Ein anderes Stück aus meiner englischen Reise

Bericht in: Das Goetheanum, Jg. 3, Nr. 6

Rudolf Steiner

Erinnerung an die Druiden

Die zweite der Vortragsreihen, die ich in diesem Sommer auf Einladung von Freunden der Anthroposophie in England zu halten hatte, fand in Penmaenmawr (Nord-Wales) statt. Es war ein schöner Gedanke Mr. Dunlops, des langjährigen Pflegers der Geisterkenntnis und jetzigen Mitgliedes der anthroposophischen Gesellschaft, diesen Ort auszuwählen. Er liegt an der Westküste Englands, da wo die Insel Anglesey vorgelagert ist.

Man lebte da ganz in der geistigen Atmosphäre, die von dem ausgeht, was die verfallenen Kultstätten des vorgeschichtlichen Druidendienstes heute noch sagen. In den Bergen um Penmaenmawr und auf der Insel Anglesey liegen diese vielversprechenden Steine an Orten, denen man die sorgfältige Wahl heute noch ansieht. Orte, an denen die Natur viel von ihren Geheimnissen dem Menschen offenbart.

Unbehauene Steine waren (in den jetzt Cromlech genannten Kulteinrichtungen) ringartig zusammengelegt und von einem größeren Stein bedeckt, sodass sie einen kleinen Raum umschlossen. An anderen Stellen waren größere Kreise aus solchen Steinen gebildet, die eigentlichen Druidenkreise.

Man findet zwei solcher Kreise, wenn man einen der Berge bei Penmaenmawr hinansteigt. Man geht einen Weg entlang, der an vielen Punkten weite, wunderbare Ausblicke auf Berge und Meer darbietet. Man gelangt in das oberste Gebiet des Berges, da wo sich die Gipfelfläche sanft einsenkt, sodass man auch von der Naturbildung wie von einem Ringwall umgeben ist, über den man überall auf die herrlichste Landschaft sieht. Da sind zwei nebeneinanderliegende solcher Steinringe, ein größerer und ein kleinerer.

Die Geschichte sieht in diesen Bildungen Denkmäler über Gräbern und lässt sie auch gelten als eine Art Wallfahrtsorte, als Stätten, an denen Versammlungen zur Ordnung der Volksangelegenheiten abgehalten wurden, usw.

Man möge das, was ich über diese Stätten zu sagen habe, vom Gesichtspunkte einer gegenwärtigen Denkungsart phantastisch finden; für mich ist es das Ergebnis des geistigen Schauens, von dem ich in dieser Wochenschrift oft gesprochen habe, von demselben Charakter wie irgendeine heute anerkannte Erkenntnis. Der Besuch von Penmaenmawr gibt reichliche Anregung, von diesen Dingen zu sprechen.

Der Druidendienst hatte seine Verfallszeit. In dieser offenbarte er gewiss recht hässliche Ausartungen. In seiner Blütezeit bestand er in Einrichtungen, durch die ein altes Menschentum auf seine Art die Geheimnisse der Natur zu ergründen suchte, um in deren Sinne das Leben zu ordnen. Die Druidenkultstätten dienten ja dem, wovon die an Äußeres sich haltende Geschichte spricht. Allein sie dienten auch noch anderem. Die Sonne warf die Schatten dieser Gesteinswerke; und an den Schattenrichtungen und Schattengestaltungen in verschiedenen Jahres- und Tageszeiten war der Weg des Himmelsgestirns abzulesen. Man deutete aus dem, was man so sah, die Verbindungen, in denen die Erde mit den Himmelsereignissen steht. Die Sonnenkraft lebt im Wachstum, in Leben und Tod, in allem Lebendigen. Man schaute, als Druidenpriester, den Wandel des Sonnenwirkens im Zeitenlaufe an derjenigen Art, wie es sich durch die Kultstätte zeigte. Was man sich da deutete, war Erkenntnis des Sonnenwirkens, das in den Erzeugnissen der Erde lebend widerstrahlt. Eine Art Inspiration empfing da der Druidenpriester. Ein Lesen in den Naturgeheimnissen war ein Teil seines Dienstes.

Zu dieser Sonnen-Inspiration kam dann, was er, mit ihr ausgerüstet, als Mondenwirkung ansehen musste. In Sonne und Mond suchte man damals die Ursachen für das, was im Lebendigen der Erde vorhanden ist. Die Sonne ruft das sprießende, sprossende Leben hervor. Aber, was sie bewirkt, würde sich überall ins Unendliche dehnen. Die Art, wie der Mond ihre Wirkungen auffängt und sie verwandelt auf die Erde zurück wirft, bannt, was in Pflanzen, in Tieren, in der ganzen Natur ins Unermessliche wachsen will, gestaltend in Grenzen.

Die Anschauung dieser lebensschaffenden, formengestaltenden Kräfte wurde im Geiste der Druidenpriester zu Bildern, in denen ihre Weisheit bestand. Der Sonnen-Inspiration verdankten sie die Anregung, dem, was sie als Mondenwirkungen ansehen mussten, ihre Art von Naturerkenntnis. Das Ergebnis dieser Mondenwirkungen sahen sie in der Kräftegestaltung, mit der die Pflanze in den Stoffen der festen Erde Wurzel fasste, mit der sie in der Blätterbildung an die Luft drang, um dann in der Blütenentfaltung frei dem Sonnenwesen entgegenzustreben.

Diese Kräftegestaltung wurde in den Bildern lebendig wirkender Geistwesen in allen Formen des Naturdaseins geschaut. Nicht abstrakte Naturgesetze dachte man sich wirksam; lebendige Geistwesen, in geheimer Beziehung zu Sonne und Mond, erblickte man wirksam in Wurzel, Blatt und Blüte der Pflanzen. Geistlebendiges ward als Ursache des Physisch-Lebendigen angesehen.

Aber in mannigfaltiger Art offenbaren sich die Kräfte der Welt. In den Wurzeln der Pflanzen wirken die Naturgeister in den ihnen von Sonne und Mond zugewiesenen Grenzen auf wohltätige Art. Doch sie können sich diesen Grenzen entreißen. Was in der Wurzel die Salze der Erde zusammenzieht, um sie der Pflanzengestalt einzuverleiben, das kann die Grenzen des Pflanzlichen verlassen, sich selbstständig machen. Dann wuchert es ins Riesenhafte. Es ergreift, statt das enge Wurzelwesen, die Weiten des Naturgeschehens. Es lebt in den Erzeugnissen des Frostes, in den wilden Wirkungen, die von der Kälte der Erde ausgehen. Die Wurzelgeister wachsen sich zu den Reif- und Frostriesen aus. Was in dem Blatte die Gestaltung der Pflanze der Luft zuführt, das lebt, emanzipiert von seinen engen Grenzen, als Sturm- und Windriesen. Und was in der Blüte und Frucht die Pflanze zur Sonnenkraft entlässt, das wird, selbstständig wuchernd, zu den Feuerriesen.

So erstand einst im europäischen Norden eine Naturanschauung, die da, wo heute «Naturkräfte» gesehen werden, die Reif-, Sturm- und Feuerriesen schaute.

Während des Aufenthaltes in Penmaenmawr wurde man gewahr, was an Naturwirkungen von der Erde aufstieg, in der Luft lebte, von der Sonne herunterströmte und strahlte. Herrliche Sonnenlichtausbreitung wechselte oft stündlich mit wolkenbruchartigen Regenstürmen. Die Erinnerung konnte wahrlich wach werden an die Naturriesen, die sich den alten Druidenpriestern offenbarten.

Und was auf oft furchtbare Art wirksam in den ins Riesenhafte ausgewachsenen Naturwesenheiten geschaut wurde, dem suchten die Druidenpriester wieder wohltätige Wirkungen abzulocken. Was von innen in der Pflanze durch Sonne und Mond wirkte, gestaltete diese zu Wurzel, Blatt, Blüte; was in dem selbstständig gewordenen Riesenhaften sich auslebte: in dem Säfte-Inhalt des Reifes, Taues; in den Bildungen, die auf der Erde erstehen durch Wind und Wetter; in dem, was durch Verkohlen, Verbrennen usw. als Ergebnis des Feuerhaften sich gestaltet, findet menschliche Kunst dasjenige, womit es die Pflanzen von außen behandeln kann. Das oft Schadenstiftende in der rechten Art gewendet, wird zum Heilmittel. Der Druidenpriester wird zum Heiler.

Er entreißt den Riesen, den Göttergegnern, ihre Kräfte da, wo sie schädlich werden, um sie wieder in den Dienst der Götter zu stellen.

Der Druidendienst ordnete so das Leben durch die Art, wie er sich mit dem Geiste der Natur in Verbindung setzte. Geist-Suchen, um den Geist in das Erdenleben einzuführen, ist das, wovon diese herumliegenden Steine auf eine eindringliche Art sprechen. Es war deshalb tief befriedigend, gerade in der Atmosphäre dieser Erinnerungen einmal über das Geist-Suchen in der Art sprechen zu dürfen, wie das der heutigen Zeit angemessen scheint.

German original of Another Piece From My English Journey · ← Previous · Next →