Faculty Meetings with Rudolf Steiner II

GA 300c — 27 March 1924, Stuttgart

Dreiundsechzigste Konferenz

Weder die Weihnachtsfeier noch die Abschlussfeier, noch a adere Feierlichkeiten waren von Steiner in den vergangenen Monaten besucht worden. Jetzt konnte er zu einer Monatsfeier kommen (siehe GA 298). Dazu war er am Abend zuvor zu einer Nachtfahrt aus Dornach nach Stuttgart aufgebrochen, wo er morgens uni vier Uhr ankam.

Am Morgen war Monatsfeier. Nach der Monatsfeier gingen die Kinder nach Hause; um zehn Uhr war Konferenz.

Themen: Schülerbesprechungen. Fehlender Kontakt zwischen Lehrern und Schülern. Das olympische Thronen der Lehrerschaft. Das Altwerden der Jugend durch das gegenwärtige Schulsystem. Initiation und Erziehung. «Wir müssen den Kindern ihre Kindheit zurückgeben.» Die tragische Lebenssituation eines neueren Kollegen.

Bemerkungen: Auch in dieser Konferenz war Steiner aufs Neue der Anwalt der ,«schwierigen» Schüler, dadurch, dass er ihre Situation, ihre Hintergründe und ihre Probleme durch und durch kannte. Aus dieser Kenntnis und Haltung hatten seine Ratschläge Milde, etwas Heilendes, nie etwas Verurteilendes. Es fehlte aber auch nicht an deutlichen Worten, wenn es uni das Interesse der Lehrer für die Schüler ging. Für die kommende Ostertagung wünschte Steiner sich nicht so sehr kluge Worte, sondern «Schwung».

RUDOLF STEINER: Ich möchte vorschlagen, dass wir gleich beginnen mit der Behandlung der Disziplinarfälle, die vorliegen.

HERMANN VON BARAVALLE: [Der Schüler R. M. hat dem G. B. einen Stein an den Kopf geworfen. Er wurde zunächst suspendiert.]

RUDOLF STEINER: Diesem Vorschlag, [der zur Austragung der Sache gemacht worden ist, könnte ich nicht zustimmen. Es würde so aussehen, als ob man auf einen solchen Jungen stark wirken könnte durch diese Maßnahme, die auch etwas karikiert ist]. Wir können [eigentlich] nur aus den Erzählungen der anderen [Schüler] entnehmen, wie schlimm dieser Steinwurf war. Es ist [ja schon] wieder gut. Wir werden kaum etwas anderes machen können, als dass R. M. vielleicht Ostern bei der Tagung vor eine Abordnung oder vor das ganze Kollegium gefordert wird, und wir werden ihn dann vornehmen. Ich will ihn dann [auch] vornehmen. Hat der Vater reagiert?

Jemand antwortet: Der Vater gibt es auf, den R, M. auf der Schule zu lassen,

RUDOLF STEINER: In Bezug auf den R. M. wollen wir beschließen, dass wir ihn, wenn ich komme, vornehmen. Es ist ja natürlich ein schwerer Fall, aber dass wir ihn ausschließen, würde sich doch nicht empfehlen. Er ist ja immer nach einiger Zeit wieder ordentlich, wenn ihm so etwas zu Gemüte geführt worden ist. Einige Zeit hält es an. Es muss immer ein besonderer Anlass vorliegen, wenn er so ausartet. Dann tut es ihm [wieder] leid.

MARTHA HAEBLER referiert über den Fall der G. S., eines Mädchens in der 6, Klasse. Sie war von den Leuten, bei denen sie untergebracht war, ausgerissen, wollte zu Fuß zu ihrer weit entfernt wohnenden Mutter gehen, war aber unterwegs von der Polizei aufgegriffen worden. Rudolf Steiner hatte von dem Onkel des Kindes einen Brief bekommen, in dem erwähnt war, dass die Pensionsmutter sich moralisch abträglich über das Kind ausgesprochen hatte.

RUDOLF STEINER: [Sind wir denn eine Anstalt zur Bewunderung braver Kinder?] Die Kinder sind nicht so, wie man sie gerne haben will. Das Ganze zeigt nur, dass die Frau Dr. [Eva?] Meyer, [bei der sie wohnt], keine Hand für das Kind hat. Man sieht natürlich, dass nicht die geringste Hand dafür vorhanden ist, das Kind zu behandeln. Wir haben die Aufgabe, die Kinder zu erziehen, und nicht die Kinder in ihrer Bravheit zu behandeln, Der Fall würde begründen, dass man ihr niemals ein Kind gibt. Der Brief [von dem Onkel] ist sehr besonnen geschrieben. Es ist schon ärgerlich, wenn man so etwas über ein Kind sagt. «Dirne» ist eine solche Albernheit, dass man schon kein Wort findet, um diese Albernheit zu charakterisieren. Es geht nicht, man muss Frau Dr. Heyer davor behüten, dass sie jemals in unsere Angelegenheiten hineinkommt. [Das Kind hat einen ausgezeichneten Charakter.] Sie ist [körperlich] nicht ganz normal, ist [etwas] unter ihrer notwendigen Größe. All die Dinge zeigen, dass man das Kind sorgfältig behandeln muss. Das Kind hat es als etwas zu hart empfunden. [Man muss dem Kind eine andere Unterkunft verschaffen.] Gegenüber dem Kinde lässt man die Sache abgetan sein und sagt ihr nur, dass sie nach Ostern in eine bessere Pflege kommt. t Es ist gut, wenn wir dem Onkel schreiben, dass wir nicht einverstanden sind mit dem Verhalten von Frau Heyer.]

Der Kontakt zu den Kindern ist [in der Waldorfschule noch] nicht in der genügenden Weise vorhanden. Wir haben die sorgfältige Methode. Die verlangt aber auch, dass die Kinder nicht sich selbst überlassen sind, weil sie das Bedürfnis bekommen, mit der Lehrerschaft in Kontakt zu sein. Bei dieser Methode geht es nicht, dass die Lehrerschaft in olympischer Höhe über den privaten Verhältnissen der Kinder thront. Die Kinder müssen [auch ein bisschen] ein menschliches Verhältnis zur Lehrerschaft haben.

B. B. hat sich von mir verabschiedet. Er geht jetzt weg. Damit entfällt die Notwendigkeit, irgendwelche Maßregeln gegen ihn zu ergreifen.

KARL SCHUBERT berichtet über den Schüler H. II., der gestohlen und sich schamlos unanständig aufgeführt hatte.

RUDOLF STEINER: Das ist ein schwieriger Fall. Bei H. H. ist zu be-denken: Ein eigentlicher Vater ist nicht vorhanden. Die Mutter, die wirklich immer eine unglückselige Frau war, konstitutionell innerlich haltlos, hing an dem Buben. Sie wusste sich nicht zu helfen, war unruhig geworden über jede Nachricht, die sie von Stuttgart bekam. Sie wusste nicht, ob sie das Geld hatte, ihn noch hier zu lassen. All diese Haltlosigkeit ist bei ihr konstitutionell. [Sie ist psychisch ganz labil.] Das ist ja zum Ausdruck gekommen dadurch, dass sie [jetzt] hier in eine Irrenanstalt kommt. Das hätte ebenso gut schon früher eintreten können. Es könnte gut 7.0 dem früheren Zustand wieder zurückführen.

Alles das, was diese Frau psychisch hat, ist heruntergeschlüpft vorn Astralleib der Mutter in den Ätherleib des Buben, ist ganz organisch in den Jungen eingezogen, sodass der im organischen Verhalten ein getreuliches Abbild von dem psychischen Verhalten der Mutter ist. Im Astralleib ist es nur Urteilsunsicherheit, nicht wissen, was man tun soll. Bei ihm ist es: sich gerne exponieren. Nehmen Sie selbst den eklatantesten Fall, dass der Junge sich zum Fenster herunter schamlos verhält. Die Mutter bleibt beim Urteilen, bei ihr ist es eine psychische Krankheit, sich in schamloser Weise vor dem Jungen mit der Seele sehen zu lassen. Das ist medizinisch bekannt. [Bei dem Jungen kommt es zum physischen Exhibitionismus. Hier kann man sehen, wie Vererbung wirklich vor sich geht. Was bei den Eltern seelisch vorhanden ist, das zeigt sich in der nächsten Generation leiblich.]

Nicht wahr, ich bin mir klar darüber, dass es bei diesem Jungen darauf ankommt, dass man ihn mit Wohlwollen bis zum achtzehnten, neunzehnten Jahre bringt. Dann wird sein Gewissen sprechen. Er muss sich erst denjenigen Teil seines Ichs aus der vorigen Inkarnation, der das Gewissen begründet, [richtig eingliedern}. Der ist noch nicht richtig eingegliedert, sodass [bei ihm] das Gewissen [noch] in keiner Weise spricht bei Dingen, bei denen bei anderen das Gewissen spricht. Er experimentiert mit all diesen Dingen, wie man immer experimentiert mit dem oberen Menschen, wenn der untere Mensch nicht dasjenige in sich hat, was ihn fest und stramm hält. Das ist etwas, was bis zum achtzehnten, neunzehnten Jahre dauern wird. Man muss ihn wohlwollend behandeln, sonst hat man es sich auf das [eigene] Gewissen geladen, dass man ihn vorher [sich] korrumpieren lässt, und dass das, was [sicher] noch heraufkommen wird, korrumpiert bleibt. Der Junge ist begabt; aber seine Begabung hält nicht gleichen Schritt mit der moralischen Verfassung. Moral insanity ist bei ihm organisch vorhanden. [Nun] muss man solche Kinder durch wohlwollendes Verhaken über ein gewisses Alter hinwegbringen. Ohne dass man gutheißt, [was sie tun]. Das, was zu einem Diebstahl bewusst gehört, das war gar nicht vorhanden in dem Fall, als sie das Geld versteckt haben und so weiter. [Zu Karl Schubert] Behalten Sie ihn gleich [in der Hilfsklasse], das wird ihm sehr gut bekommen.. Er soll weiter ebenso behandelt werden wie bisher.

Viel unangenehmer für uns als Anthroposophen ist das Ereignis mit der Mutter. Als auslösendes Moment hat sicher gewirkt, dass sie an den Ort kam, an den sie immer gedacht hat.

Sie hat immer an Stuttgart gedacht.

ALEXANDER STRAKOSCH berichtet über die Schüler, die sich in der Schule politisch zu betätigen beginnen.

RUDOLF STEINER: Dann [sind da] noch die Fälle, die ja zu den Zeiterscheinungen gehören, die deutschvölkischen Umtriebe in der Schule. [Über die wurde mir ja schon berichtet.] Ich kann nicht das Gefühl haben, als wenn diese Bewegung [nur] von Maikowski allein ausgehe. Es fragt sich, ob die Jungen das aus bloßer Nichtsnutzigkeit tun, oder weil sie einer Gruppe angehören. Dieser Sache ist sehr schwer beizukommen. [Man kann] nur positiv etwas dagegen tun, nur indem man in irgendeiner Weise dasjenige pflegt, dem sich diese Jungen und Mädchen ebenso gut anschließen. Denken Sie einmal, das Nationalistische braucht [ja] in einem solchen Alter keine [so große] Rolle zu spielen. Aber was sie anzieht, das ist alt der Klimbim [und Trara]. Und da entsteht [dann] das Urteil: Ja, unsere Waldorflehrer sitzen am Sonntag daheim, machen ein Gesicht bis ans Bauch, meditieren und so weiter. Der Dölker ist ein ganz anderer Kerl! Was sind das für nette Leute! — Wenn man dem nichts entgegenstellt, ist es ganz geeignet, unter Umständen große Dimensionen anzunehmen. Das olympische Thronen der Lehrerschaft ist eben doch etwas zu stark Ausgebreitetes.

[Da würde es schon nötig sein, dass dem von uns aus etwas anderes entgegengestellt würde. Sie brauchen das nicht alles selber zu machen.] Fördern Sie diese Absichten von Dr. Lehrs, damit die Kinder etwas zu tun haben. Mir schien es ganz einleuchtend, dass wir uns, wenn wir vorsichtig [in der Auswahl sind, [unsere eigenen treuen jungen Leute aus der Bewegung heranziehen, um Ausflüge und so weiter zu veranstalten]. in Bezug auf die Beweglichkeit, die man braucht, um so etwas zu arrangieren, da könnten selbst die Waldorflehrer noch etwas lernen. Sonst bleibt [immer] dieses olympische Thronen [bestehen]. Die Führung der Schule muss doch [immer] die erste Pflicht des Kollegiums sein. [Aber so etwas sollten Sie einrichten.] [Diese nationalistischen Dinge] können unter Umständen sehr weite Kreise ziehen, sodass wir ein Corps von Raubeinen kriegen. Die Gesinnung fürchte ich gar nicht so sehr als die Raubeinigkeit. Wenn [aber] die Schüler das Bewusstsein haben, wir sind [da] mit den Lehrern zusammen, die Lehrer sind nicht drinnen [wohl: in den Häusern am Sonntag], dann kann das nicht verfangen.

Das spielte auch eine große Rolle bei den Debatten, die wir in Dornach über die Begründung der Jugendsektion hatten. Es muss uns gelingen, innerhalb der Jugendsektion die Möglichkeit herbeizuführen, eine Art Gegenströmung gegen [alle] diese Bestrebungen zu enden, [die sehr weit gehen]. Denken Sie nur an die freimaurerischen Ordensgründungen in der Jugend, die eine starke suggestive Gewalt auf die Jugend ausüben, die überall in dem Sinne wirken, dass sie sich die nationalistischen Aspirationen zunutze machen. Die Jugendbewegung als solche bei uns müsste schon in irgendeiner Weise mit der besorgten Führung des Lehrerkollegiums in einen guten Zusammenhang gebracht werden. Es ist [hier] alles [noch immer] viel zu gesondert, noch viel zu atomisiert. Die Lehrerschaft von hier müsste dem allgemeinen Stuttgarter Prinzip, nur ja nicht zusammen, sondern immer trennend zu wirken, die Lehrerschaft müsste dem etwas entgegensetzen. Die Lehrerschaft müsste viel mehr zusammenarbeiten.

Es wird eine Frage gestellt wegen des nächsten Abituriums.

RUDOLF STE1NER: Die Kinder [der letzten Klasse] haben mir geschrieben, sie möchten mit mir sprechen. Das kann ich nur tun, wenn ich am Dienstag zur Tagung komme. Dann möchte ich bitten, dass man die ganze Klasse bestellt.

Im Ganzen finde ich ja, dass das Ergebnis des Abiturs eigentlich in eklatanter Weise gezeigt hat, dass all die Dinge, [die wir besprochen haben], weiter gelten. Es wäre selbstverständlich besser, wenn wir eine besondere Klasse anreihen könnten und die Waldorfschule rein erhalten könnten von dem Fremden, das doch dadurch hereinkommt. Das bleibt bestehen selbstverständlich, was wir darüber besprochen haben, daran soll nicht gerüttelt werden. Aber es scheint doch die Statistik des Ergebnisses darauf hinzuweisen, dass das schlechte Ergebnis vielfach zusammenhängt damit, dass die Schüler in dem Moment, wo sie ihre Aufgaben für sich allein lösen sollten, nicht zurechtkamen, weil sie [wohl] zu sehr gewohnt waren, im Chor die Sachen zu lösen. Sie wissen, dass es sehr nützlich ist, die Kinder im Chore zu beschäftigen, dass aber dann immer sich herausstellt, dass die Klasse im Chorsprechen einen besseren Eindruck ergibt, als wenn die Schüler allein sich betätigen sollen. Es hat ja an Zeit gemangelt, aber es scheint, als ob die Schüler zu wenig dazu veranlasst worden sind, Probleme allein zu lösen. Das verstanden sie nicht richtig. [Sie waren schockiert über Einzelaufgaben.] Sie hatten einen Schüler — ich habe schon den Eindruck, dass das Gute, das mit dem Chorsprechen zusammenhängt, etwas übertrieben wird, [dass man zum Beispiel], wenn ein paar Unruhestifter da sind, schnell im Chor sprechen lässt. Es hat sich zur Gewohnheit gemacht, dass nur mit der ganzen Klasse gearbeitet wird. Es ist nicht ein Einlaufen in das Behandeln der Schülerindividualität. Das scheint mir die Quintessenz dessen zu sein, was gefehlt hat. [Wir dürfen uns] keiner Illusion hingeben: Für unsere Schule nach außen hin ist das Ergebnis doch ein recht ungünstiges. Wir haben von neun Schülern fünf durchgebracht. Sie sind nicht glänzend durchgekommen. Was wird [nun] mit denen, die nicht das Abiturium gemacht oder bestanden haben? Alle diese Dinge müssten mit mir am Mittwoch, wenn ich gekommen sein werde, in Gegenwart der Lehrer der letzten Klasse besprochen werden.

[Auch mit denen, die nicht bestanden haben, will Rudolf Steiner sprechen.]

ERICH SCHWEBSCH bittet um weitere Richtlinien für die pädagogische Ostertagung in Stuttgart.

RUDOLF STEINER: Den Vorstandsbeschluss über diese Tagung haben wir unter dem Gesichtspunkt gefasst, dass durch eine solche Behandlung die [ganze] Bedeutung der Waldorfschule innerhalb [des Erziehungssystems] der Gegenwart zum Ausdruck kommen könnte, dass man auf die Wichtigkeit des Waldorfschul-Prinzips in eklatanter Weise hinweisen könnte. Dass man es da und dort sagt, warum eine Waldorfschule und eine solche Methodik notwendig ist. [Da ist gerade Gelegenheit, bei dieser Art Systematisierung darauf hinzuweisen, dass die Leute merken], es ist ein Unterschied zwischen der Waldorfschul-Pädagogik und anderen Reformbestrebungen. [Dann] der andere Gesichtspunkt, der eben darin bestünde, dass man hier [das] wirklich praktisch durchführt, [was in den Briefen an die Jugendbewegung im «Nachrichtenblatt» gesagt ist].

Dieser zweite Brief an die jüngeren Mitglieder, der besagt [eigentlich], dass gegenwärtig die Menschen [gar] nicht gut tun, als Kinder geboren zu werden. Es ist wirklich so, wenn jetzt Menschen als Kinder geboren werden, so werden sie in eine Erziehungsmethode hineingespannt, die sie verkümmern lässt einfach, die ihnen die Notwendigkeit auferlegt, alt zu sein, Ob mir einer dasjenige, [was heute als Zivilisationsinhalt gilt], in meinem achtzehnten Jahr sagt oder mit fünfundsiebzig Jahren, das ist ganz gleichgültig. Es lautet gleich, ob ich es als Achtzehnjähriger oder Fünfundsiebzigjähriger aufnehme, Die Dinge sind wahr oder unwahr. [Das beweist man logisch oder widerlegt man logisch.] Sie gelten oder gelten nicht. Nun wächst man aber in ein solches Verhältnis erst mit achtzehn Jahren hinein, sodass man sich entschließen müsste, [gar nicht in einen Kinderkörper zu kommen, sondern] in einen achtzehn-, neunzehnjährigen Körper hineinzukommen. [Dann geht es allenfalls.]

Wenn heute ein [früherer] Initiierter geboren wird, [so kann er nicht wieder als Initiierter wirken, wenn] er durch die gegenwärtige Schule [gegangen ist]. Ich habe das auseinandergesetzt [in Vorträgen in Dornach über die] Garibaldi-Inkarnation. [Er war ein Initiierter, aber] die frühere Einweihung konnte nur so zum Vorschein kommen, [wie er dann geworden ist], weltentrückt, ein praktischer Revolutionär. [...]

[Es folgten noch weitere Ausführungen Rudolf Steiners über Garibaldi, die aber nur völlig fragmentarisch nachgeschrieben worden sind.] [Das ist nur ein Beispiel, wie heute] der Mensch dasjenige, was in ihm ist, gar nicht herausbringen kann. Wir müssen tatsächlich den Kindern ihre Kindheit zurückgeben! Das ist eine Aufgabe der Waldorfschule.

[Von einer Anzahl junger Leute in Dornach sind Antworten erfolgt auf die Ankündigung der Jugendsektion.] Die Jugendsektion ist [sicher sehr] ehrlich [und aufrichtig] gemeint. [Mir fiel vor allem dabei auf, wie alt diese Jugend ist.] Die Dornacher Jugend ist [so] alt. Sie reden [alle] alte Dinge. Sie können nicht jung sein. Sie möchten jung sein, das sitzt [aber nur] im Unterbewusstsein. Was [aber] in ihren Kopf hineingegangen ist, [ist vielfach greisenhaft]. Das ist so klug, [so fertig]. Die Jugend muss doch [auch] töricht sein können. Das spricht aber alles so verständig und abgewogen, so gar nicht töricht. Mir gefällt es noch am besten, wenn [dann] törichte Dinge kommen, [die ja unangenehm sind], das gefällt mir am besten. [Bei einer Jugendversammlung in Dornach vor Kurzem, was da geredet wurde, das war so gescheit, als ob es Professoren geredet hätten.] Ich sagte [etwas als] Witz, das haben sie ernst genommen. Es ist richtig ein Gescheitheitsrock, der [da] angezogen wird, der an allen Ecken und Enden nicht sitzt. Das tritt in den Reden zutage. — Man fühlt sich [selbst] ganz kindlich, wenn die Jugend heute redet?

[Solche] Dinge [über die Aufgabe der Waldorfschule gegenüber der Jugend] müssten mit einem gewissen Schwung [hier] bei der Ostertagung herauskommen. Wir müssen nicht [bloß] kluge Abhandlungen halten, sondern Schwung haben. [Man müsste etwas] Klugheit walten lassen beim Aussprechen [des Zusammenhangs von Anthroposophischer Gesellschaft und Schule, damit man die Leute nicht vor den Kopf stößt], damit die Leute nicht sagen: Jetzt haben sie das durchgeführt, was von Anfang an die Schule sein sollte, eine Anthroposophenschule. Wir müssen dagegenhalten, dass wir] die Anthroposophie erweitert [haben], um solche Dinge machen zu können, die allgemein menschlich sind, [müssten zeigen, dass] die Anthroposophie geeignet ist, etwas allgemein Menschliches zu bringen. Wir müssen [das aber auch im Einzelnen] einhalten. Wir müssen nicht [zu stark] den Eindruck hervorrufen, dass wir Anthroposophie dozieren. Wir müssen die [anthroposophische] Wahrheit verwerten [in der Schule], nicht, dass wir theoretisch Anthroposophie dozieren. Das waren die Gesichtspunkte, die wir dazumal gehabt haben. Diese Dinge werden vom Dornacher Vorstand mit großem Interesse verfolgt. Er will sich von allem informieren und an allem mitarbeiten. Er muss sich einschleifen. [Es werden in den Briefen im «Nachrichtenblatt» ja nach und nach alle Seiten des Anthroposophischen behandelt werden.] [...] [Bemerkungen zum Hochschulkurs.]

Die Leute in Bern haben die Absicht, [bei dem pädagogischen Kurs vor Ostern] die Lehrer [der Waldorfschule] nicht aufzufordern zu ausführlichen Vorträgen, sondern zu einleitenden Bemerkungen, an die sich Diskussionen anschließen sollten, die wie üblich vorgeschlagen waren.

Es wird gefragt, ob man die jetzigen beiden 8. Klassen zu einer 9. zusammenlegen soll.

RUDOLF STEINER: Es ist nicht leicht, eine Lehrkraft zu enden. Die dritte 5. Klasse müsste notwendiger sein als die zweite 9. I)a wäre möglich, die zusammenzulegen. Diese Kinder sind vierzehn bis fünfzehn Jahre alt. Dass man mit diesen Kindern nicht fertigwerden sollte, das darf es nicht geben. Es ist schwierig, eine geeignete Lehrkraft jetzt zu finden. Ich habe mich damit beschäftigt. Die ganze Sache wollen wir später besprechen.

Es wird gefragt, ob es nicht erzieherisch besser wäre, wenn die oberen Klassen auch für dauernd einen Klassenlehrer hätten, so wie die unteren.

RUDOLF STEINER: Das, [was nötig wäre], wird nicht durch einen Klassenlehrer erreicht, wenn der nicht die nötigen Dinge dazu tut. Es wäre schon notwendig, dass dies das Bestreben aller derjenigen wäre, die oben in den Klassen sind. Dass es eine so große Bedeutung haben kann, [einen Klassenlehrer zu haben], glaube ich nicht. Wenn wir alle das Bestreben haben, den Kindern nahezukommen, dann kann ich nicht einsehen, warum man das reglementieren muss.

ROBERT KILLIAN fragt wegen einer in Aussicht genommenen Ferienkolonie in Siebenbürgen.

RUDOLF STEINER: [Mit Aufsicht kann man es machen.] Ich kann mir [aber] schwer den Modus vorstellen, wie das gemacht werden kann. In der Schweiz haben sich Einzelne von Schweizern gemeldet. Dort sind andere Verhältnisse. Da ist es sehr östlich. Man macht dort eigentümliche Erfahrungen. Im Winter [1889/90] bin ich zu einem Vortrag nach Hermannstadt gefahren. Da ist es mir passiert, dass ich in Budapest den Anschluss nicht erreichen konnte. Ich musste über Szegedin fahren, kam um zwei Uhr nachmittags in Mediasch an. Da sagte man mir, dass ich dableiben müsste bis zwei Uhr. Ich kam in den Ort, kam zu einem Kaffeehaus. Den Schmutz musste man mit dem Messer herunterschneiden. Dann kamen die Spieler. Das war etwas Vulkanisch-Stürmisches in den Astralleibern, die sich ineinanderknäuelten. Es geht mit Schwung und Enthusiasmus zu. Das Zimmer war neben. dem Schweinestall. Die Stube war ein Wanzengeruch. In diese Regionen kommt man dort. Man muss die Kinder schützen vor den Ergebnissen der Erfahrung. Zerbissen werden sie von den verschiedensten Insekten.

[Zur Sammlung des deutschen Auslandsinstituts:] Das könnte man ganz gut machen. [Zur Zulassung Mollenkopfs zur Jugendfeier, der seine Kinder in den freien Religionsunterricht schicken will:] Ihm sagen, dass wir von der Usance abkommen. Pedantisch brauchen wir in keiner Maßregel zu sein. I. K. kommt dann hinüber zu Fräulein Uhland.

Mit einem der Lehrer, Carl Albert Friedenreich, hatte es große Schwierigkeiten gegeben.

RUDOLF STEINER: Ich hatte den Eindruck, wir [sollten] Friedenreich einen Urlaub geben, ihm Gelegenheit geben, sich zu sammeln. Ich habe es nicht in anderer Art gemeint. Ich bekam den Eindruck, dass er einer Erholung bedürftig sein könnte. Es ist [nun] die Frage, wie weit man ihn brauchen kann in der Schule. Wenn er sich intensiv beschäftigt fühlen würde, dann ist es möglich, ihn zu halten. Er ist labil, sagt Baumann. Er kann nicht genug Klavier spielen, um das zu machen. Er war leicht beleidigt. Wir können doch eigentlich nichts anderes mit ihm machen als ihm Erholung gönnen und ihn dann wieder nehmen. Wir können doch kaum etwas anderes mit ihm machen.

Was den Fall als solchen betrifft, so möchte ich doch sagen, dass es mir notwendig erscheint, dass wir unser Augenmerk darauf lenken, dass nicht solche Dinge sich entwickeln [wie die Aussprachen mit den Schülern]. Wohin kommen wir, wenn wir Aussprachen von Gleich zu Gleich hervorrufen, sodass die Schüler [etwas gegen die Lehrer vorbringen]. So geht es doch nicht. Das hat schon in dem damaligen Fall, wo es zu einem Ausschluss von Schülern kam, zu nichts geführt. Jetzt soll das wieder kommen, dass ein paar beliebige Schüler kommen und sich mit den Lehrern aussprechen wollen. So geht es [doch] eigentlich nicht. Das hat schon in den damaligen Fällen, wo es zu einem Ausschluss geführt hat, zu nichts geführt. Gewiss, Frieden.reich macht alle [diese] Sachen, [aber] wir können doch schließlich nicht ganz die Autorität der Lehrer untergraben lassen von den Schülern. [Das kommt dann heraus, wenn] wir [die Lehrer] aburteilen lassen von den Schülern. Das ist etwas Schreckliches. Die Schüler sitzen dann zu Gericht über die Lehrer. [Das müssen wir vermeiden.] Gewiss, der eine schnauzt sie mehr an, der andere weniger; der eine ist geistreich, der andere weniger und so weiter. Aber solche Unterredungen, die die Schüler machen, wo die Schüler den Lehrer vor das Tribunal fordern, das dürfte nicht ernsthaft genommen werden. Das geht doch nicht. Sonst kommt das zustande, was schon einmal vorgeschlagen ist, dass nicht die Lehrer die Zensuren geben, sondern die Schüler von Woche zu Woche ihre Befähigungsurteile über die Lehrer geben. Man muss schon darauf eingehen, ihn nur in den unteren Klassen zu beschäftigen. Viel anderes wird man nicht tun können.

Er [Friedenreich] wird in solche Dinge immer wieder hineinver-fallen. Ja, ist das so schlimm, die Sache mit L. W.?

PAUL BAUMANN antwortet.

RUDOLF STEINER: Wir werden nach Ostern ihn in den unteren Klassen beschäftigen. Er soll schon fühlen — das wird längere Zeit [brauchen] —, dass es nicht geht, wenn er sich so benimmt. Es müssen ihm schon Vorhaltungen gemacht werden. Es muss ihm gesagt werden, dass man ihn eventuell dauernd auf Urlaub schicken müsste. Man kann nicht Gespräche zu Gleich und Gleich zwischen Lehrern und Schülern herbeiführen. Es ist ein Kreuz mit ihm. Er ist doch ein guter Mensch auf der anderen Seite. Er hat nicht den richtigen Anschluss gefunden, das ist auch wieder [dabei]. Man muss bei ihm lavieren. Es wird ja doch der Zeitpunkt kommen, wo er sich in der Schule ganz unmöglich macht. Wir müssen ihm aber jetzt die Gelegenheit geben, sich zu rehabilitieren, Ich fürchte, er wird sie nicht ergreifen.

In einem solchen Falle gibt es in der Regel keine andere Hilfe, als dass der Betreffende einen Freund oder eine Freundin findet, auf den er selber etwas gibt, an den er sich anschließt, und der ihm nach und nach aus seiner Kindlichkeit {heraushilft]. Denn auf eine gewisse Kindlichkeit ist alles bei ihm abgestimmt. Trotz seiner musikalischen Begabung ist er in einer Ecke seines Wesens Kind geblieben. Er ist auf derselben Stufe, auf der die Schüler auch sind. Das bewirkt alles andere.

Die Wohnungsverhältnisse scheinen ja schrecklich zu sein, aber wie hängt das eine mit dem anderen zusammen? Piper hat geschrieben und gesagt, dass das Waldorflehrerkollegium sich nicht um Friedenreich kümmere, der in schrecklichen Wohnverhältnissen lebt. Ich kann nur nicht einsehen, was [sein Verhalten] mit den Wohnungsverhältnissen zu tun hat. Ein anderer kann noch schlechtere Wohnungsverhältnisse haben und kommt doch nicht darauf, in der Schule Schülerinnen von einem anderen küssen zu lassen. Schülerinnen zu küssen, das kommt ja schon öfter vor, aber sie auch von anderen küssen zu lassen, das ist doch nicht etwas, was mit den Wohnungsverhältnissen zu tun hat. [...] [Weiteres dar üben] Er ist ein armer Mensch. Er musste einen Freund finden; den hat er nicht gefunden. Dann hätte er einen Halt. Eine andere Hilfe gibt es nicht für so jemanden. Er hat offenbar nichts, wo er sich gerne hinwendet, Er ist vielleicht durch einen Fehler des Karmas hier ins Lehrerkollegium hineingekommen. Wenn er einen Menschen finden könnte, mit dem er zusammengehört, dann würde das doch schon eintreten, was ich gesagt habe. Aber ich glaube, es ist im ganzen Kollegium niemand, mit dem der Friedenreich sich zusammenfinden [und mit ihm befreundet sein] könnte. Es ist, vielleicht nicht von der Größe, aber [doch] so, wie bei Hölderlin, aber nicht in der Größe.

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