23. «Goethes Iphigenie»
Ein Vortrag von Prof. Dr. W. Heinzelmann Erfurt 1891, Hugo Neumann
Der Versuch, Goethe nach einem untergelegten Maßstabe zu messen, muss immer zu fehlerhaften Resultaten führen. So wenig derjenige für die Erkenntnis Goethes in wissenschaftlicher Beziehung etwas Positives leisten wird, der sich einfach fragt: inwieweit stimmen Goethes wissenschaftliche Ansichten überein mit denen des Darwinismus oder der unserer Zeit überhaupt, ebenso wenig kann der zu einem richtigen Urteil über den ethischen und religiösen Gehalt von Goethes Dichtungen kommen, der sie auf ihre Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit der Lehre des Christentums prüft, wie es der Verfasser dieses Vortrags macht. Goethe kann nur aus sich selbst, aus der innersten Natur seines ureigenen Wesens erklärt werden. Jede Brille, durch die seine Leistungen gesehen werden, verändert [deren] ursprüngliche Gestalt. Deshalb sind die Schlüsse, zu denen Heinzelmann kommt, auch durchaus einseitig und schief. Und wenn derselbe die Auslegung der «Iphigenie» für den Schulgebrauch in seinem Sinne empfiehlt, so möchten wir dagegen doch sagen, dass uns für diesen Zweck die reine, unbefangene Betrachtung des Kunstwerkes dienlicher erscheint, weil sie allein den Schüler dahin bringt, Goethe ohne vorgefasste Meinung rein aus sich heraus zu verstehen.