The Art Of Recitation And Declamation
GA 281 — 1 December 1912, Berlin
Ludwig Uhland-Matinée
Es wäre schön gewesen, wenn wir unser Kunstzimmer hätten früher eröffnen und den heutigen Tag näher zusammenbringen können mit dem Todestag Ludwig Uhlands am 13. November. Da dies nicht hat sein können, so wollen wir wenigstens heute mit einigen Klängen, welche uns gekommen sind von dem großen Dichter Ludwig Uhland, an sein Leben uns erinnern. Ludwig Uhland könnte man, wenn man bezeichnen wollte dasjenige, was wesentlich ist für sein Dichten, mit einem einzigen Worte so recht kennzeichnen. Man brauchte nur zu sagen: Uhland gehört zu den Dichtern, die nach jeder Richtung hin durch und durch gesund sind. Gesund im Empfinden, im Denken, gesund in Kopf und Herz, das war Ludwig Uhland. Und wenn man ihn kennenlernen will, so sich hinein fühlen will in das, was ihn zum Dichten begeisterte, so kann man sehen, zwei Dinge waren es, die immerzu sein Herz erfüllten, insofern er Dichter war. Das erste war eine tiefe, gemütvolle Naturliebe. Es mochte noch so erhebend für ihn sein, Kunstwerke als solche zu betrachten, die vielleicht Schönheiten alter Zeiten verkündeten, lieber war es ihm, die große Kunst der Naturmächte zu bewundern. Und so ist es denn aus seinem tiefsten Herzen heraus gesprochen, wenn er wie ein Glaubensbekenntnis in einem Gedichte sagt:
Nicht in kalten Marmorsteinen,
Nicht in Tempeln dumpf und tot,
In den frischen Eichenhainen
Webt und rauscht der deutsche Gott.
Und dies war nicht etwa bloß eine künstlerische Stimmung bei ihm, sondern von seiner Knabenzeit an war dieses sich Hineinfühlen in die Natur etwas, was seinen ganzen Menschen ergriff. Er konnte von sich sagen:
Kein’ beßre Lust in dieser Zeit,
Als durch den Wald zu dringen,
Wo Drossel singt und Habicht schreit,
Wo Hirsch’ und Rehe springen.
Da ging ihm das Herz auf in der Natur, und da fühlte er die Wärme in seiner Seele, die in seinen kräftigen, gesunden Dichterklängen zum Ausdruck kommt.
Das andere war die Vorliebe für die Zeiten im europäischen Leben, wo die großen Vorgänge der Menschen in Sagen erzählt, nicht bloß in äußerlicher Weise erlebt wurden. Für diese Zeiten des mittleren Mittelalters kann der heutige Mensch nicht mehr so recht ein Verständnis haben. Man muß schon versuchen, die Seele, die dazumal in den Menschen lebte, vor aller Betrachtung in sich selbst ein bißchen zu beleben, um fühlen zu können, was so um die Mitte des Mittelalters herum ein Mensch in Mitteleuropa fühlte über die großen Taten der Weltgeschichte, von denen Wohl und Wehe, Erhebung und Glück und Leid der Menschen abhängt. Damals lernte man nicht aus Schulbüchern Geschichte kennen, sondern ganz anders war es da, als etwa heute, wo wir in die Schule uns hineinsetzen, und nun beginnt in der entsprechenden Zeit der Schuljunge zu beben, wenn der Lehrer fragt: Wann hat Karl der Große regiert? — und er dann schwitzend sagt: Dann hat er gelebt - und so weiter. So war es damals ganz und gar nicht, sondern vielmehr so, wie man eine Vorstellung eher bekommt, wenn man noch das Glück hat, letzte Reste auf sich wirken zu lassen, wie die Menschen damals zueinander sprachen über solche großen Menschen, die viel beteiligt waren an Wohl und Wehe der Geschichte, wie, sagen wir, über Karl den Großen. Und da einem Persönliches immer am nächsten in der Erfahrung liegt, so möchte ich ausgehen von einer kleinen Erzählung, die etwas wie einen letzten Rest darstellt von der Art und Weise, wie man in früheren Jahrhunderten von der Geschichte sprach.
Ich kannte einen damals schon älteren Mann in meiner Knabenzeit, der war in einer Buchhandlung angestellt. Er war Salzburger. Dort ist der Untersberg. Und wie man erzählt, daß im Kyffhäuser Barbarossa sitzt, so erzählte man, daß im Untersberg noch immer Karl der Große sitzt. Und jener Mann sagte mir einmal: Ja, das ist ganz wahr, da sitzt der Karl der Große in unserem Uhntersberg drin. - Ich sagte: Woher wissen Sie das? - Er sagte: Als ich noch ein Knabe war, ging ich mit einem festen Stock zum Untersberg, und da fand ich ein Loch. Und da ich ein schlimmer Lausbub war, habe ich mich gleich eingelassen in dieses Loch. Ich ließ meinen Stab hinunter und dann mich hinunterfahren. Richtig, ganz tief hinunter kam ich. Und da war eine große palastähnliche Höhlung und alles mit Kristall ausgeschlagen. Da ist es, wo Karl der Große und der alte Roland drinnen sitzen, und die Bärte sind ihnen furchtbar lang gewachsen. -— Die anwesenden Buben will ich nicht veranlassen, das zu tun; das darf nur ein Salzburger tun. Nun sagte ich: Haben Sie denn, mein lieber Hanke, wirklich gesehen den Karl den Großen und den Roland? - Er sagte: Nein, aber drin sind sie doch!
Sehen Sie, da lebte noch ein Stück von etwas, was wirklich in mittel- und westeuropäischen Gegenden im Mittelalter im ausgebreitetsten Maße gelebt hat. Und wenn die Leute im Winter um die Ofenbank herumsaßen, und die Eitern erzählten den Kindern von Karl dem Großen und seinen Helden, — wie erzählten die Leute den Jüngeren zum Beispiel von dem großen Karl, der einmal über die Franken regiert hat, und von seinen Helden, zu denen zum Beispiel Roland gehörte, und Olivier und so weiter?
Wenn wir einer solchen Erzählung, wie sie damals gang und gäbe war, zuhören könnten, würden wir das Folgende hören: Ja, Karl der Große, das war ein ganz wunderbarer Mensch, über dem schwebte der Segen Christi. Der war ganz durchdrungen davon, daß er Europa für das Christentum gewinnen muß. Und so wie der Christus selber von zwölf Aposteln umgeben war, so war Karl der Große von zwölf Menschen umgeben. Seinen Roland hatte er wie Christus seinen Petrus. Und namentlich waren da die Heiden in Spanien, gegen die er zog, weil er unter ihnen das Christentum ausbreiten wollte mit seinen zwölf Leuten.
Damals hat man weniger die Bibel gelesen, aber auch freier die Bibel behandelt. Die Leute haben zur Zeit Karls des Großen so erzählt, daß die Art der Erzählung erinnerte an biblische Erzählungen, weil sie das, was sie aus der Bibel wußten, nicht so starr betrachtet haben, sondern zum Muster genommen haben. Und es ist für die mittelalterlichen Menschen so geworden, daß sie ähnlich wie über Christus über Karl den Großen sprachen.
Der Roland hatte ein mächtiges Schwert, so erzählte man, und ein gewaltiges Horn. Das Schwert Durendart hat er einmal bekommen, als er ganz inbrünstig sich fühlte als ein Gottesstreiter, von Christus selber. Und mit diesem Schwert, das er von Christus erhalten hat, zog er, der der Neffe Karls des Großen war, nach Spanien. Nun wurde weiter erzählt, daß Karl der Große nicht nur alles mögliche getan hat, daß der Roland herangewachsen ist zu einem außerordentlich tüchtigen, bewährten Helden, sondern da wurde von ihm überhaupt erzählt, daß er im tiefsten Maße mit Stärke und Ausdauer ein Gottesstreiter wurde, wie die Leute es richtig ahnten.
Als Karl der Große nach Saragossa zog, wollte man versuchen, die Mauren zum Christentum zu bewegen, und auf den Rat gerade des Roland wurde ein Verbündeter des Roland, Ganelon, ausersehen, mit der heidnischen Bevölkerung von Spanien zu verhandeln. Von dem Ganelon wurde so gesprochen, wie wenn der unter den zwölf Begleitern Karls des Großen der Judas sei. Dieser Ganelon sagte: Wenn der Roland Karl den Großen dazu überredet, ich soll zur heidnischen Bevölkerung gehen, so wollen sie mich bereden zum Tode. -— Ganelon verhandelte mit den Feinden. Diese ergaben sich zum Schein, so daß Karl der Große abzog, und zurück ließ er nur seinen treuen Roland. Und als Karl abgezogen war, kamen die Feinde auf Roland zu, und er sah sich umgeben von der ganzen Horde der Feinde, er, der starke Held, der Gottesstreiter.
Nun ist da ein schöner Zug, der immer erzählt wird, der etwas ausdrücken sollte. Man erzählte immer von der innigen Zusammengehörigkeit von Karl dem Großen und Roland. Es war Karl doch nicht so ruhig, daß er Roland zurückgelassen hatte. Aber da hörte er den Ruf des Roland. Daraus hat die Sage gemacht, daß Roland in sein Horn Olifant geblasen hat. Der Name Olifant sagt schon, daß Karl es spürte. Und dann wird in der Sage erzählt, daß Roland sein Schwert am Felsen zerschlagen wollte; das war aber so stark, daß es ganz blieb, nur die Funken sprühten. Da er sich verloren glaubte, ergab er das Schwert dem Christus.
Dieser selbe Roland lebte dann mit Karl dem Großen fort in den Sagen. Und die meisten Sagen sind so, daß man ihnen ansieht, wie die Menschen den poetisch schönen Gehalt der Bibel angenommen haben. Man erkennt es in Rolands Kampf mit den Heiden. Aber diese Tat, wie der Roland den Feinden gegenübersteht mit seinem Schwert und Horn und sie ihn von allen Seiten umgeben, wie er das Schwert am Felsen zerschellen will und wie er dann stirbt für eine Sache, die man überall erzählte und wichtig fand, dies ist unendlich bedeutsam, so recht wie vorbestimmt zur Dichtung.
Und die Gedanken, die sich einmal in die Seelen gesenkt haben, die sehen wir wieder, auch da, wo im 12. Jahrhundert durch den Pfaffen Konrad in die deutsche Sprache hineingelegt wurde der Tod des Roland. Und den Zusammenhang der menschlichen Seele mit der ganzen Natur, man konnte das sich damals nicht anders vorstellen als, wenn ein solcher Mensch stirbt, dann geschieht auch alles mögliche draußen in der Natur. Diese Szene ist noch im 12. Jahrhundert wunderbar geschildert worden von dem Pfaffen Konrad.
Er leite sich an sînen zesewin arm,
daz houbet er nider naicte,
di hende er ûf spraite,
dem alwaltigen hêrren,
dem bevalch er sine sêle:
mit sent Michahêle,
sente Gabrîêle, sent Raphahdêle
frout er sich imer mêre. —
Dô Ruolant von der werld verschît,
von Himil wart ain michel liecht,
sâ nâch der wile
chom ain michel ert pibe,
doner unt himilzaichen
in den zwain rîchen
ze Karlingen unt ze Yspaniâ.
Di winte huoben sich dâ,
si zevalten di urmären stalboume;
daz liut ernerte sich chûme,
sie sâhen vil diche
di vorchtlîchen himil bliche;
der liechte sunne, der relasc;
den Haiden gebrast:
diu scheph in versunchen,
in dem wazer si ertruncken.
Der vil liehte tac
wart vinster sam diu naht.
Die turne zevielen,
diu scône palas zegiengen.
Di sternen oflenten sich;
daz weter wart mislich:
si wolten alle wâne,
daz di wile wäre,
daz diu werld verenden solte,
unt Got sîn gerichte haben wolte.
So sprach man über Rolands Tod. Und wir können uns zugleich eine Vorstellung bilden über die Wandlung der Sprache seit 1175. Sie werden daraus sehen, wie sich alles in der Welt wandelt und schnell wandelt. Lautreicher war die Sprache, inniger. Bis in die Zeiten der Kreuzzüge hinein lebte fast in jedem Hause in unseren Gegenden bis nach Sizilien hinunter, bis nach Ungarn hinein so etwas wie die Sage von Karl dem Großen. Es ging den Leuten durchaus in die Seele ein, und man hat heute keine Vorstellung davon, wie diese Dinge damals lagen.
Ludwig Uhland war ein Einzigster auf diesem Felde, der sich so tief, tief in die Dinge vertiefte. Und er hat nicht nur das erklingen lassen, was er fühlte, in manchem schönen Gedichte, sondern es gibt auch Bücher, in denen er die alten Zeiten des deutschen Volkes aufleben läßt. Gerade dadurch, daß Uhland auf der einen Seite die unendliche Liebe zur Natur hatte, auf der anderen Seite das warme Herz für die verklungenen Sagen, die gelebt haben und die man heute nur künstlich hereinrufen muß, ist da etwas, das man eigentlich besser kennen sollte, als man es kennt. Und man darf hoffen, wenn auch manche Mode der Dichtung, die heute manchmal da ist, die Herzen «beungeistern» kann, so mag schon wieder eine Zeit kommen, wo man nach und nach wie Uhland schaffen lernen kann. Er hat die Mitteilung geliebt, unmittelbar von Seele zu Seele am allermeisten. Und es ist mir eigentlich zum Verständnis gekommen, was Ludwig Uhland jungen Menschen hat sein können, auch wiederum, als ich einen Nachklang im eigenen Leben hatte verspüren können.
Ich hatte am meisten gelernt, in der Art Gedanken in die Sprache umsetzen zu können, und Gedanken, die nun in das geistige Leben einführen, mit dem Herzen zu erfassen, dadurch, daß ich teilnehmen durfte bei meinem verstorbenen Lehrer Karl Julius Schröer an dem, was er nannte «Übungen in mündlichem Vortrag und schriftlicher Darstellung». Er hörte uns an und sprach dann einige Worte, in denen er sich ganz auf diejenige Stufe stellte, auf der wir selber waren. Das war eine sehr anregende Sache. Woher hatte Schröer das? Weil er Uhland kannte! Es war ein ganz lebendiges Zusammenarbeiten mit den jungen Leuten. Das hat einmal Uhland getan.
Und so dürfen wir denn sagen: Das 50. Todesjahr des Ludwig Uhland, der am 13. November 1862 gestorben ist, darf in den Herzen der Menschen, welche noch für echte, gesunde Poesie empfänglich sind und Gefühl dafür haben, etwas bedeuten, darf bedeuten, wie man doch immer wieder und wieder zurückkehren muß zu denjenigen, welche uns in Zusammenhang bringen als Menschen, die in der Gegenwart leben, mit alledem, was die Menschheit in früheren und immer mehr früheren Zeiten erlebt hat.
In zweifacher Beziehung knüpft nun Ludwig Uhland an frühere Zeiten an, erstens dadurch, daß er selber noch vieles in seinem Charakter, seiner ganzen Persönlichkeit hatte, was uns an starke, unbeugsame Charaktere erinnert, die in der Gegenwart immer seltener werden. Man darf sich nur erinnern, daß von Uhland im Jahre 1849 das schwere Wort fiel, daß er sich ein deutsches Reich nicht denken könne, ohne daß es mit einem Tropfen demokratischen Öles gesalbt sei. Er steht da wie eine erfrischende und in ihrer Stärke selber bestärkende deutsche Eiche. So weist er auch zurück mit seinem ganzen Streben und Leben, mit seiner Kunst in Zeiten, in denen geblüht und gelebt hat die innige, weittragende Volksphantasie, die in einer herzlichen Weise zusammenbringt Vergangenheit und Gegenwart, die Erbschaft des Seelischen, welche die Menschheit von ihrem Vorangegangenen hat, mit dem, was die Gegenwart bewegt.
Man denkt nicht immer daran, wie im Grunde genommen klein die Zeitspanne ist, die uns von so etwas trennt, was sehr verschieden von uns ist. Denken wir, etwa 800 Jahre sind es, die uns trennen von der Zeit, wo man in Deutschland so gesprochen und geschrieben hat, wie ich Ihnen vorgelesen habe. Durch acht Jahrhunderte sind vierundzwanzig Generationen. Wenn Sie sich diese denken, die Hände reichend, so haben Sie die Zeit, wo der Pfaffe Konrad diese ergreifende Szene in die deutschen Herzen versuchte hineinzuschreiben. Und dies wieder zu erneuern, etwas davon nachfühlen zu lassen, das war gerade Uhlands Anliegen.
So sei es denn, daß wir uns - wenn auch etwas verspätet — heute des Todestages Ludwig Uhlands erinnern, erinnern an diesem Tage des Mannes, der so unendlich vieles von den Schönheiten und der Größe der Natur, von den Schönheiten und der Größe mitteleuropäischer Vorzeit in seinen Dichtungen zu erfassen versuchte. Er verdient, daß wir ihn wieder aufleben lassen in den Herzen der Menschen, die von solch gesunder, echter, wahrer Dichtung etwas wissen wollen, und die werden wohl immer da sein, wie auch manche Modekrankheit und Modegesundheit, welche die Seelen von diesem Echten, Wahren der Dichtung abtrennen möchten.
Die zum Vortrag gelangte Gedichtreihenfolge ist nicht bekannt.