Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920
GA 277b — 25 January 1920, Dornach
Ansprache zur Eurythmie
Gestatten Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, dass ich dem Versuche unserer Eurythmie-Aufführung auch heute einige Worte voranschicke, da ja nicht anzunehmen ist, dass alle verehrten Anwesenden, die verehrten Zuhörer, die heute da sind, auch in manchen früheren Veranstaltungen schon waren. Und diese paar Worte sende ich immer voraus, aus dem Grunde, weil es sich ja hier handelt um die Erforschung einer neuen Kunstquelle, und nicht um dasjenige, was vorgeführt wird, zu erklären. Denn alles Künstlerische soll ja nicht einer Erklärung bedürfen, sondern im unmittelbaren Anschauen, für den unmittelbaren Eindruck wirken. Aber zum ersten Male wird hier - anders als das bei gewisse Nachbarkünsten der Fall ist, mit denen man diese Eurythmie leicht verwechseln kann, aber nicht verwechseln sollte -, zum ersten Male wird hier der Mensch selber als Instrument benützt. Der Mensch selber stellt sich in den Dienst des Künstlerischen als ein Ausdrucksmittel.
Sie werden auf der Bühne den bewegten Menschen sehen, Bewegungen der einzelnen menschlichen Glieder als solche, Bewegungen der Menschen, in Gruppen angeordneter Persönlichkeiten zueinander und dergleichen mehr. Alle diese Bewegungen sind durchaus nicht etwa willkürlich, sind nicht einmal insoweit willkürlich, als etwa Wiedergaben wären von Gebärden, wie sie in der Anlage der Mensch auch als Begleitung der Lautsprache macht, sondern all dasjenige, was Sie hier an Bewegungen sehen, ist wirklich eine stumme Sprache, ist herausgeholt aus den Bewegungsanlagen, die im ganzen menschlichen Organismus sind so, wie die Bewegungsanlagen im menschlichen Kehlkopf und seinen Nachbarorganen sind.
Mit einem gewissen sinnlich-übersinnlichen Schauen - um diesen Goethe’schen Ausdruck zu gebrauchen - ist versucht zu erkennen, welche Bewegungsanlagen der Lautsprache zugrunde liegen. Dann ist versucht, in dieser stummen Sprache der Eurythmie dieselben Bewegungsanlagen zur äußerlichen Offenbarung zu bringen. Damit steht man ganz auf dem Boden Goethe’scher Kunstanschauung und Goethe’scher Kunstgesinnung. Und gegenüber dem, was man zum Beispiel durch die dichterische Kunst mit Hilfe der gewöhnlichen Lautsprache erreichen kann, wird in dieser Eurythmie etwas weit Künstlerischeres erreicht werden können deshalb, weil in der Lautsprache sich immer mischt - sonst wäre sic ja nicht jenes dienstbare Glied unseres Verkehres, das sie sein muss -, sich immer einmischt das gedankliche, das ideelle Element. Aber das gedankliche, das ideelle Element ist der Tod des Künstlerischen.
Daher ist die Dichtung, welche die gewöhnliche Lautsprache verwendet, ja nur insoferne künstlerisch, als in der dichterischen Sprache zwei Elemente anklingen, von denen eigentlich eines unter dem gewöhnlichen Seelenleben - ich möchte sagen eine Schichte tiefer liegt als das gewöhnliche Seelenleben und ein anderes Element eine Schichte höher liegt. Hinein mischt sich in die gewöhnliche Sprache, wenn der Dichter dasjenige, was er in der Seele erlebt, gestaltet, erstens ein musikalisches Element, zweitens ein gestaltendes ästhetisches Element. Schiller ist mehr ein musikalischer Künstler, Goethe mehr ein plastischer Künstler als Dichter.
Man kann sagen: Je weniger man im künstlerischen Empfinden der Dichtung hinhorcht auf den wortwörtlichen Inhalt, je mehr man auf das Musikalische, das im Rhythmus, im Takt, auch im Melodiösen die Sprache trägt und begleitet und durchklingt, sich einstellt, je mehr man auf der anderen Seite sich einstellen kann — wenn es vorhanden ist - auf das Plastische, auf das Gestaltende der Sprache, desto mehr kommt man zu dem eigentlich Künstlerischen der Dichtung. Denn der wortwörtliche Inhalt ist nicht der Kunstgehalt der Dichtung. Der Kunstgehalt der Dichtung ist das Musikalische oder Plastisch-Gestaltende der Sprache, das gewissermaßen wie ein mitklingendes Element begleiten muss das Wortwörtliche.
Wie in der Musik selber herausgenommen ist die bloße Bewegung, aber übersetzt ist in [die Verinnerlichung] des Tones, so ist nun in der Eurythmie herausgenommen aus der Sprache alles dasjenige, was nun mit der ganzen Entfaltung des menschlichen Willens zusammenhängt, sodass der ganze Mensch gewissermaßen zum Kehlkopf wird, und Menschengruppen sich als Sprachorgane offenbaren auf der Bühne. Und dadurch erreicht man etwas, was wirklich sich als ein neues künstlerisches Element in unsere Kulturentwicklung einfügen kann. Man wird vielleicht am besten auf dasjenige hinweisen können, was erreicht wird, wenn man sagt: In unserer Sprache ist etwas enthalten, auf dessen Entstehung ja am besten dadurch hingewiesen wird, dass man aufmerksam macht, wann von dem Menschen die Sprache gelernt wird. Man bedenke nur einmal, meine sehr verehrten Anwesenden, die Lautsprache ist von dem Menschen gelernt als Kind, wenn der Mensch noch nicht vollständig zum Dasein seelisch erwacht ist, wenn der Mensch sich noch in das Leben hereinträumt.
Und tatsächlich liegt in dem sprachlichen Elemente etwas von Hineinträumen ins Leben. Wir denken ebenso wenig, indem wir die Bedeutung der Sprachlaute und ihre Zusammensetzung entwickeln, daran, wie das zusammenhängt mit der Realität, wie wir schließlich beim Träumen an den Zusammenhang mit der Realität denken. Dieses träumerische Element ist ja eine Seite des menschlichen Seelenlebens. Es ist gewissermaßen ein unterseelisches Element. Je mehr der Mensch das egoistische Empfinden ausbildet, desto mehr träumt er sich auch ins gewöhnliche Leben hinein. Und in einer der heutigen Zeitaufgabe durchaus nicht angemessenen Weise ist es, wenn man im Künstlerischen nach diesem Traumhaften hinarbeitet.
Dieses Traumhafte ist ein abgetanes Element des Künstlerischen. In der Eurythmie wird zu etwas hingestrebt, was ein künstlerisches Zukunftselement unserer Kultur ist. Wenn man sagen kann: Je mehr man ausbildet in der Sprache das eigentlich lautlich-gedankliche Element, desto mehr kommt man in das Traumhafte hinein, desto mehr wird das Bewusstsein herabgestimmt, so muss man sagen: Die Eurythmie ist dasjenige, was das Gegenteil von allem Traumhaften in sich schließt. Die Eurythmie ist gerade dasjenige, was erzielt wird dadurch, dass der Mensch mehr aufwacht, als er im gewöhnlichen Leben aufgewacht ist. Es ist ein intensiveres Wachen, als dasjenige ist, was im gewöhnlichen Leben als Bewusstseinszustand vorhanden ist. Gewissermaßen ist das Eurythmie-Treiben das Gegenteil des Träumens. Das Träumen ist ein Einlullen des Menschen, das Eurythmie-Treiben ist ein Aufwecken, ein Aufgeweckt-Sein der ganzen Menschennatur. Im Traume bewegen wir uns nicht, wenn der Traum ein gesunder ist, wir liegen still; und die Bewegungen, die der Mensch im Traume ausführt, sind nur Schein. Dagegen ist das bildhafte Element, das Vorstellungselement im Traum das vorwiegende.
Hier in der Eurythmie ist das Gegenteil der Fall: Alles Traumhafte ist unterdrückt, dagegen tritt hervor das Willenselement, dasjenige, das im Traume unbewusst bleibt, aber hier hervorgeholt wird. Dadurch aber wird möglich, dass der Mensch alles Egoistische abstreift und solche Bewegungen ausführt, die gewissermaßen sich harmonisch hineinstellen in die ganze rätselvolle Weltgesetzmäßigkeit.
Und man kann sich bei der Eurythmie denken, meine sehr verehrten Anwesenden, dass, wenn man den bewegten Menschen mit dieser stummen eurythmischen Sprache anschaut, man die Ahnung von Enträtselung von Naturgeheimnissen empfindet, die sich auf eine andere Weise nicht offenbaren können, auch da Rechnung tragend jener Goethe’schen Kunstgesinnung, die so schön sich in jenen Goethe’schen Worten ausdrückt: Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen beginnt, der empfindet die tiefste Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin: der Kunst. - Wenn man nun den ganzen Menschen als ein [die] stumme Sprache der Eurythmie sprechendes Element betrachtet, um durch seine in ihm veranlagten Bewegungen zum Ausdruck zu bringen das, was als Gesetzmäßigkeit der ganzen Welt zugrunde liegt - denn der Mensch ist ein Kompendium der ganzen Welt, ein Mikrokosmos -, so erreicht man geradezu ein höchstes Künstlerisches.
Daher ist auch alles Willkürliche, alles bloß Pantomimische oder Mimische in der Eurythmie verbannt. Dasjenige, was hier zum Vorschein kommt, ist ein allgemein Menschliches. Es spricht gewissermaßen nicht der einzelne Mensch aus seinem gewöhnlichen Empfinden heraus - wie in der gewöhnlichen Gebärdensprache oder Tanzkunst -, es spricht sich dasjenige, was in der Natur selber ist, aus. Das soll erreicht werden, was Goethe so schön in seinem Buche über Winckelmann - wo er ein Höchstes seiner Kunstoffenbarung ausgesprochen hat - sagt: Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, würdigen und werten Ganzen fühlt, so möchte das Weltall, als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Wesens und Werdens bewundern.
Das Weltenall selbst kann durch den Menschen sprechen. Daher ist eben nichts Willkürliches in den Bewegungen der Eurythmie, sondern sie sind durch sinnlich-übersinnliches Schauen aus den Bewegungsanlagen des ganzen menschlichen Organismus hervorgerufen. Wenn zwei Menschen oder zwei Menschengruppen an ganz verschiedenen Orten zum Beispiel ein und dasselbe Motiv eurythmisch darstellen, so ist nicht mehr Subjektives, Individuell-Willkürliches darinnen, als wenn zwei Klavierspieler ein und dasselbe Tonstück nach ihrer Auffassung wiedergeben. Wenn Sie noch Pantomimisches in den Dingen finden, so rührt das davon her, dass wir mit der Eurythmie noch im Anfange stehen. Das wird eben mit der Zeit überwunden werden.
So werden Sie sehen, wie zum Beispiel auf der einen Seite Motive eurythmisch dargestellt werden, diese Motive musikalisch begleitet werden; denn das Musikalische in seiner fortlaufenden Gesetzmäßigkeit ist nur ein anderer Ausdruck desjenigen, was plastisch-beweglich durch Eurythmie erreicht wird. Aber Sie werden auch sehen, dass dieses selbe Motiv, das durch die stumme Sprache der Eurythmie zum Ausdrucke kommt, begleitet werden kann in der Rezitation und Deklamation als dichterisches Motiv. Dabei werden Sie bemerken, dass gerade diese Rezitationskunst in Anlehnung an die Eurythmie wiederum zurückgehen muss zu den guten alten Formen des Rezitierens und Deklamierens.
Daher wird hier die Rezitationskunst nicht so ausgebildet [wie heute üblich] — das ruft sehr leicht Missverständnisse und Verkennung in der Gegenwart hervor. In der Gegenwart empfindet man das Rezitieren, das hier gepflegt wird, durchaus als unkünstlerisch, indem man eben das Wesentliche des Rezitierens darin sieht, dass namentlich das Betonen des wortwörtlichen Inhaltes herauszubringen sei, also des Prosagehaltes der Dichtung. Hier wird ganz anders rezitiert und deklamiert, denn man könnte sonst nicht das Eurythmische mit Deklamation oder Rezitation begleiten. Das Musikalische, der Takt, das Rhythmische, das Melodiöse, also dasjenige, was schon wiederum eurythmisch ist in der Sprachbehandlung, in der Sprachgestaltung, das wird in der intensivsten Sprachdurchdringung mit dem Musikalischen zum Wesentlichen der rezitatorischen Kunst. Daher wird ebenso, wie heute ja noch die Eurythmie selbst Anfechtung erfährt, auch die Art des Rezitierens - die aber so sein muss, wie sie hier geschieht, wenn sie die Eurythmie begleiten soll - noch Anfechtungen erfahren.
Dies ist unsere Absicht, und so versuchen wir gerade dasjenige, was man nur außerhalb des Gedankens erreichen kann an Enträtselung der Weltengeheimnisse, durch Eurythmie darzustellen, durch diese eurythmischen Darstellungen zu erreichen. Denn die Weltengeheimnisse - zuletzt enthüllen sie sich doch nur durch dasjenige, was der Mensch aus sich heraus offenbaren kann. Goethe sagt so schön empfunden: Was wären schließlich alle Millionen von Sonnen, von Sternen und Planeten wert, wenn nicht zuletzt eine menschliche Seele das alles aufnehmen würde? und sich an all dem erfreuen, es genießen würde? Wenn man sagen kann: Dasjenige, was in der Welt webt und wirkt, kann dargestellt werden durch menschliche Gestaltung, so enträtselt sich, ohne den Umweg durch den Gedanken zu nehmen, vieles von den Weltengeheimnissen. Und das ist dasjenige, was gerade durch die Eurythmie angestrebt werden soll.
Nun, Sie werden sehen, dass gerade bei den Gedichten, die heute zur Darstellung kommen, von denen einzelne schon in der dichterischen Veranlagung eurythmisch empfunden sind, dass gerade von diesen Dingen leicht eine eurythmische Darstellung gegeben werden kann, zum Beispiel von solchen Naturimaginationen, wie sie das «Quellenwunder», das hier zur Darstellung kommt, darstellt.
Drei Aspekte, möchte ich sagen, hat unsere Eurythmie: Erstens soll sie als Künstlerisches sich vor die Welt hinstellen. Zweitens hat sie aber auch im Wesentlichen ein hygienisches Element, ein gesundheitliches Element. Wenn die Eurythmie Interesse gewinnen wird in weitesten Kreisen, so wird man finden, dass durch das Hineinstellen des Menschen auf unegoistische Weise in die ganze Weltgesetzlichkeit, wie dies in der Eurythmie der Fall ist, ein gesundendes Element in dem Menschen geltend gemacht wird. Und drittens hat sie eine pädagogische Seite.
Das gewöhnliche Turnen - das durchaus nicht beseitigt, sondern nur ergänzt werden soll durch die Eurythmie -, dieses gewöhnliche Turnen, wo nur auf die Physiologie, nur auf die körperliche Gestaltung gesehen wird, ist einseitig auf das Körperliche gerichtet. Die Eurythmie, die den ganzen Menschen ansieht, ist darauf gerichtet, dass sie dasjenige, was durch Leib, Seele und Geist wirkt, in der Bewegung äußert. So ist dasjenige, was sich durch die Eurythmie zum Ausdrucke bringt, gegenüber dem bloßen physiologischen Turnen, das auf den Körper wirkt, ein durchseeltes, ein durchgeistigtes Turnen, neben dem, was die Eurythmie künstlerisch ist.
So wird die Eurythmie wirklich ein befruchtendes Element unserer Zeitentwicklung sein können. Aber glauben Sie nicht, dass wir deshalb unbescheiden denken darüber, was wir heute schon können in der Eurythmie. Wir sind selbst unsere strengsten Kritiker und Richter, wir wissen, dass wir heute noch um Nachsicht zu bitten haben für unseren Anfang. Wir wissen, dass es vielleicht nur der Versuch eines Anfanges genannt werden kann. Aber wir sind auch der festen Überzeugung, dass, wenn der Eurythmie Interesse von den Zeitgenossen entgegengebracht wird, dieser Eurythmie eine ungeahnte Entwicklungsmöglichkeit vorbehalten ist und dass sie, wenn sie entweder noch durch uns, aber wahrscheinlich durch andere, noch weiter ausgebildet sein wird, [dass] die Eurythmie sich als eine vollberechtigte jüngere Kunst neben die voll berechtigten älteren Schwesterkünste wird hinstellen können.