Österreich-Ungarn. Der Tod des Kronprinzen und die Reaktion.
Deutsche Post, 3. Jg., Nr. 10 vom 10. März 1889
(Eigener Bericht) Wien, 2. März.
Eben beginnt die zehnte Budgetdebatte unter dem Ministerium Taaffe. Was wird sie uns bringen? Schwere Vorwürfe gegen die Regierung von den Bänken der Linken, Klagen von denen der Rechten mit der Betonung des Umstandes, dass man diese Regierung unterstützt, weil eben nichts im Sinne der Mehrheit Besseres zu haben ist. Ungeheuchelte, grundsätzliche Anhängerschaft hat dieses Ministerium ja nirgends. Dann wird das Budget mit großer Mehrheit bewilligt werden, und Taaffe wird «weiterregieren». Er ist eben ein sprechender Beweis dafür, dass die Unfähigkeit eines mit der Genialität gemeinsam hat, dass sie oft unersetzlich ist. In der Tat, Taaffe kann etwas, was in Österreich einem wirklich begabten Manne schwerfallen würde: Er kann sich auf seinem Posten erhalten. Man deute nun diese letzteren Worte aber nicht so, als ob wir damit der Tatenlosigkeit, in welche die deutsche Opposition immer mehr verfällt, ein Zugeständnis machen wollten. Die politische Untätigkeit der Deutschen in Österreich ist einfach trostlos, und die Rolle, die sie spielen, muss, wenn es so fortgeht, eine jämmerliche werden. Wie lange wird es noch dauern, bis die Deutschen hier wirklich politisch reif werden? Immer kleiner wird das Häuflein derer, welche einsehen, dass es zunächst die deutsche Idee ist, in deren Dienst sich jeder Deutsche stellen muss, und dass es geradezu frevelhaft ist, jetzt ganz bedeutungslose, untergeordnete Fragen zu Aushängeschildern von Parteien zu machen. Ein solches Vorgehen führt uns vollständig der politischen Versumpfung zu und ist dermalen doppelt gefährlich, wo ein erschütterndes Ereignis in unserem Kaiserhause die politische Lage nicht unwesentlich geändert hat. Wir hatten in dem leider dahingegangenen Kronprinzen einen wahrhaft bildungsfreundlichen Fürsten, einen Kämpfer für Wahrheit und Licht im besten Sinne des Wortes. Wie mächtig der Sinn in dem uns Entrissenen für die ungefärbte, autoritätsfreie Wahrheit war, sahen wir aus seinen verschiedenen öffentlichen Ansprachen, und wie ungeheuchelt dieser Sinn war, geht unter vielem andern aus den jüngst veröffentlichten Briefen an seinen früheren Lehrer aus den Naturwissenschaften Dr. Jos. Krist hervor. Man hatte die Überzeugung, dass der Kronprinz ein mächtiger Hort gegen jede Reaktion sei. Als er vor einiger Zeit den spiritistischen Schwindler Bastian entlarvte, tat er das, wie er selbst sagte, in der bestimmten Absicht, um gegen den Aberglauben in den höheren Kreisen etwas zu unternehmen. Die Hoffnung der Bildung stand bei diesem Fürsten. Nun ist er dahin, und schon enthüllen sich vor unseren Blicken die verhängnisvollen Einflüsse der reaktionären Mächte. Die Beichtväter stehen oben an. Wir sind der Gefahr eines furchtbaren Rückschrittes ausgesetzt. Man scheut sich gar nicht mehr, es offen auszusprechen, dass man in der im freisinnigen Geiste geleiteten Erziehung des Kronprinzen einen schweren Fehler sehe, und hohe Kirchenfürsten rühmen sich, an maßgebender Stelle rechtzeitig ihre warnende Stimme erhoben zu haben gegen den irreligiösen Einfluss moderner Forscher auf den Geist des österreichischen Thronfolgers.
Es war erschütternd in den Tagen, als die Trauerkunde von Mayerling kam, in Wien auf die Gasse zu gehen. Überall vernahm man Zeichen innigsten Anteiles mit dem unglücklichen Fürsten. Leute, die einander niemals gekannt, sprachen sich in den Straßen an, um sich in ihrer Erschütterung zu verständigen. Aber abgesehen von all diesen Ausbrüchen des Gefühles, abgesehen von der Treue und Anhänglichkeit der österreichischen Völker an ihr Kaiserhaus und ganz objektiv genommen, ist der Tod des Kronprinzen Rudolf der schwerste Schlag, der den Fortschritt in Österreich hat treffen können. Wir blickten freudig in die Zukunft, wenn wir den ritterlichen Fürsten mitten unter Gelehrten und Forschern auf den Bahnen der Wissenschaft wandeln sahen. Diese Aussicht ist nun mit ihm gestorben.
Nun sind wir wieder völlig auf uns angewiesen. Als bildungsfreundlich durch und durch war Kronprinz Rudolf auch kein Anhänger des Taaffe’schen Regierungssystems. Wir müssen nun ohne einen solchen mächtigen Protektor unseren Kampf gegen die Reaktion führen. Den Deutschen sollte dieses Ereignis aber wieder ein neuer Beweis dafür sein, dass Einigkeit allein sie aus dem Zweifel führen kann, in dem sie selbst sich befinden.
Steiner