The History of the Anthroposophical Society 1913–1922
GA 251 — 13 July 1920
33. An alle Arbeitsgruppen der Anthroposophischen Gesellschaft
Liebe Freunde!
Vor einigen Wochen erhielten Sie ein Rundschreiben, in welchem von dem Plan, eine Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft abzuhalten, Mitteilung gemacht wurde. Damit war die Bitte verbunden, in unverbindlicher Weise die voraussichtliche Teilnehmerzahl anzugeben und Vorschläge zu den Verhandlungen zu machen. Heute muss ich Ihnen leider die Mitteilung machen, dass dieser Plan aufgegeben werden musste, da es die Verhältnisse nicht gestatten, ihn zurzeit weiter zu verfolgen. Es kann nicht in der Absicht der Anthroposophischen Gesellschaft liegen, eine Versammlung einzuberufen, die aus den wenigen Mitgliedern besteht, die unter den gegenwärtigen schwierigen Verhältnissen «gerade abkommen können»; dazu ist unsere Sache zu ernst. Eine ergebnisreiche Versammlung ist unter den gegenwärtigen Zuständen nicht zu erhoffen. Es liegt mir aber sehr am Herzen, bei dieser Gelegenheit und gerade angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse auf die Lage der Anthroposophischen Gesellschaft, wenn auch heute nur in Kürze, einzugehen, und ich bitte, von dem Folgenden den Mitgliedern ihrer Arbeitsgruppe, aber auch nur diesen, Mitteilung zu machen.
Bei verschiedenen Gelegenheiten seiner Anwesenheit in Stuttgart im Juni hat Herr Dr. Steiner darauf hingewiesen, dass die Arbeit unserer Bewegung seit einiger Zeit in einen neuen Entwicklungsabschnitt eingetreten ist, und zwar durchaus im engsten Zusammenhang mit der gegenwärtigen Weltlage überhaupt. Die Anthroposophische Gesellschaft war seither auf rein geistige Ziele gestellt, umschloss eine Bewegung ohne feste organisatorische Form, belastet mit allen möglichen Erbschaften von der früheren Theosophischen Gesellschaft. In der Zeit unmittelbar nach der Gründung der Gesellschaft befanden wir uns noch für geraume Zeit in den Erörterungen über die Ziele und Wege der Anthroposophischen Gesellschaft; auch die zwei Generalversammlungen, welche bisher allein stattfinden konnten, mussten diesen Erörterungen dienen,
die aber noch nicht zu einem Abschluss kamen, auch war es ja angezeigt, diese Angelegenheiten noch in einer gewissen Flüssigkeit zu erhalten. Ich selbst konnte damals viel herumreisen und die Ziele und Wege zur Besprechung bringen, viele meiner Vorträge beschäftigten sich damals mit dem von Herrn Dr. Steiner verfassten Entwurf der Grundsätze einer Anthroposophischen Gesellschaft, worin die Hinweisungen auf den idealen Zusammenhalt der Mitglieder gegeben sind. Leider musste ich diese Vorarbeiten, welche dazu beitragen sollten, der Gesellschaft einen gesunden Boden zu bereiten, nach der Generalversammlung 1914 um anderer Arbeiten willen liegen lassen, und es mussten die Angelegenheiten der Gesellschaft während der langen Kriegszeit ruhen schon aus dem Grund, weil die Anthroposophische Gesellschaft nur auf internationaler Grundlage Berechtigung hat.
Seither hat sich die Weltlage von Grund auf geändert, und es darf schon als eine Charakterisierung der Lage nach einer bestimmten Richtung hin betrachtet werden, dass es auch heute, nachdem 20 Monate seit dem Abschluss des Waffenstillstandes verflossen sind, noch nicht möglich ist, eine internationale Generalversammlung unserer Gesellschaft in Angriff zu nehmen. Würde man als Ort der Generalversammlung Stuttgart ins Auge fassen, so würde zwar eine stattliche Zahl unserer deutschen Mitglieder zusammenkommen, aber die Mitglieder der nicht deutschen Länder könnten nur in ganz unzureichendem Umfang vertreten sein. Würde jedoch Dornach als Ort der Versammlung gewählt, wo im Goetheanum der geistige Mittelpunkt unserer Bewegung liegt, so wären bis auf verschwindende Ausnahmen die deutschen Mitglieder ausgeschlossen. Es bliebe also nur übrig, die deutschen Mitglieder nach Stuttgart einzuladen und eine irgendwie entsprechende Veranstaltung in Dornach vorzusehen. Aber gegen einen solchen Plan sprechen die allergewichtigsten Gründe, die wiederum mit der Weltlage zusammenhängen.
Schon seit dem Beginne unserer Bewegung hat Herr Dr. Steiner immer wieder in seinen Vorträgen darauf hingewiesen, dass die Zeit kommen werde, wo es notwendig wird, von der Anthroposophie aus mit allen Kräften ins praktische Leben hinaus zu wirken. Diesen Zeitpunkt haben die erschütternden Zeitereignisse schneller heraufgeführt, als wir zumeist geahnt haben, und die Umstände sind mit solch furchtbarer Tragik beladen, dass die Verantwortung ins Riesengroße wächst. Aus dem realen Leben unserer Bewegung beginnen sich Formen herauszubilden, die sich mit allen Kräften nach außen wenden. Hier muss vor allem das Goetheanum in Dornach erwähnt werden, mit seinen verschiedenen Gesellschaften, die «Verwaltungsgesellschaft des Goetheanum Dornach», die «Treuhandgesellschaft des Goetheanum Dornach, Sitz Stuttgart» , der «Verein Goetheanismus Dornach». Das Goetheanum erweckt bei den Tausenden von Besuchern, die sich von allen Seiten einstellen, größte Beachtung und beginnt als geistiger Mittelpunkt der Bewegung seine starken Kräfte auszustrahlen; aber es wirkt auch nach der Richtung, dass sich eine erbitterte Gegnerschaft einstellt, der jedes Mittel recht ist, die geistige Bewegung zu vernichten. Von offizieller Seite allerdings wird das Goetheanum noch nicht nach seiner Bedeutung gewürdigt, wofür betrübende Zeugnisse von vielen Seiten her vorliegen. Wäre dies anders, so könnte in der Tat manches in Dornach unternommen werden, was so unterbleiben muss. Es müsste mit aller Kraft die Fertigstellung des Goetheanum angestrebt werden, wozu leider die Angehörigen der Mittelländer, die in überwiegender Weise den Bau bis dahin gefördert haben, nicht mehr imstand sind; sie sind ja geradezu vom Besuch des Baues ausgeschlossen.
Ganz nach außen wendet sich der «Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus», und zwar gerade auf internationaler Grundlage, wenn auch vorläufig noch von verschiedenen Zentren aus gearbeitet werden muss. Die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus, wie sie von Dr. Steiner in seinen «Kernpunkten der sozialen Frage» dargestellt wird, ist ganz aus den Quellen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft geschöpft, und die Mitglieder unserer Bewegung fühlen sich verantwortlich dafür, dass die Dreigliederungsbewegung aus dem Leben der Geisteswissenschaft gespeist wird. Umso mehr klingt es verwunderlich, wenn man von da und dort hört, dass einzelne Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft nichts wissen wollen von der Dreigliederung des sozialen Organismus, trotzdem es klar sein kann, dass man bald keine Möglichkeit mehr haben wird, zum eigenen Behagen Anthroposophie zu treiben, wenn nicht in Bälde die Ideen der Dreigliederung des sozialen Organismus in den geistigen, politischen und wirtschaftlichen Einrichtungen durchgeführt werden. Umgekehrt gibt es auch Menschen, welche die Ideen der Dreigliederung zu schätzen vorgeben und nichts wissen wollen von Geisteswissenschaft. Aber man kann natürlich nicht aus einem Bach schöpfen wollen, wenn man seine Quelle verleugner. Mit der Dreigliederung stehen wir voll in der öffentlichen Kritik, sie muss propagandiert werden, damit eine genügend große Zahl von Menschen von dieser Idee ergriffen wird. Die anthroposophische Bewegung muss ihr Kraft zuführen, und es muss alles vermieden werden, was von der Anthroposophischen Gesellschaft aus diese Idee in der Öffentlichkeit kompromittieren könnte.
Die Freie Waldorfschule, eine Schöpfung unseres Freundes Emil Molt, bietet nun die längst ersehnte Gelegenheit, wo eine größere Zahl von Lehrern aus den Reihen unserer Mitglieder die Möglichkeit hat, unter der unmittelbaren Leitung und Anweisung von Herrn Dr. Steiner diejenigen pädagogischen Grundsätze nach Art einer Kunst anzuwenden, welche Menschen heranbilden, die den großen Ansprüchen des Lebens in der Zukunft wirklich gewachsen sein können. Die Freie Waldorfschule hat sich schon ein gewisses Maß von Respekt in der Öffentlichkeit verschafft, aber selbstverständlich werden auch hier die Anfeindungen nicht ausbleiben, und zwar gerade dann, wenn sie ihre geistige Bedeutung beweist. Sie beginnen sich ja schon deutlich zu zeigen. Der neu gegründete Waldorf-Schulverein hat sich die Pflege der Schule zur besonderen Aufgabe gemacht, aber er hat sich auch noch weitere Ziele gesteckt. Die Freie Waldorf-Schule fordert ihre Fortsetzung bis zur Hochschule, sie wird in Verbindung treten mit Forschungsinstituten, die ebenfalls in Angriff genommen worden sind. Da an der Waldorf-Schule die Eurythmie in pädagogisch-hygienischer Weise verwendet wird, stellt sich schon jetzt die dringende Notwendigkeit heraus, der Schule sowohl, wie unserer Bewegung überhaupt, eine Pflegestätte dieser universalen Kunst als ein Eurythmeum zur Verfügung zu stellen. Zu unserem geistigen Rüstzeug gehören auch die Archive, welche in Dornach und Stuttgart eingerichtet werden. Aus solchen geistigen Mittelpunkten heraus besteht die Hoffnung, der dem Abgrund entgegeneilenden Menschheit die geistigen Impulse zu geben, welche sie braucht, um eine mögliche Zukunft heraufzuführen.
Aus der Notwendigkeit, solche geistige Mittelpunkte sicherzustellen und zugleich der Dreigliederung praktische Wege zu zeigen, entstand der Entschluss, den «Kommenden Tag, Aktiengesellschaft zur Förderung wirtschaftlicher und geistiger Werte» zu begründen. Damit beginnen wir aber, von der Geisteswissenschaft aus in die allerpraktischsten Verhältnisse hineinzuarbeiten, die ihre Bedeutung bis ins alltägliche Leben haben. Näheres über die gegenwärtige Lage dieser Aktiengesellschaft wird ein in aller Bälde erscheinender Prospekt bekannt geben. Hier muss natürlich jede Möglichkeit einer Scheu vor der Öffentlichkeit vollständig aufhören, und wir befinden uns in den realsten Beziehungen zu unserer Umwelt, ja wir müssen bestrebt sein, den Einfluss dieser Unternehmungen nach Möglichkeit auszubreiten.
Die Anthroposophische Gesellschaft umschloss seither eine rein geistige Bewegung und innerhalb einer solchen kann mancherlei ertragen werden, weil das rein Geistige seine eigenen Gesetze zur Durchsetzung besitzt. Nun aber, da wir nach den verschiedensten Richtungen in die Öffentlichkeit gehen, ist es uns versagt, uns in beliebiger Weise zu blamieren oder uns durch Dilettantismus und Cliquenwesen sowie durch sektiererische Gelüste blamieren zu lassen. Alles, was die Anthroposophische Gesellschaft unternehmen will, muss unter dem Gesichtspunkt erwogen werden, wie eine Aktion daraus wird gegenüber der Öffentlichkeit. Aber solche Aktionen dürfen nicht misslingen oder verpuffen. Auch eine Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft muss eine Aktion sein, die sich Respekt erzwingt, und es müssen daher alle Möglichkeiten im Voraus sorgfältig erwogen werden. Aber ein solches Gelingen, wie wir es unbedingt brauchen, konnte für dieses Mal nicht in sichere Aussicht genommen werden, darum musste, ganz abgesehen von den oben angeführten Gründen, die Abhaltung einer Generalversammlung zunächst aufgeschoben werden. Es müsste aber versucht werden, mit allem Ernst und Verantwortungsgefühl auf das Ziel hinzuarbeiten, möglichst bald eine solche Versammlung zustande zu bringen, die auf ganz ernster Grundlage verhandeln kann.
Angesichts des Ernstes der Lage fühlte ich mich gedrungen, in einer gewissen Ausführlichkeit auf alle diese Dinge einzugehen. Leider besteht in absehbarer Zeit keine Möglichkeit, die Arbeitsgruppen zu besuchen, um über diese Dinge zu sprechen; aber ich werde versuchen, durch solche Berichte einen Zusammenhang der Arbeitsgruppen anzubahnen. Falls dieses Schreiben Anregung zu Rückäußerungen oder Fragen gibt, soll es meine Aufgabe sein, nach Erörterung in einem vertrauten Kreis von Mitarbeitern zu antworten.
Mit herzlichen anthroposophischen Grüßen, Dr.-Ing. Carl Unger. Zuschriften an Dr.-Ing. Carl Unger, Stuttgart, Werastraße 13.