30. Marie Eugenie delle Grazie
Viel1 wird heute von «neuer Kunst», von dem «Geist der Moderne» gesprochen. Man hat zuweilen den Eindruck, als ob bereits die ganze jüngere Generation erfüllt wäre von diesem Geiste. Da kommt aber bisweilen etwas, das an der Wahrheit dieses Eindrucks stark zweifeln lässt. Vor einem Jahre ist ein Epos «Robespierre» von M.E. delle Grazie erschienen. Mehr als in irgendeinem andern Dichtwerke der Gegenwart hätte man in diesem Epos die Morgenröte einer neuen Zeit erblicken müssen. Aber die gestrengen Kritiker der «Moderne» scheinen achtlos daran vorübergehen zu wollen. Sie machen es nicht viel besser, als die von ihnen vielgeschmähten Professoren der Ästhetik und Literaturgeschichte, die ja auch selten eine Empfindung für das wahrhaft Große ihrer eigenen Zeit haben. Einer der gepriesensten Literaturrichter der Gegenwart, Hermann Bahr, hat es nicht unter seiner Würde gefunden, eine kurze Besprechung des «Robespierre» mit den Worten zu beginnen: «Sonst unbescholtene und nette Leute, welche nur gar nichts vom Künstler haben, drängt es oft plötzlich, die Gebärden der Dichter zu äffen.» Wer so spricht, kennt zwar die Allüren der «Moderne», nicht aber deren tiefere Kräfte. M. E. delle Grazies Dichtung ist das Spiegelbild der modernen Weltanschauung aus einer tiefen, stark empfindenden, klar schenden und mit einer großen künstlerischen Gestaltungskraft ausgestatteten Seele. Wie sich einer tief-gemütvollen und stolzen Natur das Bild der französischen Revolution darstellt, so hat es delle Grazie wiedergegeben. Wie Agamemnon, Achill, Odysseus und die andern Helden des Trojanischen Krieges vor unserer Phantasie in lebensvollen Gestalten auftauchen, wenn wir Homers Ilias auf uns wirken lassen, so Danton, Marat, Robespierre, wenn wir delle Grazies Epos lesen. Nur wer blind ist gegenüber dem Geiste unserer Zeit, oder nur dessen Pose versteht, kann die Bedeutung dieser Dichtung verkennen. Nichts Kleinliches ist in den schmerzlichen Tönen, die hier angeschlagen werden. Wenn delle Grazie Leid und Schmerz schildert, so tut sie es nicht, weil sie auf die Misere des alltäglichen Lebens hindeuten will, sondern weil sie Disharmonien in der großen Menschheitsentwickelung erblickt. Robespierre ist der Held, in dessen Seele alles das lebt, was die Menschheit immer Idealismus genannt hat. Er endet tragisch, weil der große Traum von den Idealen der Menschheit, den er träumt, notwendig sich mit dem gemeinen Streben niedriger Naturen verbünden muss. Selten hat ein Dichter so tief in eine Menschenseele geblickt, wie delle Grazie in die Robespierres. Zehn Jahre, die besten ihres Lebens, hat die Dichterin ihrem Werke gewidmet. Vertiefung in die Geschichte der großen französischen Freiheitsbewegung ging während dieser Zeit Hand in Hand bei ihr mit dem Studium der modernen Wissenschaft. Sie hat sich dabei zu der Höhe menschlichen Daseins erhoben, wo man die tiefe Ironie durchschaut, die in jedem Menschenleben liegt; wo man selbst über die Nichtigkeit des Daseins lächeln kann, weil man aufgehört hat, Verlangen nach demselben zu haben. Den Weg, der sie auf diese Höhe geführt hat, können wir in den Dichtungen verfolgen, die sie vor dem «Robespierre»veröffentlicht hat. Vor fünfzehn Jahren erschien von ihr das erste Bändchen «Gedichte», rasch folgten nach das Epos «Hermann», das Drama «Saul», die Novelle «Die Zigeunerin». Der hinreißende rhetorische Schwung, die Gestaltungskraft und die Gedankentiefe, die im «Robespierre» zu ihrem vorläufigen Höhepunkt gekommen sind, beleben schon diese ersten Erzeugnisse. Gedichte, aus denen wir die Natur selbst tönen zu hören glauben, sind in dem erwähnten ersten Bändchen enthalten. Während die Dichterin am «Robespierre» arbeitete, sendete sie dann noch eine Sammlung von Gedichten, «Italische Vignetten», und zwei Erzählungen, «Der Rebell» und «Bozi», in die Welt. Die «Italischen Vignetten» sind aus der Stimmung heraus erwachsen, die sie überkam, als sie bei einer Romreise sah, wie menschliche Größe eng zusammen sein kann mit menschlicher Nichtigkeit, Cäsarenmacht mit ethischer Fäulnis, Herrensinn mit Sklavensinn. Das hat sie mit ihrem hellsehenden Blick in den steinernen Resten einer großen Zeit erschaut und in ihren «Vignetten» ausgesprochen. Im «Rebell» schildert sie einen Zigeuner aus der ungarischen Theißgegend, der sich trotz seines Zigeunerlebens emporgerungen hat bis zu den Höhen der Menschheit, der das Leben in seiner Tiefe durchschaut, sodass er als Weiser unter Toren lebt und dort Wahrheit erkennt, wo andere nur heuchlerische Masken anbeten. Diesen Charakter so auszugestalten, dass er in überzeugender Wahrheit vor uns steht, wie es delle Grazie getan hat, dazu gehört ein tiefer Blick in die Welt und eine vollendete künstlerische Gestaltungskraft. Und dass sie außer den Tönen erhabenen Ernstes auch die des wahren Humors anzuschlagen versteht, hat sie in der Erzählung «Bozi» bewiesen. «Bozi» ist ein Büffel, aber kein gewöhnlicher Herdenbüffel, sondern ein Herrenbüffel, ein Überbüffel. Er fügt sich nicht den Satzungen, die in der «ewigen Weltordnung» für Büffel gegeben sind, und äfft dadurch die ganze hochweise Honoratiorenschaft seines Wohnorts.
Viel ist zu erwarten von einem Geiste, der so begonnen. Sache derer, die von «moderner Bildung» sprechen, müsste es sein, das Schaffen dieses Genius zu verfolgen.
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Diese kurze Charakteristik bringen wir im Hinblick auf den nächsten Rezitationsabend des Herrn Hofschauspielers Neuffer, der u.a. auch Gedichte von M. E. delle Grazie zum Vortrag bringen wird. ↩