Denken wie das von Professor Traub.
Bezüglich der «Rätsel der Philosophie» brauchen Sie ja nur dasjenige zu lesen, was ich am Anfange jenes allerdings gewagten einleitenden Kapitels gesagt habe, daß es notwendig war, den ganzen Gang der Philosophie der Menschheit auf sich wirken zu lassen, um diese paar Seiten zu schreiben, welche den Gang des philosophischen Denkens der Menschheit im Zeitraume von sieben bis acht Jahrhunderten charakterisieren sollen. Wenn Sie das lesen, dann werden Sie sich fragen: Was will denn eigentlich ein solcher Herr, wenn er dann sagt:
Aber diese Gesichtspunkte ...
— er meint diejenigen, die in diesen Seiten entwickelt sind —
... sind so unbestimmt und fließend und decken sich so wenig mit dem Inhalt, den sie zusammenfassend bezeichnen sollen, daß man den Eindruck eines Schemas bekommt, das willkürlich über den Inhalt hergestülpt ist, nicht einer Ordnung, die organisch aus dem Stoff herauswächst.
Gerade das ist ja gezeigt, wie die Ordnung organisch aus dem Stoff herauswächst, und überall ist wieder Gelegenheit genommen, bei jedem einzelnen Kapitel, zu zeigen, wie gerade das, was er hier ein Schema nennt, aus der wirklichen empirischen Betrachtung des Stoffes herauswächst. Für solche Leute kann man alles mögliche sagen — sie sagen dann eben auch wiederum alles mögliche, was ihnen gerade einfällt.
Das Schönste aber, meine lieben Freunde, sind in dieser Schrift Sätze wie etwa dieser:
Es wäre daher von der größten Bedeutung gewesen, wenn er in seiner philosophischen Periode einen klaren und eindeutigen Begriff der Wissenschaft gebildet hätte. Ist die Geisteswissenschaft eine Tatsachenwissenschaft wie Naturwissenschaft und Geschichte? Ist sie eine Normwissenschaft wie Logik, Ethik, Ästhetik? Oder in welchem anderen Sinn ist sie eine Wissenschaft? Nirgends erhält man darüber eine befriedigende Auskunft.
Nun, meine lieben Freunde, was liegt denn einem solchen Satze zugrunde? Der betreffende Herr hat erstens die eingewurzelten Begriffe von Tatsachenwissenschaft und Normwissenschaft im Kopfe. Das hat er aus seinen Kompendien jedenfalls im Laufe seines Lebens gelernt, daß es Normwissenschaften und Tatsachenwissenschaften gibt. Daß gegenüber dem, was Geisteswissenschaft ist, diese alten Begriffe zerfallen, davon müßte er sich zuerst unterrichten. Aber er beurteilt dasjenige, in das er sich selbst hineinfinden sollte, nach den Begriffen, die er sich angeeignet hat. Kein Wunder, daß sie in diese Begriffe nicht hineinpassen.
Niedlich ist zum Beispiel auch das folgende. Er sagt:
Ein drittes Beispiel. Alle «Rätsel der Philosophie» reduzieren sich für Steiner schließlich auf das eine: Seele und Welt. Wie muß die Welt gedacht werden, daß die Seele in ihr Raum hat? Aber diese Problemstellung ist reichlich unbestimmt. Der Begriff «Seele» ist eben mehrdeutig. Ist die Seele gemeint als das psychologische, als das erkenntnistheoretische, als das ethisch-religiöse Subjekt?
Erstens möchte ich wissen, woraus er dieses Problem genommen hat. Ja, meine lieben Freunde, Seele ist halt als Seele gemeint, als die wirkliche Seele. Daß in den Kompendien Betrachtungen angestellt worden sind im Laufe der Zeit, die man erkenntnistheoretisch nennen kann, die man psychologisch nennen kann oder die man ethisch-religiös nennen kann, das bedingt doch nicht den Unsinn, daß man sagen soll: Ich betrachte das Verhältnis der ethisch-religiösen Seele zur Welt, oder ich betrachte das Verhältnis der erkenntnistheoretischen Seele zur Welt, oder ich betrachte das Verhältnis der psychologischen Seele zur Welt. Es ist sehr schwierig, sehen Sie: Wollte man ein solches Zeug widerlegen, so müßte man es mit irgend etwas zu tun haben, das man anfassen kann. Aber man kann doch solche Dinge eigentlich nicht anfassen, sie zerflattern einem ja unter den Händen.
Am meisten interessiert natürlich den evangelischen Theologen, wie ich es gehalten habe mit dem Gottesbegriff in der Zeit, in der meine philosophischen Schriften geschrieben worden sind. Nun, meine lieben Freunde, wenn man etwas schreibt, so handelt es sich nicht darum, daß man über alles mögliche schreibt, von allen möglichen Gesichtspunkten aus, sondern daß man von den Gesichtspunkten aus schreibt, die gerade in Frage kommen nach dem Inhalte der betreffenden Schrift. Ich hatte niemals Veranlassung in diesen Zeiten, in denen meine «Philosophie der Freiheit» und auch das Frühere und einiges Spätere entstanden ist, in irgendeiner Weise auf die theologische Frage über Gott und die Welt einzugehen. Es ist also eine merkwürdige Kritik, wenn man nicht sieht, daß in einem solchen Zusammenhange, wie es die «Philosophie der Freiheit» ist, weder ein persönlicher noch ein überpersönlicher Gott gefunden werden kann. Da handelt es sich um die Behandlung der Materie, um die Behandlung des Stoffes.
Nun sehen Sie, ein besonders gefundenes Fressen ist natürlich für Menschen, die an den Hauptsachen vorbeigehen - denn an der wirklichen Hauptsache, der Bestimmung des Verhältnisses des Menschen zur Wirklichkeit, ist Traub so weit vorbeigegangen, daß er diesen Punkt nicht einmal gesehen hat, daß er gar nicht einmal eine Ahnung davon hat, daß das die Hauptsache ist -, ein gefundenes Fressen ist es immer, wenn Nebensachen hervorgehoben werden können. Es dürfte niemanden überraschen, daß von dem Gesichtspunkte, auch von dem anthroposophischen Gesichtspunkte, von dem ich auszugehen habe, nur ein herbes Urteil gefällt werden kann über alles dasjenige, was Bekenntnis-Christentum der einen oder anderen Nuance in der Gegenwart ist, daß ein herbes Urteil gefällt werden muß über alles dasjenige, was vage Jenseitsvorstellungen sind. Für denjenigen, der den Nerv des Anthroposophischen versteht, leuchtet dieser Kern des Anthroposophischen zurück auf dasjenige, was ich philosophisch geltend machen mußte. Es handelt sich ja darum, daß man, wenn man noch so weit in die geistigen Welten hineindringt, sich diese Welt durchaus vorzustellen hat als eine einheitliche, so daß alles dasjenige, was Geist ist, zu gleicher Zeit gesucht werden muß in dem materiellen Dasein. Es ist der größte Schaden geschehen in unserer neueren menschheitlichen Weltanschauungsentwicklung dadurch, daß die Menschen immer wieder hinausweisen wollten aus dem, was unmittelbare Erfahrung ist, auf ein unbestimmtes, vages Jenseits. Dieses Jenseits soll eben gerade durch die geistige Betrachtung zu einem Diesseits, zu einem wirklich hier Vorhandenem werden. Daher mußte ich erkenntnistheoretisch alle vagen Jenseitsvorstellungen bekämpfen und mußte namentlich alles dasjenige weit wegweisen, was aus den Religionsbekenntnissen der Gegenwart heraus immer wieder und wiederum pflegen will diese vage Jenseitsvorstellung. Gerade um allmählich aufzusteigen zu einem wirklichen Verstehen des Christus, mußte ich all das, was den wirklichen Christus-Impuls eigentlich vernebelt, das mußte ich als Abzulehnendes für die Zukunftsmenschheit hinstellen. Denn es muß klar sein, daß die Art und Weise, wie in der neueren Zeit unter der Protektion gerade der theologischen Richtungen unterschieden wird zwischen Offenbarung und äußerer Wissenschaft, daß gerade das von einem großen Schaden ist für unsere Geistesentwicklung. Daher braucht es niemanden zu wundern, daß das gewöhnliche Christentum von mir zurückgewiesen worden ist in meiner philosophischen Periode, denn dieses gewöhnliche Christentum ist gerade um des Christus selbst willen zurückzuweisen. Aber für diejenigen Menschen, die überall an Worten hängen, die niemals die Dinge im Zusammenhange betrachten, sondern immer an Worten hängen, für die ist es ein Leichtes, dann aus dem Zusammenhang herausgerissen scheinbare Widersprüche zu entdecken. Das kann man natürlich bei dem, dem es nie auf die Worte angekommen ist, sondern immer auf die Sache, außerordentlich leicht.
Und so kann man einen Satz aufgreifen wie den, den ich 1898 gesagt habe:
Wir wollen Kämpfer sein für unser Evangelium, auf daß im kommenden Jahrhundert ein neues Geschlecht erstehe, das zu leben weiß, befriedigt, heiter und stolz, ohne Christentum, ohne Ausblick auf das Jenseits.
Oder schon etwas früher:
Es ist allein des Menschen würdig, daß er selbst die Wahrheit suche, daß ihn weder Erfahrung noch Offenbarung leite. Wenn das einmal durchgreifend erkannt sein wird, dann haben die Offenbarungsreligionen abgewirtschaftet.
Das ist etwas, meine lieben Freunde, was natürlich, wenn man es dem bloß wörtlichen Inhalt nach nimmt, sehr leicht, furchtbar leicht dazu führen kann, Widersprüche zu konstruieren. Derjenige, der gewissenhaft vorgehen würde, würde natürlich untersuchen, in welchem Zusammenhang diese Worte gebraucht worden sind. Für den Pfarrer oder Professor Traub allerdings ist das etwas Gefährliches, denn sein Christentum, sein Jenseitsglaube ist schon ganz sicher getroffen.
Sehen Sie, damit habe ich Ihnen ungefähr den Gedankenreichtum vorgeführt, mit dem meine Philosophie von Professor Traub charakterisiert wird. Denn andere Gedanken sind nicht viel in der Schrift zu finden. Alles dasjenige, worauf es ankommt, ist übersehen. Daß ich in der «Philosophie der Freiheit» von intuitivem Denken spreche, das bemerkt zwar der Professor Traub, aber er kann sich unter intuitivem Denken nichts vorstellen, weil er findet, daß das Denken bloß formaler Natur ist, also eigentlich leer ist. Ja, meine lieben Freunde, mit einem solchen Menschen ist allerdings nicht zu reden, weil er die allereinfachsten Begriffe sich nicht angeeignet hat, die man zum Beispiel in der Mathematik gleich am Anfang gewinnen könnte, denn wenn sie der Mathematik nur ein formales, kein inhaltsvolles Denken geben, so möchte ich wissen, wie man jemals so etwas einsehen könnte wie den pythagoräischen Lehrsatz. Wollte man da allen Inhalt aus der Erfahrung nehmen, so würde man niemals so etwas einsehen wie den pythagoräischen Lehrsatz, der eben voraussetzt, daß ein inhaltvolles Denken der äußeren Sinneserfahrung entgegenkommt, das dann sozusagen mit zum intuitiven Denken kommt, wie es in der «Philosophie der Freiheit» charakterisiert ist. Daß dann schon die Entwicklung dieses Denkens, das Aufsteigen dieses Denkens in die geistige Welt gegeben ist, das wäre etwas, was hervorzuheben wäre, wenn man meine Philosophie charakterisiert. Nun, das kann man schließlich nicht voraussetzen, daß das ein solcher Herr herausfindet.
Dann geht er über zu der Charakterisierung desjenigen, was er «Steiners Theosophie» nennt. Gelesen hat er «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Darinnen findet er zunächst anerkennenswert einige ethische Grundsätze, die gegeben werden. Dann aber ergeht er sich, wie es ja eigentlich bei ihm schon selbstverständlich ist nach seiner ganzen Gesinnung, dann ergeht er sich darin - ja, wie soll ich sagen? — nicht zu verstehen und scharf zu betonen, daß er nicht versteht, was Astralleib, Lebensgeist, Ätherleib und so weiter ist.
Es ist schwer, ...
— so sagt er wörtlich —
... sich von diesen Bestandteilen des Menschenwesens ein einigermaßen verständliches Bild zu machen.
Nun ja, er gibt mir darin recht, daß ich von jedem, der einen gesunden Menschenverstand hat, verlange, daß er vom Standpunkte des gesunden Menschenverstandes aus die Dinge prüfen könne. Selbstverständlich hat der Professor Traub gesunden Menschenverstand — seiner eigenen Meinung nach. Aber, meine lieben Freunde, eine eigentümliche Art, mit seinen Gedanken an solche Dinge heranzukommen, ist es doch, wenn er zum Beispiel in der «Theosophie» findet, da sei oftmals von der Siebenzahl die Rede, und wenn er dann sagt:
Sollte wirklich — diese kritische Frage kann auch schon hier in der Darstellung nicht unterdrückt werden - die so regelmäßig wiederkehrende Siebenzahl «erschaut» sein? Kann man sich des Verdachts erwehren, daß man hier ein künstliches Schema vor sich hat, das willkürlich den Dingen aufgepfropft wird?
Würde er irgend etwas verstehen, so würde er wissen, daß es sich ebensowenig um ein künstliches Schema handelt, wie wenn man den Regenbogen betrachtet und sagt, es sind sieben Farben darinnen, oder wenn man die Tonskala betrachtet und sagt, es sind sieben Töne darinnen und die Oktave ist die Wiederholung der Prim und so weiter. Aber, meine lieben Freunde, nicht einmal in positivem Sinne wird von ihm eine solche Sache angefaßt, sondern es wird einfach die Frage aufgeworfen:
Kann man sich des Verdachts erwehren, daß man hier ein künstliches Schema vor sich hat, das willkürlich den Dingen aufgepfropft wird?
Warum denn eine solche Frage, wenn man doch nicht darauf eingeht, die Sache zu untersuchen! Die ganze Methodik, die ist etwas ganz Unmögliches.
Ich würde nicht in so scharfen Worten über dieses Buch sprechen, meine lieben Freunde, weil nach meiner Meinung tatsächlich ein gut Stück Schuld daran, wie das Buch ist, die Beschränktheit des Verfassers hat, nicht gerade der böse Wille - das geht aus dem Inhalte hervor. Aber nach den Ausdrücken, die der Mann gebraucht, rechtfertigt es sich schon auch, daß man ebenso starke Ausdrücke gebraucht. Ich will mich befleißigen, nicht schärfere Ausdrücke zu gebrauchen, als sie in dem Buche wider meine «Philosophie» und meine «Theosophie» gebraucht sind. Die Art des Denkens dieses Herrn ist in der Tat eine ganz eigentümliche. Sehen Sie, er hat verstanden, wie ich zu einer gewissen Bekräftigung - Sie wissen, ich versuche alles auf die verschiedenste Weise zu bekräftigen -, wie ich zu einer gewissen Bekräftigung der Reinkarnationsidee, der Idee von den wiederholten Erdenleben, zu solch einem Beispiel greife wie Schiller, der mit seinem Genie doch nicht alles dasjenige, was er in sich getragen hat, geerbt haben kann von Vater, Mutter, Großvater, Großmutter und so weiter, und daß man, wenn man nicht annehmen will, daß diejenigen Eigenschaften, die Schiller nicht mit seinem Blute geerbt haben konnte, aus dem Nichts geboren seien, zu einer Art früheren Daseins zurückkommt.
Sie wissen, ich referiere solche Dinge nicht als Beweis, aber man trägt diese Dinge zusammen, weil sie zusammengetragen eine Sache erhärten können. Ja, wie beschäftigt sich nun der Professor Traub gerade mit diesem Beispiel? Er sagt:
Es müsse also einmal in früheren Zeiten eine dem Dichter verwandte Seele gegeben haben, einen sozusagen prähistorischen Schiller, der unbeachtet und unerkannt verstorben und dann im Jahre 1759 im historischen Schiller sich verkörpert habe. Freilich - um diese kritische Bemerkung gleich hier einzuschalten — eine haarsträubende Logik! Sonst besteht die Erklärung darinnen, daß man Unbekanntes auf Bekanntes zurückführt. Hier aber würde das Unbekannte, das Werden Schillers, auf noch Unbekannteres zurückgeführt, die Wiederverkörperung eines prähistorischen Schiller. Das ist nicht Logik, sondern Spielerei.
Meine lieben Freunde! Man kann ja lange deklamieren, daß Erklärungen darin bestehen, daß man Unbekanntes auf Bekanntes zurückführt. Nun, meine lieben Freunde, da möchte ich zuerst wissen, wie man das tut. Wie kommt man an das Unbekannte? Da muß es doch zuerst bekannt werden; dann aber würde man höchstens - wenn man das Unbekannte, das scheinbar Unbekannte, das aber zuerst bekannt werden muß -, dann würde man höchstens Bekanntes auf Bekanntes zurückzuführen haben! Also, die «haarsträubende Logik» scheint mir mehr auf der anderen Seite zu liegen. Aber wenn das auch öfter deklamiert wird, daß man Unbekanntes auf Bekanntes zurückführen soll, um Erklärungen zu geben, da möchte ich doch erst fragen: Wozu erklärt man denn das überhaupt? Beim Bekannten könnte man ja stehenbleiben. Aber in Wahrheit ist es nicht so. Man gehe nur durch alles dasjenige, was an Erklärungen geboten wird. Immer gehen Erklärungen darauf aus, für das, was man vor sich hat, etwas zu suchen, was man eben nicht vor sich hat. In der Praxis ist das genaue Gegenteil von dem wahr, was methodisch hier von Professor Traub gefordert wird. Daß die alten Einwände wieder kommen, daß man sich an frühere Inkarnationen nicht erinnere, das ist Ja nicht weiter zu verwundern, aber interessant ist doch, daß hier steht:
Die Rückkehr in diese Erdenwelt soll für den Menschen zu dem Zweck notwendig sein, damit es ihm in einem zukünftigen Leben möglich ist, das Unrecht wiedergutzumachen, das er im gegenwärtigen Leben seinen Mitmenschen zugefügt hat. Aber, muß man fragen, wie soll er denn das angreifen? Er weiß ja gar nicht, welche von seinen jetzigen Mitmenschen in einem früheren Leben von ihm verletzt worden sind.
Ja, meine lieben Freunde, Ähnliches, auch nur entfernt Ähnliches habe ich gewiß niemals von den Durchschnittsmenschen behauptet. Es handelt sich aber doch auch wirklich gar nicht darum, ob ein Mensch A, der in der Gegenwart dasteht und einem Menschen B gegenübersteht, ob der sich nun sagt: Dieser Mensch B, mit dem habe ich gelebt im Jahre 202 nach Christus; da habe ich ihm ein Unrecht zugefügt, jetzt muß ich das und das tun, um es wiedergutzumachen. - Unter dieser Voraussetzung ungefähr kann sich der Herr Professor Traub nur vorstellen, daß das Karma, daß das Schicksal sich abspielt. Ja, meine lieben Freunde, es kommt aber gar nicht darauf an, daß der Mensch A diese Betrachtungen anstellt, weil das Karma so eingerichtet ist, daß er das wiederum gutmacht, was er verbrochen hat in dem vorigen Leben, aus dem, was in seinem Seelischen vorgeht, auch ohne es zu wissen, ohne daß er erst eine Reflexion darüber anstellt. Es ist ja doch einzig und allein so, daß man sagen muß: Wenn der Professor Traub sagt, er weiß ja gar nicht, welche von seinen jetzigen Mitmenschen in einem früheren Leben von ihm verletzt worden sind und wie er das wiedergutmachen kann - er tut es aber, er tut es eben, ohne daß er es weiß. Die nächstliegenden Gedanken fehlen solchen Herren eben vollständig.
Nun, meine lieben Freunde, was soll man mit einer solchen Behauptung machen? Daß diesem evangelischen Herrn natürlich solche Erklärungen nicht gefallen, wie ich sie gegeben habe über eine Stelle in der Bibel: «Wer mein Brot isset, tritt mich mit Füßen» oder über ähnliches - das kann man ja natürlich glauben. Daß er sich unter dem «Mittelpunktsgeist» der Erde gar nichts vorstellen kann, das versichert er ausdrücklich. Dann aber kommt eine Reihe von außerordentlich niedlichen Bemerkungen. Sehen Sie, von mir wird ja betont von den verschiedensten Gesichtspunkten her, die Einkörperung der Christus-Wesenheit in dem Menschen Jesus von Nazareth sei nicht bloß ein irdisches, sondern ein kosmisches Ereignis. Dasjenige also, was sich abgespielt hat, sei es im großen historischen Zusammenhange, sei es in der eigenen Seele des Menschen Christus-Jesus, das ist nicht bloß als ein irdisches, ein tellurisches Ereignis zu betrachten, sondern als ein Ereignis, das den Kosmos angeht. Herauszuheben das Ereignis von Golgatha aus der bloß irdischen Sphäre, es heraufzuheben in die Weltensphäre, darum handelt es sich, und das habe ich in allen möglichen Variationen immer wieder und wiederum betont.
Ja, meine lieben Freunde, nachdem Professor Traub sich entsetzt hat über die beiden Jesusknaben, was ihm ja zugestanden werden darf, da kommt er dazu, folgenden niedlichen Satz zu sagen, der doch allzu schön ist, als daß wir ihn übergehen dürften:
Nach Steiner dagegen ist der Kreuzestod ein rein kosmisches Ereignis. Wer von einem fernen Planeten aus durch die Jahrtausende hindurch die Entwicklung der Erde hätte verfolgen können, der hätte nicht bloß den physischen, sondern den Astralleib der Erde gesehen, und dieser Astralleib hätte jahrtausendelang dieselben Lichter, dieselben Formen, dieselben Farben gezeigt. In einem bestimmten Augenblicke aber hätte sich das geändert. «Andere Formen erschienen, andere Lichter und andere Farben leuchteten auf - das war der Augenblick, da auf Golgatha das Blut aus den Wunden des Erlösers floß. Das war nicht ein menschliches, sondern ein kosmisches Ereignis.»
So heißt es bei mir, das zitiert er sogar wörtlich. Aber dann sagt er:
Von einer ethischen Würdigung des Kreuzestodes keine Spur! Der Astralleib der Erde erstrahlt in anderen Lichtern und anderen Farben, erscheint in anderen Formen. Das Christus-Ich, der Sonnenregent geht über auf die Erde, und im Geist der Erde erschaut man nun das Sonnen-Ich, das Christus-Ich. Kann man diese rein kosmischen Vorgänge ohne weiteres zu der sittlichen Tat des geschichtlichen Jesus addieren? Sind die beiden Vorgänge, jener kosmische und dieser ethische, nicht zu heterogen, um als Glieder eines Additionsexempels gelten zu können? Man könnte einwenden, die ethische Tat Jesu könne doch von kosmischen Wirkungen begleitet sein, wie ja solche auch in den Paulusbriefen an den Tod Christi geknüpft seien. Aber so liegt es bei Steiner nicht, daß man eine ethische Tat und ihre kosmischen Wirkungen unterscheiden könnte. Von einer ethischen Tat hört man überhaupt nichts, sondern nur von kosmischen Vorgängen. Dann aber schließen sich die beiden Deutungen des Kreuzestodes aus. Dieser kann nicht ethische Tat und zugleich rein kosmisches Ereignis sein.
Ja, meine lieben Freunde, was soll ich darunter verstehen? Daß das Ereignis von Golgatha sich auf dem Erdenrunde abgespielt hat, das wird ja wohl bei mir nirgends geleugnet. Ich habe nicht behauptet, daß es sich auf der Sonne oder dem Mond abgespielt hat. Also, ein tellurisches Ereignis ist es ja jedenfalls. Daß dieses von Traub umgekehrt wird in die Behauptung, daß ich das Ereignis von Golgatha als ein rein, das heißt ein nur kosmisches Ereignis verstehe - das ist im Grunde genommen denn doch eine starke Tat! Von Kraljevec geht der Weg nach Wien über Graz! Das ist das verrenkte Denken in kleinen, unbedeutenden Dingen. Dieses verrenkte Denken, das man in kleinen, unbedeutenden Dingen oftmals nicht tadeln möchte, das ist etwas, das sich dann auch in Großigkeiten zeigt. Denn derjenige, der sich verpflichtet fühlt, gewissenhaft dasjenige zu lesen, was der Professor Traub vorgibt, gelesen zu haben, der wird niemals sich zu der Behauptung versteigen können, daß von mir gesagt worden sei, bei dem Christus-Ereignis handele es sich um ein nur kosmisches Ereignis.
Nun, ich kann nur einzelnes herausgreifen. Die Beschreibung der Atlantis macht ihm selbstverständlich wiederum Schmerzen, und da findet er sich besonders schlimm berührt, wenn ich sage, daß die Atlantier in Bildern gedacht haben und daß jetzt die Menschen in Begriffen denken.
Der Atlantier dachte in Bildern. Und wenn ein Bild vor seiner Seele auftauchte, dann erinnerte er sich an soundso viel ähnliche Bilder, die er bereits erlebt hatte. Danach richtete er sein Urteil ein.
Darauf sagt der Professor Traub:
Also geurteilt hat der Atlantier auch; wie aber ein Urteil ohne Begriff möglich sein soll, bleibt dunkel.
Ja, meine lieben Freunde, für ein gradliniges Denken werden Begriffe nach den Urteilen gebildet. Wenn man Begriffe schon haben müßte, um zu urteilen, so würden wenige Urteile zustandekommen können. Das ist also etwas, was wirklich von einer ganz krassen philosophischen Unbildung zeugt.
Nun, davon, daß er nicht verstehen kann, was geistig der Empfindung blau ähnlich ist, wie ich es beschreibe, will ich gar nicht sprechen, nicht wahr; ich will auch nicht davon sprechen, daß er sagt:
Eine geistige Farbe ist ein Widerspruch in sich.
- weil er sich da willkürliche Begriffe einer geistigen Farbe konstruiert. Ich will nur davon sprechen, daß von mir immer wieder gesagt wird, daß man alles mit dem gesunden Menschenverstand verfolgen kann, auch dasjenige, was unmittelbar beobachtet ist, wenn man sich eben herbeiläßt, die Bequemlichkeit zu überwinden und bis zu einem gewissen Grade dasjenige an sich beobachtet, was in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» steht.
In einer für die Kürze der übrigen Ausführungen auffallenden Länge führt nun der Professor Traub aus, daß auf der einen Seite Autoritätsglaube gefordert würde, auf der anderen Seite doch wieder selber geprüft werden solle. Namentlich tadelt er herb, wenn man sagt, daß ja schließlich auch andere Dinge der Welt auf Treu und Glauben hingenommen würden, zum Beispiel daß auch Leute, die nicht in Amerika gewesen sind, doch den Amerikareisenden glauben, daß es dort soundso ausschaut. — Nun, es ist natürlich billig zu sagen, in Amerika, da leben auch Menschen, Tiere, Pflanzen und so weiter, die man auch von Europa kennt. Ich will mich dabei nicht aufhalten, ich habe davon oftmals gesprochen; aber auf die Logik dieses Herrn möchte ich Sie aufmerksam machen. Auf Seite 34 lesen Sie den niedlichen Satz:
Jene in der Schule gelernten Wahrheiten kann ich nachprüfen.
—- so meint er.
Die meisten Menschen werden dazu freilich keinen Anlaß haben; aber die grundsätzliche Möglichkeit besteht. Ich muß eben unter Umständen Historiker, Physiker, Chemiker werden, um selbständig prüfen zu können. Die theosophischen Wahrheiten kann ich nicht nachprüfen, wenn ich nicht Hellseher bin, ich kann sie nur in negativer Beziehung kontrollieren.
Das ist wörtlich wahr; um eine chemische Wahrheit zu prüfen, muß man sich entschließen wollen, Chemiker zu werden. Es ist gar nichts dagegen einzuwenden. Aber der Professor Traub fährt fort:
Die theosophischen Wahrheiten dagegen kann ich nicht nachprüfen, wenn ich nicht Hellseher bin.
Ja, sehen Sie, selbstverständlich kann ich auch die theosophischen Wahrheiten nicht nachprüfen, wenn ich nicht Hellseher werden will, ebenso wie man auch die chemischen Wahrheiten nicht nachprüfen kann, ohne daß man Chemiker wird; das führt er selbst zum Beweise an. Aber er betrachtet es zwar als sein gutes Recht, Chemiker zu werden, wenn er chemische Wahrheiten nachprüfen will, aber so etwas werden, wie man werden muß, um die theosophischen Wahrheiten nachzuprüfen, das will er auf keinen Fall. Überhaupt entpuppt er sich auf dieser Seite merkwürdigerweise als außerordentlich anspruchsvoll. Denn daß schließlich der eine oder andere nachprüfen und dann bestätigen kann, das genügt dem Professor Traub nicht. Er sagt:
Es genügt nicht, wenn von theosophischer Seite gesagt wird, die Ergebnisse der geisteswissenschaftlichen Forschung seien ja schon von einer größeren Zahl von Menschen nachgeprüft worden. Die Frage ist, ob sie von mir nachgeprüft worden sind oder nachgeprüft werden können, und das muß ich, abgesehen von der formallogischen Kritik, verneinen.
Das ist Logik, nicht wahr! Aber diese Logik steigert sich noch, meine lieben Freunde. Er sagt ja, schließlich bei chemischen Wahrheiten, bei gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Wahrheiten, da kommt es nicht darauf an, daß jeder sie nachprüft, denn die sind nicht so wichtig wie die geistigen, auch die historischen Wahrheiten sind nicht so wichtig. Und da findet sich wieder folgender niedliche Satz:
Im Gegenteil müssen wir verlangen, daß in Weltanschauungsfragen der einzelne auf sich selbst steht und nicht einfach annimmt, was andere ihm vorsagen. Würde ich einmal in die Lage kommen, auf eine jener Schulwahrheiten etwas Großes wagen zu müssen - etwa darauf, daß Alexander der Große das Perserreich zerstört oder Hannibal die Alpen überschritten hat -, käme ich vollends zu der Überzeugung, daß an einer solchen Wahrheit Leben oder Seligkeit hängen, so würde ich mich nicht mehr mit jenem Hinnehmen auf fremde Autorität begnügen, sondern alles daran setzen, von jenen Dingen eine selbständige Gewißheit zu erlangen.
Ja, ich möchte wissen, wie er das eigentlich macht, ich möchte wissen, wie er eine selbständige Gewißheit gewinnen will über das ja doch gewiß für sein Erdenleben auch außerordentlich wichtige Ereignis der eigenen Geburt! Diese Dinge werden also hingeschrieben aus dem bloßen Hinratschen von Worten, die durchaus nicht von irgendwelchen Gedanken begleitet sind. Das sind aus unseren gegenwärtigen Verhältnissen heraus Jugenderzieher! Das wirft sich auf, alles möglich zu beurteilen.
Nun möchte ich Ihnen einen Satz von mir vorlesen, meine lieben Freunde, den Sie ja kennen werden, den ich nicht aus irgendeinem persönlichen Grund hier vorlese, sondern weil mir dabei doch etwas ganz eigentümlich Merkwürdiges erscheint, wie der Professor Traub den Satz anführt:
Die Geisteswissenschaft wird ihrer ganzen Wesenheit nach nicht in irgendein religiöses Bekenntnis, in das Gebiet irgendeines religiösen Bekenntnisses unmittelbar eingreifen. Sie kann niemals eine Religion schaffen wollen. Daher werden in den Kreisen der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung in allertiefstem Frieden und vollster Harmonie die verschiedensten Religionsbekenntnisse zusammenleben und nach der Erkenntnis des Geistigen streben können. ... Niemand braucht irgendwie abgewendet zu werden von seinem religiösen Leben durch die Geisteswissenschaft. Daher kann man auch nicht davon sprechen, daß die Geisteswissenschaft als solche ein religiöses Bekenntnis sei. Weder will sie ein religiöses Bekenntnis schaffen, noch will sie den Menschen irgendwie verändern in bezug auf dasjenige, was er als sein religiöses Bekenntnis hat. Dennoch scheint es, als ob man sich Gedanken machte über die Religion der Anthroposophen. In Wahrheit kann man in solcher Art gar nicht sprechen, denn innerhalb der anthroposophischen Gesellschaft sind alle Religionsbekenntnisse vertreten, und keiner wird durch sie verhindert werden, sein religiöses Bekenntnis auch praktisch in der vollsten, umfänglichsten und intensivsten Weise zu betätigen.
Diese Sätze sind von mir. Sie stehen in «Die Aufgabe der Geisteswissenschaft und deren Bau in Dornach». Der Professor Traub führt sie an, und er schließt daran folgenden Satz. Ich werde ihn vorlesen, ich weiß nicht, ob ich gescheit genug bin, den nun folgenden Satz mir in der richtigen Weise ins Gedächtnis zu rufen. Er schließt nämlich daran den Satz:
Diese Sätze, die zugleich von dem unschönen und undeutschen Stil Steiners einen gewissen Eindruck geben, lassen als seine Meinung erkennen: die Anthroposophie ist als solche keine Religion.
Ja, ich muß gestehen, wollte ich urteilen über den unschönen Stil dieser Traubschen Schrift - also ich will darüber kein Urteil fällen, weil das ja schließlich Geschmackssache ist, aber wenn ich in der letzten Zeit so viel Kritik gelesen habe über den Stil und dann sehe, daß in einer solchen Weise die Urteile gebildet werden, dann erscheint mir das fast ebenso belanglos wie die inhaltlichen Dinge.
Nun will ich Sie nur noch mit einigen Sätzen aus dem letzten Teil der Schrift bekanntmachen, wo die Rede ist von der Beziehung der Anthroposophie zum Christentum. Da steht:
- Das Christentum ist eine geschichtliche Religion. Die Theosophie ist geschichtslos. Der erste Satz kann hier nicht begründet, sondern nur erläutert werden. Er bedeutet nicht bloß, daß das Christentum eine Geschichte hat und eine geschichtliche Entwicklung durchläuft, sondern auch, daß es in seiner Wahrheitsgeltung an die Geschichte gebunden ist. Streicht man die evangelische Geschichte, so steht das ganze Christentum in der Luft. Und wie steht es mit dem anderen Satze, daß die Theosophie geschichtslos sei? Er will natürlich nicht besagen, daß die Theosophie keine Geschichte hat. Sie hat eine sehr lange Geschichte. Es sind lauter alte Bekannte, denen man begegnet, wenn man in der theosophischen Literatur sich umsieht. Was ist Steiners Christologie anderes als eine neue Form der gnostischen Christologie? Auch seine Anthropologie und Kosmologie haben ihre Parallelen in der Geschichte des religiösen und philosophischen Denkens. Vollends die Wiederverkörperungslehre und die mit ihr nicht identische, aber verwandte Idee der Seelenwanderung ziehen sich in immer neuen Formen durch die Geschichte der Religionen hindurch. In diesem Sinne also hat auch die Theosophie ihre Geschichte. Geschichtslos ist sie insofern, als sie zur Begründung ihrer Wahrheitsüberzeugung der Geschichte nicht bedarf.
Ja, ich muß sagen, bei einer solchen Bemerkung könnte einem der Verstand stillstehen: Fin evangelischer Theologe, der behauptet, die Wahrheit des Christentums beruhe nur auf der Geschichte, es seien im Christentum nicht ewige Wahrheiten enthalten! Man kann gar nicht herausfinden, worin eigentlich die Kontradiktion bestehen soll. Er führt selber aus, geschichtlich entstanden sei ja schließlich die Theosophie auch. Aber er legt einen großen Wert darauf, daß die Theosophie bemüht ist - obzwar sie geschichtlich entstanden ist —, geschichtslose, das heißt ewige Wahrheiten zu finden. Das Christentum soll bloß eine geschichtliche Sache sein. Traub schreibt:
Der erste Satz ...
- nämlich «Das Christentum ist eine geschichtliche Religion» —
... kann hier nicht begründet, sondern nur erläutert werden. Er bedeutet nicht bloß, daß das Christentum eine Geschichte hat und eine geschichtliche Entwicklung durchläuft, sondern auch, daß es in seiner Wahrheitsgeltung an die Geschichte gebunden ist.
Ja, es ist schlechterdings unbegreiflich, wie solch ein Satz als etwas Geltendes ausgesprochen werden kann, denn als etwas Geltendes wird er ja ausgesprochen. Der Betreffende ist ja Universitätsprofessor, lehrt also mit einer gewissen Autorität. Nicht wahr, diese Dinge sind hinreichend charakterisierend, aus welcher Ecke diejenigen Töne kommen, die sich dem Geisteswissenschaftlichen entgegenstellen.
Besonders interessant ist es ja für mich, der ich immer versuche, alles abzulehnen, was überhitzter Ton ist, der ich versuche, möglichst ruhig darzustellen, mit einem ruhigen, wissenschaftlichen Stil, daß ich auch vorgeworfen bekomme:
Das war bei den großen Mystikern der Vergangenheit anders. Ihnen gegenüber hatte man das Gefühl: «Ziehe deine Schuhe aus; der Boden, darauf du stehst, ist heiliges Land.» Steiner gegenüber hat man dieses Gefühl nicht. Vom Schauer des Geheimnisses spürt man hier nichts. Es ist, als wäre dem Jenseits der Zauber des Geheimnisvollen abgestreift. Daher der nüchterne, trockene Ton, der Steiners Schriften eigen ist. Sie haben nichts von dem Hinreißenden, Packenden, das man von dem Propheten einer neuen Weltanschauung erwarten würde. Wenn man das bedenkt, so kann man den Gegensatz von Christentum und Anthroposophie unmöglich übersehen. Dort die Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Ewigen; hier die Verständigkeit und Nüchternheit dessen, der hinter das Geheimnis gekommen ist.
Ja, meine lieben Freunde, das lehne ich bewußt ab, in überhitztem Ton von irgend etwas Unbekanntem zu sprechen, denn das ist gerade dasjenige, was hypnotisierend auf die Menschenseelen wirkt.
Nun, ich habe Ihnen einiges Typische herausgehoben von dem, was sich der geisteswissenschaftlichen Bewegung entgegensetzt. Wir mußten einmal an einer solchen Stelle halten, da ich ja vorhabe, das nächste Mal dazu überzugehen zu charakterisieren, wie die Stellung jener geistigen Wesenheit zu der menschlichen Gegenwart und ihrer Kultur eigentlich ist, die wir als Michael bezeichnen, der wiederum geistiger Weltregent geworden ist seit dem Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Ich muß das nächste Mal die ganze Metamorphose der Michael-Persönlichkeit charakterisieren, von dem, wie Michael war — dasjenige, was man das Antlitz Jahves nennt -, bis zu seiner gegenwärtigen Stellung. Da war es schon notwendig, daß einmal auch die Steine, die in den Weg der Geisteswissenschaft geworfen werden, ein wenig charakterisiert werden.
Man kann sagen: Erstens liegt in einem solchen Falle die furchtbarste Ungenauigkeit vor, zweitens liegt in einem solchen Falle die Unfähigkeit vor, die Kernpunkte der Sache irgendwie herauszufinden - und zudem der gewissenlose Wille, die Dinge so zu charakterisieren, wie es hier getan wurde. Zum Schluß wird in der Broschüre der Inhalt der Kritik so zusammengefaßt:
Das Christentum ist eine geschichtliche Religion, ...
— da steht der Satz zum zweiten Mal! —
... die Theosophie ist geschichtslos. Das Christentum ist wesentlich ethisch, die Anthroposophie kosmisch orientiert. Das Christentum ist eine Religion des Geheimnisses, der Anthroposoph ist hinter das Geheimnis gekommen. Das Christentum ist in seinem Kern einfach, die Anthroposophie kompliziert und phantastisch.
Ja, nicht wahr, unter dieser Flagge segelt ja vieles, was sich heute der Anthroposophie entgegensetzt. Aber auf welchen Gründen es beruht und wohin das Urteil zu lenken ist, wenn man ein gerechtes, ein würdiges Urteil gewinnen will, darauf mußte schon einmal aufmerksam gemacht werden an einem typischen Fall. Von den eben angedeuteten Dingen will ich dann das nächste Mal am nächsten Freitag sprechen. Wir werden uns dann um 7 Uhr hier zum Vortrage wiederfinden.