The History of the Anthroposophical Society 1913–1922
GA 251 — 4 September 1921
34. Mitgliederversammlung
Bericht in den «Mitteilungen des Zentralvorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft» Nr. 1/1921
Herr Dr. Unger eröffnet um vier Uhr die Aussprache über die Voraussetzungen, Aufgaben und Ziele einer Anthroposophischen Gesellschaft und begrüßt die zahlreichen anwesenden Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft (etwa 1200). Nach einigen geschäftsordnungsmäßigen Bemerkungen darüber, dass es sich nicht um eine Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft, auch nicht um eine Urversammlung handelt, sondern um eine Zusammenkunft der hier anwesenden Mitglieder, übergibt er den Vorsitz Herrn Uehli, der darauf Herrn Dr. Unger als Referenten das Wort erteilt.
Herr Dr. Unger: Wir sind in schwerer Lage mit unserer Bewegung inmitten des Verfalls des Geisteslebens, umgeben von einer organisierten Gegnerschaft, hinter welcher Kräfte geistiger Art stehen, denen wir zunächst nur unseren freien Willen zur Arbeit entgegenzustellen haben. Um über unsere Hauptfragen zu einer Erörterung zu gelangen, soll einiges aus der Geschichte der anthroposophischen Bewegung vorgebracht werden, was in meinem Aufsatz in der gelegentlich dieses Kongresses erscheinenden Doppelnummer der «Drei» in Kürze so dargestellt ist, wie es heute in der Öffentlichkeit gewusst werden muss. Kein Gegner darf künftighin diese Dinge «nicht wissen». (Es folgt nun eine Wiedergabe dieses Aufsatzes, welcher an Ort und Stelle nachgelesen werden möge. Der Aufsatz endigt mit dem Abdruck des von Herrn Dr. Rudolf Steiner verfassten «Entwurfs der Grundsätze einer Anthroposophischen Gesellschaft».) Leider ist Grund anzunehmen, dass dieser «Entwurf der Grundsätze» auch heute noch nicht in solcher Weise bei den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft bekannt ist, wie es notwendig wäre, wenn sie ihre Aufgabe erfüllen soll. In der ersten Zeit nach der Gründung der Gesellschaft war es meine Aufgabe, bei den einzelnen damals bestehenden und sich rasch bildenden Arbeitsgruppen Vorträge zu halten über die Aufgaben und Ziele der Gesellschaft. Schon früher habe ich in Nummer XIII (März 1912) der damals erscheinenden «Mitteilungen» für die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft die Gesichtspunkte der Gesellschaft angedeutet und durch die Worte «Vertrauen» und «Verantwortung» charakterisiert. Das Gründungskomitee hielt sich für verantwortlich gegenüber der geistigen Strömung und wollte dazu aufrufen, dass sich Menschen finden, welche diese Verantwortung zu teilen bereit sind. Es sollten Arbeitsgruppen gebildet werden und eine Art von Vertrauensorganisation aus Vertrauenspersönlichkeiten, die ihrerseits bereit sein sollten, die Verantwortung für das von ihnen zu Leistende gegenüber dem Gründungskomitee zu übernehmen, so wie jedes einzelne Mitglied bereit sein sollte, sein Teil an Verantwortung zu tragen gegenüber den Vertrauenspersönlichkeiten. Vertrauen sollte die Voraussetzung der Verantwortung sein: So wie das Arbeitsgut der anthroposophischen Bewegung anvertraut war, so sollte Vertrauen ausgesprochen werden in die Menschen, dass in ihren Herzen die Geistesströmung, der gedient werden sollte, wirkt, Vertrauen auf den Willen, das Verständnis der Menschen, die herankommen wollten, um zusammen die verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen innerhalb der mehr und mehr zusammenbrechenden Welt der Gegenwart etwas aufzurichten, was für die Zukunft Bestand haben könnte.
Dem «Entwurf der Grundsätze» ist ein Motto vorangesetzt: «Die Weisheit ist nur in der Wahrheit». (Aus den Sprüchen in Prosa von Goethe.) Dieses Motto wurde an seine Stelle gesetzt, als in der Theosophischen Gesellschaft in organisatorischer Weise gegen die Wahrheit gekämpft wurde, als Unwahrhaftigkeit, Lüge und Verleumdung begannen, sich mit dem Nimbus der Weisheit zu umkleiden. Im ernsten Sinn ruft uns dieses Motto zu den Ausgangspunkten unserer Gesellschaft. Schon eine einfache Übersicht über den Inhalt des «Entwurfs» zeigt, dass hier die Voraussetzungen, Aufgaben und Ziele der Anthroposophischen Gesellschaft gegeben sind. Er enthält ein Verpflichtendes, insofern jedes Mitglied ihn ja vor dem Eintritt in die Gesellschaft kennen muss. Aber dieses Verpflichtende liegt nicht im äußeren Organisatorischen, sondern es müsste die Gesellschaft als solche gerade im menschlichen Sinne für die Mitglieder etwas bedeuten.
Es gibt Geheimgesellschaften, mit denen die Anthroposophische Gesellschaft häufig verglichen wird, wenn auch mit Unrecht. Aber für die Mitglieder solcher Geheimgesellschaften bedeutet ihre Gesellschaft als solche etwas. Gewiss gibt es unter ihren Mitgliedern auch Streitigkeiten, es gibt auch Abtrünnige, aber es wird bestimmt nicht eintreten, dass solche irgendetwas nach der Außenwelt tragen, was ihrer Gesellschaft Schaden bringen könnte. Es wird eben die Gesellschaft als solche über alle Meinungsverschiedenheiten hinweg respektiert. Hier liegt eine der Voraussetzungen der Anthroposophischen Gesellschaft, die nicht durch äußere Disziplin, durch Gehorsam und dergleichen den Zusammenhang der Mitglieder herstellen kann, sondern diesen Zusammenhang aus freiem Verständnis für echtes Geistesleben heraus vollziehen muss.
Das Ziel «einer befriedigenden und gesunden Lebensgestaltung» verfolgt die Anthroposophische Gesellschaft gemäß dem «Entwurf der Grundsätze» «durch Förderung der auf das Übersinnliche gerichteten, echten und gesunden Forschung und durch die Pflege von deren Einfluss auf die menschliche Lebensführung», «wahre Geistesforschung und die aus ihr hervorgehende Gesinnung sollen der Gesellschaft ihren Charakter geben»; also von allem Anfang an ist der Hauptnachdruck auf das Lebenspraktische gelegt worden, und was sich seither ergeben hat als Auswirkung der Anthroposophie auf den verschiedenen Lebensgebieten, gehört gerade zur «Pflege von deren Einfluss auf die menschliche Lebensführung». Die drei Leitsätze, in welchen der Charakter der Gesellschaft zum Ausdruck gelangen kann, gründen sich auf wahre Geistesforschung, sie sind Voraussetzungen oder Bedingungen für das Wirken der Gesellschaft, die sich selbst setzen und nicht ein äußeres Gebot vorstellen sollen; insbesondere wird im ersten Leitsatz gezeigt, dass Brüderlichkeit nicht als Phrase oder abstrakte Forderung hingestellt wird, sondern dass sie sich ergeben kann aus der Beachtung des in allen Menschenseelen gemeinsamen Geistigen. Um Einfluss auf die Lebensführung zu gewinnen, musste der Arbeit Herrn Doktor Steiners die weiteste Verbreitung gegeben werden. Es muss hier zur Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft angefügt werden, dass die erste Zeit nach der Gründung der inneren Einstellung auf die Ziele gewidmet werden musste. Diese Arbeit wurde aber durch den Kriegsausbruch jäh abgeschnitten. Eine Anthroposophische Gesellschaft hat nur einen Sinn auf internationaler Grundlage. Die Art aber, wie das Nationale während des Krieges gehandhabt wurde, ließ eine Arbeit nach außen nicht zu. Hierzu kam, dass von den drei Gründern der Gesellschaft, die als Zentralvorstand wirkten, Frau Doktor Steiner (Fräulein von Sivers) im Anfang 1916 aus ihrem Amt zurücktrat, sodass eine interimistische Verwaltung der Gesellschaft eingerichtet werden musste. Und es ergab sich weiter in den folgenden Jahren, dass der Gesundheitszustand von Herrn Bauer dahin wirkte, dass er wiederholt seinen Entschluss kundgab, von dem Amt des Zentralvorstandes zurückzutreten, sodass dieser Wunsch nicht übersehen werden konnte.
Dafür, dass die innere Arbeit trotzdem in gewisser Weise weitergehen konnte, ist vielleicht Zeugnis, dass nach Abschluss des Waffenstillstandes aus der Notwendigkeit, inmitten des Zusammenbruchs der traditionellen Lebensführung aus den lebensfördernden Impulsen der Geisteswissenschaft heraus ernst zu machen mit dem Einfluss auf die Lebensführung, vieles in dieser Richtung unternommen werden konnte, zunächst aus der Initiative Einzelner heraus. Da begannen sich Formen abzugliedern aus der anthroposophischen Bewegung heraus, die mehr und mehr in der Außenwelt stehen mussten: die Dreigliederungsbewegung, die Kunstimpulse des Goetheanum, der Eurythmie, die Waldorfschule, Forschungsinstitute, Hochschulkurse usw. Das alles wirkte zur Einflussnahme auf die menschliche Lebensführung. In den Erläuterungen zu den «Leitsätzen» ist in dem «Entwurf der Grundsätze» dann die Rede von einem Lebensideal, das allgemein menschliches Ideal einer Lebensführung sein kann. Auf das Vorbildliche wird hingewiesen, das aus dem lebendigen Zusammenwirken der Mitglieder fließen kann, das aber nur gestaltet werden kann, wenn aus dem gemeinsamen Geistigen trotz der «vollkommenen Schätzung des Denkens und Fühlens des Einzelnen» die richtige Gesinnung der Mitglieder vorhanden ist.
Noch vieles ist in dem Entwurf enthalten, was uns zu der Frage drängt: Hat die Anthroposophische Gesellschaft ihre Aufgaben erfüllt, ist sie in der Lage, sie künftighin zu erfüllen? Solches soll Gegenstand unserer Erörterung sein. Es ist in der Gegenwart durchaus offenbar geworden, dass «die Menschennatur der Erkenntnis und Pflege ihrer eigenen übersinnlichen Wesenheit und der übersinnlichen Wesenheit der außermenschlichen Welt bedarf», wie es im Eingang des «Entwurfs der Grundsätze» heißt. Die Seelen der heutigen Menschen, insbesondere auch die Seelen der Jugend, werden angezogen von allen möglichen Bewegungen mit hohen Zielen, die der heutigen Zeit entsprechend in abstrakter Weise verfolgt werden. Solche Bewegungen wollen Menschen an sich fesseln, von denen wir wissen, dass sie wertvoll sind und dass sie an unseren Zielen mitarbeiten sollten. Große Enttäuschungen erleben solche wertvollen Menschen in diesen Bewegungen. Warum kommen sie nicht zu uns?
Als statistische Bemerkung sei gesagt, dass die Mitgliederzahl unserer Gesellschaft von 3647 im Jahre 1914 auf 8238 am 1. August dieses Jahres gestiegen ist; eine starke Zunahme der Mitgliederzahl fällt gerade in die Zeit, als eine starke Gegnerschaft wirksam wurde. Nehmen wir an, dass die sämtlichen über 8000 Mitglieder im Besitz der grundlegenden Werke Doktor Steiners sind (Abonnenten der Dreigliederungszeitung und der «Drei» sind sie allerdings nicht alle!). Diese grundlegenden Werke haben zumeist Auflagen von über 20000 Stück erreicht, die «Kernpunkte der sozialen Frage» 40000. Bei Auflagen von 20000 kann man bestimmt mit einer Leserzahl von 40000 rechnen, und zwar sind dies wirklich interessierte Leser, denn im Antiquariat treten die Bücher von Herrn Doktor Steiner nicht auf. Das beweist, dass die Geisteswissenschaft als solche wirkt; die Anthroposophische Gesellschaft aber wirkt nicht, sie ist, das muss ruhig ausgesprochen werden, der Stein des Anstoßes vielfach gerade für die wertvollen Menschen. Warum ist das so? Das müsste Gegenstand unserer Erörterung sein, denn es entspricht doch wohl das Zusammenwirken der Mitglieder unserer Gesellschaft nicht demjenigen, was im «Entwurf der Grundsätze» als Voraussetzung angegeben ist.
Die Gesellschaft als solche bedeutet wenig im Bewusstsein vieler ihrer Mitglieder. Ein Symptom dafür bedeutet es immerhin, dass Hunderte von hier anwesenden Mitgliedern als Interessenten für die Vorträge zu unserem Kongress gekommen sind, nicht aber als Mitglieder der Gesellschaft als solcher. Das zeigt die Tatsache, dass ja Hunderte ohne Mitgliedskarte kamen; das sei ohne Vorwurf für den Einzelnen gesagt. Es lässt sich schon vieles anführen von dem, was unter uns geschieht, das unseren Grundsätzen ins Gesicht schlägt. Das entwickelt aber Folgen, die in der ganzen Welt wirksam werden. So ist das Erteilen von Ratschlägen in einer Organisation, die sich auf die Freiheit gründen will, dasjenige, was sich geistig wirksam erweisen kann. Man muss in einer solchen Gesellschaft in der Lage sein können, Rat zu erteilen, und ein solcher Rat sollte richtig gewertet werden können. Herrn Doktor Steiners Stellung innerhalb der Gesellschaft ist ganz besonders diejenige eines Ratgebers. Herr Doktor Steiner hat oft Rat erteilt, und oft ist das Gegenteil von dem geschehen, was er geraten hat. Aber die Wirkung ist häufig genug die, dass Herrn Doktor Steiner in die Schuhe geschoben wird dasjenige, dessen Gegenteil er geraten hat. Nur weniges konnte ich anführen. Vieles aber kann ausgehen von den Impulsen dieses Kongresses auch für die Erfüllung der Aufgaben der Anthroposophischen Gesellschaft, die sich lossagen muss von der Erbschaft der alten Theosophischen Gesellschaft. Ich habe vor einem Jahr in einem Rundschreiben auf vieles hingewiesen; das Rundschreiben blieb ohne Wirkung. Damals konnte das Gelingen eines solchen Kongresses nicht mit Sicherheit angenommen werden. Jetzt haben wir dieses Unternehmen gewagt. Ob es als Aktion wirken wird, wie es soll, wird gerade abhängen können von den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft. Dazu müssen wir die Lage ernst und wahr ins Auge fassen. Was ich gesagt habe, soll die Grundlage einer Erörterung werden, das Beste dazu wird von Ihnen beizutragen sein.
Herr Uehli eröffnet die Aussprache über das Referat und bittet um schriftliche Wortmeldungen.
Herr Rektor Bartsch unterstreicht die Ausführungen von Herrn Dr. Unger über die schier übermenschliche Arbeit von Herrn Dr. Steiner und möchte, dass nunmehr auch die Verhältnisse der Mitglieder zu dem einzig übrig gebliebenen Mitglied des Zentralvorstandes geregelt werden. Er fährt fort: Es ist vieles von Stuttgart ausgegangen, wie auch dieser Kongress beweist, und es wäre vieles besser, wenn die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft sich ihrer Aufgabe gewachsen gezeigt hätten. Eine Bewegung, die so große Aufgaben hat, müsste eine Tageszeitung besitzen, und wenn die weit über 5000 Mitglieder in Deutschland bis Weihnachten je zwei bis drei Abonnenten der Dreigliederungszeitung werben würden, wäre das ein schöner Erfolg.
Meinungsverschiedenheiten werden ja immer auftreten, aber sie können beseitigt werden im Sinne des geschilderten Ratgebens. Wir können nur dann eine geschlossene Gesellschaft werden, wenn wir von gegenseitigem Vertrauen getragen sind. Wir müssen auf Solidarität hinarbeiten. Solche Gedanken haben sich verschiedene Persönlichkeiten, die im Vordergrund unserer Bewegung stehen, durch die Seele ziehen lassen und halten es für nötig, auszusprechen, dass wir Vertrauen haben, wenn der Vorstand durch freie Zuwahl ergänzt wird, damit ein solcher aktionsfähiger Vorstand die Möglichkeit hat, die Gedanken zu verkörpern, die aus der Anthroposophie geflossen sind. Herr Graf von Polzer-Hoditz: Es gehört zu den Grundwahrheiten unserer geistigen Bewegung, dass alles, was wir beschließen und tun, im rechten Zeitpunkt geschieht. Es gehört zur Signatur unserer Zeit, dass im einzelnen Menschen alles aufgerührt worden ist. Deshalb müssen wir mit der rechten Gesinnung an unsere Aufgaben herantreten. Aus den Erfahrungen meines Darinnenstehens in der Bewegung möchte ich zugleich im Namen vieler Anthroposophen aus verschiedenen Arbeitsgruppen in Österreich das Vertrauen aussprechen, wenn der Zentralvorstand, der ja nur noch aus einem Mitglied besteht, wieder aktionsfähig wird. Aus den Beziehungen zu unseren Freunden in der Tschechoslowakei kann ich dies auch im Namen derjenigen Anthroposophen sprechen, die heute die Tschechoslowakei bewohnen.
Herr Dr. Stein zeigt an einem Beispiel, wie nötig es ist, nicht nur auf das zu achten, was den Einzelnen vielleicht stört, sondern darauf, wie die Dinge nach außen wirken. Daran wird in unseren Kreisen zu wenig gedacht. Er fährt fort: Aus diesen Gesichtspunkten möchte ich einiges über die Gegnerschaft sagen, die von den Mitgliedern wenig gekannt wird. Man kann die Gegner nicht durch einige Spezialisten, zu denen ich selbst gehöre, abfertigen lassen. Man muss sich auch um die einzelnen Dinge kümmern, welche von den Gegnern vorgebracht werden, zum Beispiel gegen die Neuauflage der «Philosophie der Freiheit». Wir vertreten ja gar nicht unser Geistesgut, wenn wir es autoritativ hinnehmen. Jeder Einzelne hat die Pflicht zu prüfen dasjenige, woran ein Gegner ihm Zweifel machen will, und dann dafür einzutreten, wenn er selbst weiß, er steht mit seiner ganzen Persönlichkeit für die Sache ein. Wir stehen einer Gegnerschaft gegenüber, die uns nicht bloß bekämpfen will, sondern vernichten. Die Gegner organisieren sich, indem sie das Böse lieben. Wenn unsere Mitglieder wüssten, dass das Böse sogar enthusiastisch geliebt wird, dann würde auch die Kraft aufgebracht zur Verteidigung dessen, was aus den Quellen der Anthroposophie einfließen will in die ganze Menschheit.
Herr Ch. von Morgenstierne: Es wurde schon auf viele Schwierigkeiten aufmerksam gemacht, und man könnte vieles noch erwähnen, zum Beispiel die große Gefahr, die darin besteht, dass unsere Bewegung von vielen Seiten als eine sektiererische aufgefasst wird. Viele maßgebende Persönlichkeiten werden dadurch zurückgestoßen. Wir können das am besten vermeiden, wenn wir die Sache so zu vertreten suchen, wie es in den beiden Hauptzentren in Mitteleuropa getan wird, in Dornach und Stuttgart. Das konnte bei dem eben abgeschlossenen Sommerkurs in Dornach und bei dem gegenwärtigen Kongress konstatiert werden. Wir wollen in den verschiedenen Ländern diesem Beispiel zu folgen versuchen. Dies sei auch im Namen vieler nordischer Freunde gesagt. Wir wollen zu der Leitung unserer Bewegung stehen, und ich möchte zugleich den Wunsch aussprechen, dass die Verbindung der Leitung der Gesellschaft mit den anderen Ländern, zum Beispiel mit uns im Norden, eine feste und lebendige wird.
Herr Paul Smit: Ein richtiges Zusammenleben zwischen den Menschen, das Hinüberwirken von einem Menschen zum andern, wie es für die heutige Zeit so nötig ist, wird häufig verhindert dadurch, dass sich Vorstellungen zwischen die Menschen schieben. Vorstellungen aber müssen als solche überwunden werden, sie müssen sterben, um in Leben umgewandelt zu werden. Darum kommt es für die Anthroposophische Gesellschaft darauf an, dass Menschen da sind, die verstehen, Geisteswissenschaft zu üben, dadurch, dass sie die Vorstellungen zum Schweigen bringen können, wenn sie dem anderen Menschen gegenüberstehen.
Herr Uehli: Frau Doktor Steiner wünscht, eine Erklärung zu verlesen.
Frau Dr. Steiner: In einem an Herrn Doktor Steiner und an mich gerichteten Brief hat Herr Kurt Walther, der in dankenswerter Weise in den letzten Jahren die Geschäftsführung der Anthroposophischen Gesellschaft geleitet hat, sein Amt in die Hände derer zurückgelegt, von denen er es empfangen hat, in Anbetracht der veränderten Zeitverhältnisse und weil es vielleicht eine Notwendigkeit sein könnte, Änderungen zu treffen, die der Fortentwicklung der Gesellschaft günstig sind. Herr Walther hat in aufopfernder Weise in diesen Jahren das Amt innerhalb des Zentralvorstandes verwaltet, das ich im Anfang des Jahres 1916 niederlegte aus keinem anderen Grunde, als weil ich den Namen Doktor Steiners nicht verquicken wollte mit den tausend kleinen Angelegenheiten der Gesellschaft. Herr Walther hat sich dadurch vielen mühevollen Pflichten unterzogen. Ich möchte ihm, der heute aus dienstlichen Gründen abwesend sein muss, hiermit öffentlich meinen Dank aussprechen.
Herr George Kaufmann: Aus dem Bewusstsein der Aufgaben, welche die Anthroposophische Gesellschaft heute in der ganzen zivilisierten Welt zu erfüllen hat, möchte ich aufs Wärmste das begrüßen, was hier aus dieser Versammlung heraus als Impuls geschehen will. Dies hängt, wie es auch im «Entwurf der Grundsätze» geschrieben steht, damit zusammen, dass eine Erkenntnis von der übersinnlichen Wesenheit des Menschen und der außermenschlichen Welt in die Herzen vieler Menschen einfließt. Deshalb gilt unsere Arbeit immer dem Urteilsvermögen und dem Wahrheitssinn. Es geschieht vieles von hier aus und von Dornach aus auf allen Gebieten, was anfängt, dem anthroposophischen Geistesgut eine Achtung in der Welt zu verleihen. Die Anthroposophische Gesellschaft soll den geistigen Mittelpunkt dieses Gutes bilden. Deshalb darf die Gesellschaft keine Sekte sein, sondern der ernste Repräsentant eines tiefen geistigen Impulses. Diese Bewegung ist eine internationale und in unseren Herzen, die wir in verschiedenen Ländern arbeiten, lebt Dornach und das Goetheanum als das eigentliche Zentrum der Bewegung; aber man muss es sagen, es ist dasjenige noch nicht geschehen, was das Goetheanum als Mittelpunkt der geistigen Bewegung realisieren könnte. Von dieser Versammlung könnte etwas in alle Teile der Welt hinausgehen, was die Internationalität der Bewegung mit ihrem geistigen Mittelpunkt im Goetheanum realisieren kann; wenn von hier aus, wo die stärkste Arbeit geleistet wird, eine Neubelebung der Gesellschaft ausgeht, die zu konkreter Solidarität führt, so wird das hinüberwirken können auf die außerdeutschen Länder.
Herr J. van Leer: Im Eingangsreferat hat Herr Doktor Unger darauf hingewiesen, dass wir hier offen aussprechen, was uns auf dem Herzen liegt. Ich möchte auf solche Dinge hinweisen, die mit Schuld daran gewesen sind, dass wir nicht das realisiert haben, was eigentlich hätte realisiert werden können und sollen. Die Anthroposophische Gesellschaft heißt alle Menschen willkommen, die in unserem Sinne arbeiten wollen, aber wenn Herr Doktor Steiner auf eine bestimmte Richtung wies, so bildeten sich leicht Cliquen. Man darf nicht sagen, das Künstlerische ist die Hauptsache ‚oder die Dreigliederung oder das Wirtschaftliche, die Schule, sondern man muss auch auf das schauen, was seit zehn bis fünfzehn Jahren in den Zweigen gearbeitet worden ist. Das ist auch etwas Notwendiges. In letzter Zeit zum Beispiel ist die Arbeit von Herrn Doktor Steiner eingestellt auf die Wissenschaft, aber wenn wir die ganze Anthroposophie einfließen lassen wollen in alle Menschenherzen, so darf man auch das andere nicht als nebensächlich ansehen, auch wenn Sektiererei in den Zweigen verwerflich ist. Das ist einer der schweren Fehler in unserer Bewegung, dass man nicht das Vertrauen hat für die Wertschätzung aller Arbeit. Es kann nicht jeder alle Arbeit leisten, sondern jeder auf seinem Gebiet. Wir brauchen auch Menschen, die nicht wissenschaftlich gebildet sind. In unserer Gesellschaft ist alles vertreten. Wenn wir die Arbeit von allen Menschen zu schätzen wissen, so haben wir die Grundlage für eine richtige Führung der Anthroposophischen Gesellschaft. Wenn alle Menschen mitarbeiten und dem Vorstand das menschliche Vertrauen entgegenbringen, dann sind wir eine geschlossene Körperschaft, die eine Kraft in der Welt hat, dann werden wir auch der Gegnerschaft gewachsen sein.
Herr Vegelahn: Woran liegt es, dass Geisteswissenschaft wirkt, aber die Anthroposophische Gesellschaft nicht wirkt? Ich bin durchaus einverstanden, wenn hier dem Zentralvorstand das Vertrauen ausgesprochen wird. Es ist ja schön, wenn gesagt wird, wir müssen zur Gemeinschaft streben, aber was als eine Erkenntnis der übersinnlichen Welt gegeben wird, muss in die richtige Beziehung gesetzt werden zu dem, was hier in der physischen Welt erlebt werden kann. Die richtige Fundierung der Geisteswissenschaft kann man aus der «Philosophie der Freiheit» gewinnen. Herr Doktor Unger hat Zahlen angeführt über hohe Auflagen. Die «Philosophie der Freiheit» war lange vergriffen, und man hätte erwarten müssen, dass die Neuauflage rasch abgehen würde. Es hat aber ziemlich lange gedauert. Wenn die Anthroposophen zeigen, dass ihre Urteilskraft entwickelt ist, dann werden die anderen Menschen ihr Urteil über sie mit der Zeit ändern müssen. Es kommen viele Menschen zu der Gesellschaft, die aus den Enttäuschungen des Lebens wie in einen Hafen einlaufen, aber sie müssen auch wieder auslaufen können aus diesem Hafen in die Welt, und dazu gehört, dass sie ihre Urteilskraft gestärkt haben durch die «Philosophie der Freiheit».
Herr Dr. Kolisko: Es ist schon von verschiedenen Seiten darauf hingewiesen worden, wie es notwendig ist, dass unsere Gesellschaft nach außen hin als ein Ganzes dasteht. Aber man kann deutlich beobachten, dass ein großer Teil von dem, was sich als Gegnerschaft gegen unsere Bewegung wendet, daraus entsteht, dass eben ein solches gemeinsames Vorgehen der gesamten Mitglieder der Gesellschaft nicht vorliegt, weil vielfach noch eine Vertrauensgrundlage fehlt. Zum Beispiel wenn nach reiflichen Erwägungen gewisse Dinge gemacht werden, kann man sicher sein, dass man auf Misstrauen stößt oder Unverständnis und dass die Handlungs weise vieler Mitglieder sich in einen Gegensatz dazu stellt. Man muss sich an ein eigentümliches Vorurteil gegen die Dreigliederungszeitung erinnern, das mir oft auf Reisen begegnet ist, sie sei nämlich zu polemisch, und das sei das Haupthindernis, dass sie nicht von allen Mitgliedern gehalten und für ihre Weiterverbreitung gesorgt werde. Das kommt daher, dass man sich nicht genügend für die Gegnerschaft interessiert. Man hat sich nicht klargemacht, dass, nachdem die Gegnerschaft den Kampf eröffnet hatte, man genötigt war einen solchen Ton anzuschlagen, wie zum Beispiel mit dem, was wir als positive Zeitkritik bezeichnet haben. Es ist in unserer Gesellschaft so, dass vor dem Heraustreten der Dreigliederungsbewegung nie die Möglichkeit der Bildung eines sozialen Urteils vorhanden war. Man ist überrascht worden durch das Hinaustreten in die Öffentlichkeit. Aber darauf war immer hingewiesen worden in der anthroposophischen Bewegung. Die Zeitung ist so gut gemacht worden, wie sie sein konnte, und wenn sie noch nicht besser ist, so liegt es daran, dass noch nicht die breite Unterstützung vorhanden ist.
Man konnte aber auch bemerken, dass ein gewisses Misstrauen vorhanden war, wenn — sagen wir - von Dornach oder Stuttgart aus irgendetwas unternommen wurde. Man bringt nicht das Vertrauen auf, dass die Dinge, die unternommen wurden, aus einer gewissen Solidarität von Gruppen hervorgegangen waren. Wir werden nach außen hin nicht wirken können, wenn man nicht versucht, das, was so unternommen wird, auf sich wirken zu lassen. So wird mancherlei durchkreuzt. Es wurde zum Beispiel mit Gegnern verhandelt, wo es besser gewesen wäre, nicht mit ihnen zu verhandeln, nachdem man sich ihnen gegenüber auf den Gegnerstandpunkt gestellt har. Es ist vielfach so, dass die Außenstehenden den Eindruck haben, dass es nicht leicht eine Gesellschaft gibt, in der in so unsolidarischer Weise vorgegangen wird wie gerade in der Anthroposophischen Gesellschaft. Das kommt ja von der außerordentlich starken Individualisierung bei uns, aber wir müssen eine solche Vertrauensgrundlage schaffen, dass aus dem immer mehr wachsenden Verständnis für die Gesamtaufgaben der Bewegung die Handlungen in der Öffentlichkeit nach gemeinsamer Beratung sich vollziehen. Es muss möglich sein, dass wir zu den in der Öffentlichkeit wirkenden Stellen Vertrauen aufbringen, weil wir den Eindruck haben, dass sie aus gemeinsamer Verständigung handeln, dann können wir dem Cliquenwesen entgegenwirken. Es braucht nicht jeder in allem als Fachmann darinnen zu stehen, aber es kann jeder das Interesse aufbringen, dass er sich informiert über das, was in der anthroposophischen Bewegung vorgeht. Durch das nicht richtige Darinnenstehen in der Gesellschaft entstehen die verschiedensten Missstände. Ich erinnere nur an die Frage der Vortragszyklen von Herrn Doktor Steiner, die nur für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft bestimmt sind. Die Gesellschaft war nicht imstande, dieses Geistesgut zu bewahren. Die Sache liegt so, dass dieses Hinausdringen der Zyklen sehr weit vorgeschritten ist. Man wollte vielfach gerade durch die Zyklen werben. Man hat die Tendenz in der Gesellschaft, solche Worte, die auf den Zyklennachschriften stehen, nicht ernst zu nehmen. Auch die Aufnahme der Mitglieder in die Gesellschaft wird in lässiger Weise gehandhabt, sodass man Leute aufgenommen hat, die dann durch eine gewisse Notwendigkeit wieder ausgeschlossen werden mussten. Es ist klar, dass gerade diejenigen, die man gezwungen war auszuschließen, die ärgsten Feinde der Bewegung geworden sind. Verfolgen Sie, woher die Gegner schöpfen! Aus den Schriften Seilings. Solche Menschen, die wie Seiling unsere Gegner werden, stammen immer aus gewissen Cliquen, und was uns entgegentritt, ist die Widerspiegelung dessen, was in unseren eigenen Kreisen vorhanden ist.
Alle diejenigen in der Gesellschaft, die wirklich aktiv in der Arbeit stehen - und das sollten möglichst viele sein -, müssen die Möglichkeit haben, aufeinander zu vertrauen, sodass man den Eindruck hat, es geschehen die Dinge unter Verantwortlichkeit. Der Einzelne kann nur zu einer richtigen Urteilsbildung kommen durch eine intensive, reale Zusammenarbeit. Dass eine solche Vertrauensgrundlage in der Anthroposophischen Gesellschaft entsteht, dass die Zusammenarbeit geschieht von dem Gesichtspunkt aus, dass man sich in derselben Sache darinnenstehend fühlt und sich gegenseitig vertraut, das muss die Aufgabe sein, die wir uns heute stellen müssen.
Herr Uehli: Es ist der Antrag eingebracht worden, jetzt eine Pause eintreten zu lassen. Vorher wünscht Herr Dr. Unger einiges zu sagen.
Herr Doktor Unger: Ich unterstütze diesen Antrag und möchte wünschen, dass dann etwas in Gang kommen kann, was einer Verwirklichung unserer Aufgaben dient. Aber zuvor muss ich mich der wichtigsten Pflicht entledigen. Verschiedene Redner waren so freundlich, mir ihr Vertrauen auszusprechen für dasjenige, was von mir aus für die Gesellschaft etwa geschehen ist oder noch geschehen kann. Ich kann das nur unter der Voraussetzung annehmen, dass mir gestattet wird, dieses Vertrauen und unseren innigsten Dank denjenigen Persönlichkeiten zu übergeben, die insbesondere bei der Entstehung unserer Gesellschaft beteiligt waren. Ich möchte vor allem Frau Doktor Steiner erwähnen (Beifall), die von allem Anfang gerade dasjenige getan hat, was von Menschen getan werden konnte, um eine Bewegung zustande zu bringen. Ich habe davon gesprochen, dass die Werke von Herrn Doktor Steiner noch um die Jahrhundertwende von den Menschen nicht in dem Sinn gewertet wurden, dass eine Bewegung zustande kam. Das Verdienst, die Bewegung angestoßen zu haben, gebührt Frau Doktor Steiner. Sie hat in sich vereinigt, was dazu war an Kenntnissen und Fähigkeiten und besonders auch lichem. Nur aufgrund dieser Arbeit war es möglich, dass sich innerhalb der Gesellschaft Kräfte ausbilden konnten, die nun versuchen können, aufgrund der von Herrn Doktor Steiner gegebenen Geisteswissenschaft etwas für das Leben zu erarbeiten.
Herr Bauer ist bekannt unter unseren Freunden gerade dadurch, dass er stets ein persönlicher Mittelpunkt war für alles Lebendige, was unter uns wirken kann. Sein inniges Erleben der Geisteswelt fließt durch unsichtbare Kanäle in die Menschenherzen, im ernsten und tiefsten Sinne möchte ich dasjenige, was hier zum Ausdruck gekommen ist an Zustimung, auch auf Herrn Bauer übertragen.
Besonders danken möchte ich auch noch Frau Doktor Steiner für dasjenige, was sie über unseren Freund, Herrn Walther, mitgeteilt hat. Denn gerade über die schwierigste Zeit hinweg lag eine außerordentliche Arbeitslast auf seinen Schultern. Herr Walther hat sich in die Bresche gestellt, wo dasjenige geleistet werden musste, was er in so dankenswerter Weise übernommen hat.
Da Worte des Vertrauens und Dankens doch zu schwach sind für das, was sich in diesem Augenblick aus unseren Herzen zu Herrn Doktor Steiner wendet, möchte ich es in Form einer Bitte zum Ausdruck bringen; denn selbstverständlich ist alles, was von mir und anderen hier gesagt werden konnte, begründet auf dasjenige, was von Herrn Doktor Steiner selbst getan worden ist. Und da doch alles darauf ankommt, dass wir im rechten Sinne auf einen Rat hören können, möchte ich die Bitte an Herrn Doktor Steiner richten, uns in dieser so außerordentlich wichtigen Angelegenheit, wo alles abhängen kann von dem, was von hier ausgehen soll, seinen Rat zu erteilen, wenn wir wieder hier zusammenkommen werden.
Es wird beschlossen, die Besprechung am Abend fortzusetzen. Herr Uehli eröffnet die Fortsetzung gegen [21] Uhr.
Herr Mengen: Ich habe der Frage, warum unsere Gesellschaft häufig ein Stein des Anstoßes ist, besondere Aufmerksamkeit zugewendet und habe gefunden, dass bei uns ein Individualismus sich darin zeigt, dass die Menschen zusammenkommen, sich einen Vortrag anhören und dann wieder auseinanderklaffen. Es wird nicht erkannt, dass ein Zusammenhang besteht zwischen den verschiedenen Lebensgebieten. Ebenso notwendig wie ein freies Geistesleben ist ein brüderliches Wirtschaftsleben. Wenn heute von Brüderlichkeit gesprochen wird, so ist es eine Phrase. Aus dem Lebendigen, was unter uns ist, müssen gerade frische Kräfte ins Wirtschaftsleben getragen werden. Ein assoziatives Zusammenarbeiten in der Wirtschaft ist die notwendige Ergänzung zum geistigen Individualismus. Es ist heute notwendig, dass jeder Einzelne sich verantwortlich fühlt für alles, was geschieht.
Herr M. Grundig: Wenn wir dahin kommen wollen, dass jeder für alles verantwortlich sein kann, so ist es notwendig, dass jeder sich nicht nur begnügt, Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft zu sein, sondern wenn er etwas in die Öffentlichkeit tragen will, muss er durchdrungen sein von der Idee der Anthroposophie. Es ist darauf hingewiesen worden, dass nicht jeder in der Wissenschaft stehen kann. Aber wer in den Kreisen der Arbeiterschaft steht, weiß, dass es gerade hier gilt, mit möglichster Wissenschaftlichkeit heranzugehen. Herr Doktor Steiner hat in seinen «Kernpunkten der sozialen Frage» darauf hingewiesen, wie stark gerade naturwissenschaftliche Vorstellungen im Proletariat gewirkt haben. Diese Vorstellungen können nur durch Anthroposophie fruchtbar gemacht werden. Man kann, wie Herr Doktor Steiner einmal gesagt hat, durch ein gesundes Fühlen zur Anerkennung der Geisteswissenschaft kommen, aber gerade gegenüber dem, was aus naturwissenschaftlichen Vorstellungen heraus einem im Proletariat entgegentreten kann, muss man ein genügendes Wissen hinstellen können. Und dann muss Anthroposophie bis in das tägliche Leben der breiten Volksschichten eingreifen. Dazu muss etwas geschaffen werden, wie das, wozu im «Kommenden Tag», der «Waldorfschule» und so weiter der Grundstein gelegt ist. Da kann auch der Arbeiter etwas Gutes für die Anthroposophische Gesellschaft wirken.
Herr Heydenreich: Wenn ich als junger Mensch um das Wort gebeten habe, so möchte ich in aller Bescheidenheit eine Mitteilung machen. Wir Anthroposophen, die aus der Jugendbewegung hervorgegangen sind, haben uns während des Kongresses in einigen Sonderbesprechungen zusammengefunden und sind uns klar geworden, dass uns in unserer Mittlerstellung zwischen Jugendbewegung und Anthroposophie besondere Aufgaben erwachsen. Wir sind uns darüber klar geworden, dass es nicht nur unsere Pflicht ist, Anthroposophie an die Jugendbewegung heranzubringen, sondern dass es auch unsere Pflicht ist, unsere jungen Kräfte in den Dienst der Anthroposophie zu stellen, dass ein entsprechendes Tun daraus hervorgehen kann.
Herr Michael Bauer: Ich möchte nur mit wenigen Sätzen eine Mitteilung machen, welche die Versammlung erwartet. Sie betrifft den neuen Zentralvorstand. Ich wollte diese Mitteilung gerne selber machen, damit man durch diese Tatsache fühlt und weiß, dass die neuen Persönlichkeiten des Zentralvorstandes lebendig aus der Kontinuität unserer Bewegung hervorgegangen sind. Nicht etwa über den Kopf der ausscheidenden Mitglieder des Zentralvorstandes, sondern mit ihrem Einverständnis, aus langer Überlegung heraus, ist auf diese beiden neuen Männer die Wahl gefallen. Es handelt sich um Ernst Uehli und Emil Leinhas. Wenn es sich bei beiden um Stuttgarter Freunde handelt, so ist dazu zu sagen, dass es eine der Schwächen des alten Zentralvorstandes gewesen war, dass seine Mitglieder an verschiedenen Orten wohnten. Es ist eine innige und stete Fühlungnahme unter den Mitgliedern des Zentralvorstandes nötig, wenn gesund und fruchtbar gearbeitet werden soll, und dafür ist jetzt Sicherheit gegeben dadurch, dass nunmehr alle drei Mitglieder des Zentralvorstandes in Stuttgart wohnen. Ich brauche wohl nicht besonders zu erwähnen, dass gerade die besten sachlichen Gründe diese Zuwahl rechtfertigen.
Lassen Sie mich noch einen Gedanken anschlagen, der heute schon vielfach durch die Reden geschwungen hat, besonders durch die Rede des Herrn Kaufmann aus London. Es ist viel von Vertrauen gesprochen worden, und ich will das dahin ergänzen, dass es keinen irgendwie tauglichen Verkehr von Mensch zu Mensch gibt, wenn nicht dieses Vertrauen im Untergrund der Seelen besteht. Wenn ich mit irgendeinem Menschen ein Wort rede und er hat den Willen mich zu verstehen, so spielt etwas von meiner Seele in die andere; und es spielt, genau genommen, aufgrund desjenigen, was in dem ersten unserer Leitsätze steht, aufgrund eines gemeinsamen Geistigen. Das, was eine Seele mit der anderen verbindet, wodurch man sich verständigen kann in Worten, das ist bewusst die eigentliche Grundlage unserer Gesellschaft. Ich könnte weitergehen und ausführen, dass dieses, was als Vertrauen von Mensch zu Mensch im Worte spricht, sich steigern kann, an den Tag herausblühen kann als Liebe; ich könnte weiter darauf deuten, wie dieses, was wir, wenn wir so hinhorchen, als den Herzschlag unserer Bestrebungen fühlen müssten, ein Wesenhaftes ist, das man als den guten Geist - ich könnte auch sagen als den heiligen Geist - der Menschheit bezeichnen darf. Unsere Gesellschaft beruht auf dem guten Geist der Menschheit, der von Mensch zu Mensch weben muss, wenn etwas Gesundes zustande kommen soll. Ich habe mich in den letzten Wochen oft beschäftigt mit Uehlis schönem Buch «Eine neue Gralsuche»; darin wird erzählt, wie für die Tempelritter die Verpflichtung galt, dass keiner den Kampfplatz verlassen durfte, solange noch eine Fahne wehte. Glauben Sie doch, dass wir in einem ebenso harten Kampf darinnenstehen, wie ihn die Tempelritter vielfach zu bestehen hatten! Und wir sollten uns mit derselben Treue und mit vollem Bewusstsein in den Kampf stellen. Auf solche Treue will ich hinweisen in diesem Augenblick, wo Sie sich einem neuen Zentralvorstand gegenübersehen, der nach treuester und gewissenhaftester Beratung gebildet worden ist. Und ich möchte die Bitte daran fügen, dass Sie sich besinnen auf das gemeinsame Geistige, das in die Herzen der Menschen gelegt ist, in diesem Augenblick, wo ein neuer Anlauf genommen wird, um mit allem, was durch diese Bewegung in die Welt hereinwill, in Treue und im Bewusstsein der Verpflichtung in die Zukunft zu schreiten. Dann wird der Rat, den wir jetzt erwarten, fruchtbar aufgenommen werden.
Herr Dr. Steiner: Meine lieben Freunde! Der Anlass, aus dem heraus wir heute beisammen sind, ist ein ganz außerordentlich wichtiger und bedeutungsvoller; ich will daher der Aufforderung des Herrn Doktor Unger auf jeden Fall entgegenkommen. Wenn in dieser Aufforderung das lag, dass ich einen Rat erteilen soll, dann wird das nur möglich sein, wenn auch ich aus einigen Charakteristiken unseres Gesellschaftslebens heraus dasjenige zu sagen versuche, was mir heute gerade notwendig erscheint. In der Anthroposophischen Gesellschaft, wenn sie eine volle Berechtigung und einen guten inneren Daseinsgrund haben will, ist es notwendig, dass man sich an jeden Einzelnen wendet. Der Individualismus ist dasjenige, was nicht zu trennen ist von dem Wesen einer solchen Gesellschaft, wie die Anthroposophische eine sein muss, und daher ist es auch immer schwierig, in kleinen Kreisen dies oder jenes zu sagen, wenn nicht aus ihnen heraus die Möglichkeit besteht, dass das dort Besprochene oder meinetwillen auch Gerügte nun wirklich den Weg möglichst rasch zu den einzelnen Mitgliedern findet und dann bei den einzelnen Mitgliedern ein entgegenkommendes Herz finder.
Heute ist es aber möglich, zu einer großen Anzahl, meine lieben Freunde, zu sprechen, und daher wird die Erwähnung des einen oder des andern heute auch von einer ganz besonderen Bedeutung sein können. Und da gestatten Sie auch mir, dass ich, wenn auch jetzt nicht mit dem Anspruch einer auch nur skizzenhaften Vollständigkeit auf einiges Geschichtliche unserer anthroposophischen Bewegung eingehe, um dann zu gewissen aktuellen Einzelheiten zu kommen. Dieser anthroposophischen Bewegung, insoferne sie gesellschaftsmäßig leben sollte, stellten sich eigentlich von allem Anfang an bedeutende Hindernisse entgegen. Es ist ja heute schon erwähnt worden, dass aus gewissen Gründen dasjenige, was innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft versucht wird, zuerst innerhalb des Rahmens der Theosophischen Gesellschaft versucht worden ist. Es wurde - es ist ja zwanzig Jahre her - die Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft in Berlin gebildet. Während der Bildung dieser Deutschen Sektion hielt ich für ein ganz anderes Publikum einen Vortrag, der einem Vortragszyklus angehörte, und dieser Vortragszyklus trug den Namen «Anthroposophische Betrachtung über die Geschichte der Menschheit».
Bereits bei der Gründung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft war das anthroposophische Ziel für mich das maßgebende. Ich will auch nicht die Einzelheiten der Gründung jetzt auseinandersetzen, sondern nur erwähnen, dass alles dasjenige, was in diesem Zusammenhange von mir geschehen ist, zu einer kleinen Szene geführt hat, zu einer Auseinandersetzung von zwei Zelebritäten —- damaliger deutscher Zelebritäten der Theosophischen Gesellschaft. Die waren so erbost über alles, was dazumal geschehen war, dass sie am Tage nach der Gründung in aller Schärfe den Ausspruch taten: «Gestern haben wir die theosophische Bewegung in Deutschland zu Grabe getragen.» Das war das Prognostikon, das zwei theosophische Zelebritäten dazumal derjenigen Bewegung ausstellten, welche in der ihnen geschilderten Weise damals inauguriert werden sollte. Dasjenige, was zu geschehen hatte, war eben in der damaligen Zeit nicht anders zu machen, als es gemacht worden ist. Aber es bewirkte, dass die ganze anthroposophische Bewegung gewisse Fesseln an sich trug. Diese Fesseln möchte ich wenigstens nach ein paar Seiten hin charakterisieren. Was die Usancen der Theosophischen Gesellschaft allmählich geworden sind, das war etwas, was — ich möchte sagen — einer großen Anzahl von Mitgliedern, die sich dazumal zu jener Deutschen Sektion zusammenschlossen, wie in Fleisch und Blut lag. Man hatte einfach die Vorstellung, man kann nichts anders machen, als man es in der Theosophischen Gesellschaft gemacht hat; Sie werden später sehen, warum ich diese Dinge gerade heraushebe und erwähne.
Aber meine lieben Freunde, für mich war es damals eigentlich unmöglich, trotz meines Darinnenstehens in der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, irgendetwas mit diesen Usancen anzufangen. Ich will nur die eine Tatsache erwähnen, dass dazumal eine mitarbeitende Persönlichkeit dieser Deutschen Theosophischen Gesellschaft einen Vortrag hielt, in dem sie einen Auszug gab aus Misses Besants «Uralter Weisheit». Ich hatte dazumal nicht wesentlich mich irgendwie beschäftigt gehabt mit der Literatur der Theosophischen Gesellschaft, da hörte ich in einem Auszug dasjenige vorbringen - und zwar mit Beibehaltung des ganzen Duktus der Denkungsweise, der Anschauungsweise -, was Hauptlehren waren, die innerhalb der theosophischen Bewegung verbreitet wurden. Mir war die Sache furchtbar unsympathisch, und ich lehnte ein solches dilettantisches, laienhaftes Gerede eigentlich aus einer inneren wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit ab. Das führte dann dazu, dass ich einfach selbstverständlich genötigt wurde, mein Buch «Theosophie» zu schreiben, damit irgendetwas da sei, an das man sich halten kann als an etwas, was auch vor der Wissenschaft bestehen kann. Vor der Wissenschaft bestehen können, war mir immer etwas anderes, als von der gebräuchlichen Wissenschaft anerkannt zu werden.
Dann will ich aus allen diesen Dingen noch eines herausheben: Es war eine Vortragsreise, die ich durch Holland machte. Ich trug dasjenige, was ich zu sagen hatte aus meiner Anschauung heraus, vor. Es verbreitete unter den Mitgliedern der Holländischen Theosophischen Gesellschaft eigentlich überall Bestürzung, denn es war im Wesentlichen nach ihrer Meinung ketzerisch. Das führte dann auch dazu, dass diese holländischen 'Theosophen zunächst die Ersten waren, die sich - wie allerdings zugegeben werden muss — gerade aus einer gewissen Ehrlichkeit heraus im Jahre 1907 schon mit aller Kraft gegen dasjenige wandten, was dann im Münchener Kongress 1907 zum Ausdruck gekommen ist. Was dazumal herankam an die Theosophische, aber eigentlich anthroposophisch gewollte Gesellschaft, das, meine lieben Freunde, war in vieler Beziehung eine Menge von Träumern, die sich außerordentlich wohlgefielen in ihren "Träumen. Bitte, missverstehen Sie mich nicht. Ich rede am heutigen Tage nicht über irgendeine Lehre, nicht über irgendwelche okkulten Tatsachen oder dergleichen, sondern ich rede über Menschenstimmungen. Innerhalb der Theosophischen Gesellschaft war es einfach Sitte, dasjenige, was theosophische Gesinnung war, in der folgenden Art aufzunehmen:
Man lebte als äußerer Mensch genau ebenso fort, wie man gelebt hat, bevor man Theosoph geworden ist; man war in derselben Weise Beamter, Lehrer, Adelsdame oder sonst irgendetwas. Man lebte in der gleichen Weise fort, wie man früher gelebt hatte, aber man hatte, wenn ich so sagen darf, eine neue, wenn auch besser geartete Sensation. Man gefiel sich darinnen, über die ganze Welt etwas aus okkulten Untergründen heraus zu wissen oder wenigstens zu wissen vermeinen. Nun, meine lieben Freunde, da gefiel man sich insbesondere darinnen, zu sagen: «Ja, so irgendwo, an einem möglichst unzugänglichen Ort, da leben gewisse Individualitäten, die man «Meister nennt; das sind die Führer der Menschheit, die führen seit so und so langer Zeit die Entwicklung der Menschheit, wir alle stehen in ihrer Obhut, wir müssen ihnen Dienste leisten.» - Man gefiel sich darinnen, an diesen Diensten ein besonderes Wohlgefallen zu haben, welches besonders dadurch erhöht wurde, dass ja diese Meister in einer unzugänglichen Ferne lebten, sodass man niemals irgendetwas darüber wusste, wem man als Akteur diente oder dergleichen. Man kam sich, indem man vielleicht das Licht auslöschte oder abdunkelte und sich vor einen kleinen Tisch setzte, den Kopf in die Hände gestützt, in diesem Dienste der Meister so vor, dass man mittut mit allen wichtigsten Angelegenheiten der Gegenwart. Namentlich gefiel man sich darinnen, sich so hinzusetzen und dann Gedanken auszuschicken; dieses Gedankenausschicken, das wurde ja sogar in Zirkeln gerade innerhalb theosophischer Kreise mit einem großen Enthusiasmus getrieben.
Ich will mit diesen Dingen nur hindeuten auf die Stimmungen, die aus einem gewissen Wohlgefallen an Träumereien dasjenige eigentlich belegten, was als eine gewisse mystische Koketterie einen der Lebensnerven der Theosophischen Gesellschaft und der Theosophen überhaupt bildete. Sehen Sie, meine lieben Freunde, diese Art von Stimmung hat sich zu sehr forterhalten innerhalb derjenigen Bewegung, die nun uns oblag. Niemandem sei damit ein Vorwurf gemacht, manche haben aus dieser Stimmung heraus hingebungsvoll, aufopfernd gearbeitet. Aber man kann doch nicht sagen, dass diese Stimmung in guter Weise vorbereitet hat dasjenige, was heute Herr Doktor Unger besonders hervorgehoben hat.
Als das Jahr 1919 kam, da handelte es sich plötzlich darum, nun wirklich gewissermaßen in die Strömung des Weltenwerdens sich hineinzuwerfen, zu zeigen, dass man gewachsen ist mit dem, was man vorbereitet hat, um im Strome der Menschheitsentwicklung zu arbeiten. Da handelte es sich darum, die Wirklichkeit anzufassen, nicht sich hinzusetzen bei verdunkelter Lampe, den Kopf in die Hände zu stützen und Gedanken auszusenden, sondern da handelte es sich darum, mit dem von Anthroposophie durchgearbeiteten und praktisch gewordenen Denken die Wirklichkeit anzufassen.
Im Grunde genommen war diese Gesinnung immer vorbereitet worden, aber was mich anbetrifft, fand ich vielleicht bei denjenigen Anhängern die heftigste Opposition — wenn sie auch nicht ausgesprochen wurde -, die sich in einer gewissen Beziehung mit Recht für die treuesten Anhänger hielten. Denn ein gewisser Hang zur nebulosen Mystik war immer da, mit dem man in der furchtbarsten Weise eigentlich gerade bei den Gutwilligsten und Gutmeinendsten zu kämpfen hatte. Dieser Hang zur nebulosen Mystik ist es in seinen Nachwirkungen, was uns heute innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft so große Schwierigkeiten macht. Denn, meine lieben Freunde, wir wollen ja nicht in Abstraktionen leben, wir wollen überall sehen, wie die Wirklichkeit läuft, und da muss gesagt werden: Diese Stimmung des Träumens ist dasjenige, was der gefährlichste Verführer zur Unwahrhaftigkeit und Flüchtigkeit gegenüber dem wirklichen Leben wird. Niemand ist so sehr ausgesetzt, das wirkliche Leben flüchtig zu nehmen, als derjenige, der mit seiner Seele in nebulöser Mystik verschwimmit. Das ist es aber wiederum, was macht, dass es den Anthroposophen so schwierig wird, die Dinge mit gesundem Sinn wirklichkeitsgemäß anzusehen. Würde Anthroposophie so genommen, wie sie gegeben wird, würde nicht manchmal, indem sie in die andere Seele fließt, ein ganz anderer Seeleninhalt aus ihr, so würden eben aus dieser Anthroposophie herausfließen die Anlagen, rasch, geistesgegenwärug und einfach die Dinge der äußeren Wirklichkeit zu nehmen, und aus dem Einfachen heraus würde man dann auch die Grundlage finden, um der viel mehr als Sie glauben organisierten Gegnerschaft gegenüberzutreten.
Lassen Sie mich auch darüber ein paar Worte sagen, denn man muss sich, wenn die Anthroposophische Gesellschaft fortbestehen will, über diese Dinge ganz klar werden. Es ist darauf hingewiesen worden heute, dass ein großer Teil der Gegner die Urteile, die sie loslassen, abschreiben aus einem Buche von Max Seiling, der sich einmal als einer der treuesten Bekenner zur anthroposophischen Anschauung gebärdete. Er wurde kajoliert in den verschiedensten Cliquen, und wiederum aus einer gewissen nebulösen Mystik heraus wurde in gewissen Cliquen sehr viel auf ihn gegeben. Nun, dieser Mann hat also ein Buch geschrieben. Warum hat er dieses Buch geschrieben? Man kann absehen von all den Schmutzereien, die sich in diesem Buche finden. Aber das ist ins Auge zu fassen mit gesundem Wirklichkeitssinn: Dieser Mann, der sich zunächst mit aller Gewalt an einen - verzeihen Sie den trivialen Ausdruck - anschmiss, hat in unserem Philosophisch-Anthroposophischen Verlag ein kleines Büchelchen veröffentlichen dürfen, für das ich, weil dieses Büchelchen im Grunde genommen ganz brauchbar war, sogar ein Nachwort geschrieben habe; dann aber wollte dieser Mann in demselben Verlag ein Buch erscheinen lassen, das zur Hälfte bestand aus einem Plagiat von meinen Vorträgen und zur Hälfte aus seinen törichten Spiritistereien. Dieser Wunsch musste zurückgewiesen werden, und aus dem Ärger darüber und aus seiner Charakteranlage heraus, der es einfach gleichgültig ist, wenn sie hasst, alles Mögliche zusammenzulügen, ist alles das durch Max Seiling in die Welt gesandt worden. Das ist die Wirklichkeit, und jedes andere Urteil darüber ist eine Spintisiererei; derjenige, der geraden Sinn hat, durchschaut die Dinge.
Ich will Ihnen ein anderes Beispiel sagen, das sich ja vielleicht nicht so leicht durchschauen lässt; aber wenn man sehen würde, dass innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft wirklich das besteht, was heute oftmals mit dem Worte «Vertrauen» ausgesprochen worden ist, so würde man ja bloß brauchen auf dieses Vertrauen hin irgenderwas Charakteristisch-Signifikantes zur Beleuchtung eines Falles zu sagen. Das würde um sich greifen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, es würde ein wahrheitsgemäßes Urteil sich absetzen. Und das ist es, was wir vor allen Dingen brauchen. Ich will als kleines Beispiel noch nennen den Fall Goesch. Goesch war ebenso einer, der sich in jeder Weise - wenn ich wieder den trivialen Ausdruck gebrauchen darf - zunächst angeschmissen hat. Jenes Doktor Goeschs Frau kam eines Tages mit ihren Kindern zu mir und stellte mir eines der Kinder vor, von dem sie in allem Ernste behauptete, dass dieses Kind - ich weiß schon nicht wie viele Tage, aber eine genügend große Anzahl von Tagen, wie die Frau glaubte, immer vorher wusste, wann — es war das während des Krieges —, wann die Franzosen über die Deutschen in irgendeiner Schlacht herfallen würden.
Nun, meine lieben Freunde, Sie sehen, man hätte bloß nötig gehabt, den Telefondraht einzurichten zwischen dem Haus Goesch in Dornach und dem großen Hauptquartier, dann würde man nach den Eingebungen dieses kleinen Kindes jedes Mal dem Großen Hauptquartier in Deutschland haben mitteilen können, wann die Franzosen die Deutschen wiederum angreifen. Dass mir so etwas gesagt wurde, führte ein bisschen dazu, etwas zu sagen über die nicht ganz zutreffende Erziehung, und ich musste insbesondere auf den Mann hinweisen, der einiges in Bezug auf die Erziehung fehlen ließ. Vom nächsten Tage an war Doktor Goesch der Gegner, der er geworden ist. So einfach, meine lieben Freunde, liegen die Dinge. Aber man muss nicht etwas anderes suchen als diese Einfachheit, und zu dieser Einfachheit muss man sich erst die Urteilsfähigkeit erwerben; die erwirbt man sich durch gesunde Anthroposophie, nicht durch dasjenige, was aus den alten Usancen der Theosophischen Gesellschaft vielfach noch zurückgeblieben ist.
Mein erster Rat geht dahin, dafür zu sorgen, dass die Reste, nicht der Theosophie, aber des theosophisch-gesellschaftlichen Empfindens endlich aus unserer Gesellschaft herausgesetzt werden mögen.
Nun, dazu gehört auch, dass man gewisse Dinge, die geschehen, mit dem nötigen Gewicht nimmt. Ich habe in meinem Buche «Von Seelenrätseln» auf die ganze Korruption des Max Dessoir hingewiesen. Würde man dasjenige, was in meinem Buche in Bezug auf die Charakteristik Dessoirs gesagt ist, ernst genommen haben - ich sage jetzt natürlich nicht von den machtlosen Anthroposophen, sondern da, wo man die Verpflichtung hatte, solche Dinge ernst zu nehmen -, so würde man wissen: Es handelt sich da nicht um die Verteidigung der Anthroposophie, sondern um die Charakteristik eines Universitätsdozenten, und mein Buch zeigt, dass niemals eine solche Persönlichkeit auch nur einen Augenblick Universitätsdozent bleiben darf, der von einer solchen wissenschaftlichen Moral durchseucht ist. Das gehört also eigentlich nicht hierher, aber ich habe es dennoch erfahren müssen, dass nachträglich mir gesagt worden ist, dass sogar wiederum von unserer Seite persönlich mit jenem Individuum Max Dessoir verhandelt worden ist, also Wert daraufgelegt worden ist, diesen Mann etwa doch irgendwie geneigter zu machen für unsere anthroposophische Bewegung, als er ist.
Und einen Menschen wie Traub hat man genügend charakterisiert, indem man auf den Satz hinweist, den er, als Autorität angerufen, in einem bedeutenden württembergischen Blatt geschrieben hat, dass ich in meiner «Theosophie» behaupte, im Devachan bewegen sich die Geister wie Tische und Stühle hier im physischen Raum! Meine lieben Freunde! Wer imstande ist, in solcher Gedankenlosigkeit seine Dinge zu schreiben, über den muss das Urteil entstehen, dass er ein Schädling auf dem Posten ist, auf dem er steht. Und wenn einem noch solche Dinge immer wiederum entgegentreten wie der Satz: «Ja, die Dreigliederung sollte sich mit Positivem beschäftigen, sie sollte diese Dinge nicht in polemischer Weise, soviel behandeln.» -, dann, meine lieben Freunde, muss gesagt werden: Das ist ein vollständiges Verkennen desjenigen, was die Wirklichkeit von uns fordert. Es ist notwendig, dass die Wahrheit in aller Ungeschminktheit gesagt wird, und ich könnte verhundertfachen dasjenige, was ich nur in Beispielen angeführt habe.
Wenn aber solche Gesinnung, die durchaus vereinbar ist mit dem, was Brüderlichkeit und allgemeine Menschenliebe ist, wenn solche Gesinnung unsere Reihen durchdringen würde, dann ginge es uns besser. Aber von dieser Gesinnung sind wir doch sehr weit entfernt, weil man sich nicht aufschwingen kann dazu, den Weg zu finden von einem Missurteil zu einem wahren Urteil. Das Missurteil lautet: «Sei liebevoll gegen einen solchen Traub, der schon einmal als schwacher Mensch einen Lapsus machen kann, der ihn vielleicht aus bestem Wissen und Gewissen gemacht hat!»
Meine lieben Freunde, ich nenne das ein Missurteil. Ein richtiges Urteil nenne ich das: «Sei liebevoll gegen alle diejenigen, die verdorben werden durch einen solchen Universitätserzicher!» Das ist es, um was es sich handelt, dass man seine Liebe nicht an den falschen Ort hinwirft, sondern dass man versteht, wohin man die Liebe strömen zu lassen hat. Derjenige, der aus nebuloser Sentimentalität wohlwollend sein will gegen die Schädiger der Jugend, dem fehlt esan der wahren Menschenliebe. Das aber muss innerhalb der Menschheit entwickelt werden, allerdings mag das Erste bequemer sein.
Es ist heute auch eine Frage berührt worden, die ja durchaus wichtig ist für den Bestand der Anthroposophischen Gesellschaft, das ist die «Zyklenfrage». Eigentlich hat sich jedes einzelne Mitglied verpflichtet, für die Zyklen so zu sorgen, dass sie innerhalb der Gesellschaft bleiben. Mir selbst war weniger wichtig, dass diese Zyklen draußen nicht gelesen werden, sondern mir war wichtig, dass die Form, in der diese Zyklen gedruckt werden mussten, weil ich aus Mangel an Zeit den Satz nicht korrigieren konnte, unter denjenigen bleibe, die die Verhältnisse kennen. Es hat sich trotzdem herausgestellt, dass es sogar möglich ist, dass Graf Keyserling sich fortwährend dessen rühmen kann, dass er die Zyklen gelesen hat, jener Mann, der, als ihm vorgehalten wird, welche objektive Unwahrheiten er aufgetischt hat über mich, einfach die frivole Ausrede hat: Er habe keine Zeit, Steinerforschung zu treiben. - Das heißt mit richtigen Worten ausgesprochen: Dieser Graf Keyserling hat keine Zeit, sich um die Wahrheit zu erkundigen, deshalb verbreitet er die Unwahrheit. Menschen mit solcher Gesinnung sind die Zyklen ausgeliefert worden; und wenn ich über die Grenze gehen wollte, könnte ich manches andere noch anführen. So ist es dazu gekommen, dass heute von den Feinden überall, herausgerissen aus den Zyklen, Sätze zitiert werden können. Eigentlich müsste ich heute sagen: Nachdem durch die Mitgliedschaft dies geschehen ist, können die Zyklen überallhin verkauft werden, denn es wäre besser, die Zyklen der Öffentlichkeit zu übergeben, statt dass sie denjenigen übergeben werden, die sie missbrauchen. Gegen niemanden soll irgendwie eine abfällige Kritik damit geübt werden, denn was damit eingetroffen ist, das ist geschehen wegen all der Fortsetzung dessen, was ich als nebulose Sentimentalität, nebuloses Mystizieren und dergleichen bezeichnet habe.
Aber noch zu etwas anderem haben solche Untergründe geführt, und es ist wirklich wichtig, sich in dieser Beziehung auszusprechen. Auch heute hat es vielfach durchgeklungen, mir hat es in den Ohren geklungen wie ein schriller Misston, dass Änderungen in unserer Gesellschaft eingetreten seien, dass früher irgendwie vorhanden war eine Handhabung der Sache, durch die auch der nicht wissenschaftlich Gebildete an die Gesellschaft mitarbeitend herankommen konnte, und dass jetzt Mode geworden sei, wissenschaftlich zu verfahren. Nun, meine lieben Freunde, indem solche Urteile geformt werden, verbreiten sie sich. Sie sind Missurteile. Vergleichen Sie die Art und Weise, wie ich vorgetragen habe zum Beginne der anthroposophischen Bewegung mit derjenigen wie ich heute vortrage; vergleichen Sie, wie ich dazumal vor der Öffentlichkeit geredet habe und heute vor der Öffentlichkeit rede, dann werden Sie nichts von dem finden, das man im Ernste eine Richtungsänderung in der Anthroposophischen Gesellschaft nennen könnte. Dass Einzelnes dazugekommen ist, was die Zeit gefordert hat, das ist etwas anderes. Ich möchte sogar das Gegenteil sagen. Derjenige, der manchen öffentlich gehaltenen Vortrag vom Beginne des Jahrhunderts nimmt, wird einen von einem gewissen Gesichtspunkt aus mehr wissenschaftlichen Ton von mir finden, als er ihn etwa heute finden kann; würde man aber in dieser Bezichung aus gesunden Seelenuntergründen heraus richtig empfinden, dann würde man auch wirklich nicht dazu kommen, zu sagen — wie heute niemand gesagt hat, aber wie vielfach gesagt wurde: «Jetzt herrschen die Wissenschafter, jetzt sind die Wissenschafter gut angeschen, jetzt ist die wissenschaftliche Ära!». - Nein, aus gesundem Wirklichkeitssinn heraus würde man sagen: Nun, es ist recht gut, dass endlich auch Leute herangekommen sind an die anthroposophische Bewegung, welche imstande sind, vor jeder Wissenschaftlichkeit Anthroposophie verteidigen zu können. Man würde sich jedenfalls über die rege Arbeit unserer Wissenschafter freuen. Von da aus aber, meine lieben Freunde, ist nur ein Schritt zu einem gesunden Urteil, das in kulturhistorischer Beziehung außerordentlich wichtig ist. Und dafür möchte ich Ihnen einen kleinen Beweis vor die Seele führen. Sie finden in der Nummer 48 der «Zukunft» einen offenen Brief, den ein Mann geschrieben hat, der mir allerdings nicht sympathisch ist, aber es ist ein Universitätslehrer unter Universitätslehrern, und er apostrophiert die Gesamtheit der deutschen Universitätslehrer in der folgenden Weise:
Ich muss an die Öffentlichkeit treten, denn heute glaubt der schmutzigste Lümmel sich dort an mir reiben zu können, wo sich Harnack gerieben hat.
Es wird in einem offenen Brief zu zeigen versucht, dass Harnack, Rubner, Eduard Meyer, die Zelebritäten, über den betreffenden Gelehrten einfach gelogen haben.
Sogar Erpresser haben sich schon der Sache angenommen und mich darauf aufmerksam gemacht, dass einem von seinen Standesgenossen Gebrandmarkten der geringste öffentliche Skandal höchst unbequem sei; deshalb solle ich doch lieber zahlen. In einer Welt solcher Mentalität ganz allein zu stehen und nur das gute Recht auf seiner Seite zu wissen, ist nicht gerade angenehm. Deshalb habe ich Herm Harden gebeten, diesen Notschrei zu veröffentlichen. Ich suche jenen einen Gerechten (nicht einmal die zehn, um deren willen Sodom und Gomorrha verschont wurden), der die deutsche Wissenschaft wieder chrlich macht.
So reden heute die Universitätslehrer untereinander.
Wenn nur ein einziger Entschlossener zur Universität Gehöriger energisch auf Untersuchung dieser dunklen Angelegenheit bestünde, dann müsste und würde sie ja kommen. Ich erwarte ganz besonders von den Ehrlichen unter meinen Feinden, dass sie mein Verlangen nach objektiver Aufklärung unterstützen. Sie müssen ja überzeugt sein, dass sich dabei herausstellen wird, Herr Eduard Meyer sei von mir verleumdet worden. Und da Verleumder nicht an eine Universität gehören, so hätten meine Feinde dann mit guten Mitteln erreicht, was sie bisher mit schlechten vergeblich angestrebt haben: mir mein Extraordinariat an der Berliner Universität zu nehmen. Findet sich dieser eine Ehrliche aber nicht, dann darf sich fürderhin kein Universitätslehrer wundern, wenn unser bisher geachteter Stand in noch schlimmeren Ruf gerät als Sodom und Gomorrha.
Meine lieben Freunde! Ich will durchaus kein Urteil selber fällen, wer hier recht oder unrecht hat; es läge ganz fern von mir. Aber ich mache Sie darauf aufmerksam, in welchem Ton heute unter geistigen Führern der Gegenwart gesprochen wird. Ist es da nicht an der Zeit, sich zu freuen, dass auf anthroposophischem Boden sich eine Anzahl Gelehrter zusammenfinden, die das Zeug in sich haben, die Menschheit herauszuführen aus dem, was nicht ich, sondern einer, der zu den Leuten gehört, schlimmer als ein Sodom und Gomorrha nennt? Ich glaube, diese Freude könnte größer sein als die Charakteristik, dass wir jetzt in die Ära der Wissenschaftlichkeit eingetreten sind. Es handelt sich wirklich bei uns darum, die Dinge gerade und einfach zu nehmen und nach dem Wichtigsten und Bedeutungsvollsten hinzusehen, nirgend sich die Augen zu verschließen vor demjenigen, was ist.
Und wenn die anthroposophische Bewegung gewissermaßen ihre Kreise erweitern musste, wodurch ist das gekommen? - Bitte, studieren Sie die Geschichte dieser Bewegung und Sie werden sehen, gewöhnlich nicht aus einem Drange nach einer weiteren Arbeit. Meine lieben Freunde! Bei mir liegen - ich glaube — fünf oder sechs unkorrigierte Neuauflagen meiner Bücher —, schon seit Monaten, kann ich sagen. Es besteht wahrhaftig nicht und hat nie bestanden der Drang, irgendwie weiter und weiter geschäftig zu sein. Dasjenige, was wie eine Änderung ausschaut, das ist entstanden unter dem Drange der Zeit, unter den Forderungen, die herangetreten sind. Bund für Dreigliederung, Waldorfschule, Kommender Tag, all das ist nicht entstanden aus der anthroposophischen Initiative, sondern man ist mit diesen Dingen zur Anthroposophie gekommen, die musste entgegenkommen. Studieren Sie eben die Geschichte, dann werden Sie finden, wie sie in Wirklichkeit liegt. Das ist dasjenige aber, was im Grunde genommen jeder einzelne Anthroposoph wissen müsste.
Und das ist der zweite Rat, den ich geben möchte, dass in unserer Gesellschaft Institutionen Platz greifen, so geartet, dass nicht bloß ideales Vertrauen, das im höchsten zu schätzen ist, unter unseren Mitgliedern herrsche, sondern dass ein niemals und nirgends unterbrochener lebendiger Verkehr möglich werde.
Wie oft habe ich es in den letzten Zeiten hören müssen: Ja, Anthroposophie, das ist sehr schön, Dreigliederung sehr schön, aber mit dem, was die Leute da in Stuttgart machen, damit kann man nicht einverstanden sein. Und eine gewisse Oppositionsrichtung gegen Stuttgart, das ist etwas, was einem überall entgegentrat.
Meine lieben Freunde! Unter denjenigen Persönlichkeiten, die hier von Stuttgart aus die Angelegenheiten leiten, ist gar manche, die, wenn sie nach persönlichen Sympathien und Antipathien sich richten könnte, diese Bürde gerne ablegen möchte. Man muss, wenn man wirklich alles dasjenige berücksichtigt, auf das ich hinzudeuten versuchte, doch auch ein bisschen zu dem Urteil kommen, wie die Verhältnisse, wie der ganze Hergang der Sache unserer anthroposophischen Bewegung diejenigen Persönlichkeiten in die leitenden Stellungen hineingebracht haben, die heute diese leitenden Stellungen haben. Dann wird man weniger aus persönlichen Gründen alles Mögliche gerade an diesen leitenden Persönlichkeiten kritisieren, dann wird man das tätige Vertrauen haben, und dann wird man es diesen Persönlichkeiten auch möglich machen, sich nicht immer mit persönlichen Differenzen in der Mitgliedschaft befassen zu müssen und Zeit damit zu verlieren, sondern dann werden diese Persönlichkeiten in der Lage sein, die Einrichtungen zu treffen, die das Notwendigste ergeben werden, dass mithilfe der Zweige alles, was gerade im Zentrum als für die Bewegung wichtig beobachtet werden kann, hinausdringt zu jedem einzelnen Mitglied.
Meine lieben Freunde! Es heißt offene Türen einrennen, wenn man darauf aufmerksam macht, dass die Zweigarbeit geschätzt werden soll. Zweigarbeit ist niemals unterschätzt worden, und am wenigsten von denjenigen, die sich als Wissenschafter in die Gesellschaft hereingefunden haben. Diese Zweigarbeit, sie müsste gerade in dem Sinne gestaltet werden, dass auch weniger das Urteil zu hören ist: Ja, wir hören ja gar nichts von der Zentrale. Man kann auch etas dazu tun, dass man etwas hört, und sehr häufig habe ich gefunden, dass das Urteil «Wir hören nichts» darauf beruht, dass man eben nicht hinhorcht. Es hätte zum Beispiel nicht vorkommen sollen, dass es möglich geworden ist, dass Doktor Unger sagte, er habe im vorigen Jahr einen Brief zirkulieren lassen und darauf sei eigentlich gar nichts Erhebliches eingelaufen. Das ist dasjenige, meine lieben Freunde, das uns auf das Zentrale bringt, auf das, dass notwendig ist für jedes einzelne Mitglied, die Gesellschaft als eine ihm ureigenste Angelegenheit zu betrachten, dass die Gesellschaft nicht bloß als ein Rahmen für einzelne Cliquen betrachtet wird, die dann allerdings sehr stark zusammenhalten, sondern dass die Gesellschaft betrachtet wird als dasjenige, in dem Anthroposophie als Wirklichkeit leben kann. Wenn die Gesellschaft von jedem als ureigenste Angelegenheit betrachtet wird, dann werden emporsprossen aus dieser Gesellschaft die Interessen an dem Ganzen dieser Gesellschaft. Und dieses Interesse, das allerlebendigste Interesse an dem Ganzen dieser Gesellschaft, das brauchen wir, wenn wir verwirklichen wollen, was durch die anthroposophische Bewegung verwirklicht werden müsste. Es stünde ganz anders um das Goetheanum in Dornach, um die Waldorfschule, um den Kommenden Tag, Futurum und so weiter, wenn dieses Interesse vorhanden wäre; denn aus diesem Interesse würden ja die lebendigen Taten erfließen. So aber - es ist mir angenehm, dass ich jetzt auch etwas erwähnen kann, was außerhalb der Reichsgrenze ist, also hier eigentlich nur theoretisch angeht —, so aber musste ich es erleben aus dem, was ich die innere Opposition nenne, die gegen meine Absichten eigentlich in sehr starkem Maße vorhanden ist, dass ich in der schärfsten Weise im vorigen Jahre im Herbst in Dornach darauf hinwies, welche Notwendigkeit die Begründung eines Weltschulvereins wäre und dass ich während meiner holländischen Vortragsreise im Winter dieses Jahres mehrfach auf die Notwendigkeit dieses Weltschulvereins hinwies.
Meine lieben Freunde! Dieser Weltschulverein ist gescheitert, trotzdem meine Überzeugung war, dass an ihm es gehangen hätte, dass wir in ruhiger Weise das Goetheanum zu Ende bauen könnten. So ist es notwendig, ich möchte sagen von Monat zu Monat vor der schweren Sorge zu stehen, das Goetheanum überhaupt nicht zu Ende bauen zu können, weil die Gelder allmählich versiegen. Das, wie gesagt, brauche ich ja zu Ihnen nicht zu sagen, die Länder Mitteleuropas können gegenwärtig nichts tun für den Bau des Goetheanums. Aber es ist ein Beispiel, wie wenig Achtung dasjenige findet, was gewissermaßen als eine Notwendigkeit in die Anthroposophische Gesellschaft hineingeworfen wird. Ich würde nicht sagen, es sei gescheitert, wenn ich etwa glauben würde an die Unmöglichkeit dies oder jenes zu tun, wenn ich nicht gesehen hätte, dass eben die Worte gar nicht in dem Sinne aufgefasst worden sind, wie ich sie meinen musste, dass eben das Seriöse, das Ernste, in einer solchen Angelegenheit doch nicht in den Herzen Platz greift.
Und das ist der dritte Rat, von dem ich sprechen möchte, dass wir uns aneignen die Fähigkeit, die Dinge ernst genug zu nehmen, nicht mit der heute in der Welt vorhandenen Oberflächlichkeit.
Das haben wir nötig innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, und wenn wir das was ich mehr aus der geschichtlichen Entwicklung herausgeholt habe, ins Praktische übersetzen, so würde es sich heute darum handeln, dass jeder Einzelne der lieben Freunde, die hier sind, versuchte, dasjenige, was an ihm ist, was an seinem Platz ihm ermöglicht ist, zu tun, dass der künftige Zentralvorstand mit dem vollsten Vertrauen in der Gesellschaft drinnen steht, mit einem solchen Vertrauen, das es ermöglicht, in dem Augenblick, wo man mit dem oder jenem nicht einverstanden ist, dass man sich dann auch sagt, es kommt auf den einzelnen Fall nicht an, es kommt darauf an, dass man zu den Menschen, die an ihrem Platze stehen, das nötige Totalvertrauen hat, auch wenn man im einzelnen Fall nicht durchschauen kann, was sie zum einen oder zu dem andern geführt hat. Und wiederum, dieser Zentralvorstand wird sich kooptieren müssen eine Anzahl von Persönlichkeiten, die überall draußen sind in der Welt, welche entweder wie die Zweigleiter oder in einer anderen Weise arbeiten an der anthroposophischen Bewegung und an dem, was damit zusammenhängt.
Dieser Zentralvorstand wird aus den Notwendigkeiten, die vorliegen, sich diese Persönlichkeiten wählen müssen, und er wird diese Sache so schnell als möglich vornehmen müssen, wenn die Anthroposophische Gesellschaft weiterhin einen Sinn haben soll. Und dann wird dieser Zentralvorstand voraussetzen müssen, dass auf der einen Seite diese Vertrauensleute, die eine Art erweiterter Vorstand sind, wirklich mit ihm, dem Zentralvorstand, nicht in einer solchen Weise arbeiten, die ihm alles erschwert, sondern in einer Weise, die trotz der ganz ausgefüllten Arbeitszeiten dennoch möglich macht, dass mit diesem Vertrauensvorstande fortdauernd alles ausgetauscht werden kann, was nötig ist. Und diese Vertrauenspersönlichkeiten werden es als ihre heilige Pflicht betrachten müssen, mit den einzelnen Mitgliedern, für die sie Vertrauensmann oder Vertrauensfrau sind, so zu arbeiten, dass nun wirklich für die Tausende und Tausende von Mitgliedern die Angelegenheiten der ganzen Gesellschaft, das Heil der ganzen Gesellschaft, heiligste Sache jedes Einzelnen ist.
Das ist eine Organisation, die nicht mechanisch gemacht werden kann. Das ist eine Organisation, die mit Herz und Seele gemacht werden muss, ob sie nun geistige Angelegenheiten betrifft oder auch wissenschaftliche. Mit allem werden wir weiterkommen, wenn wir in einer solchen Weise Leben in die Gesellschaft hineinbringen wollen. Dieses Leben, das wird manches andere entzünden und manche Schäden löschen, die eingetreten sind dadurch, dass eben auf ein solches Leben eigentlich in der letzten Zeit sehr wenig gesehen worden ist. Dann, wenn ein solch lebendiger Organismus aus der Gesellschaft wird, dann werden jene persönlichen Diskrepanzen aufhören, die heute wie schlimme Wellen heraufschlagen aus der Gesellschaft und eigentlich alles, alles verunzieren, alle Arbeit beeinträchtigen, denn über dem großen Interesse an der großen Sache der Gesellschaft werden alle diese Kleinlichkeiten im eigenen Herzen verschwinden können. Das ist dasjenige, worauf wir hinarbeiten müssen.
Ich möchte sagen, das Erste, was wir aus der heutigen Versammlung mittragen würden, wäre ein unbedingtes Vertrauen zu dem Zentralvorstand und die Überzeugung, dass, wenn nun dieser Zentralvorstand seinen erweiterten Vertrauensvorstand bildet, das richtige Vertrauen auch in diesen erweiterten Kreis gesetzt werden kann. Es wird eine schwere Arbeit für den Zentralvorstand sein, diesen erweiterten Vorstand zustande zu bringen im Einklang mit den Wünschen der Mitglieder, die ja nicht durch Abstimmung erfahren werden können, die auf ganz andere Weise erfahren werden müssen. Aber es wird das geschehen müssen; und geschieht es, dann, meine lieben Freunde, wird durch diese Einzelheiten der Rat befolgt, den ich eigentlich, wenn ich heute hätte meine Stimme schonen wollen, gleich von Anfang an in ein paar Worten hätte geben können. Nämlich da hätte ich sagen können: Es ist gedruckt worden im Beginne der Anthroposophischen Gesellschaft der jetzt wiederum in der «Drei» abgedruckte «Entwurf der Grundsätze einer Anthroposophischen Gesellschaft». Und ich hätte meinen Rat zusammenfassen können in die Worte: Verwirklichen Sie diese Grundsätze, denn in diesen Grundsätzen steht alles darinnen. Und werden diese Grundsätze verwirklicht, dann wird es in der Anthroposophischen Gesellschaft und mit allem, was mit ihr zusammenhängt, schon ganz gut gehen.
Aber man muss eben diese Grundsätze in ihrer Totalität verstehen; versteht man sie in ihrer Totalität, dann weiß man auch eine Empfindung zu entwickeln für dasjenige, was herantritt an diese anthroposophische Bewegung. Hier hat ein Vertreter der Jugendbewegung gesprochen! Hier sitzen eine ganze Anzahl von Vertretern der Studentenschaft, meine lieben Freunde! Dass die Angehörigen solcher Bewegungen oder solcher Körperschaften zu unserer Anthroposophischen Gesellschaft gekommen sind, das ist etwas, was wir als epochemachend innerhalb der Geschichte unserer anthroposophischen Bewegung betrachten müssen. Wir müssen die Möglichkeit empfinden, alles zu tun, was von solcher Seite her mit Recht von der Anthroposophischen Gesellschaft erwartet werden kann. Auf der Studentenbewegung, welche entstanden ist innerhalb unserer Anthroposophischen Gesellschaft, ruht ein großer Teil der Hoffnung auf das Gelingen unserer Gesellschaft. Und woher kommt es, dass diese Studentenbewegung möglich ist? Nun, es kommt von etwas, das ich von anderen Gesichtspunkten aus schon erwähnt habe, es kommt davon her, dass sich junge Gelehrte, wissenschaftlich tüchtige Menschen innerhalb unserer Gesellschaft eingefunden haben. Aus dieser «Mode», aus dieser angeblichen «Kursänderung» unserer Gesellschaft kommt es, dass wir durch den Eintritt der Studentenschaft eine Garantie für ein fruchtbares Fortwirken unserer Bewegung in die Zukunft hinein haben.
Meine lieben Freunde! Für alles, was in unserer Gesellschaft auftritt, müssen wir ein offenes, ein freies Auge haben. Man kann nicht einen Rat geben in der Form, man solle dies oder jenes tun. Der Rat, den man einzig und allein geben kann, der richtet sich an Herz und Sinn jedes einzelnen Mitgliedes. Ein solcher Rat darf auch nicht zurückschrecken davor, etwas zu sagen, was von manchem so aufgefasst werden könnte, als ob es eine lieblose Kritik wäre. Nein, wenn man es recht gut mit jemandem meint, dann muss man ihm aus Liebe die Wahrheit sagen. Und heute ist es nötig, dass man die Wahrheit auf allen Gebieten in die prägnantesten Worte kleidet, die einem möglich sind. Da muss man dann an manchem Kontrast, in den sich diese Wahrheit hineinstellen muss, sehen, welche Stoßkraft unsere anthroposophische Bewegung braucht.
Meine lieben Freunde! Wir müssen sprechen von gewissen notwendigen Erziehungsmaßregeln; wir betrachten, wenn wir richtige Anthroposophen sind, dasjenige, was durch die Waldorfschule an Erziehungsmaximen allgemein gemacht werden sollte, als etwas, was notwendig zum Heile unserer Kultur- und Zivilisationsentwicklung in die Gegenwart sich hineinleben muss, denn es gibt gerade in Bezug auf die Gegenwart merkwürdige Grundsätze. Sie werden, wenn ich Ihnen solche anführe, sagen: «Das ist selten.» Nein, diese Gesinnung ist sehr verbreitet, wenn sie sich auch nicht überall in so drastischen Worten ausspricht. Von einem Gegner, der in der letzten Zeit sich recht übel bemerkbar gemacht hat, der unter anderem auch gegen die Waldorfschule und ihr Erziehungssystem losgezogen ist, ist es an den Tag gekommen, welche Erziehungsgrundsätze er selber hat. Und ich möchte Ihnen einen seiner Erziehungsgrundsätze mitteilen, der heißt: «Kinder sind eigentlich kaum intelligenter als Hunde, man muss sie deshalb auch ähnlich erziehen.» —- Wir sprechen schon in merkwürdige Empfindungsweisen und Gesinnungsweisen der Gegenwart hinein, und wir müssen schon nicht zurückschrecken davor, alle Stoßkraft zu entwickeln, die notwendig ist, um in dasjenige hineinwirken zu können, was in dieser Weise von mancher Seite her in der Gegenwart behandelt wird.
Aus einer klaren Erkenntnis der Gegenwart, aus Interesse für diese Gegenwart, aus einem offenen Auge für das, was ist, muss, wie die Gesundung der Menschheit überhaupt, so auch die Gesundung der An throposophischen Gesellschaft hervorgehen. Dann wird eine Zeit eintreten, wo vielleicht sich doch die Möglichkeit ergeben wird, über solche Dinge nicht mehr verhandeln zu müssen, wie über das Hinausstreuen der Zyklen und dergleichen. Aber wenn die Gesinnung, die ich von Herzen wünsche und damit charakterisiert habe, dass ich heute die vielleicht manchem missfälligen Worte gesprochen habe, Platz greift, dann wird es vielleicht vermieden werden, die Zyklen in beliebiger Weise verkaufen zu müssen, weil sich ein Unterschied in der Gesinnung, die innerhalb der Mauern und die außerhalb der Mauern ist, in Bezug auf diesen Punkt ja doch nicht findet. So musste ich, meine lieben Freunde, meinen Rat eigentlich charakterisierend, erzählend vorbringen; aber anders kann es nicht sein innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. Sie ruht auf der Individualität jedes Einzelnen, daher kann man auch nur zu jedem Einzelnen sprechen. Und gedeihen wird diese Gesellschaft doch nur, wenn Herz und Seele und Geist eines jeden Einzelnen sich bestreben, in voller Gesundheit sich zu entfalten.