Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920

GA 277b — 27 February 1919, Winterthur

5. Ansprache zur Eurythmie

Das Programm dieser zweiten öffentlichen Aufführung war dasselbe wie in Zürich

Sehr verehrte Anwesende!

Gestatten Sie, dass ich unserer Aufführung einige Worte vorausschicke. Dies wird umso gerechtfertigter erscheinen, als es sich bei der Kunstform, die wir darstellen wollen, ja noch nicht um irgendetwas Vollendetes handeln kann, sondern um einen Anfang, um einen Willen, ich könnte auch sagen, um die Anlage zu einem Willen, in einer bestimmten Kunstform zur Darstellung das menschliche Innere in einer gewissen Art zu bringen. Wir wissen sehr gut, dass in den verwandten Gebieten, die es ja heute zahlreich gibt, Vollkommeneres geleistet wird in Bezug auf Vollendung des Künstlerischen. Wir wissen, dass wir mit dem, was in den verwandten Künsten geleistet wird, nicht konkurrieren können. Allein wir wollen auch nicht damit konkurrieren.

Es handelt sich bei uns nicht um irgendwie Tanzähnliches oder dergleichen Kunstschöpfungen neben anderem, sondern es handelt sich darum, auf gewissen Unterlagen - die sonst nicht gesucht werden — beruhende Formen der Bewegungskunst zu suchen, das heißt vom Ausdrucke seelischen Erlebens durch Bewegungen des menschlichen Organismus, durch Stellungen von Gruppen von Menschen zueinander, ebenso durch Bewegung von Stellungen von Gruppen von Menschen zueinander. Dasjenige, was ich eben bezeichnet habe, das als Grundlage der Sache zugrunde liegt, ist etwas, das in der Goethe’schen Weltanschauung begründet ist. Goethes große, gewaltige Weltanschauung drückt sich ja auf verschiedenen Gebieten aus. Vor allen Dingen drückt [sie] sich aus dadurch, dass Goethe die Wege fand, dasjenige, was in der Welt lebt und west, zu beurteilen von einem gewissen tieferen, geistigen Gesichtspunkte aus.

Da liegt zugrunde unserer Bestrebung zunächst die Art, wie Goethe das Leben selbst, die Formen der Lebewesen angesehen hat. Goethes große, bedeutsame Metamorphosenlehre liegt zugrunde. Ich will wahrhaftig nicht theoretisch werden in diesen einleitenden Worten hier, sondern nur darauf hinweisen, wie Goethe das Wachsen und Weben des Pflanzlichen, dann auch des Tierischen und Menschlichen angeschaut hat, wie ihm klar geworden ist, dass ein tieferer, intuitiver Blick auf dieses Wachsen zeigt, wie jedes einzelne Organ eine Metamorphose, eine Umwandelung des andern Organs desselben Wesens ist. Goethe sah in der Pflanzenblüte das Blatt, wiederum in der Frucht die Pflanzenblüte; so auch bei den Tieren, so auch bei den menschlichen Wesen. Nun aber zeigt es sich Goethe ganz klar, dass nicht nur das einzelne Organ ein Umwandlungsorgan anderer Organe ist, sondern dass auch das ganze Lebewesen nur eine Umwandlung eines [Organs] ist, gewissermaßen: Jedes Organ ist die ganze Pflanze, das ganze Tier.

Was da Goethe zuerst, ich möchte sagen mehr wissenschaftlich geartet sah, das kann man auch, ohne irgendwie nüchtern verstandesmäßig zu werden, künstlerisch voll empfinden. Und es ist versucht, künstlerisch zu empfinden mit Bezug auf die im Menschen selbst befindlichen Bewegungsanlagen. Wenn ich mit ein paar Worten kurz bezeichnen will dasjenige, was unserer Kunstform zugrunde liegt, so möchte ich sagen: Der ganze Mensch soll Bewegungen ausdrücken, welche ihn darstellen als einen einzigen Kehlkopf. Sodass man schen kann in dem, was der Mensch durch seine Bewegungen darstellt, dasjenige, was man sonst hört, wenn der Mensch durch das einzelne Glied des Organismus, durch den Kehlkopf und seine Nachbarorgane, Laute, Lautverbindungen und Töne und Tonverbindungen aus sich heraus gestaltet.

Da liegt allerdings die Notwendigkeit vor, in das ganze Gebiet, das der menschlichen Kehlkopfäußerung zugrunde liegt, mit intuitivem Blick künstlerisch hineinzuschauen. Dann findet man, dass in dem, was der Mensch nicht sieht in den Vorgängen des Kohlkopfes, sondern das sich nur ausdrückt in dem, was dann Sprache und Ton wird, [dass] da liegt etwas, was mehr in der Anlage beschlossen ist, als in dem, was wirklich zum Ausdruck kommt und was übergeht in die Offenbarung des Wortes und des Tones, der Wortverbindungen und Tonverbindungen. Das alles, was sich so ausdrückt durch den Kcehlkopf, das lässt sich sichtbarlich durch den ganzen Menschen ausdrücken. Wir bringen das zum Ausdruck dadurch, dass wir den ganzen Menschen Bewegungen machen lassen, die in derselben Weise verlaufen wie die Bewegungen, die im Sprechen, im Singen und so weiter der Kehlkopf hervorbringt.

Nun liegt aber in alledem, was der Mensch durch den Kehlkopf zum Ausdruck bringen kann, noch etwas anderes. Die ganze Seele spricht mit, empfindungs-, bewegungsmäßig dasjenige, was wir zum Ausdruck bringen. Es liegt eine Seelenstimmung dem durch die Sprache Geoffenbarten zugrunde, wenn man durch die Sprache sich ausdrückt: Rhythmus, reine künstlerische Assonanz wird ausgedrückt. Das wird wiederum ausgedrückt bei uns dadurch, dass wir Gruppen in Bewegung, in Stellung zueinander bringen. Zuerst alles dasjenige, was wir durch einzelne Menschen darstellen, ist Darstellung des ganzen Menschen wie eines großen Kehlkopfes, doch sichtbar, nicht hörbar. Alles, was wir darstellen in Gruppen, das ist dasjenige, was Wort und Ton durchdringt als Empfindung, durchglüht als Stimmung und dergleichen, in der Sprache dargestellt als rein künstlerischer Rhythmus, Alliteration, Assonanz und so weiter.

Und man kann sagen: Dadurch versuchen wir eine Kunstform zu erreichen, welche nicht einen augenblicklichen Ausdruck des menschlichen Seelenlebens gibt, sondern welche nach gewissen Gesetzen einen bleibenden Ausdruck des Seelenlebens gibt. So wie im Sprechen bei den Kehlkopfbewegungen der Kehlkopf Bewegungen macht, die einem gewissen Gesetze zugrunde liegen, wodurch Lautverbindungen, Tonverbindungen entstehen, wie in der Gesetzmäßigkeit etwas liegt wie im Organhaften, so versuchen wir nicht mimisch oder pantomimisch das Seelenleben zum Ausdruck zu bringen. Nicht in diesem suchen wir unsere Kunstform zu erreichen, sondern dadurch, dass wir eine innere Gesetzmäßigkeit unseren Bewegungen zugrunde legen, welche ebenso innerlich gegliedert ist, wie das musikalische Kunstwerk selbst in Harmonie und Melodie innerlich gegliedert ist. [So] kann bei uns der einzelne Mensch oder [können] Menschengruppen nichts zum Ausdruck bringen, was etwa nur im Augenblicke pantomimisch oder mimisch aus ihnen fließt, sondern das, was subjektiv beim einzelnen Menschen zum Ausdrucke kommt, ist etwa so, wie sich verhält die Darstellung einer Beethoven’schen [Sonate] durch irgendeinen Künstler in der Darstellung zu einem anderen Künstler. So scheiden wir alles Willkürliche aus, alles Subjektive aus; alles Mimische, Pantomimische spielt keine Rolle bei uns, nicht die einzelne Geste, sondern nur der Zusammenhang mit dem einzelnen Kunstwerk. Wenn Sie doch noch sehen Geste, Pantomimik, Mimik, so betrachten Sie das durchaus als eine Unvollkommenheit unserer Kunstform; wir sind eben durchaus noch nicht bis zu der Stufe gelangt, als wir für sie wünschen möchten, wie ich das eben ausgesprochen habe.

Unterstützt wird selbstverständlich unsere Kunst durch das Musikalische, durch Rezitation; sodass auf der einen Seite das Seelische gehört werden kann, und auf der anderen Seite wie gesagt durch den ganzen Menschen, der zum Kehlkopf geworden ist, zur sichtbarlichen Darstellung kommt.

Nehmen Sie, schr verehrte Anwesende, die Darbietung des heutigen Abends eben durchaus nicht als irgendetwas, wovon wir uns einbilden, es sei schon eine vollkommene Kunst - Sie werden vieles Unvollkommene sehen. Nehmen Sie es aber als einen Anfang, dann werden Sie ihm vielleicht so weit gerecht werden, dass Sie sehen: Man kann neben verwandten Künsten auf diesem Gebiete auch diesen Versuch wagen. Erweisen Sie uns die Gunst, von diesem Gesichtspunkte zu charakterisieren; verzeihen Sie die Fehler, die Sie vielleicht sehen werden. Wir werden uns gerade dadurch bemühen, die Fehler zu verbessern, und es wird aus diesem Anfang durch uns oder durch andere, die auf diesem Gebiete arbeiten, viel Vollkommeneres auf diesem Gebiete noch zustande kommen.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →