Faculty Meetings with Rudolf Steiner II

GA 300c — 21 June 1923, Stuttgart

Fünfundfünfzigste Konferenz

Am 20, Juni reiste Rudolf Steiner nach Stuttgart. Am Morgen des nächsten Tages wurde am Nachmittag eine Konferenz abgehalten, Am 22. Juni war Generalversammlung der Aktiengesellschaft eiDer Kommende Tag». Steiner legte den Vorsitz des Aufsichtsrats nieder und schied aus dem Aufsichtsrat aus.

Die Bitte Steiners an die Mitglieder in Stuttgart begann sich auszuwirken; er wurde weniger beansprucht und bekam mehr Zeit für die Schule, Im April, Mai, Juni und Juli war er acht Mal in der Schule zu Konferenzen und zu Unterrichts-besuchen. So auch am 21 .Juni. Er sah sich verschiedene Klassen an, machte sich Sorgen um die Art, wie Interpunktion gelehrt wurde, und stellte eine gewisse «Verwilderung der Schule. fest.

Am 23. Juni kehrte Steiner nach Dornach zurück. Am 2.1uli reiste er wieder nach Stuttgart, machte vor und nach der Konferenz Unterrichtsbesuche, Am 5. Juli besprach er die pädagogischen Probleme der 9. Klasse mit dem Verwaltungsrat, nachdem er mit einer Gruppe von Schülern gesprochen hatte. Sein Fazit: «Es sind Prachtkerle!»

Am 6. Juli reiste er nach Dornach zurück.

Themen [55. und 56. Konferenz]: Schwierigkeiten in der Handhabe des schulischen Alltags. Schwierigkeiten in der 9. Klasse. Beispiele, wie Interpunktion lebendig erlernt werden kann: «Den künstlerischen Bau des Satzes kann man schon, ohne pedantisch zu werden, anregend mit den Kindern besprechen.» Steiners Darstellung von Menschen ohne Wesenskern, ohne Ich.

Bemerkungen: Bis heute ist die in der. Konferenz vorn 3. Juli 1923 aufgekommene Thematik der «ichlosen» Seelen nicht abschließend erforscht worden. Die Frage nach dem Wesenskern des Menschen ist letztlich eine der Ethik, des moralischen Seins und Handelns. Dass in diesem Zusammenhang Steiner auf Schwierigkeiten bei der Verkörperung hinweist., die einen ethischen Lebens-wandel verhindern oder erschweren können, ist aus heutigen- Sicht vielleicht leichter verständlich als vor hundert Jahren.

Im Übrigen hatte man für das betreffende Mädchen in der 1. Klasse viel getan. Es ist verbürgt, dass es einen glücklichen, gewöhnlichen Lebenslauf durchmachen konnte, trotz eines angeblich schwierigen sozialen Hintergrundes. Sehr bedeutend erscheint der Hinweis zu einer heileurythmischen Übung (siehe auch Konferenzen 61 und 67).

RUDOLF STEINER: Was mir jetzt Sorge macht in Bezug auf die Schule, das sind Dinge, die wirklich so sind, dass es mir durch den Kopf gegangen ist, dass ich eigentlich nächste Woche zwei Tage [hier] werde zubringen müssen. Es sind zweierlei Dinge, die natürlich besprochen werden müssen. Aber heute können wir nichts anderes tun als uns auf die nächsten Sorgen einlassen.

Nun nicht wahr, gewiss alle diese Punkte, die wir gestern angeführt haben, die sind wichtige Punkte. Aber heute ist erstens die Interpunktionsfrage, die mir viel Sorge macht nach dem, was ich heute Morgen in den verschiedenen Klassen gesehen habe. Und das Zweite, was wir vor allen Dingen werden lösen müssen, das ist eine gewisse Verwilderung der Schule, die wirklich nicht leichtgenommen werden darf.

Gehen wir von diesem bestimmten Punkte aus. Nehmen wir die Klasse 9b, um sie als Ausgangspunkt zu betrachten. Ich kenne die Dinge aus den Schilderungen der Lehrkräfte. Heute Morgen war die 9b anständig. Sie haben mir nur Sorge gemacht durch die Art, wie sie schreiben. Das kann nicht so bleiben.

Aber, nicht wahr, die moralische Verwilderung, da würde ich Sie bitten, dass diejenigen, die über diese moralische Verwilderung zu klagen haben, diese Klagen objektiv vorbringen würden.

Zunächst habe ich gehört von Herrn und Frau Dr. Schwebsch. Und dann, da es Ihre Klasse ist, würde ich Sie darum bitten, darauf sich zu äußern.

ERICH SCHWEBSCH: Ich konnte versuchen, was ich wollte, es war nie möglich, eine ehrfürchtige Stimmung zu erzeugen. In ihrer Respektlosigkeit dem Großen in der Kunst gegenüber; R. M., R. W., M. 5., mitgerissen G. B. Gefährlich sind für die Stimmung R. W., R. M. und O. L. Der R. W. ist im Stadium der Pubertät und beträgt sich wie ein Gimpel. R. M. hat die Buben aufgewiegelt. Es gibt Buben und Mädchen in der Klasse, die Ausgezeichnetes leisten können.

R. W. ist Linkshänder.

FELICIA. SCHWEBSCH: In der 9a habe ich niemals Schwierigkeiten bemerkt. Sie berichtet auch über die 9b.

RUDOLF STEINER: Den R. M. haben wir seit Frau Koegel. R. W. ist wie lange da?

HERBERT HAHN und GERTRUD MICHELS berichten, dass auch die Türen des Lehrer-WCs beschmiert wurden.

MAX WOLFFHÜGEL: Sie sind gut in der Arbeit. Die Klasse will den R. M. heraushaben. R. W. passt auch nicht hinein. M. S. ist ein Kindskopf.

Andere Lehrer berichten.

RUDOLF STEINER: Zunächst möchte ich sagen, der R. M. leidet an Verfolgungswahn und ist außerdem ein ausgesprochener Frauenhasser. Der R. W. scheint ein [etwas] schwachsinniger Bursche zu sein. M. S. ist schwachsinnig, ebenso G. B. Es liegen Psychopathien vor. Und dieses Frauenhassertum vom R. M. wirkt auf andere ab. Das ist schon der Fall. Nun wäre es natürlich namentlich interessant, ob nicht ein großer Teil seiner Ungezogenheiten mit diesem Kapitel zusammenhängen. Die Ungezogenheiten, die ich kennengelernt habe, kommen aus dieser Ecke heraus.

HERMANN VON BARAVALLE: R. M. hat einen sehr strengen Vater, der von ihm so spricht: R. M. wird einmal ein Schieber.

Ich brauche immer alles, um ihn so zu machen, dass ihn die Klasse nicht stört. Ich finde bei jeder Ungezogenheit einen Fehler bei mir. Die Kinder müssten das Gefühl eines durchgehenden Fadens im Unterricht haben.

RUDOLF STEINER: Kein leichter Fall! R. M. ist jener Knabe, der [zuerst] in der 4. Klasse war als eine Art verprügelter Junge, von Haus aus. Dazu kam, dass er sich in der 4. Klasse außerordentlich schlecht behandelt fühlte von der Frau Koegel, und manche Dinge, die er vorgebracht hat, nahmen in der Phantasie besondere Färbungen an. Die Dinge, die er vorbrachte, schienen mir so, dass er auf Frau Koegel einen unsympathischen Eindruck gemacht hat, und dass sie ihn auszankte. Und nun hat er sich subjektiverweise berechtigt geglaubt [zu denken] Frau Koegel hätte in der Klasse ihre Lieblinge, und er sei der Schlimmste, er sei zurückgesetzt. Und nun war es dazumal zu einer kleinen Krisis gekommen, namentlich weil Frau Koegel nicht stramm dabeigeblieben ist. Sie hat mancherlei dezidiert zugeben müssen. Der junge ist in der 4. Klasse nicht entsprechend behandelt worden, sodass keine Möglichkeit vorlag, als Fräulein Doktor [Caroline von Heydebrand] zu bitten, ihn in die 5. Klasse zu nehmen. Wir haben uns dazumal Sorgen darüber gemacht. Aber nun hatten Sie ihn von einem bestimmten Zeitpunkt ab. Wie war es denn? Von Ihrer Hand hat ihn Baravalle übernommen.

CAROLINE VON HEYDEBRAND: Ich habe in der 5. Klasse keine Schwierigkeiten gehabt. Er hat einen starken Eindruck bekommen.

RUDOLF STEINER: Dieser Eindruck beruht darauf, dass der Junge damals — er war vier Jahre jünger — den Eindruck bekommen hat, es gibt noch eine Gerechtigkeit. Es mag später nachgelassen haben, aber damals hat er den Eindruck bekommen. Er hat gefunden, alle Welt ist ungerecht, aber es gibt noch eine Gerechtigkeit. Nun ist er Psychopath. Nun, nicht wahr, seither kommt mir vor, dass der junge — was soll man machen, der junge ist nur zu behandeln, wenn er Vertrauen hat zu irgendjemand. Es mag vonseiten der Lehrer berechtigt sein, aber was er verloren haben muss, das ist das Vertrauen. Er muss das Vertrauen verloren haben. Er muss wieder Vertrauen haben.

Der R. W., das ist ein junge, welcher, wenn er etwas liest oder hört, wird er davon besessen. Das ist ein der Besessenheit ausgesetzter junge. Er wird vorn Guten und Schlechten besessen. Er wird von etwas, was dramatisch an ihn herantritt, besessen und redet aus der Besessenheit heraus. Wenn er gescheit zu Ihnen geredet hat, hat es aus der Besessenheit heraus gescheit geredet. Es ist schon eine rechte Misere.

Brav ist der G. B. auch nicht. Der hat auch schon Initiative in sich zur Nicht-ganz-Bravheit. Der muss eine starke Hand fühlen. Es ist nicht leicht, denn sehen Sie, wir sind nicht in der Lage, die Dinge anders als mit großer Energie zu behandeln.

Nun ist auch noch das zu berücksichtigen. Wenn Sie bei R. M. [in der 9. Klasse] voraussetzen, dass er jemals einen ordentlichen Aufsatz über Raffael und Grünewald machen würde, dann werden Sie nie zurechtkommen. Das wird er in seiner ganzen gegenwärtigen Inkarnation nicht machen. Das kann er nicht. Er kann das auch nicht fassen. Es liegt außerhalb seines Gesichtskreises. Wenn er nun da ist und merkt, er kann etwas nicht verstehen, dann verödet er innerlich, und dann kommen seine schlechten Säfte, die ätherischen schlechten Säfte kommen zum Vorschein und stacheln ihn furchtbar auf. Und dann wird die Rachsüchtigkeit ausgelöst. Das ist der Refrain seines Denkens, ungerecht behandelt zu werden.

Ich kann nichts anderes machen, als mit diesen vier Buben sprechen. Das kann die ganze 9b zu einer Unmöglichkeit machen. Nächste Woche werde ich mit diesen Buben sprechen. Es muss Ordnung geschaffen werden. Wir haben keine Möglichkeit, irgendwie etwas Besonderes zu tun. Alle diese Dinge weisen auf Untergründe hin. Man muss manche Dinge unterscheiden nur als Symptome. Diese obszönen Dinge [die Kinder hatten die Toilettentüren beschrieben] sind nur Symptom für etwas, was er sonst gehabt hat. Das ging wahrscheinlich aus einer Rache gegen Schwebsch hervor.

Ich kannte einmal eine Klasse, da war das Pensum, Briefe schreiben. Nun hätten Sie sehen sollen, was die Jungen ausgedacht haben, um die Namensunterschrift zu besorgen. Was für Namen sie ausgedacht haben. Wenn sie sie gelesen haben, die Namen — sie haben immer das erreicht dadurch, dass sie den Vornamen abgekürzt haben bis zu den unmöglichsten Buchstaben —, in dem Augenblick, wo sie den Vornamen und Nachnamen zusammen gelesen haben, kamen zynische Unanständigkeiten heraus. Die ganze Anstalt hat es gewusst. [...] [Rudolf Steiner erzählt ein anderes Beispiel.]

Die Dinge sind kaum seriös zu nehmen. Es ist häufig davon ab-hängig, wie man lacht dabei. Sie werden sich noch angewöhnen müssen, dabei zu lachen. Wenn Sie sich dabei ärgern — fünfzehnjährige Buben, das ist eine besondere Rasse von Menschen. Der Fall muss weiter behandelt werden.

Dann wurde ich einiges gefragt, wovon ich sagte, wir müssen das in der Konferenz besprechen. [Klassenwechsel einiger Schüler.'

Jemand sagt: Klasse 8a. Dieses Benehmen wie [im] Irrenhaus ist doch ein bisschen arg.

Einige Namen werden genannt. Mehrere Lehrer klagen.

ALEXANDER STRAKOSCH: Die Klasse benimmt sich gut.

RUDOLF STEINER: Ein schwieriger Punkt für diese Kinder sind die Übergangsjahre. Da kommt man darauf, dass etwas geschehen muss. Es ist zu wenig Schlagkraft und Stoßkraft in dem Deutschunterricht im 8, und 9. Schuljahr. Das fehlt der Psyche dieser Kinder. Es fehlt, dass zu wenig Schlagkraft im Deutschunterricht ist. Es müsste geschehen, dass in interessanter Weise die Kinder aufmerksam gemacht werden auf die Gliederung von Sätzen, auf den Stil von Sätzen. Es müsste an der Aufsatzlehre Stilgefühl entwickelt werden. Das müsste auch [schon] im zwölften Jahre beginnen. ich habe auf entsprechende Dinge stark hingewiesen im Kurs über geschlechtsreif werdende Kinder. Es müsste die Bilderlehre besprochen werden, Tropen, Metaphern, Synekdoche, das fehlt, soviel ich jetzt bemerkt habe, den Kindern vollständig. Wir kriegen auch nie fertig, dass wir Interpunktion hineinbringen, wenn sie nicht begriffen haben, was ein Wort im Stil wert ist.

Es ist für sie tatsächlich der Deutschunterricht in Stil- und Aufsatzlehre so, dass sie nicht reif werden können. Sie wissen heute in der 9b noch nicht, was ein Satz ist. Sie schreiben so, dass sie keine Ahnung haben, was ein Satz ist. Sie haben kein Gefühl für Stilisieren. Das muss herein in den Unterricht, Der Deutschunterricht ist nicht ganz das, was er sein soll, und das hat eine ungeheure Bedeutung für die Entwicklungsjahre der Kinder. Sie mutieren genauso in Bezug auf die innere Stilisierung der Sätze, wie sie äußerlich das machen in Bezug auf die Sprache. Wenn man das nicht berücksichtigt, dann kriegen sie einen innerlichen Defekt.

Ich würde Ihnen diesen Aufsatz geben, wenn Sie nicht schon so viel zu tun hätten. Es ist schon schwer.

Das Bedeutsame ist dies. Wenn Sie aber die ganze Waldorfschule nehmen und fragen, wie viel Prozent der Schüler in dieser Weise sind, dass man gegen sie so scharf urteilen muss, so sind cs noch lange keine 5 Prozent.

Aber ich möchte Sie auf Folgendes aufmerksam machen. In der Gesellschaft kommt allerlei vor. Neulich kam zu einem Funktionär ein Herr, der sagte: Ja, ich weiß, Ihr habt große Ideen. Die Ideen sind sehr gut, aber kein Mensch in der Gesellschaft hat den richtigen Willen. Und das ist aus dem Grunde, weil Ihr in der Gesellschaft nicht richtig methodisch die Egoisten pflegt. Ich bin das Muster eines richtigen Egoisten. Ich habe keine Idee, ich möchte diese Idee haben. Aber ich habe den Willen. Ein paar solche Leute, wie ich bin, und ich mache Sie darauf aufmerksam, wir waren drei bis vier Schüler von meiner Art, aber die ganze Schülerschaft und Lehrerschaft hat uns pariert, und zuletzt auch der Schulinspektor. — Drei bis vier können eine ganze Klasse dominieren, sogar die Schule. Die Schule kann deshalb nicht zugrunde gehen.

[Es gibt da] auch noch andere Dinge, [so, wie] in der 3b. Diese 3b, das ist jetzt auch eine abscheuliche Klasse. Nun aber, da wäre ein Hilfsmittel, das helfen würde, wenn man zwei jungen herausnehmen und in die Hilfsklasse stecken würde. Die Hilfsklasse müssen wir einrichten nicht nur für diejenigen, die an intellektueller Schwachsinnigkeit leiden, sondern auch für die, die moralisch Psychopathen sind. [Das würde für die Klasse 3b heilsam sein. Diese beiden Jungen, der K. 5, und der II, B., die sollen gleich in die Hilfsklasse.] Die stecken die ganze Klasse an. Die Klasse würde nicht so schlimm sein, aber da sind diese zwei Jungen; solange die darinnen sein werden, wird die ganze Klasse nichts anfangen können.

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