Faculty Meetings with Rudolf Steiner II

GA 300c — 2 June 1924, Stuttgart

Siebenundsechzigste Konferenz

Am Nachmittag des 1. Juni war die vierte ordentliche Mitgliederversammlung des Vereins Freie Waldorfschule. Rudolf Steiner sprach über den Verkehr der Lehrer mit den Elternhäusern im Sinne der Waldorfschul-Pädagogik. «So ist nicht ein Grundsatz, nicht irgendein pädagogisches Prinzip, das den Waldorflehrer auffordert, den Weg zu den Eltern zu finden, sondern das innigste Bedürfnis des Herzens, wie überhaupt die Waldorfschul-Pädagogik in ihrem innersten Wesen eine Herzenspädagogik ist.» Es war die Frage aufgetaucht, ob die Klassen nicht zu groß seien. Steiners Antwort: «Aus pädagogischen Gründen kleine Klassen einzurichten, rechnet mit einer pädagogischen Schwäche.» (GA 298, 5. 182, 185)

Am nächsten Tag war Konferenz. Am Tag darauf verließ Steiner Stuttgart. und bereitete sich auf die große Tagung in Koberwitz zur Begründung der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise vor (Landwirtschaftlicher Kurs, GA 327). Nach einer Abschlussveranstaltung in Weimar fuhr Rudolf Steiner über Stuttgart zurück nach Dornach. Er kam am 19. Juni wieder in Stuttgart an und hielt eine Konferenz ab.

Themen: Grundlegendes zur Fremdsprachendidaktik und Grammatik. Erzählstoff der 3. Klasse im Verhältnis zum Religionsunterricht. Der Stenografieunterricht und seine Probleme. Über die Stellung der Heileurythmie. Die Last des Zeugnisse-Schreibens. Der Schüler A. V. — sein Zeugnis und seine Behandlung. Das Verhältnis des Religionsunterrichts und der Sonntagshandlungen zur Christengemeinschaft. Poetik, Sprachbetrachtungen.

Bemerkungen: Es gab so viele neue Lehrer, dass es nötig geworden war, wieder einmal ganz genau die Methodik und Didaktik des Fremdsprachenunterrichtes darzustellen.

Man erspürt aber auch die Resignation Steiners gegenüber dem Nichtkönnen der Lehrer. Wenn die Probleme in Stenografie nicht zu überwinden seien, dann solle der Unterricht eben «nicht (mehr) obligatorisch sein». Wenn die Zeugnisse zur Last werden und nicht mehr aus Liebe geschrieben werden können, dann sind Zensuren eben besser. Er fühlte sich von den Lehrern «in gewisser Weise desavouiert», weil sie den ganz besonderen Schüler, den er zur Schule gebracht hatte, den hochbegabten A. V., nur nach pedantischen Maßstäben beurteilt hatten. «Es ist auf den individuellen Fall keine Rücksicht genommen worden. Er ist ja schwer zu behandeln, aber es ist nicht der nötige Wille zum Individualisieren da. Ich muss es radikal sagen, sonst wird es nicht genügend klar aufgefasst.»

Steiners Groß- und Weitherzigkeit war zu erleben in der Art, wie er Christengemeinschaft und den freien Religionsunterricht nicht als gegensätzlich betrachten konnte und daher nur ein freundschaftliches Nebeneinander empfahl.

Vorsitz: Rudolf Steinen Zu Beginn wird aus dem fr Methodisch-Didaktischen Kurs» der neunte Vortrag vorgelesen, und die bisher schon gegebenen Lehrplananweisungen werden von Herrn Boy zusammengestellt.

RUDOLF STE1NER: Die Sprachlehrer haben sich interessiert, was bisher schon gegeben worden ist. Man darf nicht vergessen, dass wir bisher im Sprachunterricht eine gewisse Schwierigkeit hatten. Wir haben zwar im Allgemeinen erlebt, dass zu uns Schüler der verschiedensten Altersstufen kamen, wir mussten immer wiederum neue Schüler auch in die höheren Klassen aufnehmen, konnten aber im Allgemeinen annehmen, dass, wenn ein neunjähriges Kind kommt, es schon vorher bis zu einer bestimmten Stufe etwas gelernt hatte. Das war für den Sprachunterricht nicht der Fall. Wir bekamen einfach in die 5. Klasse Kinder herein, die noch nie ein französisches oder englisches Wort gelernt hatten, sodass im Grunde genommen, in der Art und Weise, wie wir mit Schülermaterial versorgt wurden, wir einen strengen Lehrplan nicht aufstellen konnten. Es ist auch die Frage, ob wir ihn weiter aufstellen können für das einzelne Jahr hin, oder ob wir uns werden begnügen müssen, im Allgemeinen etwa Gesichtspunkte anzugeben, die dann eingehalten werden könnten, wenn wir in die 1. Klasse ein bestimmtes Schülermaterial hereinbe-kämen und durch alle Klassen führen könnten.

Nun hat unser Sprachunterricht ja überhaupt etwas Freieres. Wir betrachten das, was in den ersten zwei Stunden vor sich geht, als Grundstock der Erziehung. Der Sprachunterricht muss auch in Zukunft etwas freier gehandhabt werden.

Im Allgemeinen muss man sagen, dass das Kind in der 1. Klasse schon Sprachunterricht bekommt, und dass wir bis zum [Ende der] 3. Klasse den Sprachunterricht so treiben, dass das Kind am Sprechen sprechen lernt. Und dass man vermeiden sollte für irgendein Wort oder- eine Wendung, die das Kind [sich] anzueignen hat, auf die entsprechende deutsche Übersetzung des Wortes zu sehen, sondern dass man darauf sehen soll, dass das Kind unmittelbar an das Ding anknüpft das Wort oder die Wendung. Man soll also, nicht wahr, nicht das fremdsprachliche Wort auf das deutschsprachliche zurückführen, sondern auf die Sache und in der fremden Sprache bleiben, Das sollte man insbesondere bis zum vollendeten 3. Schuljahr durchführen. In dieser Zeit dürfte gar nicht bemerkbar werden, dass es eine Grammatik gibt.

Bei dem Behandeln größerer Stücke muss man so vorgehen, dass man gar keinen Anstoß daran nimmt, dass das Kind eine Strophe oder ein Gedicht, wenn es auch nur mangelhaft die Sache versteht, rein dem Laut nach sich aneignet. Im Extrem kann es selbst der Fall sein, dass das Kind sich aneignet vier, sechs, [acht] Zeilen, die es nur behält wie Klänge. Das würde sogar unter Umständen sehr viel zur Beherrschung der Sprache beitragen können, dass das Kind das, was es nur dem Klange nach [sich] angeeignet hat, erst aus dem Gedächtnis heraus verstehen lernt. In den ersten drei Jahren ist Poetisches ganz entschieden dem Prosaischen vorzuziehen. [Die Sache selbst lässt schon klar werden, dass im Grunde genommen] auf das einzelne Jahr [gar] nicht abzutrennen [ist, dass diese drei Jahre in gleicher Art] behandelt werden können.

Dann kommt das, was nun folgt, [die 4, Klasse]. Da würde es gut sein, wenn nicht länger vermieden würde, mit Grammatischem ZU beginnen, nicht durch Lernen von Regeln, sondern durch Anschaulichmachen an dem schon im Kinde bestehenden Schatz von Texten, Damit soll man anfangen, ganz induktiv grammatische Regeln zu bilden, dann aber, wenn sie gebildet sind, durchaus darauf bestehen, dass das Kind sie auch behält, dass es sie dann als Regeln hat. Also man darf nicht in das Extrem verfallen, dass das Kind überhaupt keine Regeln lernen solle, sondern wenn sie induktiv abgeleitet sind, dann auch das Einprägen der Regeln. Das Behalten der Regeln gehört zur Entwicklung des Ich zwischen dem neunten und zwölften Lebensjahr. Die Ich-Entwicklung kann gefördert werden dadurch, dass das Kind [grammatische] Regeln [logischer Art über den Bau der Sprache] bekommt.

Dann kann man übergehen von der Poesie zur Prosa, die bis [zum Ende des 3. Schuljahrs] auf ein Minimum beschränkt werden sollte. Vom 4. Schuljahr an kann man aber dazu übergehen, einen Stoff zu wählen, den man erst durchnimmt, wo das grammatische Lernen und das Durchnehmen des Stoffes parallel geht. Und dazu sollte man nur Prosa nehmen. Da würden wir ja nur die Poesie verpedantisieren dadurch, dass man grammatische Regeln davon abstrahiert. Aber einen Prosastoff kann man durchaus so behandeln. [Bei Prosaischem] kann man auch allmählich übergehen zu einer Art Übersetzung.

Nun ist es ja natürlich so, dass schon versucht worden ist bisher, solche Dinge ein wenig [im Unterricht] einzuhalten. Aber es ist doch immer wiederum in einer Klasse vorgekommen, dass man lexikografisch vorgegangen ist, dass man nicht den Zusammenhang gesucht hat zwischen dem Ding und dem fremden Wort, sondern zwischen dem deutschen Wort und dem fremden Wort. Das ist bequemer für den Lehrer, aber es führt zu dem, wie jetzt überhaupt Sprachen in [ihrem gegenseitigen] Verhältnis behandelt werden, sodass das Gefühl für die Sprache doch nicht entwickelt wird.

Nun würde dies [im 4. Schuljahr beginnen müssen]. Im 4. Schuljahr würden wir uns beschränken müssen, im Wesentlichen die Wortformenlehre zu behandeln.

Im 5. Schuljahr würden wir übergehen zu Syntaktischem. Im 6. Schuljahr würde man mit dein Syntaktischen fortfahren, die kompliziertere Syntax. Parallel laufend würde man natürlich immer Lektüre pflegen. Übersetzungen von der deutschen Sprache in die fremde aber sollten eigentlich nicht gepflegt werden. Dann sollten kurze, nicht lange Aufsätze gemacht werden und dergleichen. Solche Übersetzungen sollte man nur in der Form behandeln, dass man [kurz] irgendetwas sagt und verlangt, das Kind solle dasselbe in der fremden Sprache ausdrücken. Man lässt das Kind das deutsch Gesagte in der fremden Sprache sagen. So könnte eigentlich der Übersetzungsunterricht bis zum Ende des 6. Schuljahres behandelt werden. Jedenfalls sollte vermieden werden, längere Stücke aus dem Deutschen direkt in die fremde Sprache zu übersetzen.

[Dagegen wäre es gut, viel] Lektüre [zu pflegen, aber] nur Lektüre mit viel Humor. Mit freudigem innerem Dabeisein sollte man [an der Lektüre] alles Mögliche besprechen, was zusammenhängt mit Sitten, Lebensgewohnheiten und Seelenverfassung derjenigen Leute, die die fremde Sprache sprechen. Also die Landeskunde [und Volkskunde] sollte man in humorvoller Weise heranziehen in der 5. und 6. Klasse. Auch Eigentümlichkeiten der Ausdrucksweise müssen von der 5. Klasse an berücksichtigt werden. Dann, von der 5. Klasse an muss man den sprichwörtlichen oder redensartlichen Schatz der fremden Sprache mitbehandeln dadurch, dass man für irgendetwas im Leben, wofür man ein deutsches Sprichwort brauchen könnte, das entsprechende fremde, ja ganz anders gefasste Sprichwort lernt.

In der 7. Klasse muss es so eingerichtet werden, dass berücksichtigt wird, dass ein großer Teil der Kinder nach der 8. Klasse die Schule verlässt. In der 7. und 8. Klasse sollte man den Hauptwert legen auf Lektüre und auf Behandlung des Charakters der Sprache an Sätzen. Wiederum handelt es sich um eine Aneignung solcher Dinge, die im Treiben und Leben der Menschen vorkommen, die die Sprache sprechen. An Texten sollte man das üben und sollte darauf sehen, dass durch Nacherzählen die Ausdrucksfähigkeit [in der] fremden Sprache geübt wird. Übersetzen sollte man nur gelegentlich.

Dagegen sollte man nacherzählen lassen, was man liest; selbst Dramatisches. Nicht Lyrisches und nicht Episches, aber Dramatisches kann in eigenen Worten nacherzählt werden. In der 8. Klasse sollten aber nur die Rudimente der Poetik und Metrik der fremden Sprache behandelt werden. Und in diesen zwei letzten Klassen sollte folgen ein ganz kurzer Abriss der Literaturgeschichte der betreffenden Sprache.

Dann käme man also zur 9. Klasse. Da würde notwendig sein eine Art, aber wirklich mit Humor behandelte Wiederholung des Grammatischen, indem man fortwährend humorvolle Beispiele bietet. [Man kann so an den Beispielen im Laufe] des Jahres das ganze Grammatische durchgehen. Dann geht nebenher selbstverständlich gerade in dieser Klasse anregende Lektüre.

In der 10. Klasse folgt die Metrik der Sprache mit vorzugsweise poetischer Lektüre. In der 11. Klasse muss mit dramatischer Lektüre begonnen werden. Nebenher geht Prosalektüre und etwas Ästhetik der Sprache. Namentlich an der dramatischen Lektüre soll [die] Poetik entwickelt werden, und dieses wird fortgesetzt für die lyrische und epische Poesie in der 12. Klasse. Da müssen namentlich Dinge gelesen werden, die sich beziehen auf die Gegenwart und ihre Verhältnisse auf dem Gebiet der fremden Sprache. Dazu Kenntnis der modernen fremden Literatur.

Dies mag der lose Lehrplan sein, den wir in Zukunft einhalten wollen.

[Man sollte] nicht eine Sache lesen, ohne dass man die Kinder mit dem Inhalt des Ganzen bekannt macht. In der 5., 4. Klasse kann man mit den Elementen des Grammatischen beginnen. Möglichst dazu übergehen, die Kinder Konversation pflegen zu lassen.

In Bezug auf das Dramatische in der 7. und 8. Klasse wäre noch Folgendes zu sagen: Man sucht sich, [zum Beispiel aus einer Moilière'schen Komödie], irgendeine längere Passage aus, die man lesen will. Man muss bis dahin in humorvoller Weise die Kinder mit dem Inhalt bekannt machen, möglichst ausführlich und dramatisch, und dann den Abschnitt lesen.

Wir haben ja im Laufe der Jahre kleine Zusätze zu dem früher Gesagten gemacht, im Prinzip muss es schon so bleiben. Schriftliche Arbeiten erst von der Stufe an, wie es in den Kursen gesagt wurde.

Nun ist natürlich der altsprachliche Unterricht dadurch, dass er bei uns eine besondere Stellung einnimmt, auch dazu verurteilt, seinen besonderen Lehrplan zu haben. Wir wollen noch einmal rekapitulieren, wie wir den lateinischen Unterricht haben: Lehrs, Schubert, Tittmann, Gildemeister. Ich werde einen genauen Latein-Lehrplan ausarbeiten und werde Ihnen diesen Lehrplan [am Freitag] bringen. tSie werden wohl bekommen haben, was wir bisher eingeführt hatten und was] sich nach und nach so eingerichtet hat. Wir fangen mit der 6. Klasse an in diesem Jahre, da wir mit der 5. noch nicht angefangen haben.

ERICH SCHWEBSCH bittet um ein Sprachseminar, das Rudolf Steiner zusagt.

RUDOLF STEINER: Jetzt würde ich gerne etwas hören über die didaktischen Erfahrungen seit Ostern.

BETTINA MELLINGER fragt nach biblischer Geschichte in der 3. Klasse.

RUDOLF STEINER: Ich habe gesehen, dass einzelne Freunde benutzen das Hebel-Buch. Meiner Empfindung nach kann als Leitfaden für die Behandlung der biblischen Geschichte nur die im Aufbau aus-gezeichnete Schuster'sche Bibel benutzt werden. Es ist besser, wenn man [die Geschichten] nicht textmäßig, behandelt, sondern in freier Weise heranträgt. Man sollte die Sachen nur in freier Weise an die Kinder heranbringen. Das Buch ist nur eine Gedächtnishilfe [und zum Nachlesen]. Da ist die ältere Schuster'sche Bibel, obwohl sie in der neuen Ausgabe verballhornt ist, doch immer noch das Beste. Ich glaube, so interessant es auch ist, das Buch von Hebel zu lesen, wenn man lesen will, [was man schon kennt], zum ersten Unterricht in der Bibel ist es nicht geeignet, ganz abgesehen davon, dass der Druck der hiesigen Ausgabe ein [scheußlicher] ist. Also ich würde meinen, wir behalten die alte Schuster'sche Bibel bei. Der Aufbau ist ausgezeichnet. Es ist ja [sonst] etwas pedantisch und katholisierend, aber in die Gefahr, zu katholisch zu werden, werden Sie ja. nicht geraten.

HERBERT HAHN fragt nach dem Unterschied der Behandlung der biblischen Geschichte im Religionsunterricht und im Hauptunterricht der 3. Klasse.

RUDOLF STEINER: Sie werden [methodisch] viel lernen, [wenn] Sie bedenken, welches Prinzip dem zugrunde liegt, dass wir an diesen zwei verschiedenen Stellen die biblische Geschichte zu behandeln haben. Nicht wahr, wenn wir biblische Geschichte [im Hauptunterricht] im eigentlichen Lehrplan drinnen behandeln, so behandeln wir sie als etwas ganz Allgemein-Menschliches. Wir machen einfach die Kinder bekannt mit dem Inhalt der Bibel, geben dem keine besondere religiöse Färbung, behandeln es als Profanunterricht, lassen nur gelten, dass der Inhalt der Bibel eben durchaus klassische Literatur ist, wie andere klassische Literatur auch.

Behandeln wir die Bibel im freien Religionsunterricht, so stellen wir uns damit auf den religiösen Standpunkt, stellen wir sie für uns in den Dienst des freien religiösen Elementes. Wenn wir diesen Unterschied taktvoll treffen, [wenn] wir nicht seichte Aufklärerei treiben im Hauptunterricht, dann werden wir gerade an der Herausarbeitung dieses feinen Unterschiedes außerordentlich viel für unsere eigene Pädagogik lernen können. Es ist ein Unterschied im «wie», aber ein außerordentlich wichtiger Unterschied im «wie».

Das, was [vorher] erzählt worden ist, wird nachher gelesen zur Befestigung. Ich möchte durchaus nicht glauben, dass diese schusterische Bibel ein schlechter Lesestoff ist. Die Bilder sind ganz humoristisch sogar, nicht schlecht; etwas süßlich, aber nicht eigentlich sentimental. Es genügt als Lesestoff [für die 3. Klasse und kann auch zur Einübung der Fraktur-Druckschrift verwendet werden].

LILI KOLISKO fragt wegen Schwierigkeiten im Stenografieunterricht mit neu eingetretenen Schülern.

RUDOLF STEINER: Dann bliebe uns nur übrig, den Stenografieunterricht nicht obligatorisch sein zu lassen. Wir behandeln ihn [doch] als etwas, was die Kinder lernen sollen.

Nehmen Sie an, es tritt ein Schüler in der i L Klasse ein. Er hat in allen vorigen Klassen einen Naturgeschichtslehrer gehabt, der katholisch war. Nun kommt er und sagt, ich will Naturgeschichte bloß auf Katholisch lernen. Dann können wir den [auch] nicht befreien.

Wir lehren das beste System, [das Gabelsberger'sche], und wir machen es obligatorisch, weil es im heutigen Zeitpunkt doch nötig ist für die Erziehung. Ich glaube nicht, dass es ein Vorurteil ist. Es ist das einzige System, das eine innere Notwendigkeit hat. Die anderen Systeme sind ausgedacht. Das wäre zu überlegen, dass man den Unterricht hereinverlegt in untere Klassen.

GERTRUD BERNHARDT: [Haben nicht die Kinder der 1. Klasse durch den Sprachunterricht zu viele Stunden?]

RUDOLF STEINER:[Wenn man sieht, dass die Kinder ermüdet sind], ist es schon besser, dass Sie für die ersten zwei Klassen diesen Unterricht ausfallen lassen, statt [irgendwelche] anderen Künste zu machen. Sonst wäre ich dafür, dass wir die Kleinen überhaupt nur zwei Stunden am Tag unterrichten.

EUGEN KOLISKO fragt wegen der Heileurythmie-Übungen.

RUDOLF STEINER: [Das kann nur eine Frage einer möglichst klugen Ausnützung der Zeit sein.] Das Kind bekommt die heileurythmischen Übungen eine bestimmte Zeit hindurch, und dies sollte täglich sein, Dafür muss das Kind aus der Klasse herausgeholt werden. Wenn das Kind eine Heileurythmie-Übung bekommt, so ist es eben krank. Da es eine Therapie ist, muss man das Kind aus jeder Stunde herausnehmen können [außer aus dem konfessionellen Religionsunterricht]. Versäumt es im Unterricht etwas, so ist es sein Karma. Es können nicht Schwierigkeiten entstehen, wenn man der Heil-eurythmie Wichtigkeit beimisst. Es sollte keiner sein, der nicht die Heileurythmie so hoch stellt, dass er das Kind nicht gehen lässt.

Jemand fragt nach der Kavalierperspektive im geometrischen Zeichnen der 12. Klasse und sagt: Ich habe in der Kavalierperspektive alles machen lassen.

RUDOLF STEINER: Die realistische ist die Kavalierperspektive. [Wir sehen in kleinen Stücken alles in Kavalierperspektive.] Alle Möglichkeiten sollten für die Kavalierperspektive genommen werden. Architektonik ist dasjenige, was für Kavalierperspektive bestimmt ist. [Die Architrave im ersten Goetheanum waren gemacht in der Kavalierperspektive, wie wenn man sich die Wände eines Zimmers betrachtet, rings umhergehend.]

Ich möchte nur, dass [das Kind] gleichzeitig und abwechselnd darin geübt wird, alle die Konstruktionen, [zum Beispiel Kegelschnitte], auch aus freier Hand [zu skizzieren]. Das eigentliche Zeichnen, die gute Ausführung, kann dann mit Zirkel und Lineal gemacht werden.

Frage wegen der Zeugnisse.

RUDOLF STEINER: Über Zeugnisse ist nicht gar so viel zu sagen. Wie wir das erste Schuljahr hatten in der Waldorfschule, war es so, dass die Zeugnisse [wirklich] reizend waren. Es war neu, einmal nicht mit Noten, sondern mit eigener Ausführung [die Schüler zu bewerten]. Von vielen Seiten wurde das als ungeheuer wohltätig empfunden. Die Sätze sind mit ungeheurer Liebe formuliert. Wenn Sie diese Zeugnisse heute vornehmen, sie sind aus Liebe formuliert.

Als ich aus Anlass der einen Beschwerde die Zeugnisse anschaute, fand ich, dass nach und nach die Sache so gekommen ist, dass für eine große Zahl der Lehrer die Zeugnisse [ebenso] eine solche Last geworden sind wie draußen in den Schulen, dass man froh ist, wenn man das hinschreibt. Es ist so, dass man sieht, dass keine Liebe mehr darauf verwendet ist. In der trockensten Prosa sind die Dinge formuliert worden. Da ist es schon besser, wir führen 4, 3, 2, 1 ein. Wir müssen mehr Sorgfalt darauf verwenden, in die Formulierung mehr Phantasie hineinlegen. Mehr Fleiß und Liebe sind anzuwenden, sonst artet es aus, sodass jemand zum Beispiel schreibt: «Kann zwar noch nichts, wird aber schließlich besser gellen», «benimmt sich ziemlich mangelhaft», [und so weiter]. Ios hat keinen Sinn mehr. Ich habe ja nichts dagegen; wenn es als eine zu große Last empfunden wird, so müssen wir in den sauren Apfel beißen und schulmäßige Zeugnisse ausstellen. Das wäre aber schade. Wenn offenbar in den letzten acht Tagen [irgend]etwas hingeschrieben wird, das dürfte sich nicht einstellen. Es lassen sich nicht Regeln angeben, sonst müsste für jeden Schüler eine besondere Regel da sein.

Das V.'sche Zeugnis hat mich betrübt. Ich habe ausdrücklich [gesagt], als ich mich entschlossen habe, diesen A. V. aufzunehmen — es war während des Aufenthaltes in Ilkley, weil ich es für die Waldorfschule für notwendig hielt, dass sie nicht vermufft —, wir können so etwas nicht durchführen, wenn wir muffig werden, wir müssen weltmännisch werden. Man kann nicht die Waldorfschule führen und darauf angewiesen sein, dass Unterstützung kommt, wenn man weltfremd wird. Es wäre viel bequemer gewesen [zu sagen]: Einen solchen Schüler wie A. V. können wir nicht aufnehmen. Es handelte sich darum, eine weltmännische Frage zu lösen, und dadurch bekamen wir diesen Jungen. Nun habe ich kein Hehl daraus gemacht, dass wir uns eine Plage auferlegen. Das alles habe ich gesagt. Wir müssen einmal eine Frage so lösen. Wir bekamen den Jungen in die 9. Klasse hinein, der [weit über sein Alter hinaus] begabt ist. Was stellt er für Fragen! Der aber andererseits [gar] nichts kann. Er war in allen Gegenständen ein Tunichtgut. Nun bekam er ein Zeugnis — mit Ausnahme dessen, [dass] der Satz [so] formuliert war, ist außer Acht gelassen worden alles, was jemals gesagt worden ist. Es war — ich finde es zum Die-Wände-Hinaufkriechen — ohne Berücksichtigung des besonderen Falles [geschrieben]; mehr als schematisch [und ganz ohne Berücksichtigung seiner Psychologie]. Ich bin von der Waldorfschul-Lehrerschaft ganz grässlich blamiert worden. Dies Zeugnis hat für diesen Jungen keine Bedeutung. [Die Mutter] verliert den Kopf. Dieses Zeugnis war schon ein Prachtstück von Nonchalance, soweit man es sich denken kann. In diesem Fall haben Sie sich nicht so begabt erwiesen wie sonst. [Es war] im Stil eines ganz gewöhnlichen Mittelschullehrers [geschrieben].

Man schreibt [doch] das Zeugnis für diejenigen, welche über das Kind etwas erfahren sollen. [Dem Kinde kann man auf viel direktere Art im Laufe des Jahres das mitteilen, was man ihm zu sagen hat.] Das Zeugnis lesen die anderen! Eine Vorstellung davon, dass der junge doch das wichtigste Jahr seines Lebens verlebt hat, dass er am Ende des Jahres anders dastand als vorher, was die positiven Dinge sind, das geht nicht daraus hervor. Um ein solches Zeugnis zu bekommen, hätten wir ihn nicht auf die Waldorfschule bringen müssen. Gewiss kann man sich aufs Schulmeisterross setzen. Wir sollen doch weltmannisch sein.

Die Zeugnisse müssen mit mehr Liebe verfasst werden. Sie sind nicht mit Liebe verfasst. Auf die Schülerindividualität muss man mit mehr Liebe hinsehen. Selbst -Äußerlich [ist dieses Zeugnis] schlampig. So etwas schaut schlecht aus. Ein Zeugnis sollte übersichtlich und sauber aussehen. Es wird Kinder geben, wo man veranlasst ist, über die innere Entwicklung zu schreiben. Wenn unsere Einrichtungen so versagen, wäre es besser, wir machen nichts Riskantes. Ich fürchte, es wird noch schlimmer werden, weil doch die Sorgfalt für eine solche Individualität nicht da ist.

BETTINA MELILINGER fragt, ob das Kind L. 13. aus der 3. Klasse in die Hilfsklasse soll.

RUDOLF STEINER: Die Mutter ist schrecklich, [war schon als junges Mädchen pathologisch]. Das Kind ist nicht geeignet für die Hilfsklasse, wo wir [nur] Kinder mit einem intellektuellen oder Gemütsdefekt hinbringen sollten. Die L. B. ist bloß schlimm. Man würde sie bloß bestrafen. In die Hilfsklasse passt sie nicht hinein. Nicht alle in die Hilfsklasse hineinstecken.

A. D. — unsere Therapie wird ihm helfen. Er kann ab und zu in die Hilfsklasse kommen.

[ Jemand fragt: Ist der K. S. in der 4. Klasse wohl als normal anzusehen]?

RUDOLF STEINER: [Was ist normal? Eine Grenze ist ja gar nicht zu ziehen.] Der K. S. ist nicht abnorm. [Unter solchen Umständen kann man ein Kind in die frühere Klasse geben.]

ROBERT KILLIAN fragt wegen R. A. in der 5. Klasse, der gestohlen hat.

RUDOLF STEINE : Vier Jahre lang hat er nicht gestohlen. Jetzt fängt er an zu stehlen. Wir haben die Aufgabe, ihn zu einem ordentlichen Menschen zu machen. Es muss doch etwas sein, dass der Kontakt zwischen Lehrerschaft und Kindern nicht vorhanden ist. Wenn die Kinder völliges Vertrauen haben, ist es eigentlich gar nicht möglich, dass solche moralischen Defekte vorkommen. Den sollten Sie gerade in der Klasse behalten. Er ist kein Kleptomane. Er hat keine Mitwisser gehabt. Auf die Psychologie der Kinder muss man eingehen. Es kann ein Bravourstück vorkommen. [Es könnte so eine geheime, verschmitzte Nichtsnutzigkeit gewesen sein.] Ich habe ihm gehörig meine Meinung gesagt.

Es wird doch eingehalten werden, dass man Frau Heyer keine Kostkinder gibt? Dies muss streng eingehalten werden, dass von der Waldorfschule aus kein Kostkind vermittelt wird.

Eine Frage wegen des Schülers A. K., ob er zum landwirtschaftlichen Kursus gehen solle.

RUDOLF STEINER: Das geht nicht, er hat doch gar nichts voraus. Es ist doch einfach ein Unfug. [Über einen anderen Schüler.] Da er Hospitant ist, brauchen wir ihm keinen Urlaub zu geben.

Fräulein Michels kann kommen [zum landwirtschaftlichen Kursus]. Jemand muss sich mit den Kindern in anderer Weise beschäftigen.

Es wird nach dem anstehenden Lauteurythmie- Kurs gefragt.

RUDOLF STEINER: Zum Toneurythmie-Kurs [im Februar] hätten die Eurythmielehrerinnen und Herr Baumann gehört.

[Jetzt] bei diesem Kurs handelt es sich außer dem Sprachkursus um etwas anderes, 1912 habe ich die Lauteurythrnie aufgebaut. Dann sind eine Anzahl von Schülerinnen gekommen, Kisseleff, Baumann, Wolfram; dann hat sich so eine Weiterführung gebildet, als eine An-zahl von Eurythmistinnen da war. Das Erste hat sich traditionell vonseiten Lory Smits' fortgepflanzt. Dann ist etwas Unhomogenes hereingekommen. Dieser Kurs soll benützt werden, noch einmal von Anfang an zu beginnen. Wie weit man kommt, das wird sich erst herausstellen. Nun kann das von besonderer Wichtigkeit sein. Es kann schon sein, weil es sich um etwas handelt, was hier in der Schule gepflegt werden muss, dass dies zum Schließen des Eurythmieunterrichts führen könnte.

Für den Heilpädagogischen Kurs müsste es genügen, wenn Dr. Schubert [und Dr. Kolisko] dabei sind, [und sonst, wer gerade kann.] Wegen Geografieunterricht eine Stunde wiederholen.

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