15. Ludwig Jacobowski
Gestorben am 2. Dezember 1900
I
Wir haben ihn wachsen sehen, in den letzten Jahren, wachsen an Schaffensfreude und Kühnheit immer neuer Pläne, wachsen an künstlerischem Vermögen, an geistiger Kraft und innerer Klarheit. Wir mussten den Schmerz erleben, dieses Wachstum jäh, grausam - abgeschnitten zu sehen. Am 2. Dezember mussten wir ins leere, öde Nichts all die frohen, stolzen Hoffnungen versenken, die wir an die Persönlichkeit Ludwig Jacobowskis knüpften. Wer in der letzten Zeit mit ihm von seinen Plänen, von seinen Erwartungen sprechen konnte, der allein hat eine Vorstellung davon, was das deutsche Geistesleben an diesem Manne verloren hat. Er war einer von den Menschen, von denen man sagen darf, der Umfang ihrer geistigen Interessen reicht so weit wie das geistige Leben überhaupt. Und es lebte eine Energie in seiner Seele, eine unermüdliche Schaffenslust, die bei seinen Freunden den festen Glauben erzeugte: der kann, was er will. - Er hat schwer mit dem Schicksal ringen müssen. Außer dem "Tode ist wohl nicht vieles, was ihm dieses Schicksal ohne schweren Kampf zuteilwerden ließ. Und von seiner ganzen Kunst darf man sagen, was er seiner letzten Schöpfung «Glück», einem «Akt in Versen», voransetzte:
Es war wie Sterben, als ich’s lebte!
Es war mir Tröstung als ich’s schrieb!
Wer je in gleicher Bängnis bebte,
Der nehm’ es hin und hab’ es lieb!
Die inneren Kämpfe gehörten zu Jacobowskis Natur. Er fühlte Kräfte in sich, reich und herrlich, aber nur von einer schwer ringenden Seele zum Dasein zu bringen. Die Stunden waren wohl seine bittersten, in denen ihm die Zweifel darüber aufstiegen, ob er denn imstande sein werde, ans Licht zu holen, was tief unten verborgen in seinen Geistesschachten ruhte. Und er hatte nicht wenige solcher Stunden. Aber seine Kraft wuchs am meisten dadurch, dass er sich den Glauben an sich nicht leicht machte. Nach dieser Richtung hin steckte der höchste Idealismus in ihm. Nicht ein Idealismus, der an Träumen hängt, sondern ein solcher, der rastlos nach Erweiterung, Vervollkommnung des Daseins drängt. Kein Idealismus, der zur pessimistischen Entsagung, sondern ein solcher, der zur Arbeit treibt.
Zwei Ereignisse seines Jugendalters nannte Ludwig Jacobowski, wenn er davon sprach, was auf sein Leben einen tiefgehenden Einfluss ausgeübt hat, den Tod eines Schulfreundes und die erste Lektüre von Schillers Werken. Es ist noch nicht fünf Wochen her, da sprach er mir von beiden Ereignissen als von Erinnerungen, die ein ganz hervorragendes Dasein in seiner Seele führten. «Meinem Schulfreunde setze ich noch einmal ein dichterisches Denkmal», sagte er. In den kurzen Lebensaufzeichnungen, die er im Oktober [1887] aus äußeren Gründen verfasst hat, findet sich der Satz: «Als ich zwölf Jahre zählte, starb meine Mutter. Diesem harten Schlage sowohl, wie einem schon verstorbenen Freunde, namentlich aber dem Einfluss der Lektüre unserer Literatur hatte ich es zu verdanken, dass ich ein anderer Mensch wurde.» Wer psychologischen Blick hat, sieht es diesem Satze an, dass er aus einer Seele stammt, deren Empfindungen ebenso tief, wie ihre Ziele weit sind. Als Neunzehnjähriger schrieb Jacobowski diese Zeilen. Er hatte schon damals Zeiten hinter sich, in denen der Ernst des Lebens in seinen schwärzesten Farben an ihn herangetreten war. Aber er hatte ebenso die Stunden hinter sich, in denen ihm seine starke Energie und der Wille, nur auf die eigene Kraft zu bauen, Trost und Hoffnung gab. Früh suchte er «Tröstung» in dem, was er schrieb. Zwanzig Jahre zählte er, als seine erste Gedichtsammlung «Aus bewegten Stunden» erschien. In einem der ersten Gedichte des Büchleins lesen wir die für sein Wesen tief bezeichnenden Worte:
Es strebt der Mensch, das Wesenlose zu ergreifen,
Des Weltalls Rätsel sich mit Denkerkraft zu lösen,
Aus dumpfen Nächten kühn zum Licht emporzugreifen,
Hinabzutauchen nach dem Urgrund aller Wesen,
Und über Labyrinthe tiefgeheimer Fragen
Rollt majestätisch seines Geistes Siegeswagen.
Was Goethe einmal zu Eckermann sagte, das hat Jacobowski frühzeitig empfunden: «In der Poesie ist nur das wahrhaft Große und Reine förderlich, das wiederum wie eine zweite Natur dasteht und uns entweder zu sich heraufheb t, oder uns verschmäht.» In seinen «bewegten Stunden» spielten sich Stimmungen ab, die ihn emporhoben auf den großen Schauplatz, auf dem die höchsten Angelegenheiten der Menschen zur Entwickelung kommen, und solche, die ihn wie einen Verschmähten erscheinen ließen, der nicht Kraft genug hat, mitzutun bei diesen Angelegenheiten. - Er hat sie uns treulich geschildert später, diese zwei Stimmungen, in seinem Roman «Werther, der Jude» (1892) und in dem Drama «Diyab, der Narr» (1895). In dem Roman kommt die eine Seite von Jacobowskis Wesenheit zur Darstellung, die fein empfindende Seele, die zerquält wird von Widerwärtigkeiten des Daseins, die herbe Schmerzen ertragen muss, weil sie zart und reizbar ist. In dem Drama schildert sich die Willensnatur des Dichters, die denen sich überlegen fühlt, die ihr Schmerz bereiten, die aus sich holt, was die Außenwelt versagt. Und wie viel diese Natur aus sich zu holen hatte, das trat in bedeutender Kunst vor die Welt in dem Buche «Loki. Roman eines Gottes» (1898). Jacobowski hat mit dieser Schöpfung etwas erreicht, was man nur durch Zusammenwirken dreier Geisteskräfte in der Persönlichkeit erreichen kann: durch Kindlichkeit, Künstlertum und Philosophie. Einfachheit in der Auffassung der Welterscheinungen, Harmonie in der künstlerischen Gestaltung und Tiefe in der denkenden Betrachtung der Natur und des Menschen: in der Durchdringung dieser Dreiheit lag der Wesenskern Jacobowskis. Ich habe durch diese Dreiheit seine Natur charakterisiert, nachdem er uns in seinen «Leuchtenden Tagen» seine letzte Gedichtsammlung vorgelegt hatte. Es gehört zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens: wie ich seine Augen leuchten sah, als ich ihm meine Besprechung seiner «Leuchtenden Tage» übergeben konnte, und er die obigen Worte darin las. Er glaubte sich erkannt. Er suchte als Künstler die einfachsten Formen. Und in dem Erreichen der volkstümlichsten Einfachheit durch die höchsten Mittel sah er wohl das Ziel der Kunst. Aber er wollte diese Einfachheit nie ohne Tiefe haben. — Alles künstlerische Raffinement verschmähte er. Er brauchte keine Seltsamkeiten aufzusuchen, wenn er das Leben in seiner wahren Bedeutung zeichnen wollte. Ihm trat die Poesie entgegen aus den kleinsten Erscheinungen des alltäglichen Lebens. Er verstand, in großen Linien zu sehen.
Jacobowski war ein Mann, der in seinen einsamen Empfindungen allen Geheimnissen des Daseins nachging. Die Irrgänge und die Leuchttürme des Daseins hat er in seinem «Loki» hingezeichnet. Aus trüben Erfahrungen heraus hat er sich zu der harmonischen Lebensauffassung seiner «Leuchtenden Tage» durchgerungen. Auf seine bitteren Erlebnisse fiel zuletzt das Licht, aus dem die Verse stammen:
Ach, unsre leuchtenden Tage
Glänzen wie ewige Sterne.
Als Trost für künftige Klage
Glüh’n sie aus goldener Ferne. Nicht weinen, weil sie vorüber!
Lächeln, weil sie gewesen!
Und werden die Tage auch trüber.
Unsere Sterne erlösen!
Und der Mann, der also mit sich rang, war zugleich beseelt von der Begierde, an der Hebung der Geisteskultur unablässig mitzuarbeiten. Seine Zehnpfennighefte «Lieder fürs Volk» und die Sammlung «Deutsche Dichter in Auswahl fürs Volk» (Verlag von G. E. Kitzler, Berlin, zum Preis von 10 Pf.) entsprangen einem tief sozialen Zug in seiner Persönlichkeit. Er hat durch diese Unternehmung eine große Freude erlebt. Er sprach gern von dieser Freude. Dem Geiste des Volkes wollte er dienen; und er hatte noch deutlich sehen können, wie tief das Bedürfnis und die Empfänglichkeit im Volke für geistige Schöpfungen ist. Von allen Seiten her kamen die Kundgebungen an ihn heran über den Erfolg seiner Bestrebungen auf diesem Gebiete. Er wollte die Erfahrungen, die er in dieser Richtung gemacht hat, in der allernächsten Zeit schildern. Wie so viele seiner Pläne, hat auch diesen ein grausames Geschick zerstört.
Unübersehbar sind die Vorarbeiten, die Jacobowski zu einem großen Werke über die Entwicklung der Volksphantasie hinterlassen hat. Das Werden des menschlichen Geistes im Denken und künstlerischen Schaffen hat er dereinst auf umfassender Grundlage darstellen wollen. Seine Liebe zur Volksdichtung hat das schöne Werk «Aus deutscher Seele» gezeitigt, ein «Buch Volkslieder» (Minden in Westf. 1899). Und während er sich einerseits in die Volksseele vertiefte, stieg er andrerseits in die einsamen Höhen der romantischen Dichtung hinauf. Mit Oppeln-Bronikowski zusammen gab er vor kurzem «Die blaue Blume» heraus, eine «Anthologie romantischer Lyrik». (Verlegt bei Eugen Diederichs in Leipzig.)
Jacobowskis Freunde wussten noch von einem Plane, der ein Lebenswerk zeitigen sollte. Eine künstlerische Gestaltung der kosmischen Geheimnisse strebte er in einer Dichtung «Erde» an. Es waren die höchsten Anforderungen, die er bei dieser Schöpfung an sich stellte. Er dachte an die größten Anstrengungen, um für dieses Werk reif zu werden.
Man muss das alles sagen, um ermessen zu lassen, wie tief diejenigen seinen Verlust empfinden, die Ludwig Jacobowski nahestanden. Für sie ist es niederdrückend, von solch zerstörten Hoffnungen sprechen zu müssen. Es kann sie über den Schmerz nicht das Bewusstsein hinwegführen, dass auch durch das, was Jacobowski geleistet hat, sein Name tief eingegraben sein wird in die Annalen der deutschen Geistesgeschichte. Denn für sie ist dieses Bewusstsein mit dem bitteren Gedanken verknüpft, was dieser Name bedeuten würde, wenn eine Geisteskraft, die für ein langes, überlanges Leben ausgereicht hätte, nicht in der ersten Blüte zerstört worden wäre.
II
Von schönen und weitgehenden Plänen hinweg hat der Tod Ludwig Jacobowski im dreiunddreißigsten Lebensjahre gerissen. Ein Leben, das in steter Aufwärtsentwickelung begriffen, das erfüllt war von rastloser Schaffensfreude, hat damit ein jähes Ende gefunden. Es ist noch nicht lange her, da konnte ich den Lesern dieser Zeitschrift, durch eine verhältnismäßig kurze Zeitspanne getrennt, zwei Bilder von Schöpfungen dieses Dichters entwerfen, von seinem «Loki. Roman eines Gottes» und von seiner letzten Gedichtsammlung «Leuchtende Tage». In seinem «Loki» hatte Jacobowski einen vorläufigen Höhepunkt seines Schaffens erreicht. Vorwärts und rückwärts in der Entwickelungsbahn des Dichters weist dies Werk zugleich. Rückwärts auf ein Leben voll äußerer und innerer Kämpfe, auf ein Leben, dem der Daseinskampf nicht leicht geworden ist, das aber im Ringen mit den höchsten Menschheitsrätseln einen reichen Inhalt sich geschaffen hatte; vorwärts auf eine Zukunft, die großen Hoffnungen Erfüllung zu bringen schien. Man hatte keinen Roman im gewöhnlichen Sinne des Wortes vor sich, sondern die symbolische Darstellung ewiger Kämpfe in der menschlichen Seele. Was unablässig, als stete Beunruhigung auf dem Menschenherzen lastet, hat Jacobowski in Form eines Kampfes feindlicher Götter dargestellt. Das menschliche Gemüt hängt mit Liebe an allem Geschaffenen; es möchte das Gewordene mit Hingebung hegen und pflegen. Aber dieses Geschaffene muss zu seinem eigenen Heile seinen schlimmsten Feind aus sich selbst gebären; es muss das Gebildete fortwährend umgebildet werden, damit es sich - nach Goethes schönem Worte - nicht zum Starren waffne. So wahr es ist, dass innerhalb des Friedens und der Ordnung die guten menschlichen Eigenschaften gedeihen, so wahr ist auch, dass das alte Gute von Zeit zu Zeit zerstört werden muss. Diese zerstörende Kraft des Daseins setzt Jacobowski in der Gestalt Lokis den erhaltenden Göttern, den Asen, entgegen.
Nur einem Dichter, der mit der Gabe tiefer Beschaulichkeit das Vermögen verbindet, in den einfachsten künstlerischen Formen zu schaffen, ist es möglich, das charakterisierte bedeutungsschwere Weltproblem dichterisch zu bezwingen. Und Ludwig Jacobowski war mit den Eigenschaften begabt, die ihn zu einer solchen Aufgabe befähigten. Nachdem seine «Leuchtenden Tage» erschienen waren, glaubte ich den Wesenskern seiner Persönlichkeit nicht besser kennzeichnen zu können, als indem ich ihn als eine Harmonie der drei Formen des Seelenlebens darstellte: der kindlichen, der künstlerischen und der philosophischen. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er diese Charakteristik seiner Vorstellungsart in meiner Besprechung seiner «Leuchtenden Tage» mit freudeerfüllten Augen las. Er glaubte sich erkannt. Dem Studium der Volksdichtung war er immer zugetan. In ihrer Einfachheit glaubte er das Ideal des poetischen Schaffens zu erkennen. Er wetteiferte in seinen eigenen Schöpfungen mit dieser Einfachheit. Von allem künstlerischen Raffinement hielt er nicht viel. Dass man auf der Höhe des Geistes zu der Kindlichkeit des einfachen Seelenlebens zurückkehren müsse, bildete eine Art unbewusster Überzeugung bei ihm. Er sah wirklich die höchsten Dinge in den einfachsten Linien. Und dieser Einfachheit war die Tiefe eines Weltbetrachters gesellt. Die ihm nahestanden, wissen, wie er in seinem Elemente war, wenn er sich von den großen Erkenntnisproblemen unterhalten konnte, wenn er sinnend den ewigen Menschheitsfragen nachhängen konnte. Überall in seinen Dichtungen begegnen wir auch diesem Zuge. Aus den alltäglichsten Erlebnissen sprangen ihm weite Perspektiven heraus.
Ludwig Jacobowski hatte sich zuletzt zu einer freien, harmonischen Weltanschauung durchgerungen. Sie war es, aus der ihm Verse, wie diese entsprangen:
Ach, unsre leuchtenden
Tage Glänzen wie ewige Sterne.
Als Trost für künftige Klage
Glüh’n sie aus goldener Ferne. Nicht weinen, weil sie vorüber!
Lächeln, weil sie gewesen!
Und werden die Tage auch trüber,
Unsere Sterne erlösen!
Aber das Licht, zu dem er sich also emporgearbeitet hat, ist ein teuer erkauftes. Und mancher seiner Dichtungen hätte er das gleiche Motto vorsetzen können, wie das vor seiner letzten Schöpfung, dem Einakter in Versen «Glück»:
Es war wie Sterben, als ich’s lebte!
Es war mir Tröstung, als ich’s schrieb!
Wer jein gleicher Bängnis bebte,
Der nehm es hin und hab es lieb!
Jacobowski trat früh in die Öffentlichkeit. Er war zweiundzwanzig Jahre alt, als seine erste Gedichtsammlung «Aus bewegten Stunden» erschien. Die Stimmungen seiner Sekundaner- und Primaner-Zeit hat er in diesen Dichtungen festgehalten. Sie stammen aus einem Jugendleben, das sich den Glauben an sich so schwer wie möglich machte. Ein hochstrebender Idealismus lebte in diesem Jüngling, der nur dann für das Dasein wert zu sein glaubte, wenn er sich die höchsten Aufgaben stellte. Aber zugleich war diese Jünglingsseele von den herbsten Zweifeln durchzogen. Sie hatte niederdrückende, schwere Stunden, in denen alles Vertrauen in sich selbst verloren schien. Ein reizbarer, grüblerischer Sinn verband sich hier mit einer unerschütterlichen Energie, eine feine Empfindlichkeit für alle Eindrücke der Welt mit einem unbesieglichen Stolz, niemand etwas zu verdanken, als nur sich selbst. Simmungen der Ohnmacht und Stimmungen des Trotzes wechselten fortwährend in dem jungen Jacobowski. Wir begegnen diesen Stimmungen in zweien seiner Dichtungen. In seinem Roman «Werther, der Jude» (1892) ist die eine, in dem Drama «Diyab, der Narr» (1895) die andere dargestellt. Dort der junge Mann, dem die Widerwärtigkeiten des Daseins ein weiches, reizbares, überempfindliches Gemüt grausam zerquälen; hier der Trotzige, der allem Feindlichen tapfer Widerstand leistet und allein aus sich alle Energie holt, um den Lebenskampf aufzunehmen.
Man durfte sich noch vieles versprechen von dem Geiste, der mit jeder seiner Schöpfungen so sichtlich gewachsen war. Besonders durften es seine Freunde, die mit seinen reichen Plänen vertraut waren, die gesehen hatten, wie tief er jegliches Erlebnis zu nehmen wusste, und die seine Kraft kannten, die mit immer höheren Aufgaben zuzunehmen schien. Aus einem niederschmetternden Erlebnis hatte er den Stoff zu seiner in diesem Herbst entstandenen Dichtung «Glück», einem «Akt in Versen» (Bruns Verlag, Minden 1900), geschöpft. Er hatte auch hier einen schönen Weg gefunden, herbe Bitterkeiten des Daseins in eine ihn tröstende Dichtung von hoher Vollendung umzugießen.
Und wie hoch die Anforderungen waren, die er an sich stellte, das konnte man in vollem Maße beurteilen, wenn man ihn von einer Dichtung sprechen hörte, die in seinem Geiste keimte. In einem kosmischen Kunstwerke «Erde» wollte er seine Art, die Welträtsel anzusehen, darstellen. Er sprach von diesem Plane wie von etwas, das ihm selbst geheimnisvoll war, das sich nur schwer von seiner Seele lösen werde. Zunächst wollte er seine Tage damit hinbringen, für diese Aufgabe «reif» zu werden.
Hand in Hand mit seinen künstlerischen Interessen ging bei Jacobowski ein weiter Erkenntnisdrang. Er hat sich viel mit Gedanken und Forschungen über den Ursprung des dichterischen Schaffens getragen. Eine kleine Schrift und zahlreiche Essays zeugen von dieser Seite seiner Tätigkeit. Er arbeitete auf ein großes Werk hin, das den Werdegang der dichterischen Phantasie darstellen sollte. Unablässig hat er dafür gesammelt. In der Poesie niederer Kulturvölker forschte er, um die Anfänge des poetischen Schaffens kennenzulernen. Seine Vorarbeiten und Sammlungen auf diesem Gebiete sind unübersehbar.
Und während er so bemüht war, energisch selbst am Entwickelungsgang des Geistes mitzuarbeiten und diesen Gang erkennend zu durchdringen, strebte er rastlos nach Mitteln, die Geistesschätze den breitesten Schichten des Volkes zugänglich zu machen. Er hat rasch hintereinander in seinen Büchern «Aus deutscher Seele. Ein Buch Volkslieder» und (mit Oppeln-Bronikowski zusammen) in der «Blauen Blume», einer Zusammenstellung der wertvollsten Schöpfungen deutscher Romantik, dankenswerte Sammlungen geschaffen. Besonders fruchtbar war sein Unternehmen mit billigen Volksausgaben wertvoller Dichtungen. Seine «Lieder fürs Volk» und seine «Deutschen Dichter in Auswahl fürs Volk» sind Meisterstücke in ihrer Art. Er hat ein Heft der besten zeitgenössischen Iyrischen Leistungen herausgegeben, das nur zehn Pfennige kostet. Zu demselben Preise erschienen bis jetzt von ihm je eine Auswahl von Goethes und Heines Schöpfungen. Dieses Unternehmen versprach große Wirkungen. Es gehörte zu seinen schönsten Erlebnissen in den letzten Monaten seines Lebens, von überallher diese Wirkungen zu spüren. Er wollte dem Volk die besten Geistesschätze zuführen; und jeder Tag brachte ihm neue schriftliche und mündliche Zeugnisse dafür, welche Empfänglichkeit in den weitesten Schichten des Volkes für dieses Unternehmen vorhanden ist. Er sagte oft zu mir: Das war ein Versuch. Ich würde ruhig gestehen, der Versuch ist misslungen, wenn es der Fall wäre. Aber der Versuch war in der überraschendsten Weise geglückt. Er wollte in der Sammlung «Freie Warte», auch eine Arbeit seiner letzten Jahre, die Erfahrungen schildern, die er auf diesem Gebiete gemacht hat.1 Auch diesen Plan hat ihm das Schicksal zerstört.
Zu einem reichen, langen Menschenleben lagen die Keime in dieser Persönlichkeit. Nur eine kleine Zahl ist es, die reifen durfte.
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Es sind drei Hefte dieser Sammlung bei Bruns in Minden erschienen. ↩