14. Marie Eugenie delle Grazie

I

In der neunten Auflage seiner «Natürlichen Schöpfungsgeschichte» spricht Ernst Haeckel von den neuen Wegen und weiten Ausblicken, die sich der Kunst von den Gesichtspunkten der naturwissenschaftlichen Weltanschauung aus eröffnen. Er nennt unter den Werken, die von dem Geist dieser Weltanschauung erfüllt sind, «die vielseitig interessanten Dichtungen der genialen Wiener Dichterin Eugenie delle Grazie, besonders das moderne Epos «Robespierre». Es ist jetzt mehr als fünfzehn Jahre her, da tauchte der Name Marie Eugenie delle Grazie zum ersten Male in einem Kreise auf, der innerhalb des deutschen Geisteslebens in Österreich stand. Eine kleine Gedichtsammlung, eine Erzählung «Die Zigeunerin», ein Epos «Hermann» und ein Drama «Saul» waren damals in rascher Aufeinanderfolge von ihr erschienen. Das waren die Schöpfungen einer noch nicht zwanzigjährigen Dame. Der geistvolle, vornehme österreichische Philosoph B. Carneri stand nicht allein mit den Empfindungen über die Dichterin, die er 1894 in die Sätze zusammenfasste: «Bei der Großartigkeit des Stoffes und dessen glücklicher Bewältigung (ist ‹Hermann›) eine Riesenleistung für ein so jugendliches Alter. Viel des Rühmlichen lässt sich auch bei ‹Saul› hervorheben, aber von eigentlicher Genialität möchten wir erst bei der ‹Zigeunerin› sprechen. Durch ihre Naturschilderungen, lebensvolle Plastik und die zum vollen Durchbruche kommende Leidenschaft wird uns in dieser kleinen Erzählung ein Kabinettstück geboten, dessen wohlklingende Prosa beweist, dass Fräulein delle Grazie naturbegnadet ist auch mit dem, was Friedrich Nietzsche ‹das dritte Ohr› nennt.»

Eine große, einzigartige Persönlichkeit kündigte sich in diesen Dichtungen an. Ein Leben, jung an Jahren, reich an Inhalt, reich vor allem an jenen Leiden, die an die Tore der Erkenntnis mit verlangendem Sinne führen, sprach sich aus. Es war zweifellos, delle Grazie hatte die große Leidenschaft, die aus dem persönlichen Los in die umfassenden Rätselwege des Weltenschicksals führt und die die Weltenfragen als Probleme des eigenen Herzens empfindet. Zehn Jahre vergingen, bevor die Dichterin weiteres veröffentlichte. Dann erschienen wieder in rascher Aufeinanderfolge: eine Sammlung von Gedichten «Italische Vignetten», «Rebell» und «Bozi», zwei Erzählungen, das große Epos «Robespierre» und ein dritter Gedichtband. Die Grundstimmung der ersten Schöpfungen delle Grazies spricht sich wieder aus; ihr Gesichtskreis ist derjenige der modernen Weltanschauung im höchsten Sinne des Wortes geworden. Es gibt wahrscheinlich keine zweite Persönlichkeit, die so tief, so erschütternd den Schmerz über das Zusammenstürzen einer alten Idealwelt und einer neuen Erkenntniswelt in sich erlebt hat wie Marie Eugenie delle Grazie. Nach zwei Richtungen hin geht ihr Fühlen, und nach beiden Richtungen hin ist es groß. Womit Schiller sich jederzeit tröstete: dass der Mensch flüchten könne aus der gemeinen Wirklichkeit in das hehre Reich der Ideale, dieser Trost ist delle Grazie nicht zuteil geworden. Die neue Naturwissenschaft hat ihre Blicke auf das Wirkliche gelenkt, das ihr als das einzig Vorhandene erscheint. Nicht an eine ewige göttliche Ordnung, die sich der Natur nur bedient, um ein ideales Reich und Ziel zu verwirklichen, kann die Dichterin glauben; sie ist ganz erfüllt von der Erkenntnis, dass wahllos die ewige Gebärerin, die Natur, aus ihrem finsteren Schoße die Geschöpfe hervorzaubert, sich zur Befriedigung der unendlichen Wollust, die sie am Erzeugen hat, und unbekümmert um das Schicksal ihrer Kinder. Was da Schönes, Großes und Erhabenes in der Welt entsteht: es ist nicht um des Schönen, Großen und Erhabenen willen entstanden, es ist geworden, weil die Natur den lüsternen Drang zum Schaffen innehat. Und Schwärmer waren sie alle, die Idealisten, die von den großen Zielen des Lebens träumten. Sie verdanken ihr Dasein der List der wollüstigen Natur. Was wäre den Menschen ihr Dasein, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein Buddha, ein Sokrates, ein Christus kämen und den Menschen sagten, dass sie zu Höherem geboren seien. Aber [den], der tiefer blickt, kann kein Ideal täuschen. Die Menschheit soll durch ihre Idealisten nur von Zeit zu Zeit aufgestachelt werden, ein anderes zu glauben, als was die Allmacht der Natur wirklich vollbringt. Wollüstig und dämonisch zugleich ist die Natur: sich will sie am Gebären der Menschen befriedigen, und den armen Geschöpfen gaukelt sie die Traum- und Schaumgebilde der Ideale vor, damit sie abgelenkt werden von dem wahren Inhalt des Daseins.

Was eine stolze, tief-gemütvolle Natur unter solchen Empfindungen zu leiden hat, das spricht aus delle Grazies Dichtungen. Wer die Größe dieser Dichtungen nicht mitzuempfinden vermag, dem muss eines von den Gefühlen fehlen, die dem Gegenwartsmenschen so tief ins Herz geschnitten haben. Entweder hat er nie die große Sehnsucht in sich als persönliches Schicksal empfunden, welche die mächtigen Ideale der Menschheit, den Jenseitsdrang und Götterglauben gezeitigt und immer wieder am Leben erhalten haben, oder die moderne Weltanschauung, die wie ein gewaltigstes Erdbeben über unser Geistesleben hereingebrochen ist, muss mehr oder weniger spurlos an ihm vorübergegangen sein. Ich zweifle nicht, dass diese moderne Weltanschauung Keime in sich birgt zu höheren Geistessphären, schöner, erhabener als alle alten Ideale; aber ich glaube nicht, dass die Freuden jemals über die Leiden voll triumphieren werden; ich glaube nicht, dass die Hoffnung jemals die Entsagung besiegen wird. Mir scheint es ebenso sicher, wie dass das Licht aus dem Dunkel geboren ist: dass die helle Erkenntnisbefriedigung aus dem tiefsten Schmerze des Daseins hervorgehen muss. Und der große Schmerz am Dasein, das ist der Lebensnerv in delle Grazies Dasein, das ist der Lebensnerv in delle Grazies Kunst. Wir haben dieses Element in unserem Leben, als Gegner des Schlimmsten, was an uns zehren kann: der Oberflächlichkeit. Die Regionen, in denen delle Grazie wandelt, sind es, durch die hindurchgehen muss, der zu den Höhen des Lebens dringen will. Nur die teuer erkaufte Erkenntnis, nur die aus den Abgründen aufgestiegene, hat Wert. Delle Grazies Dichtungen zeigen den Preis, den jeder Erkennende einsetzen muss. Gleichviel, wohin wir zuletzt gelangen. Delle Grazies Weg ist ein in den Tiefen der Menschenseele begründeter. Wahr ist es: Gegenwartsmüdigkeit und Zukunfts-Hoffnungslosigkeit strömen ihre Dichtungen aus. Ich möchte aber nicht zu denen gehören, in denen von alledem keine verwandte Saite anklingt.

II

In Roms Entwicklung gab es einen Punkt, wo menschliche Größe am engsten zusammenfiel mit menschlicher Nichtigkeit. Cäsarenmacht mit Schwäche, Kunsthöhe mit ethischer Fäulnis paarten sich hier. Der Mund, der Völker befehligte, lechzte gierig nach dem Kusse des elendesten Weibes; Herrensinn wurde zum Sklavensinn, wenn die Umarmungen hochgestellter Dirnen ihn bändigten. Wie sich das in den Resten alter Zeit heute noch versteinert, aber deutbar dem hellsehenden Blicke kundtut, das sprechen diese «Vignetten» Marie Eugenie delle Grazies aus (Leipzig, Breitkopf & Härtel [1892)):

Götterwürd’ und Götterrechte
Habt ihr kühn euch angemaßt,
Geist und Tugend wurden Knechte,
Wo die Willkür toll geprasst.

singt sie von den römischen Cäsaren. Die Stimmung, die sich ihrer in der Ewigen Stadt bemächtigte, gibt sie wieder mit den Worten:

Mit elegischem Geflüster
Blickt vom öden Palatin
Eine einz’ge Pinie düster
Nach dem stillen Forum hin.

Eine Anzahl von Gedichten sind den Eindrücken entsprossen, die Tassos Spuren in der Dichterin hervorriefen:

Vor deiner Gruft erstirbt jed’ eitles Wähnen,
Hier thront dein Ruhm in majestät’scher Ruh,
Doch wo der Mensch gelitten, fand ich Tränen,
Und schluchzen, träumen durft ich hier wie du!

Unter dem Namen «Bilder und Gestalten» teilt uns delle Grazie ihre Empfindungen bei dem Anblicke großer italischer Kunstwerke mit, wie der Sant’ Agnese von Guercino, St. Cäcilia von Maderna, Apoll von Belvedere, Zeus von Otricoli, Moses von Michelangelo. Das Gedicht «Zwei Wahnsinnige» aus dem Zyklus «Sorrent» stellt Tasso und Nietzsche, die beide auf diesem Boden wandelten, einander gegenüber:

Zwei große Menschen schritten diese Pfade
Und oft stehn beide jäh mir vor dem Sinn:
Tasso, der Dichterfürst von Gottes Gnade,
Und Friedrich Nietzsche ... gleich war ihr Gewinn,
Und Wahnwitz hieß er ...

Delle Grazie hat in Italien all die Herrlichkeit geschaut, die da zu schauen ist:

Wie alle hast du mich an dich gezogen,
Bezaubert, hingerissen und betört,
Auf Trümmern mir von einem Glück gelogen,
Das du im Sonnenglanze hart zerstört

Ihre Weltanschauung spricht deutlich auch aus diesem Buche:

Doch groll ich nicht ... zur Heimat geht es wieder,
Wenn auch mit schnöd gebroch’nem Wanderstab—
Ich bring mit ihm die alten Qualen wieder
Und hier wie dort leg ich ihn auf ein Grab! —

«Der Rebell» heißt die erste der beiden 1893 veröffentlichten Erzählungen.1 Den Mittelpunkt bildet ein ungarischer Zigeuner aus der Theißgegend, wo keine westeuropäische Kultur die Hirnwindungen der Menschen so starr gemacht hat, dass wir aus Titel und Amt so ziemlich den Charakter erraten können. Der Zigeuner Lajos hat selbstverständlich kein philosophisches Doktordiplom erworben, dafür aber sind auch die Schule, die Amtsprobezeit, die Gesellschaftssimpelei und die Philisterlektüre nicht die Schicksalsmächte, von denen sein Empfinden und Denken bestimmt ist. Und Lajos hat sich emporgerungen bis zu den Höhen der Menschheit, er hat sich eine Lebensansicht erworben, die geeignet ist, [ihn] das Dasein in seiner wahren Gestalt erkennen zu lassen, die ihn zum Weisen unter Toren macht und die [ihn] die Wahrheit schauen lässt da, wo andere nur die heuchlerischen Masken anbeten. Lajos ist eine Persönlichkeit, die von der Welt um ihr Glück betrogen worden ist, die aber stark genug ist, dieses Glück, das sie nur der Lüge hätte verdanken können, zu entbehren. Lajos liebte ein Mädchen, die natürliche Tochter eines Grafen. Ein Edelmann macht [ihm] die Geliebte abspenstig. Diese verlässt den armen Zigeuner um des adeligen Verführers willen. Ein schier ins Unendliche gehendes Rachegefühl gegen den Letzteren bemächtigt sich des Zigeuners. Er sucht alle Orte auf, wo er den Räuber seines Glückes vermutet, um ihn zu töten. Lange sucht er vergebens, endlich findet er ihn, schlafend am Wege, die Flinte neben ihm. Ein leichtes wäre es, den Gegner mit dessen eigener Waffe zu morden. In dem Augenblicke verwandelt sich Lajos’ Rache in Verachtung; er findet, dass das Leben des Elenden nicht wert ist, von ihm vernichtet zu werden.

Lajos schildert die Empfindungen, die in dem Augenblicke sich seiner bemächtigen, als das Leben des Gegners in seiner Macht war, mit den Worten: «Er wurde bleich bis in die Lippen, seine Knie schlotterten, als hätt er das Donaufieber bekommen, und auf einmal riss er den Hut herunter und grüßte mich tief ... und lächelte dazu wie ein Blöder ... Da wurde mir so wohl, so wohl, sag ich Ihnen, denn nun wußt ich, dass man seinem Feind noch Schlimmeres antun könne als ihn ermorden, und dass meine Qual zu Ende war, weil ich den, der da vor mir stand, nicht mehr hassen konnte; wie ein Ekel kam’s mir in die Kehle - ich spuckte aus gegen ihn, warf die Flinte ins Schilf zurück, nahm meine Fiedel und ging ...» Und dann sagt er von dem, den er also gedemütigt: «Wo er kann, schwärzt er mich an bei den Leuten, und am liebsten möchte er mir die Panduren und den Stuhlrichter auf den Hals hetzen, aber er kann nichts Rechtes vorbringen gegen mich, und dass er mir zum Umbringen zu schlecht gewesen ist, will er doch auch nicht sagen! Aber er ist wie Luft für mich; wenn ich die auch einatmen muss, kann ich sie doch immer wieder zurückgeben - da! So gleichgültig ist er mir!» Das Erlebnis mit dem Edelmann wurde für Lajos zum Quell höchster Erkenntnisse. Es wurde ihm klar, wie man ohne Hass und Liebe die Welt betrachtet. «Was ist aus meiner Liebe, was ist aus meinem Hass geworden?» sagt er. «Alles vorüber, und damals glaubt ich, daran sterben zu müssen! Wer so etwas an sich erfahren hat, wird ruhig und kann auch seinem Feind nicht Unrecht tun!» «Wenn ich schlechte Augen hab und mir den Kopf an einen Pfosten anstoß - hat der Pfosten die Schuld oder ich? Der Pfosten ist da und hat sein Recht, und ich bin da und hätt auch mein Recht, wenn meine Augen nicht schlecht wären - ich könnt ihm ja ausweichen, nicht? Und wenn ich eine Nichtsnutzige gern haben und einen Schurken hassen konnte, bin ich da nicht gerade so blind gewesen? Sie waren’s nicht, und darum musst ich mir das Herz und den Schädel an ihnen wundstoßen wie an dem Pfosten! Wem aber soll ich noch glauben, wenn ich mich selbst so betrügen kann, wenn jeder Mensch zweimal ist: so, wie er geboren wurde, und so, wie ich mir denk, dass er ist? Und weiß ich denn, wie ich bin? Viele Menschen weichen mir aus - sie tun mir nichts Böses, möchten mir aber noch weniger was Gutes tun! Warum? Hab ich was verbrochen? Nun, die haben eben auch Recht! denk ich mir, denn jeder, der lebt, will nur sich, und selbst wenn er meint, dass er ein anderes gerade so gerne hat!» Das sind Worte der Weisheit, wie sie nur ein Leben gebiert, dem sich das Dasein schleierlos gezeigt hat. Die Leute nennen den Lajos einen «Rebellfen]», weil er sie verachtet. Und der Edelmann sagt von ihm: «Er ist zu allem fähig.» Diese Worte bedeuten aber nichts weiter, als dass der Edelmann unfähig ist, zu erkennen, wie des armen Zigeuners selbstständige Seele sich äußern kann. Sie ist ihm ein Element, das von Urkräften bewegt wird, wirksam aus Tiefen herauf, von denen ein Durchschnittsgehirn nichts ahnt. Das Unbekannte, die dunklen Mächte in Kopf und Herzen des Zigeuners erfüllen den Edelmann mit einem Gefühl des Grauens. Er fühlt sich nur sicher Leuten gegenüber, die ihren Charakter, wie er selber, von den Urvätern ererbt haben, oder solchen, denen die Knute den Sklavensinn angehaut hat.

Zwei andere «Rebellen» stehen dem Zigeuner, dem Rebellen des Gedankens und der Empfindung, in delle Grazies Erzählung gegenüber: Istvän, der einstige politische Empörer und Freiheitsheld, der aber an der Seite seiner «praktisch» denkenden Susi sich bis zu der ja heute vielbewunderten Höhe des «Realpolitikers» emporgeschwungen hat, und Bändi, dessen Rebellenseele sich in den tollsten Flüchen entlädt, ohne dass ihn aber das revolutionäre Feuer in der Brust vorläufig hindert, dem Edelmann, dem er alle Teufel auf den Leib hetzen möchte, Kutscherdienste zu tun. Die letzten beiden «Empörernaturen» lässt sich die Gesellschaft der Bequemlinge gefallen, denn die Istväns sind unschädlich, wenn ihre Susis Gelegenheit haben, behaglich Fett anzusetzen, und die Bändis schimpfen zwar, aber sie geben brauchbare Lasttiere ab. Diese Rebellen fürchtet man nicht, sie gliedern sich ja doch in die Gesellschaft ein, wenn auch widerwillig; aber die Rebellen von der Art der Lajos werden angesehen wie ein Berg, der einmal sich als Vulkan betätigt und dann sich wieder geschlossen hat. Man fürchtet in jedem Augenblick einen neuen Ausbruch. Dass die nach außen drängenden Feuermaterialien sich im Innern in edle Stoffe verwandelt haben, davon haben die Durchschnittsmenschen keine Ahnung.

Die zweite Erzählung, «Bozi», ist satirisch. Der Stoff ist jener Gegend Ungarns entnommen, wo Menschen, Büffel, Schweine und Stuhlrichter so nahe aneinander hausen, sich ewig im Wege stehen und doch nicht voneinander lassen können; dieses Milieu, das den Fatalismus Halb-Asiens wie etwas Selbstverständliches mit den christlichen Glaubenssätzen und eine türkische Rechtspraxis mit den Theorien des Corpus juris und das Tripartium so friedlich und unangefochten in sich vereinigt! «Bozi» ist ein Büffel. Aber ein solcher von ganz besonderer Art. Kein Herden-Büffel, sondern ein Herren-Büffel. Er fügt sich nicht den Satzungen, die Gott und die Menschen in seinem Wohnort den Büffeln gegeben; er verlässt, wenn es ihm beliebt, seine Behausung, um unter den Menschen Furcht und Schrecken zu verbreiten. Besonders ist es ihm willkommen, wenn er bei feierlichen Anlässen unter einer größeren Menge von Menschen erscheinen und da Verheerungen anrichten kann. Eine solche Unternehmung musste er aber mit seiner Freiheit bezahlen. Er wurde nach derselben hinter streng verschlossenen Türen gehalten und durfte nur des Nachts, wenn die Menschen schliefen, ins Freie. Damit war die Sache aber noch schlimmer gemacht. Denn hatte er früher als Büffel die Menschen mit Entsetzen erfüllt, so jetzt als ... Teufel. Denn wer in nächtlicher Stunde dem Tiere begegnete, hielt es für den leibhaftigen Fürsten der Hölle. Davor hat den «aufgeklärten» Dorfdoktor, der Meyers Konversationslexikon besitzt und darin alles nachsehen kann, seine naturwissenschaftliche Bildung ebenso wenig beschützt wie den Herrn du Prel seine philosophische vor dem Spiritismus. Der gute Medikus glaubt so lange, dass es ein «übernatürliches» Wesen war, von dem er des Nachts überfallen worden ist, bis ihm sein Mantel, den er auf der Flucht vor dem Gespenst verloren hat, gebracht und ihm gesagt wird, dass der Büffel die schützende Umhüllung um seine Hörner gewunden nach Hause gebracht habe. Ein anderes Mal zieht ein Teil der Dorfgemeinde aus, mit dem Bürgermeister an der Spitze und dem Kirchendiener mit dem Weihwasser an der Seite, weil der «Teufel» wieder erschienen und sich sogar einen Bewohner des Dorfes geholt hat. Der Teufel soll bekämpft werden. Die ganze Dorfgemeinde kann nichts ausrichten, weil sie vor Schrecken bebt, als sie an die Stätte kommt, wo der «Böse» wütet. Nur ein Blödsinniger, der auch dabei ist und weder an Gott noch an den Teufel glaubt, sieht das, was wirklich da ist - den Büffel, schlägt auf ihn los und verwundet ihn. Die anderen ziehen mit langen Nasen von dannen.

Die Erzählung ist mit jener Art von Humor geschrieben, der nicht nur von einer vollständigen Beherrschung der Kunstmittel, sondern auch von einer in sich gefesteten Weltanschauung zeugt. Heuchlerische Religiosität, unverdaute Aufklärerei, der moderne Aberglaube der «gescheiten Leute» wird in der kleinen Erzählung getroffen und entlarvt.

Im Jahre 1894 ist das Epos «Robespierre» erschienen. Mehr als in irgendeinem anderen Dichtwerke unserer Zeit hätte man in diesem Epos einen tiefen Ausdruck des Fühlens der Gegenwart erblicken müssen. Aber die gestrengen Kritiker der «Moderne» gingen ziemlich achtlos daran vorüber. Sie machen es nicht viel besser als die von ihnen vielgeschmähten Professoren der Ästhetik und Literaturgeschichte, die ja auch selten eine Empfindung für das wahrhaft Große ihrer eigenen Zeit haben. Einer der gepriesensten Literaturrichter der Gegenwart, Hermann Bahr, hat es nicht unter seiner Würde gefunden, eine kurze Besprechung des «Robespierre» mit den Worten zu beginnen: «Sonst unbescholtene und nette Leute, welche nur gar nichts vom Künstler haben, drängt es plötzlich, die Gebärden der Dichter zu äffen.» Wer so spricht, kennt zwar die Allüren der «Moderne», nicht aber deren tiefere Kräfte. M. E. delle Grazies Dichtung ist das Spiegelbild der modernen Weltanschauung aus einer tiefen, stark empfindenden, klar sehenden und mit einer großen künstlerischen Gestaltungskraft ausgestatteten Seele. Wie sich einer tief-gemütvollen und stolzen Natur das Bild der französischen Revolution darstellt, so hat es delle Grazie wiedergegeben. Wie Agamemnon, Achill, Odysseus und die anderen Helden des Trojanischen Krieges vor unserer Phantasie in lebensvollen Gestalten auftauchen, wenn wir Homers «Ilias» auf uns wirken lassen, so Danton, Marat, Robespierre, wenn wir delle Grazies Epos lesen. Nur wer blind ist gegenüber dem Geiste unserer Zeit oder nur dessen Pose versteht, kann die Bedeutung dieser Dichtung verkennen. Nichts Kleinliches ist in den schmerzlichen Tönen, die hier angeschlagen werden. Wenn delle Grazie Leid und Schmerz schildert, so tut sie es nicht, weil sie auf die Misere des alltäglichen Lebens hindeuten will, sondern weil sie Disharmonien in der großen Menschheitsentwicklung erblickt. Robespierre ist der Held, in dessen Seele alles das lebt, was die Menschheit immer Idealismus genannt hat. Er endet tragisch, weil der große Traum von den Idealen der Menschheit, den er träumt, notwendig sich mit dem gemeinen Streben niedriger Naturen verbünden muss. Selten hat ein Dichter so tief in eine Menschenseele geblickt wie delle Grazie in die Robespierres.

Eine Persönlichkeit, die nach den Höhen der Menschheit klimmt, um da oben zu der furchtbaren Erkenntnis zu kommen, dass Lebensideale Trugbilder sind, von der daseinstrunkenen Natur dem armen Opfer Mensch vorgegaukelt - als eine solche Persönlichkeit steht Robespierre vor uns. Am Orte des Todes-Genius vernimmt er, der die Menschheit zum Licht führen will, die Worte:

«Wie täuscht sich doch dein blinder Eifer!
... merkst du nicht, dass rings um uns
Des Lebens Giftsaat dicht und ekel wuchert?
Ein Friedhof ist’s, darauf wir stehen - doch sich,
Wie rein und froh, weil unbewusst und quallos
Entkeimt der Fäulnis hier das junge Grün!
Wie überird’sche Heiterkeit umspinnt es
Die morschen Kreuzlein rings und fast beschämt
Zerbröckeln sie - was sollte auch das Zeichen
Der Daseinsnot an diesem sel’gen Ort?
Nein, wisse: hierher walle ich, um glücklich
Und still von meinem Paradies zu träumen:
Dem Paradiese unbewegter Ruh’.
Doch wen’ge Schritte weiter hause ich,
Und, wie du siehst, nicht einsam: Hütt’ an Hütte
Umgrenzt den Friedhof, und in jeder pocht—
Wie nanntest du’s doch gleich? -, der warme Pulsschlag
Des Seins: die Krankheit und das Laster,
Armut und Leid, der Not hohlwangiges Geripp’,
Und alles, alles, was verdammt, bewusst
Und fühlend zu verwesen! Sich, dort ist
Des Kreuzes eig’ne Stätte, dort erhebt sich
Des Schmerzes eherner Koloss, dort ächzt
Verzweiflung, auf die Blut getünchte Folter
Des Seins gespannt umsonst und ungehört
Ihr grausiges: «Mein Gott, warum hast du mich
Verlassen?! Dorthin blick ich, wenn der Trug
Des Seins aufs neue meinen Sinn betören
Und blenden will - und jenes ries’ge Kreuz,
Das aus der Erde wächst, zum Himmel sehnend
Emporsteigt und zuletzt doch bang und schrill
Mit diesem Ruf sich von der Hoffnung wendet:
Es sagt voll Majestät mir dann aufs neue:
«Sei wunschlos, und du hast dich selbst erlöst»

Soll man im Sinne des bekannten Wortes in des Dichters Lande gehen, um den Dichter zu verstehen, so muss man sich, um Marie Eugenie delle Grazie zu erkennen, entschließen, über Gefilde zu wandern, die in den Regionen der höchsten geistigen Interessen der Menschheit liegen. Man wird da geführt über reiche Lebewelten, lebenssaftig und lebenskräftig, mit heißem Wollen erfüllt; aber in diesem Leben pulsieren giftige Stoffe, es sprossen Blüten, die Verwesung als ihre innerste Bestimmung in sich tragen - die Schönheit prangt, aber sie prangt wie Hohn und ohnmächtiger Glanz - die Erhabenheit gleißt, aber sie ist die Ironie auf sich selbst. Dem schleierbedeckten Auge erscheint das Größte; man nehme den Schleier ab, und in Dunst und Nebel, in leeres, schales Nichts löst sich das «Größte» auf.

Zehn Jahre, die besten ihres Lebens, hat die Dichterin ihrem Werke gewidmet. Vertiefung in die Geschichte der großen französischen Freiheitsbewegung ging während dieser Zeit Hand in Hand bei ihr mit dem Studium moderner Wissenschaft. Sie hat sich dabei zu der Höhe menschlichen Daseins erhoben, wo man die tiefe Ironie durchschaut, die in jedem Menschenleben liegt, wo man selbst über die Nichtigkeit des Daseins lächeln kann, weil man aufgehört hat, Verlangen nach demselben zu haben.

In dem Gedichtband, den delle Grazie dem «Robespierre» folgen ließ, lesen wir das Bekenntnis schmerzlicher Entsagung, das der Dichterin die Betrachtung von Welt und Leben gebracht. Von der «Natur» sagt sie da:

.... An ihrem Triumphwagen ziehn
Wir alle: keuchend, schweißbetrieft und dennoch
Auch selig: denn als Fata Morgana schaukelt
Die Hoffnung vor uns und das Glück und jegliches Blendwerk,
Das uns zum Hohne sie geschaffen,
Und wir, das schnsuchtvergiftete Sklavenheer,
Ideale nennen. - So stürmen in lechzender Eile
Und toller Jagd wir dahin, bis tückisch
Die Kraft uns verlässt, der Odem schwindet und ferner
Denn je unser Ziel auf goldigen Wolken schwebt,
Bis hilflos und keuchend wir
Zusammenbrechen - dann jauchzt dämonisch sie auf,
Dann ruft sie ihr grausames «Evo&!» und lenkt
Zermalmend über tausend Opfer hinweg
Die chernen Speichen ihrer Biga!

Den gewaltigen Stoff, der ihr in der französischen Freiheitsbewegung vorlag, mit seinem Reichtum an Ideen, an Charakteren, an Schicksalen und Handlungen, hat Marie Eugenie delle Grazie in ihrem «Robespierre» in bewundernswerter Weise bewältigt. Sie ist ebenso Meister in der Charakteristik der Menschen wie glänzende Darstellerin der Vorgänge. Die ganze Skala des menschlichen Herzens und Geistes, von den hingebungsvollen Trieben der Güte bis zu den scheußlichsten Instinkten des Tieres im Menschen, von den aus Unterströmungen der Seele tief heraufdringenden Impulsen des dämonisch dahingetriebenen Fanatikers bis zu dem abstrakten, in raffinierten Begriffswelten lebenden Theoretiker: alles stellt die Dichterin hin, in gleicher Weise die tiefen Motive, die verborgenen Quellen der menschlichen Charaktere und Temperamente wie die kleinen Züge, in denen die Natur so oft das Große andeutet. Zustände, in denen sich symbolisch die Schuld und die Verirrungen langer Zeitalter und Generationen zum Ausdrucke bringen, dramatische Situationen, in denen sich ungeheure Verhängnisse vorbereiten oder dramatisch einer Katastrophe entgegeneilen, sind in plastischer Anschaulichkeit, in tiefdringender Malerei geschildert. Der Hof Ludwigs XVI. mit seinem fäulnisschwangeren Glanz, mit seiner lautsprechenden Dialektik von Schuld und Verhängnis wird in prägnanten Zügen ebenso vor uns hingestellt wie die dumpfe Spelunkenluft, in der die gehetzte Menschenkreatur, die ausgehungerte Armut, der in Hass umschlagende Freiheitsdurst sich entladen. Wie die Dichterin der Mannigfaltigkeit in der Menschennatur gewachsen ist, das wird man gewahr, wenn man ihre Charakteristik Ludwigs XVIL., der Marie Antoinette, Neckers und der Höflinge in Versailles vergleicht mit derjenigen Marats, Dantons, Mirabeaus, Saint-Justs, Robespierres. Absterbendes Hofmilieu, die konvulsivischen Zuckungen der Volksseele: alles kommt künstlerisch zu seinem Rechte. Wo sich der Sturm der Freiheitsempfindungen in blutigen Taten äußert, wo sich der Geist in Worten kündet, die entweder die Traditionen der Jahrhunderte gezeitigt oder die geheimnisvollen Gärungen der Menschenseele wie aus dunkler Nacht hervorbrechen lassen: überall ist delle Grazies Schilderungskunst heimisch. Die dumpfen Wohnungen der Kultursklaven, wo sich die geknechtete Menschheit in düstersten Bildern ausspricht, ist ebenso vollendet gestaltet wie das wogende Getriebe welterschütternder Logik und Rhetorik in der Nationalversammlung, ebenso das furchtbare Gewitter, das sich im Bastillensturm entlädt, wie die hohle Herrlichkeit, das gleißende Vorurteil, die blinde Schwäche und eitle Größe des Versailler Hofes. Die «Mysterien der Menschheit», die das ewige Sinnen der Weltenlogik spiegeln, treten uns nicht weniger klar vor Augen wie die Tagesargumente und in der Hast geborenen Motive des Menschen, der in anderen Zeiten ein tierisch-dumpfes Leben lebte, innerhalb dieser Bewegung aber zum treibenden Motor weithin leuchtender Entwicklungen wird.

Man sehe, wie in die Aufregungen in «Saint-Antoine» in dem «öden Hungerviertel», wo «die bittre Not aus halberloschnen Augen» blickt, Danton eintritt, allseitig klar, mit allen Eigenheiten seiner Persönlichkeit.

... massig, tiefgebeugten Haupts,
Als fürcht er, Deck und Wänd hier fortzutragen,
Betritt ein neuer Geist den qualm’gen Raum.
Entgegenschwänzelt grinsend und ergeben
Der schmutz’ge Wirt der Schenke ihm; und durch
Der überraschten Gäste lange Reih’n
Fährt’s wie ein Blitzstrahl hin und reißt empor sie.
«Danton!» «Er selbst!» «Willkommen!» Nicht ein Gruß,
Ein einziges Aufatmen ist’s der Ohnmacht,
Als brächt er Luft und Mannheit ihrem Hass.
Ein breites Lachen um die fleisch’gen Lippen,
Die lechzend aufgeworf’nen, steht Danton
Bewegungslos erst da. Das kleine Aug’
Nur blitzt aus seinen tiefgeleg’nen Höhlen,
Aufblähn, im Augenblicke atmend, weit
Und gierig sich die blatternarb’gen Nüstern.
’S ist wie ein Schweißgeruch brutaler Kraft
Um ihn, wie eine fremde Atmosphäre,
Die schwanger ist von Tatkraft, wie von Blitzen
Ein Sommerhimmel. Was die Menge liebt
Und achtet - diesem ward es! Züge, laut
Und offen wie die Straße, eine Fahrbahn
Des Lebens und von ihm befleckt wie sie;
Ihr zynisch Lachen, ihr erbittert Grollen
Und würdelos’ Verzeihn, vom Scheitel bis
Zur Sohl’ des Pöbelmaßes derbe Linien,
Und kein Gesetz als das der eig’nen Kraft!

So versteht es die Dichterin, die Persönlichkeit stimmungsvoll und tief wahr in die Situation hineinzustellen. So vermag sie die unausgesprochenen Charaktere, die im gestaltlosen Geiste des Volkes leben, verwachsen zu lassen mit dem Geiste des einzelnen, die Allgemeinheit mit der Individualität.

So vermag aber delle Grazie auch den Übergang, den Einklang zu finden zwischen der stummen, leblosen Natur und den Irr- und Wandelgängen des Menschenherzens. Die Naturschilderungen der Dichterin tragen ein seltenes künstlerisches Leben, eine eigenartige Größe und Wahrheit in sich.

Will man delle Grazies Persönlichkeit in ihrer vollen Tiefe erkennen, so muss man das Bändchen «Gedichte» lesen, das 1897 bei Breitkopf & Härtel in Leipzig erschienen ist. Die Leidenschaft und Tiefe des unmittelbarsten persönlichen Gefühls offenbart sich hier an den höchsten, allgemeinsten Menschheitsgedanken, eine Weltanschauung, die mit kosmischen Rätseln ringt, spricht zu uns als der Pulsschlag des täglichen Lebens. Ton und Anschauung dieser Lyrik möge ein Hymnus wiedergeben:

Im Kreise der Lebenden geht
Und wandelt von Mund zu Mund
Ein schreckgeflüstertes Wörtchen
Sein eherner Klang, er lässt
Die rosigen Wangen erbleichen,
Der jubelndste Dithyrambos
des Wahns, und die schillerndsten Lügenmärchen
Des Daseins werden von ihm zerrissen, und
Verhallen mit ihm in Ewigkeit. Die Dornenkrone des Leids,
Die Rosenkränze des Glückes
Und Diademe des Ruhms
Sie alle, alle umwindet,
Umstrickt und überwuchert
Des bleichen Todes Asphodill!
Wem seine Fittiche rauschen,
Der bebt, und wem seine hohle Stimme ertönt,
Der hat zum letzten Mal gelogen ... Verwesung und Moder gärt
In unsren Adern, Verwesung leitet uns
Nach ihrem Gesetz, und was da lebt und atmet,
erwesung hat es geschaffen,
Verwesung zerstört es auch!
Ein schmutziger Wirbel
Voll Rätsel und Wahnsinn kreist
Das Leben, und unser Pygmäengeschlecht, es kreist
Mit ihm: in blinder Schwäche, drolliger Würde Und Ohnmacht ... Allsiegend und frei nur herrscht
Der Riese Tod: mit blinkendem Schwerte mäht er
Die gleißende Daseinslüge hinweg
Und spricht, in Ewigkeit
Auf Staub und Verwesung deutend,
Die einzige, ewige Wahrheit: «Es ist Nichts!»

Selten wird man auch da, wo man die Empfindungen, die Anschauungen eines Dichters nicht teilt, so bewundern können wie den Schöpfungen delle Grazies gegenüber. Denn auch wo man «Nein» sagen muss, ist man sich bewusst, dass man zur Größe «Nein» sagt.



  1. «Der Rebell», «Bozi». Zwei Erzählungen von M. E. delle Grazie. Leipzig. Breitkopf & Härtel. ↩

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