Englands Schuld am Kriege

Besprechung der 2. Auflage von Jakob Ruchtis Werk Zur Geschichte des Kriegsausbruchs (1916) in: Münchner Neuste Nachrichten, Jg. 70, Nr. 216 vom 30. April 1917

Innerhalb der ins Unübersehbare angewachsenen Kriegsliteratur darf der vom historischen Seminar der Universität Bern preisgekrönten Schrift Dr. Jacob Ruchtis «Zur Geschichte des Kriegsausbruches nach den amtlichen Akten der königlich großbritannischen Regierung» ein ganz besonderer Wert zuerkannt werden. Denn sie enthält eine Betrachtung, die nach den strengen Regeln geschichtswissenschaftlicher Forschung und Gewissenhaftigkeit angestellt ist, die der Historiker sucht, wenn er sich über Tatsachenzusammenhänge ein Urteil bilden will.

Die Ansicht, dass eine Besprechung der Kriegsursachen heute schon eine unfruchtbare Sache geworden sei, kann nicht aufrechterhalten werden gegenüber der Art, in der die Staatsmänner und die Presse der Entente der Welt die Meinung beizubringen suchen, dass sie trotz des Friedensangebotes der Mittelmächte gezwungen seien, den Krieg fortzusetzen. Unter den Gründen, die sie angeben, spielt eine ganz besondere Rolle die Behauptung, dass der Kriegsanfang beweise, wie ein friedliches Zusammenleben mit den Mittelmächten nur durch einen vernichtenden Schlag der Entente gegen diese Mächte zu erreichen sei. Nun wird von Ruchti gezeigt, dass diese Behauptung auf einer unwahren Legende beruht, die von der Entente gegen die Aussagen ihrer eigenen Urkunden zurechtgeschmiedet worden ist, um der Welt die Ansicht über Ausgang und Ziel des Krieges beizubringen, die sie für gut befindet. Das Bedeutsame der Schrift Ruchtis liegt besonders in der wissenschaftlichen Bearbeitung des Tatbestandes und dann darin, dass ein Angehöriger eines neutralen Staates seine Ergebnisse rückhaltlos mitteilt, und dass ein wissenschaftliches Seminar dieses Staates die Schrift für so den wissenschaftlichen Anforderungen entsprechend findet, dass er sie preiskrönt. Ruchti geht nirgends über das hinaus, was die Quellen ergeben, ja, er macht an den entsprechenden Stellen genau darauf aufmerksam, wo das Tatsachenmaterial unsicher wird und mit dem objektiven Urteil zurückgehalten werden muss. Er stützt sich fast ausschließlich auf englische Urkunden und verwendet die anderer Staaten nur zur Ergänzung dieser oder jener Darstellung. Mit dieser Methode kommt er zu einem Ergebnis, das sich in folgende Worte zusammenfassen lässt:

Die Behauptungen, mit denen die Staatsmänner der Entente die Welt überreden wollen, werden durch die englischen Urkunden als das Gegenteil der Wahrheit erkannt. Das ganze Gewebe von Behauptungen Greys und seiner Anhänger über die Friedensbemühungen der Entente-Staatsmänner zerfällt vor der wissenschaftlichen Forschung Ruchtis und wird zu einem solchen, das nur den Schein von friedlichen Bestrebungen zeigt, das aber in Wirklichkeit nicht nur sicher zum Kriege zwischen Russland und Frankreich einerseits und Deutschland und Österreich-Ungarn andererseits führen musste, sondern auch England an die Seite der ersteren Mächte zu stellen geeignet war. Aus diesen Darlegungen geht hervor, wie Sasonow den Streitfall zwischen Österreich-Ungarn und Serbien zum Ausgangspunkte eines europäischen Streites macht, und wie Grey von vornherein diesen russischen Ausgangspunkt als den seinigen aufnimmt und von ihm aus seine sogenannten Friedensbemühungen einrichtet. Es ist nicht das geringste Zeugnis dafür vorhanden, dass es Grey etwa in den Sinn gekommen sein könnte, solche diplomatische Schritte zu unternehmen, dass Russland gezwungen gewesen wäre, Österreich seinen Streitfall mit Serbien allein ausfechten zu lassen. Da Österreich-Ungarn die Zusage gegeben hatte, dass es mit seinen kriegerischen Maßnahmen gegen Serbien nichts anderes erreichen wolle, als die restlose Anerkennung seines Ultimatums und dieses wiederum nichts verlangte, als ein angemessenes Verhalten Serbiens gegen Österreich-Ungarn in seinen bisherigen Grenzen, so wäre ein Kriegsgrund für eine andere Macht nicht dagewesen, wenn Grey Russland von der Einmischung in den österreichisch-serbischen Streit abgebracht hätte. So aber war England von vornherein der Bundesgenosse Russlands und der Gegner der Mittelmächte; und Grey hatte eine Politik eingeleitet, die mit Notwendigkeit zum Kriege führen in der Form musste, wie er dann zustande gekommen ist.

Demgegenüber, was Grey getan hat, die Behauptung zu vertreten - nur weil Deutschland nicht gewollt habe, sei es Grey nicht gelungen, den Frieden aufrechtzuerhalten -, entpuppt sich als eine verwerfliche Unwahrhaftigkeit gerade deswegen, weil sie durch die Betonung einer ganz selbstverständlichen, aber auch ganz bedeutungslosen Wahrheit so geeignet wie nur möglich ist, die Welt irre zu führen. Denn es ist gewiss klar, dass England, ja wohl auch Frankreich und sogar Russland der Friede lieber gewesen wäre als der Krieg, wenn es ohne diesen auf diplomatischem Wege gegangen wäre, Deutschland und Österreich-Ungarn gegenüber der Entente zur politischen Bedeutungslosigkeit herabzudrücken und diese dahin zu bringen, sich dem Machtwillen der Entente zu fügen. Nicht darauf kommt es an, ob Grey Frieden oder Krieg gewollt habe, sondern darauf, wie er sich zu den Ansprüchen derjenigen Mächte bei Kriegsausbruch gestellt hat, die im Kriege Englands Bundesgenossen sind. Und Ruchti beweist, dass Grey sich so gestellt hat, dass durch sein Verhalten der Krieg notwendig herbeigeführt werden musste. Man wird hier gewiss zu den Beweisen Ruchtis hinzufügen dürfen, dass Grey selbst nicht zum Kriege drängen wollte, sondern dass er ein Schwächling ist, der zu seinen Schritten von anderen gedrängt worden ist. Das aber ändert nichts an der geschichtlichen Beurteilung seiner Taten.

Es gelingt Ruchti völlig zu beweisen, dass Greys diplomatische Schritte ihm nicht den geringsten Anspruch darauf geben, zu behaupten, er hätte etwas zur Verhinderung des Krieges getan. Es gelingt dem schweizerischen Geschichtsbetrachter aber auch, zu zeigen, dass die englischen Staatsmänner sich in den Verhandlungen mit Deutschland so verhalten haben, dass ihnen mit dem Neutralitätsbruch gegenüber Belgien ein Kriegsgrund dargeboten war, den sie hätten vermeiden können, wenn sie auf gewisse Anerbietungen Deutschlands eingegangen wären. Doch diesen Kriegsgrund brauchten sie, um ihrem Volke, das wegen Serbiens und wegen der europäischen Ansprüche Russlands nicht zum Kriege zu bringen gewesen wäre, diesen annehmbar zu machen. Zu dieser Volksüberredung war auch eine Fälschung nötig, die Ruchti im englischen Weißbuch nachweist. Durch falsche Datierungen in einem Briefwechsel, den Grey geführt hat, sollte dem englischen Volke gezeigt werden, wie das friedliebende Frankreich von Deutschland überfallen worden sei. Durch die Fälschung von Daten sollte der Eindruck hervorgerufen werden, dass Deutschland viel früher Frankreich angegriffen habe, als dies wirklich der Fall gewesen ist. Dazu kommt, dass Asquith in seiner Kriegsrede vom 6. August 1914 mit dem gleichen Erfolge der Volkstäuschung maßgebende Verhandlungen mit Deutschland einfach verschwiegen hat.

Durch sachliche Abwägung aller dieser Tatsachen bildet sich Ruchti ein Urteil, das ihn berechtigt, die sogenannte Friedensbemühung der englischen Staatsmänner als eine unwahrhaftige Legende hinzustellen und sogar bei ihnen die zum Kriege treibenden Kräfte aufzuzeigen. Am Schlusse spricht Ruchti die schwerwiegenden Worte aus: «Die Geschichte lässt sich auf die Dauer nicht fälschen, die Legende vermag vor der wissenschaftlichen Forschung nicht standzuhalten, das dunkle Gewebe wird ans Licht gebracht und zerrissen, auch wenn es noch so kunstvoll und fein gesponnen war.» Aber vorläufig sucht die Entente in diesem dunklen Gewebe noch weiterhin ein Mittel, um ihr dunkles Kriegshandwerk der Welt als eine Notwendigkeit der Zivilisation und der edelsten Menschlichkeit aufzuschwätzen.

German original of England's Fault In The War · ← Previous · Next →