The Art Of Recitation And Declamation
GA 281 — 9 February 1913, Berlin
Vom Wesen des Volksliedes
Der Veranstaltung «Vom Wesen des Volksliedes», die hier durch Rezitation stattfinden soll, möchte ich einige Worte vorausschicken. . Ein Bild können wir uns vor die Seele hinstellen, das am 18. Dezember 1818 Goethe am weimarischen Hofe Freunden und Besuchern des weimarischen Hofes vorgeführt hat. Da fand ein großer Maskenzug statt, ein großer Zug von lebenden Bildern. Darunter waren zwei, die wir besonders betrachten wollen. Das eine stellte dar einen jener alten Sänger, wie sie vor alten Zeiten von Land zu Land gezogen sind und dem Volke gesungen haben von den Taten mancher Helden, aber auch von den Empfindungen und Gefühlen im Herzen der einfachen Volksgenossen. Das andere war eine Frau, welche darstellen sollte die Legende, die volkstümliche Erzählung von guten, edlen Taten, von gutem, edlem Geschehen. Und diese zwei Gestalten ließ Goethe ansprechen von der Sprecherin, die alles zu erklären hatte, und diese sagte unter anderem:
Ein edler Mann, begierig zu ergründen,
Wie überall des Menschen Sinn ersprießt,
Horcht in die Welt, so Ton als Wort zu finden,
Das tausendquellig durch die Länder fließt;
Die ältesten, die neusten Regionen
Durchwandelt er und lauscht in allen Zonen. Und so von Volk zu Volke hört er singen,
Was jeden in der Mutterluft gerührt,
Er hört erzählen, was von guten Dingen
Urvaters Wort dem Vater zugeführt.
Das alles war Ergötzlichkeit und Lehre,
Gefühl und Tat, als wenn es Eines wäre. Was Leiden bringen mag und was Genüge,
Behend verwirrt und ungehofft vereint,
Das haben tausend Sprach- und Redezüge,
Vom Paradies bis heute gleich gemeint.
So singt der Barde, spricht Legend’ und Sage,
Wir fühlen mit, als wären’s unsre Tage. Wenn schwarz der Fels, umhangen Atmosphäre
Zu Traumgebilden düstrer Klage zwingt,
Dort heiterm Sonnenglanz im offnen Meere
Das hohe Lied entzückter Seele klingt;
Sie meinen’s gut und fromm im Grund, sie wollten
Nur Menschliches, was alle wollen sollten. Wo sich’s versteckte, wußt’ er’s aufzufinden,
Ernsthaft verhüllt, verkleidet leicht als Spiel;
Im höchsten Sinn der Zukunft zu begründen,
Humanität sei unser ewig Ziel.
O, warum schaut er nicht in diesen Tagen
Durch Menschlichkeit geheilt die schwersten Plagen!
Dieser Mann war 1813 schon fünfzehn Jahre tot. 1770 hatte Goethe ihn in Straßburg kennengelernt. Er schildert es selber in seiner «Dichtung und Wahrheit», wie er in Straßburg, in ein Haus eintretend, einem Mann begegnete, der wie er im Begriffe war die Treppe hinaufzugehen und der gleich einen großen Eindruck auf ihn machte. Dieser Mann sah äußerlich schon etwas merkwürdig aus, wie ein Poet, aber zugleich wie ein Geistlicher; er war ja auch einer, denn es war Herder. Er hatte einen langen seidenen Rock, diesen Rock hatte er lang herunterhängend, die Zipfel in die Tasche gesteckt. Herder war ja damals schon krank, aber ein Mensch nach allem Großen suchend, wo es nur zu finden ist. Goethe wurde mit ihm befreundet und nun sammelten beide im Elsaß Volkslieder, Volksgedichte. Man kann fragen: Warum taten sie das? Warum gingen sie auf die Landstraße, in die Dörfer, um Volkslieder zu sammeln? Und warum preist Goethe nach fünfzehn Jahren nach dem Tode Herders die Stimmen, die aus den verschiedensten Ländern und Völkern kommen? Weil Goethe und Herder schon damals einen gewissen Drang, Trieb in sich fühlten, die Dichtung, die weit abgekommen war von allem Echten, Wahren, durchdringen zu lassen mit dem, was aus echtem volkstümlichem Herzen klingt. Herder ist darin weitergegangen als Goethe, er ist es ja, der dem deutschen Volk das Volkslied wieder lieb gemacht hat. Er sammelte überall, von den nördlichen Lappen bis zu den südlichen orientalischen Völkern, was er an Volksliedern zusammenbekommen konnte. 1778/79 hat er die «Stimmen der Völker» veröffentlicht. Es war allgemein eine große Überraschung, als man sah, was im Volke lebt an Dichtung, in der die menschliche, wahrste Empfindung zum Ausdruck kommt. Heute können wir über manches genauer sprechen, als Herder es damals konnte. Wir haben vieles inzwischen über den Ursprung dieser Volkslieder erfahren, aber Herder ahnte schon das alles. Daß die Menschen ursprünglich alles begleiteten, Arbeit und alles, mit dem gesungenen Worte, in dem Rhythmus und Tanz war, das ahnte schon Herder, wie Jauchzen und Traurigsein sich äußert im Volkslied. Er war der erste, der diese Dinge untersuchte, dann ging das fort; Uhland, Achim von Arnim suchten weiter, was in den einfachsten Verhältnissen die Menschen gedichtet. Und man kam darauf, daß, was Goethe und Herder in ihrer Jugend gedichtet hatten, eine Unwahrheit in sich hatte; es war nur in der damaligen Zeit so üblich zu dichten. Wenn Herder einmal ein lappländisches Gedicht vergleicht mit dem Gedicht eines selbst ausgezeichneten Dichters, einem Gedicht des Ewald von Kleist, dann muß er sagen: Was ist das, was der Major von Kleist da dichtete, wenn man das Volkslied dagegen liest? - Man suchte nämlich das, was echte Empfindung, echte Dichtung war, im Volkslied. Uhland, Mörike, Goethe selbst wären nicht so große Dichter geworden, wenn nicht das Echte vorher von ihnen erkannt worden wäre. Heute kann das nicht mehr sein, daß man die Arbeit in dieser Weise mit Liedern begleitet; die Arbeit hat alles Poetische verloren, die Arbeit ist eine schwere Bürde geworden. Das aber muß man klar sehen, daß das Volkslied nicht aus dem Nebel heraus entstanden ist.
Wie ist es denn entstanden? Menschliche Seelenstimmungen sind es, was den Menschen freudig, was ihn traurig macht, worüber er bestürzt ist, was ihn freut und nicht freut; alles ist darin. Und einzelne Menschen sind es immer, die mit dem Volk empfinden können, die dem, was im Volke lebt, dichterischen Ausdruck verleihen; sie sind nie zahlreich, sie wachsen nicht wie Kohlköpfe aus dem Felde. Nicht die Volksphantasie dichtet, wie es die heutige Gelehrsamkeit vom grünen Tisch haben will. Das ist einfach Unsinn. Es sind immer einzelne Menschen, die diese Fähigkeit haben. Auch heute gibt es noch solche Menschen, wenn auch nur ganz selten.
Je nach der Zeit nahmen die Volkslieder andere Gestalt an, zum Beispiel im 16. Jahrhundert. Wer stimmte da ein Volkslied an? Herumziehende Leute, die mit rechtlosen Anschauungen herumzogen; fahrende Leute von Land zu Land, die nicht viel Geld in der Tasche haben, deshalb häufig Gelüste nach der anderen Tasche, die nicht bei ihnen war: Auch solche Gefühle gibt man wieder, man kann sagen ehrlicher Weise, in so einem Volksgedicht vom «Schwartenhals — Schwartenhals», weil andere den Speck und das Fleisch essen, ihm nur die Schwarte übrigblieb; «Ich kam vor einer Frau Wirtin Haus - sein Tasch’ mußt’ er mir lassen.»
Daneben gibt es auch Volksgedichte, in denen das Erhabene war. Das wurde alles gesammelt, und die Dichter lernten ungeheuer viel an Wahrheit und Natürlichkeit des Empfindens. Die besten Goetheschen Gedichte, die so Menschenstimmung, Menschenleid und Menschenlust am schönsten zum Ausdruck bringen, sind angeregt durch Volkslieder. Alles, was jemals im Volk gelebt hat, solange das Volk noch nicht müde geworden ist, das drückt sich aus in seiner Dichtung. Dafür soll dann ein Beispiel gegeben werden, wie ein Volk auch noch im 19. Jahrhundert empfand gegenüber denjenigen Menschen, von denen man wußte, daß es seine Helden waren. Und Goethe empfand das, indem er die neugriechisch-epirotischen Heldenlieder übersetzte. Es sind die Lieder des albanischen Volkes; sie sind sehr bedeutsam, und von Goethe schön übersetzt worden. Da wird davon gesungen, wie das albanische Volk fühlt gegenüber dem Feinde, dem Türken, und wie es lechzt nach Freiheit und alle seine Kräfte aufrufen willgegenüber der Türkenherrschaft. Von solchen Gedichten kann man sagen, sie sind zeitgemäß, wenn auch nicht aktuell. Wie die Menschen lechzen, das Schwert zu ergreifen, um sichfreizumachen, etwas wie Windesbrausen lebt in diesen Heldenliedern des epirotisch-albanischen Volkes. Und diese Gefühle lebten schon damals, in der Goethezeit. Dahinstürmende, dahinbrausende Freiheitsgefühle tönen in Rhythmus und Wort. Besonders schön ist das Schlußgedicht: Charon, der Führer der Toten ; mehr als Totenführer, Totenreiter. - Menschen, die Neugriechen kennen, sagen, daß Goethe es darin besonders zu etwas Schönem gebracht hat, nachzuahmen, was in diesen neugriechischen Gedichten lebt.
Dann wird zuletzt ein Gedicht rezitiert werden, das am besten zeigt, wie die Volksdichtung in die Kunstdichtung hineingeflossen ist. Echte Balladentöne sind es, die vor uns hinzaubert der «Erlkönig» von Goethe. Das konnte nur entstehen in einem Menschen wie Goethe, der, von Herder angeleitet, dann selber Balladendichter wurde. Verbunden durch Rhythmus und Ton ist der Goethesche «Etlkönig» mit dem Gedicht im Volkston, wie es vorher durch Herder gesammelt war.
Es wurden folgende Gedichte von Goethe rezitiert: «Heidenröslein» (Text siehe S. 28); ferner «Der König in Thule» und «Der Fischer».
DER KÖNIG IN THULE
Es war ein König in Thule
Gar treu bis an das Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab.
Es ging ihm nichts darüber,
Er leert’ ihn jeden Schmaus;
Die Augen gingen ihm über,
So oft er trank daraus.
Und als er kam zu sterben,
Zählt’ er seine Städt’ und Reich’,
Gönnt’ alles seinen Erben,
Den Becher nicht zugleich.
Er saß beim Königsmahle,
Die Ritter um ihn her,
Auf hohem Vätersaale,
Dort auf dem Schloß am Meer.
Dort stand der alte Zecher,
Trank letzte Lebensglut,
Und warf den heil’gen Becher
Hinunter in die Flut.
Er sah ihn stürzen, trinken
Und sinken tief ins Meer.
Die Augen täten ihm sinken:
Trank nie einen Tropfen mehr.
DER FISCHER
Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor:
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.
Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie’s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.
Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew’gen Tau?
Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll,
Netzt’ ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war’s um ihn geschehn:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
Und ward nicht mehr gesehn.
NEUGRIECHISCH-EPIROTISCHE HELDENLIEDER
I.
Sind Gefilde türkisch worden,
Sonst Besitz der Albanesen;
Stergios ist noch am Leben,
Keines Paschas achtet er.
Und so lang es schneit hier oben,
Beugen wir den Türken nicht.
Setzet eure Vorhut dahin,
Wo die Wölfe nistend hecken!
Sei der Sklave Stadtbewohner,
Stadtbezirk ist unsern Braven
Wüster Felsen Klippenspalte.
Eh als mit den Türken leben,
Lieber mit den wilden Tieren!
II.
Schwarzes Fahrzeug teilt die Welle
Nächst der Küste von Kassandra,
Über ihm die schwarzen Segel,
Über ihnen Himmelsbläue.
Kommt ein Türkenschiff entgegen,
Scharlachwimpel wehen glänzend,
«Streich die Segel unverzüglich,
Nieder laß die Segel dul»
Nein, ich streiche nicht die Segel,
Nimmer laß ich sie herab,
Droht ihr doch, als wär’ ich Bräutchen,
Bräutchen, das zu schrecken ist.
Jannis bin ich, Sohn des Stada,
Eidam des Bukovalas.
Frisch, Gesellen, frisch zur Arbeit!
Auf zum Vorderteil des Schifles;
Türkenblut ist zu vergießen,
Schont nicht der Ungläubigen.
Und mit einer klugen Wendung
Beut das Türkenschiff die Spitze;
Jannis aber schwingt hinauf sich,
Mit dem Säbel in der Faust;
Das Gebälke trieft vom Blute
Und gerötet sind die Wellen.
Allah! Allah! schrein um Gnade
Die Ungläubigen auf den Knieen.
Traurig Leben! ruft der Sieger,
Bleibe den Besiegten nun!
III.
Beuge, Liakos, dem Pascha,
Beuge dem Wesire dich.
Warst du vordem Armatole,
Landgebieter wirst du nun.
«Bleibt nur Liakos am Leben,
Wird er nie ein Beugender.
Nur sein Schwert ist ihm der Pascha,
Ist Wesir das Schießgewehr. »
Ali Pascha, das vernehmend,
Zürnt dem Unwillkommenen,
Schreibt die Briefe, die Befehle;
So bestimmt er, was zu tun:
Veli Guekas, eile kräftig,
Durch die Städte, durch das Land,
Bring’ mir Liakos zur Stelle,
Lebend sei er, oder tot!
Guekas streift nun durch die Gegend,
Auf die Kämpfer macht er Jagd,
Forscht sie aus und überrascht sie,
An der Vorhut ist er schon.
Kontogiakupis, der schreit nun
Von des Bollwerks hohem Stand:
Herzhaft, Kinder mein! zur Arbeit,
Kinder mein, zum Streit hervor!
Liakos erscheint behende,
Hält in Zähnen fest das Schwert.
Tag und Nacht ward nun geschlagen,
Tage drei, der Nächte drei.
Albaneserinnen weinen,
Schwarz in Trauerkleid gehüllt;
Veli Guekas kehrt nur wieder,
Hingewürgt im eignen Blut.
IV.
Welch Getöse? wo entsteht es?
Welch gewaltiges Erschüttern?
Sind es Stiere vor dem Schlachtbeil,
Wild Getier in grimmem Kampfe?
Nein! Bukovalas, zum Kriege
Fünfzehnhundert Kämpfer führend,
Streitet zwischen Kerasovon
Und dem großen Stadtbezirk.
Flintenschüsse, wie des Regens,
Kugeln, wie der Schlossen Schlag!
Blondes Mädchen ruft herunter
Von dem Überpforten-Fenster:
Halte, Janny, das Gefecht an,
Dieses Laden, dieses Schießen!
Laß den Staub herniedersinken,
Laß den Pulverdunst verwehen,
Und so zählet eure Krieger,
Daß ihr wisset, wer verloren!
Dreimal zählte man die Türken,
Und vierhundert Tote lagen,
Und wie man die Kämpfer zählte,
Dreie nur verblichen da.
V.
Ausgeherrschet hat die Sonne,
Zu dem Führer kommt die Menge:
Auf, Gesellen, schöpfet Wasser
Teilt euch in das Abendbrot!
Lamprakos du aber, Neffe,
Setze dich an meine Seite;
Trage künftig diese Waffen,
Du nun bist der Kapitan
Und ihr andern braven Krieger,
Fasset den verwaisten Säbel,
Hauet grüne Fichtenzweige,
Flechtet sie zum Lager mir;
Führt den Beichtiger zur Stelle,
Daß ich ihm bekennen möge,
Ihm enthülle, welchen Taten
Ich mein Leben zugekehtt.
Dreißig Jahr bin Armatole,
Zwanzig Jahr ein Kämpfer schon;
Nun will mich der Tod erschleichen,
Das ich wohl zufrieden bin.
Frisch nun mir das Grab bereitet,
Daß es hoch sei und geräumig,
Aufrecht, daß ich fechten könne,
Könne laden die Pistolen.
Rechts will ich ein Fenster offen,
Daß die Schwalbe Frühling künde,
Daß die Nachtigall vom Maien
Allerlieblichstes berichte.
Es folgten: Der Olympos, der Kissavos; Charon (Texte siehe S. 30); Herder: Erlkönigs Tochter (Text siehe S. 28/29).
ERLKÖNIG
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif?
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.
«Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.»
Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? —
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind:
In dürren Blättern säuselt der Wind.
«Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn,
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.»
Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? —
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau.
«Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.»
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan!
Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.
J. W. Goethe