29. Ein neues Buch über Goethes «Faust»

Wer1 im gegenwärtigen Zeitpunkte mit einer Betrachtung von Goethes Faust-Dichtung hervortritt, begegnet schwierigen Verhältnissen. Gelehrte und Schriftsteller haben dies Nationaldrama der Deutschen von den denkbar verschiedensten Gesichtspunkten aus betrachtet und eine unübersehbare Literatur darüber geschaffen. Man braucht nur einen Teil dieser Literatur zu kennen, um zu wissen, dass manche Schwierigkeiten, die sich dem Verständnis des Gedichtes in den Weg stellen sollen, erst von Ästhetikern, Philosophen und Philologen künstlich geschaffen worden sind, dass manches Rätsel, das man in dem Werke zu finden glaubt, nicht wirklich vorhanden, sondern nur erträumt ist. Man muss sich mutig einen großen Teil der Fragen, die an «Faust» geknüpft worden sind, vom Halse schaffen, wenn man ihn in unbefangener Weise als Kunstwerk betrachten und genießen will. Nur wer sich diese Tatsache vor Augen hält, wird das Buch, dem diese Zeilen gewidmet sind, richtig beurteilen und es dann aber auch mit wahrer Freude lesen.

In Bezug auf die Betrachtungsarten von Kunstwerken der Poesie hat gegenwärtig die entwicklungsgeschichtliche die Oberhand. Sie verfolgt die allmähliche Entstehung eines Werkes und sucht darzustellen, wie die Teile im Laufe der Zeit durch den Künstler zusammengefügt worden sind. Man braucht kein Feind dieser Betrachtungsweise zu sein, um einzusehen, dass uns durch sie der Genuss und das Verständnis eines Werkes als eines künstlerischen Ganzen leicht verloren gehen kann. Zu diesem Verständnis führt nicht zerpflückende Gelehrsamkeit, sondern die nachschaffende Phantasie des Genießenden und Betrachtenden, die die künstlerische Einheit eines Werkes zu erfassen und das Verhältnis der Teile zu dieser Einheit zu beurteilen und zu empfinden im Stande ist. Für diese von der nachschaffenden Phantasie ausgehende Betrachtungsweise ist unter unseren Zeitgenossen Herman Grimm vorbildlich, der in seinem Buche über Goethe ein Muster von ihr geliefert hat.2

Auf den Boden dieser Betrachtungsart stellt sich Veit Valentin in seinem Buche über «Faust». Er beruft sich dabei auf Goethe selbst, der sein Werk in diesem Sinne aufgefasst haben will. Im «Vorspiel auf dem Theater» lässt Goethe die verschiedenen Stimmungen, die einem Kunstwerk entgegentreten, zum Ausdruck kommen. Der Theaterdirektor, der praktische Ziele verfolgt und die schaulustige Menge kennt, verlangt von dem Dichter effektvolle Einzelheiten und will dann gerne auf die Einheit des Ganzen verzichten. «Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken! ... Was hilf’’s, wenn Ihr ein Ganzes dargebracht? Das Publikum wird es Euch doch zerpflücken.» Der Dichter weist das mit Entrüstung zurück: «Ist es der Einklang nicht, der aus dem Busen dringt und in sein Herz die Welt zurückeschlingt?» «Wer ruft das Einzelne zur allgemeinen Weihe, wo es in herrlichen Akkorden schlägt? ... Des Menschen Kraft, im Dichter offenbart!»

Valentin behauptet mit vollem Recht: In der Zeit, in der Goethe das «Vorspiel auf dem Theater» schrieb (1797), stellte er sich die Aufgabe, «die genial hingeworfenen Scenen des «Urfaust», die noch keinen über die tief ergreifende unmittelbar packende poetische Wirkung der Einzelschicksale hinausgehenden Plan erkennen lassen, zu Gliedern eines solchen Planes» zu machen. «Die schwankenden Gestalten, die aus dem Dunst und Nebel früher Jugendtage wieder aufsteigen, gewinnen jetzt Festigkeit und Klarheit als Glieder eines weit ausgreifenden Planes, in dem sie zu erhöhter Bedeutung gelangen müssen.» Valentins Buch soll nun den ausführlichen Beweis liefern, dass es dem Dichter auch gelungen ist, dieses Ziel zu erreichen. Der Verfasser verfällt dabei aber nicht in den Fehler, den viele philosophische Fausterklärer machen. Sie haben die Sache so dargestellt, als wenn die Dichtung bloß die Verkörperung eines abstrakten Begriffes, einer Vernunftidee sei. Solche Erklärer begreifen nicht, dass sie dadurch statt auf die lebensvollen Bilder und Charaktere, auf die es in der Kunst ankommt, den Blick auf tote Ideengerippe lenken, die das Kunstwerk zwar stützen, aber seinen Inhalt nimmer erschöpfen. Valentins Erklärungsart zeigt, warum an einer bestimmten Stelle des «Faust» gerade eine bestimmte Begebenheit, eine bestimmte Äußerung eines Charakters steht. Er geht dabei so vor, wie uns der Ästhetiker die strenge Einheit und innere Harmonie einer Raphaelschen Komposition [auseinandersetzt]. Und man muss sagen, dass unter diesem Gesichtspunkt die innere Gesetzmäßigkeit und durchgängige Symmetrie der Dichtung in einem ganz neuen Lichte erscheint.

In geistvoller Weise zeigt Valentin, warum an die eigentliche dramatisch-menschliche Entwicklung sich im Anfange und am Ende eine vorbereitende und abschließende Handlung im Himmel gliedert; dann legt der Verfasser dar, wie innerhalb des sich auf der Erde abspielenden Dramas der Dichter in folgerichtiger Entwickelung erst des Mephistopheles’ Einfluss auf Faust stets wachsen, und dann mehr und mehr Fausts Selbstständigkeit hervortreten lässt, bis zuletzt Mephistopheles nur noch als Diener für Fausts ureigene Pläne in Betracht kommt. Auf Einzelnes kann hier nicht eingegangen werden, wohl aber möchte ich darauf hinweisen, dass manche Partien des ersten Teiles, die bisher wie willkürliche Einschiebungen erschienen, von Valentins Gesichtspunkt aus wie ein notwendiges Glied in der Entwicklung des Ganzen dastehen. Von grundlegender Bedeutung aber ist die uns hier entgegentretende Auffassung der «Klassischen Walpurgisnacht» und des Erscheinens der Helena sowie des Homunkulus. Bis zu den Ereignissen am Kaiserhofe hat Faust nur Genüsse erlebt, die die Gegenwart zu bieten vermag. Seine höhere Natur zeigt sich dadurch, dass er in diesem Genussleben nicht untergeht. Aber ist diese Gegenwart für Faust nicht rein zufällig? Bleibt nicht die Frage offen: Wie wäre es, wenn Faust in einer anderen Zeit gelebt hätte? Hätte er da nicht Verhältnisse vorfinden können, die seiner Sehnsucht nach Genuss entsprochen hätten? Es muss gezeigt werden, dass das endliche Leben Fausts Streben in keinem Falle befriedigen kann, weil er in die Geheimnisse des Unendlichen dringen will. Deshalb muss er auch in die Verhältnisse vergangener Zeiten eingeführt werden. Als Typus der Vergangenheit galt Goethe das alte Griechentum. Die Schatten der griechischen Welt müssen wieder erweckt werden, um zu Faust in ein lebendiges Verhältnis treten zu können. Diesem Zweck dient die klassische Walpurgisnacht. Die Wirklichkeit schaffenden Urgewalten der Natur müssen entfesselt werden, um die entschwundenen und nur in der Idee fortlebenden Gestalten der Vorwelt zu neuer Gegenwart zu beleben. Deshalb erscheinen die materiellen Schöpfungskräfte in der klassischen Walpurgisnacht. Um das Urbild weiblicher Schönheit, die Helena selbst, wieder zu realem Leben zu erwecken, bedarf es aber nicht nur physischer und geologischer Kräfte, sondern eines organischen Lebenskeimes, der sich in das rein materielle Geschehen mischen muss. Das ist der Homunkulus, der am Muschelthron der Galatea zerschellt, um die materiellen Elemente zu beleben, damit sie reif werden, der Idee der Helena Körperhaftigkeit zu verleihen.

Es mag sein, dass Valentin mit mancher seiner Ausführungen noch nicht das Richtige getroffen hat. Seine Betrachtungsweise aber erscheint mir als eine solche, die geeignet ist, die Fehler, die sie im ersten Anlauf mit sich bringt, im Laufe der Zeit selbst zu verbessern.



  1. Goethes Faust-Dichtung in ihrer künstlerischen Einheit, dargestellt von Veit Valentin, Berlin. Verlag von Emil Felber ↩

  2. NoteText ↩

German original of A New Book on Goethe's “Faust” · ← Previous · Next →