Zum Eheproblem

zu Ferdinand von Paungarten: Das Eheproblem im Spiegel unserer Zeit, München

Rudolf Steiner, Berlin

Verehrter Herr Baron! In Ihrem Rundschreiben geht die erste Frage dahin, ob man die Meinung haben könne, dass eine Krise in der Ehefrage bestehe, die nach Reformen drängt. Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, welche Vorstellungen man über die Bedingungen hat, unter welchen von der Ehefrage überhaupt gesprochen werden kann. Diese Bedingungen sind dadurch gegeben, dass der Mensch sich durch die Ehe nach zwei Richtungen hin in ein Ganzes der Menschheit hineinstellt. Deshalb kann er sich keineswegs das volle Recht zusprechen, über die Ehefrage nach persönlichen Gesichtspunkten Forderungen zu stellen. Das eine Ganze, in das sich der Mensch durch die Ehe hineinstellt, ist der soziale Zusammenhang, in dem er lebt: Religionsgemeinschaft, Staat usw. Nicht allein der Mensch, welcher die Ehe schließt, hat ein Interesse, dass die Ehe zu seinem Gedeihen sei, sondern auch dieser Zusammenhang. Indem der Mensch diesem Zusammenhange dienen will, muss er in der Lage sein, mit Institutionen, welche er eingeht, dem Ganzen Opfer zu bringen. Daher ist jede Diskussion über die Ehefrage unmöglich, wenn nur die individuellen Interessen der Eheschließenden in diese Frage einbezogen werden. Die sozialen Zusammenhänge aber werden z.B. ein Interesse daran haben müssen, dass die Ehe, die ihrem Wesen nach so eng mit der Aufrechterhaltung dieser Zusammenhänge verbunden ist, als ein stabiles Verhältnis gelten könne, mit dem gerechnet werden kann, wenn es einmal besteht. Gewiss können die individuellen Interessen mit den allgemeinen in Konflikt kommen; die Lösung der Frage liegt aber dann doch darinnen, dass der einzelne seine Interessen nicht über diejenigen seines sozialen Zusammenhanges stellt. Das zweite Ganze, in das sich der Mensch durch die Ehe hineinstellt, ist die Familie, und damit in die ganze Entwicklung der Menschheit. Das Normale ist doch, dass die Ehe mit den Kindern zur Familie führt. Deshalb ist das Verhältnis des Mannes zur Frau nur ein Teil dessen, was für die Ehefrage in Betracht kommt; der wesentlichere ist, normalerweise, die Sorge um die Familie, also um folgende Generationen. Damit aber wird die Ehefrage zur Familienfrage. Wer nun die Kräfte richtig beurteilt, welche in dieser Beziehung in der Gegenwart walten und wohl auch für eine ferne Zukunft walten werden, dem wird klar, dass mit dem Kinde, an dem des Mannes und der Frau Herzen in gleicher Weise hängen sollten, ein Band gegeben ist, das zurückwirkt auf die Stabilität der Ehe; und diese zweifellos fordert. Etwas anderes aber kann ich in der modernen Ehefrage überhaupt nicht sehen als die Frage nach größerer oder geringerer Festigkeit und Unauflöslichkeit des Bandes. Alle anderen Fragen gehen doch immer auf diese zurück, wenn man sich auch dessen nicht in allen Fällen bewusst ist. Und sobald die Ehe in ihren notwendigen Zusammenhang hineingestellt wird, zeigt sich, dass sowohl der soziale wie der Familienzusammenhang immer dazu zwingt, die Stabilität anzuerkennen, wie auch die persönlichen Interessen zu anderem neigen mögen. In solchen Dingen kann der Mensch nicht nach individuellen Bedürfnissen Institutionen gestalten; er muss diese Institutionen dem Bestande des Ganzen anpassen.

Wer so denkt, dem kann die «Krise in der Ehefrage» gar nicht als eine solche erscheinen, die für sich aus sozialen, historischen Gründen usw. beurteilt werden kann. Die Sache ist vielmehr so, dass die Gegenwart den Menschen auf vielen Gebieten in einen gewissen Gegensatz bringt zwischen dem Ganzen eines Zusammenhangs und seinem individuellen Erleben. Dieser Gegensatz wirkt in viele Verhältnisse der Gegenwart hinein, und nur eines dieser Verhältnisse ist die Ehe-Institution. Was nun aus dieser Tatsache für viele Ehen folgt, hängt gar nicht von dem Wesen der Ehe ab, sondern von Dingen, welche außerhalb dieses Wesens liegen. Es können z.B. Ehen unglücklich verlaufen; aber dieses Unglück braucht gar nicht von der Ehe abzuhängen, sondern davon, dass der eine oder beide Gatten überhaupt nicht zur Verträglichkeit erzogen sind. Hier ergibt sich der Blick von einer einzelnen Institution auf die großen Geistes- und Kulturfragen der Gegenwart. Und solange diese in einem solchen Flusse sind wie gegenwärtig, führt die Erörterung einer Einzelfrage zu nichts Erheblichem. Eine Welt- und Lebensanschauung, welche den Menschen innere Ruhe und Harmonie gibt, wird ihre Wirkung auch auf die Ehe haben; und die Form der Ehe wird dann auf diese Wirkung gar nicht von Einfluss sein.

Aus dem Gesagten ergibt sich aber, dass die «Ehefrage» mit der modernen Frauenbewegung im tieferen Sinne gar nichts zu tun haben sollte. Beide sollten ganz getrennt voneinander gehalten werden. Was auch mit der Frauenbewegung gewollt und erreicht wird: auf die Familienfrage hat dies unmittelbar keine Wirkung. Denn es gehört z.B. auf ein ganz anderes Gebiet, ob durch die Hebung der sozialen Lage der Frau auch die Erziehung günstig beeinflusst werden kann. Das kann sie gewiss. Aber alle Forderungen, die durch das Wesen der Familie gegeben sind, bleiben für sich bestehen, wie auch die Forderungen des einen Teiles, der zur Ehe schreitet, im Übrigen sozialen und Geistesleben sich gestalten.

Aus allen diesen Gründen muss ich Ihnen, verehrter Herr Baron, über Ihren Haupt-Fragepunkt und zugleich zu dem vierten Punkt meine Meinung dahin aussprechen, dass die «Form der Ehe», wie sie sich bei den gesitteten Völkern des Abendlandes herausgebildet hat, durch ihr eigenes Wesen niemals zu irgendeinem Kulturrückgang, auch zu keinem solchen in ethischer, ästhetischer oder in rassenhygienischer Beziehung beitragen könnte; ein solcher müsste von ganz anderen Dingen, z.B. Fragen der Weltanschauung, der inneren Seelenharmonie usw. herrühren. Es könnte sich in der Ehe äußern, aber niemals durch die «Form der Ehe» bewirkt sein.

Hochachtungsvollst
Dr. Rudolf Steiner.

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