22. «Die Unzufriedenen» Roman von Emil Marriot
Berlin 1880, Verlag von Freund & Jeckel (K. Freund)
Der Gegenwart fehlt der Mut der Anerkennung des Zeitgenössischen. Entschieden eintreten für ein ursprüngliches Streben, das unter uns auftritt, wagt man entweder nicht oder will es nicht. Farbe bekennen, bestimmte Stellung nehmen hat ja so viel des Unangenehmen im Gefolge. Niemand braucht sich zu fürchten, von irgendjemandem zur Rede gestellt zu werden, wenn er in einer Weise über ein Buch spricht, die mit «nicht kalt und nicht warm» bezeichnet werden muss. Darunter leiden natürlich die Talente, die in unserer Mitte erstehen. Sie ringen sich nur schwer durch.
Als Emil Marriots Roman «Der geistliche Tod» und seine Novellen «Mit der Tonsur» erschienen, konnte man diese Wahrnehmung ganz deutlich machen. Jedermann sprach von der entschiedenen Begabung des Verfassers. Jedermann musste das Fesselnde der Erzählung zugeben, aber worinnen das Ursprüngliche, das durchaus Originelle dieser Priestergeschichten besteht, wusste niemand zu sagen. Priesterliebe hat ja eine vielfache Behandlung erfahren; zumeist aber empfindet es der Priester als Fessel seines Berufes, dem Drange seines Herzens nicht folgen zu können. Die Liebe, die in seinem Herzen wohnt, lässt ihn den Zölibat als unberechtigt erscheinen. Bei Marriot erscheint dem Priester für sich die Liebe zum Weibe durchaus unberechtigt, und die notwendige priesterliche Enthaltsamkeit steht ihm immer höher als sein Gefühl. Welche Kämpfe dieser dem Dogma treu bleibende, unantastbare Priester in seiner Seele durchzumachen hat, das schildert Marriot in allen Phasen. Die Novelle «Askese» ist geradezu ein Meisterwerk an psychologischer Entwicklungskunst. Die Aufgaben, die hier gestellt werden, sind ebenso feinsinnig wie in ihrer Ausführung spannend im höheren Sinne. Deswegen sind diese Schriften auch für den ernsten Menschen, der gewohnt ist, diszipliniert zu denken, lesbar. Der größte Teil unserer Erzählungsliteratur mit dem verlumpten, feuilletonistisch-leichtfertigen, geistreichelnden Stil ist ja für Leute, die denken können, ohnedies nicht mehr zu genießen. Dabei besitzt Emil Marriot in ganz hervorragender Weise die Gabe des Charakterzeichnens. Mit wenigen Strichen zeichnet er einen Charakter hin; ja, das ist sogar seine stärkste Seite. Diese ist auch in dem Romane «Die Unzufriedenen», der der Entstehung nach den oben erwähnten Werken vorausgegangen — er ist nämlich vor Jahren schon in einer Wiener Zeitung erschienen und jetzt nur zum ersten Male in Buchform ausgegeben - nicht zu verkennen. Das innerlich gut veranlagte Mädchen in einer verlotterten, moralisch verkommenen Familie mit all ihren Fehltritten und den Irrwegen, die sie macht, ist trefflich dargestellt. Die freilich vielfach von moralischem Schmutz verunstaltete Gutheit Mignons tritt in scharfen Kontrast zur Lasterhaftigkeit ihrer Schwester Laura. Obgleich von ihrer Umgebung in das schlechteste Licht gestellt, dadurch von dem Manne, dessen Herz bereits ihr gehörte, verlassen, findet Mignon diesen Letzteren wieder und weiß ihm ihre Unschuld zu beweisen. In der Charakteristik bedeutend, mit vielen großen Zügen, zeigt dieser Roman wohl noch einige Zerfahrenheit in der Komposition.
Es war eine Torheit, Emil Marriot, um ihn in die vielbeliebten ästhetischen Kategorien einzureihen, einen Realisten zu nennen. In der Gabe, die Kernpunkte eines Charakters zu finden, um ihn in ein paar Sätzen lebensmöglich hinzustellen, liegt auch ein Idealismus, ja ein viel mehr berechtigter als in dem Erfinden phantastischer Personen, die keinen Schritt in der Wirklichkeit machen könnten.