The History of the Anthroposophical Society 1913–1922

GA 251 — 21 September 1919, Dresden

32. Spiritualität als Bedingung für die Weiterentwicklung der Menschheit

Die Krisis in der menschlichen Entwicklung, die seit der Mitte des 15. Jahrhunderts eingetreten ist, ist - wenn auch nicht anatomisch — dennoch im physischen Leibe zu bemerken, geisteswissenschaftlich. Der Umschwung von der Verstandes- oder Gemütsseele zur Bewusstseinsseele ist ein sehr bedeutungsvoller. In jetziger Periode: Bewusstseinsseele, und so weiter.

Der Grieche fühlte den Ätherleib, der jetzige Mensch nicht. Der Grieche fühlte in dem physischen Leibe darinnen den Ätherleib, die Form des Armes, der Hand und so weiter. Das ging allmählich verloren, etwa im achten, neunten Jahrhundert und ging völlig verloren im fünfzehnten Jahrhundert. Nicht nur, dass der Mensch seinen Ätherleib nicht mehr fühlte, sondern es beginnt immer weniger und weniger zu werden der physische Leib. Er trocknet immer mehr ein, wird immer weniger und weniger, er verhärtet immer mehr. Die Menschenleiber waren früher weicher - annähernd gesagt.

In das sechste, siebente Jahrtausend vor Christus fällt der urindische Zeitraum. Ein ganz anderes Leben war damals. Die Kinder, auch noch die Menschen von dreißig Jahren und so weiter sahen mit großer Ehrfurcht und großem Vertrauen auf zu den älteren Menschen. Jetzt, mit sieben Jahren: Zahnwechsel, mit vierzehn Jahren: Geschlechtsreife, mit 21 Jahren: Festlegung der Ideale. Diesen letzten Umschwung nimmt man kaum noch wahr. In der urindischen Periode ging diese Entwicklung immer weiter. Das Geistig-Seelische löst sich immer mehr ab. Mit jedem Jahrsiebent kam etwas Neues in das Leben hinein, was der Mensch früher noch nicht erlebt hatte. Der jugendliche Mensch freute sich damals, immer älter und älter zu werden. Diese Entwicklungsmöglichkeit ging jedoch immer mehr zurück.

Von der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts an hörte mit dem 28. Jahre diese Entwicklung auf, und jetzt ist es so, dass wir eigentlich nur bis zum 27. Jahre etwas hineinbekommen durch den Leib, und das wird noch immer weniger, sodass der Mensch durch den Leib nichts mehr empfängt, sodass er sehen muss, durch den Geist etwas zu bekommen. Solche Beobachtungen muss man machen, um den Sinn der geschichtlichen Entwicklung zu verstehen.

Lloyd George, auch Erzberger, sind solche self-made-men, die nur das bekommen haben, was die Welt um uns herum geben kann, und nichts weiter dazubekommen aus dem Geistigen, aus eigener Anstrengung und so weiter.

Wir würden zu furchtbaren Zeiten kommen, wenn nicht wieder in sozialer Beziehung ähnliche Verhältnisse einträten wie das Patriarchalische der urindischen Zeit. In den Sechzigerjahren haben wir gewisse Eigenschaften, je nachdem wir gewisse Erziehungserfahrungen in der Kindheit gemacht haben. Hat ein Kind gelernt in angemessenem Alter, die Hände zum Gebet zu falten, so gewinnt dieser Mensch dadurch im Greisenalter die Fähigkeit, mit der Hand zu segnen. So sind die Zusammenhänge. Daraus werden Sie sehen die Wichtigkeit einer lebendigen Erziehung. Es kommt darauf an, in jedem Jahre an das Kind das heranzubringen, was den Kräften entspricht, die da arbeiten. Beim Unterricht der Kinder von sieben Jahren darf man nicht an den Intellekt appellieren. Aber Lesen und Schreiben wirken auf den Intellekt. In der Waldorf-Schule wollen wir beginnen mit Malen, Zeichnen, Musik. Kunst nimmt den Menschenwillen in Anspruch. Zeichnen, Formenzeiehnen wirkt auf den ganzen Menschen. Aus diesen Formen und Linien soll sich allmählich das Schreiben entwickeln und aus dem Schreiben das Lesen. Denn dies ist noch intellektueller als das Schreiben.

In Fabeln, Sagen - mit dem neunten Jahre —, wo das Ich schon stärker wird, wird man die Pflanzen und Tiere allmählich in den Lehrplan hineinbringen. So muss man auf jedes Jahr eingehen. Dann wirkt man so, dass das, was gelehrt wird, fürs ganze Leben bleibt. Rein auf Autorität hin geht das über, was der Lehrer mit Feuer und Eifer auf die Zöglinge überträgt. Im späteren Alter kommt das wieder herauf durch Wiederbeleben dessen, was in der Seele ruht. Dadurch weiß und versteht man dann das, was man früher aufgenommen hat. Immer mehr muss so erzogen werden, dass man auf seine Kindheit zurückblicken kann wie auf ein Paradies. Das ist nötig allein schon deshalb, weil die Körper uns ja dann nichts mehr geben.

Wir müssen jetzt viel mit durch die Pforte des Todes bringen, was wir nicht verarbeitet haben, was wir nicht haben ausleben können. Daher haben wir Folgendes: Dass die Toten den Drang entwickeln, in die physische Welt hineinzuwirken. Auf normale Weise, nicht mediumistisch, sollte man diesem nachgehen. Die Kräfte, die von den Toten hereinwirken können in die physische Welt, können dieses so, dass wir die Kräfte nicht ignorieren. Beim Aufwachen schlüpfen wir so schnell in den physischen Leib und den Ätherleib hinein, dass wir nichts mitbringen. Das können wir ändern, indem wir uns abends anschaulich einen Toten vorstellen. Anschaulich: So war der Tote, so hat er gelebt, so war ich mit ihm zusammen; nun eine Frage an den Toten stellen und dann damit einschlafen. Dann hat man gleichsam gelenkt sein nächtliches Leben auf diesen Toten. Nun kann der Tote an diese Frage herankommen. Wenn er in der Lage ist, diese Frage zu beantworten, dann antwortet er. Aber nicht gleich, sondern im Laufe der Zeit, und dann wird im Laufe des Tages die Antwort kommen. Und dann können die Toten, die in die physische Welt hineinwirken wollen, dieses hereintragen in die physische Welt.

Ich würde dies nicht sagen, wenn ich es nicht bestimmt wüsste. Ich hätte nichts über Goethe schreiben können, wenn ich nicht vorher versucht hätte, zu sehen, was Goethe jetzt oder in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gesagt hätte, beziehungsweise sagen würde. Hätte ich nicht Gelegenheit gehabt, über dieses Hereinwirken der Toten so ernstlich forschen zu können, dann würde ich dieses eben Gesagte nicht mit solcher Bestimmtheit sagen. In Kürze: Wir sind imstande, die Toten unsere Mitbürger sein zu lassen.

Dann wird das Leben reicher, aber wir haben dies auch nötig. Brücken müssen gebaut werden zur geistigen Welt. Besonders die jungen Menschen bringen viel Unentwickeltes hinein in die geistige Welt.

Das Christentum kam von Osten nach Westen — horizontal. Jetzt kommen geistige Wesenheiten herunter — vertikal. Dem entgegen kommen die unverbrauchten Gehirne des Proletariats - von unten nach oben. Dem Bürgertum besteht heute nur ein einziges Heil: Sich dem spirituellen Denken zuzuwenden. Eine weltgeschichtliche Tatsache ist es, dass Geistiges einziehen muss in die Menschen, Geistesleben. Aber das wollen heutzutage viele nicht verstehen. Diese Erkenntnis macht uns erst reif, vieles zu verstehen, zum Beispiel den Egoismus der Religionsbekenntnisse. Leben nach dem Tod, das müssen die Bekenntnisse verbreiten. Aber sie müssten auch lehren das Leben vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis. Das jetzige Leben ist eine Fortsetzung des Lebens vor der Geburt.

Noch eins: Der Gott, von dem die Religionsbekenntnisse sprechen, entspricht nur dem Engel in uns.

Im Westen hat man versucht, mit den Toten zusammenzukommen. Man hat Medien darauf gerichtet, ihnen besondere Fragen gegeben, zum Beispiel: «Wie werden die Balkanverhältnisse ablaufen?». Mit solchen Fragen gingen die gefragten Personen in den mediumistischen Zustand hinein. Nach den Antworten, die da herauskamen, hat man sich dann gerichtet, da im Westen. Man hat sehr gut gewusst, sich zu richten an diejenigen Personen, die die richtigen Antworten zu geben wussten. Zum Beispiel hat man sich an [den Mörder-Orden] Thugs in Indien gewandt, weil man sehr wohl wusste, dass dieser über so etwas Bescheid geben könnte. Diese Vereinigungen bestanden in Indien, bis sie von der Polizei aufgehoben wurden. In Deutschland hat man das nicht geglaubt, weil man ja viel zu gescheit ist, um das zu glauben, was aus dem Geistigen strömt. Anders ist es im Osten. Reden des Tagore. Das Geistige, was noch in ihm lebte, klingt da durch. Wir neigen mehr zum Westen als zum Osten. Die Brücke muss geschlagen werden vom Westen zum Osten.

Die beste Übersetzung von «Maya» ist heute «Ideologie». Nur im Grunde wird im Osten und Westen das genaue Gegenteil als Maya angesehen.

In unserem Geistesleben steckt das griechische Leben, im Staatsleben sind wir römisch gestimmt, nur das Wirtschaftsleben mussten wir modern stimmen. Man kann nicht essen, was die Griechen gegessen haben, sondern was es jetzt gibt.

Dann kommen wir hinauf zu den Archangeloi, die Volksgeister lernen kennen. Zeitgeister - Archai; Urgeister; Zeitempfindung.

Im Westen: Mechanisierung des Geistigen. Im Osten: Animalisieren der Leiber. In der Mitte: Verschlafen, nicht verstehen dessen, was vorgeht.

Animalisierung der Leiber in Russland als der eine Weg — der andere: spirituelles Erkennen. Dieser Weg muss gewählt werden. Aus den spirituellen Impulsen Kräfte holen für sein soziales Empfinden. Das ist es, was ich ausgesprochen haben möchte aus dem tiefsten Empfinden, dass zurückbleibt Verantwortlichkeit, Rechnung zu tragen der Zeit.

German original of Spirituality as a Condition for the Further Development of Humanity · ← Previous · Next →