Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920
GA 277b — 24 March 1919, Dornach
9. Ansprache zur Eurythmie

Sehr verehrte Anwesende!
Gestatten Sie, dass ich unserer eurythmischen Aufführung einige Worte zur Einleitung voranschicke. Es wird dies umso gerechtfertigter erscheinen, als es sich bei dem Dargestellten durchaus nicht handeln wird um irgendetwas in sich schon Vollkommenes, sondern um einen Versuch, vielleicht könnte ich sagen, um die bloße Absicht eines Versuches. Denn cs liegt ja nahe, dass diese besondere Form von Bewegungskunst, die in der Eurythmie dargeboten werden soll, verwechselt wird mit allerlei Nachbarkünsten, tanzartigen und dergleichen Künsten. Diese Nachbarkünste haben in der Gegenwart ja — das wissen wir wohl - eine große Vollkommenheit erreicht. Und wenn der Glaube entstünde, dass wir mit diesen Nachbarkünsten konkurrieren wollten, dann wäre dieses ein falscher Glaube. Nicht um irgendetwas, was so konkurrieren soll, handelt es sich hier, sondern um eine besondere Form von Bewegungskunst, die auf ihren eigenen Gesetzen beruht und die sein soll ein Anfang, zunächst bloß ein Anfang zu etwas, was in ihrer Richtung erreicht werden kann vielleicht einmal.
Es ruht, wie alles dasjenige, was hier in diesem Goetheanum einmal vorgeführt werden soll, auf den Grundlagen der Goethe’schen Weltanschauung. Allerdings nicht so, dass wir gewissermaßen nur das wiedergeben wollten, was in dem Fertigen der Goethe’schen Weltanschauung liegt, sondern es handelt sich darum, dass wir bald ein Jahrhundert nach Goethes Tode lebendig erhalten möchten dasjenige, was an Welt- und Kunstanschauung durch Goethe der Welt gegeben worden ist, dass wir ausbilden möchten dasjenige, was durch Goethe für die Menschheitsentwicklung eingeleitet worden ist, im Sinne der modernen Menschheitsvorstellungen.
Bei Goethe liegt ja das Eigentümliche vor, dass alles dasjenige, was in seine Kunst, seine Kunstauffassung, eingeflossen ist, ruht auf seiner umfassenden Weltanschauung überhaupt, die nichts bloß nüchtern Theoretisches hatte - und daher nicht in derselben Weise wie sonst trockene, nüchterne rationalistische Weltanschauungen ernüchternd auf das Kunstschaffen und Kunstempfinden wirken [muss]. Goethes große, gewaltige Naturanschauung, sie ist es, aus der auch sein ganzes Kunst-Auffassen hervorgegangen ist. Und Sie werden mir gestatten, dass ich von einer Einzelheit her versuche, zunächst dasjenige etwas anzudeuten, auf das es uns bei [der] Ausbildung der eurythmischen Kunst besonders ankommt.
Ich muss da hindeuten auf dasjenige, was ja bekannt ist unter dem Namen der Goethe’schen Metamorphosenlehre. Das ist eine großartige Auffassung von der Natur alles Lebendigen. Mehr als man meint, liegt in der Goethe’schen Anschauung, dass das gefärbte Blumenblatt nur ist eine Umwandlung des grünen Laubblattes der Pflanze, dass selbst die äußerlich gar nicht den Laubblättern ähnlich gestalteten Staubgefäße, der Stempel der Pflanze, umgewandelte Blumenblätter sind. Alles an der Pflanze ist für Goethe Blatt, verwandeltes Blatt.
Und so ist ihm aber auch wiederum die ganze Pflanze nur ein entsprechend differenziertes, ausgestaltetes Blatt. Und jedes einzelne Blatt ist ihm eine ganze Pflanze, nur einfacher gestaltet. Das ist Goethes Grundauffassung aber von allem Lebendigen. Jedes einzelne Glied eines Lebendigen ist gewissermaßen eine Wiederholung des ganzen Lebewesens. Und wiederum das ganze Lebewesen ist nur ein komplizierter ausgestalteter Organismus eben desjenigen, was in den einzelnen Hauptgliedern vorhanden ist. Und so ist es insbesondere beim Menschen. Dasjenige, was der Mensch im Ganzen ist, ist veranlagt in seinen einzelnen, wesentlichen Gliedern.
Was Goethe so für die Gestaltung der Lebewesen bis herauf zum Menschen in seine Vorstellungsart aufgenommen hatte, das kann man nun auch anwenden nicht nur auf die Gestaltung der einzelnen Glieder eines Lebewesens und des ganzen Lebewesens, sondern man kann es anwenden auch auf die Tätigkeit. Man kann zum Beispiel sagen, dass dasjenige, was als Tätigkeit ausführt der menschliche Kehlkopf und seine Nachbarorgane, im Kleinen eine Wiederholung ist desjenigen, was als Bewegungsmöglichkeiten im ganzen Menschen veranlagt ist, dass hinwiederum alles dasjenige, was aus dem ganzen Menschen an Bewegungs-, an Gestaltungsmöglichkeiten herausgeholt werden kann, ein Abbild sein kann desjenigen, was im Kehlkopf beim Sprechen, beim Singen in der Lautfolge, der Tonfolge, in dem gesetzmäßigen Zusammenhang der Töne und so weiter sich offenbart. Wir wenden, indem wir dem Singen, dem Sprechen, dem kunstvoll gestalteten Sprechen zuhören, unsere Aufmerksamkeit zunächst auf den Ton und die Tonfolge; aber das intuitive Erkennen, dasjenige, was hinschaut auf dasjenige, was im Kehlkopf bloß an Bewegungsmöglichkeiten veranlagt ist, oder das cine intuitive Vorstellung sich verschaffen kann von demjenigen, was übergeht in die Luftschwingungen, in den Luftrhythmus, wenn der Mensch singt oder kunstvoll spricht, das kann durch den ganzen Menschen zum Ausdruck kommen.
Das liegt unserer Bewegungskunst, unserer Eurythmie, zugrunde. Gewissermaßen kann man sagen, dass in der eurythmischen Darstellung, wie wir sie meinen, der ganze Mensch wie ein sichtbarer Kehlkopf wirken soll, so wirken soll, wie wenn man plötzlich sehend würde über dasjenige, was die Luft an innerer Beweglichkeit und Bewegsamkeit vollbringt, wenn wir den Laut und die Lautfolge hören.
Indem Goethe seine Kunstanschauung mit den schönen Worten ausgesprochen hat: Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis offenbart, der fühlt die Sehnsucht nach ihrer besten Auslegerin, der Kunst, hat er auf ein Geheimnis des künstlerischen Empfindens überhaupt hingedeutet. Und mit Bezug auf den Menschen selbst wird gesucht in unserer Eurythmie dasjenige, was natürlich im Menschen veranlagt ist, in Kunst umzusetzen. Ich schildere Ihnen damit ja allerdings nur, sehr verehrte Anwesende, die gewissermaßen elementarischen Grundlagen unserer Eurythmie. Indem das, was so herausgeholt ist aus der natürlichen Wesenheit des Menschen, nicht nach einer abstrakten Erkenntnis, sondern nach künstlerischen Empfindungen umgesetzt wird in künstlerisches Gestalten, muss es allerdings unmittelbar im Anschauen beurteilt werden. Allein darauf beruht ja alles künstlerische Empfinden, dass ein tiefer im Wesen der Dinge Liegendes in unmittelbarer Anschauung wohlgefällig vom Menschen aufgenommen wird. Dies erkennend, sagte Goethe schön einmal: Der Stil, der künstlerische Stil, beruht auf den Grundfesten der Erkenntnis, auf dem Wesen der Dinge, insofern es uns erlaubt ist, es in sichtbaren und gf[reif]lichen Gestalten darzustellen.
Der Stil unserer Eurythmie beruht auf dem Wesen des Menschen, insoferne es erlaubt ist, dieses Wesen so sichtbarlich in der Bewegung darzustellen, wie durch den Laut hörbar dargestellt wird dasjenige, was in der menschlichen Seele lebt.
So ist unsere Bewegungskunst entstanden. Da aber im Laut nicht bloß nur dasjenige lebt, was in den Bewegungen des Kehlkopfes veranlagt ist, sondern da der Laut und die Lautfolge im Singen und künstlerischen Sprechen durchleuchtet wird von Seelenempfindungen, durchwärmt wird von Seelenstimmungen, beim künstlerischen Gestalten des Gesprochenen in Rhythmen, in Reimen, in Alliterationen, in Assonanz und so weiter übergeht, so muss, wenn man gewissermaßen ein sichtbarliches Sprechen schafft, auch dieses, das Sprechen Durchziehende zum Ausdrucke kommen. In diesem Sinne stellt der einzelne Mensch, der Eurythmie darstellt bei uns, vor den Kehlkopf als solchen dasjenige, was Nachbarorgane des Kehlkopfes sind; dasjenige, was seelisch das Gesprochene, das Gesungene durchtönt, durchwellt, das wird durch Gruppen und die Gruppenbewegungen, gegenseitigem Verhältnis der Personen in Gruppen und so weiter zur Darstellung kommen.
Das Wesentliche ist dabei, dass alles das, was durch die Eurythmie zum Ausdrucke kommt, niemals ausdrückt — wie es bei den Nachbarkünsten der Fall ist - ein bloß augenblickliches Zusammenstimmen der Geste, des Mimischen mit demjenigen, was in der Seele lebt, sondern unsere Eurythmie ist eine innerlich gesetzmäßige Kunst wie die musikalische Kunst selbst, die in Melodie und Harmonie lebt. Nichts Willkürliches ist in irgendeiner Geste enthalten. Viel wichtiger als die einzelne Geste ist die Aufeinanderfolge der Geste. Es ist tatsächlich eine sichtbarlich zum Ausdrucke kommende musikalische Kunst, die in unserer Eurythmie vorliegt.
Und man kann auch sagen: Wenn zwei Eurythmisten ein und dieselbe Sache darstellen, so ist sie auf dieselbe Art darzustellen. Subjektive Verschiedenheiten können nur eintreten dadurch, dass die Auffassungen so verschieden sind, wie etwa zwei Klavierspieler eine Beethovensonate nach ihren verschiedenen Auffassungen verschieden darstellen. Aber größer als die subjektive Verschiedenheit auf diesem Gebiet ist auch die subjektive Verschiedenheit und Willkür auf eurythmischem Gebiete nicht.
Alles bloß Pantomimische, alles bloß Mimische ist strengstens ausgeschlossen, und wenn Sie noch etwas davon in unserer Darstellung sehen werden, so rührt das eben davon her, dass wir noch nicht jene Vollkommenheit erreicht haben, die wir anstreben. Allein eine solche Vollkommenheit muss im Laufe der Zeit aus dieser eurythmischen Kunst sich eben gerade entfalten.
Das, was ich Ihnen nun dargestellt habe, ist deshalb von mir ausgeführt worden, um anzuzeigen, wie diese eurythmische Kunst herausgeholt ist aus dem Wesen des Menschen selbst, wie der Mensch selbst nach dem, was in ihm an Bewegungsmöglichkeiten veranlagt ist, in der Eurythmie zum Kunstwerk wird. Auch das ist im Sinne Goethes, nach dem, was er so schön in seinem Buche über Winckelmann sagt: Indem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, sieht er sich wieder als eine ganze Natur an und bringt in dieser wiederum einen Gipfel hervor, nimmt Ordnung, Harmonie und Maß zusammen, um sich endlich zur Produktion des Kunstwerkes zu erheben.
So versuchen wir auf der einen Seite, das Künstlerische der Sprache durch das musikalisch Gestaltete zum Gehör zu bringen, und parallel damit gewissermaßen den ganzen Menschen als Kehlkopf ebenfalls ausdrücken zu lassen dasjenige, was im Ton und der Tonfolge zur Offenbarung kommen kann, im Laut und in der Lautfolge zur Offenbarung kommen kann.
In diesem Sinne bitte ich Sie, unseren zunächst noch schwachen Versuch aufzunehmen. Wir sind durchaus nicht so unbescheiden, dasjenige, was wir bieten können, für mehr zu halten als einen Anfang in der angedeuteten Richtung. Aber wir sind auch überzeugt davon, dass es ein Anfang zu einer wirklich neuen Kunstform ist, die allerdings vielleicht im Laufe einer langen Zeit erst wird ausgebildet werden können. Wir glauben eben, dass es möglich sein wird - entweder noch durch uns selbst, oder, wenn wir das nicht können, durch andere -, diese Kunstform zu etwas zu bringen, das sich neben die anderen Künste, die die Menschheit hervorgebracht hat, wird würdig hinstellen können. - In diesem Sinne bitte ich Sie nochmals, unsern schwachen Versuch aufzunehmen.