Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920

GA 277b — 24 February 1919, Zurich

4. Ansprache zur Eurythmie

Die erste öffentliche Eurythmie-Aufführung hätte in Zürich stattfinden sollen und war ursprünglich für den Oktober 1918 geplant, war aber behördlicherseits abgesagt worden (siehe die Dokumente S. 44f.). Stattdessen fand sie dann am 24. Februar 1919 statt, von Rudolf Steiner sorgfältig vorbereitet mit Texten für die Ankündigung in der Zeitung und einem Text für das Programmheft. - Es folgten 1919 weitere öffentliche Darstellungen in Winterthur, Stuttgart, Mannheim, Dresden und Bern sowie öffentliche Aufführungen am Goetheanum.

Die als Eurythmie bezeichnete Bewegungskunst, die bisher nur in einem engeren Kreise gepflegt wurde, hat ihren Ausgangspunkt von der Anschauung Goethes genommen, dass alle Kunst die Offenbarung ist verborgener Naturgesetze, die ohne solche Offenbarung verborgen blieben. Mit diesem Gedanken lässt sich ein anderer, ebenfalls Goethe’scher, verbinden. In jedem menschlichen Einzelorgane findet man einen gesetzmäßigen Ausdruck der menschlichen Gesamtform. Jedes einzelne Glied des Menschen ist gewissermaßen ein Mensch im Kleinen wie - goethisch gedacht - das Pflanzenblatt eine Pflanze im Kleinen ist. Man kann diesen Gedanken umkehren und im Menschen einen Gesamtausdruck dessen schen, was eines seiner Organe darstellt. Im Kehlkopf und den Organen, die im Sprechen und Singen mit ihm verbunden sind, werden durch diese Betätigungen Bewegungen ausgeführt oder auch nur intendiert, die sich in Lauten oder Lautverbindungen offenbaren, während sie selbst im gewöhnlichen Leben unbeobachtet bleiben. Weniger diese Bewegungen selbst als vielmehr die Bewegungsintentionen sollen nun durch die Eurythmie umgesetzt werden in Bewegungen des Gesamtkörpers. Durch den ganzen Menschen soll sich als Bewegung und Haltung sichtbar machen, was sich im Bilden der Laute und Töne in einem einzelnen Organsysteme unwahrnehmbar abspielt. Durch Bewegungen der Glieder am Menschen kommt zur Offenbarung, was sich im Sprechen und Singen im Kehlkopf und seinen Nachbarorganen vollzieht; in der Bewegung im Raume und in den Formen und Bewegungen von Gruppen wird dargestellt, was durch das Menschengemüt in Ton und Sprache lebt. Dadurch ist mit dieser eurythmischen Bewegungskunst etwas geschaffen, bei dessen Entstehung die Impulse gewaltet haben, die in der Entwickelung aller Kunstformen gewirkt haben. Alles willkürlich Mimische oder Pantomimische, alles Symbolisieren von Seelischem durch Bewegungen ist ausgeschlossen; der Ausdruck wird durch einen gesetzmäßigen inneren Zusammenhang erreicht wie in der Musik. Wovon im Wesen des Künstlerischen die Tanzkunst einmal ihren Ausgang genommen hat, wovon sie aber im Laufe der Zeit sich weit entfernt hat, darauf soll die Eurythmie wieder zurückführen. Sie will dies aber im Sinne einer wahrhaft modernen Kunstauffassung, nicht durch Nachahmung oder bloße Wiederherstellung eines Alten. Es liegt in der Natur der Sache, dass die eurythmische Kunst sich verbindet mit dem Musikalischen. Die im Verlaufe der Darstellung auftretenden musikalischen Beigaben zu den eurythmischen Aufführungen hat van der Pals geliefert. Was jetzt schon als Eurythmie auftritt, ist ein Anfang; die mit dieser Kunst verbundenen Absichten werden wohl eine weitere Entwickelung finden. Sie möchten aber als ein Anfang genommen werden.

Programm zur Aufführung Zürich, 24. Februar 1919

Plakatentwürfe für die Aufführung
Plakatentwürfe für die Aufführung

Sehr verehrte Anwesende!

Gestatten Sie, dass ich unserer Aufführung einige wenige Worte vorausschicke. Dies wird umso notwendiger sein, als es sich bei dieser Aufführung durchaus, wie ich von vornherein bemerken darf, nicht um irgendeine schon vollendete Kunstform handelt, sondern um ein Wollen, vielleicht könnte ich sogar sagen: um die Anlage zu einem Wollen. Und in diesem Sinne bitte ich Sie, diesen unseren heutigen Versuch noch aufzufassen und aufzunehmen. Wir wollen durchaus nicht mit irgendeiner, unserer Kunstform scheinbar ähnlichen Tanzkunstform oder dergleichen in irgendeiner Weise konkurrieren. Wir wissen sehr gut, dass man in allen diesen Nachbarkünsten unendlich viel Vollkommeneres in der Gegenwart darzubieten versteht, als wir noch auf unserem speziellen Gebiete können. Doch handelt es sich für uns auch gar nicht darum, irgendetwas zu geben, was in irgendeiner anderen Form schon da ist. Es handelt sich um eine besondere Form von Kunst, hervorgebracht durch Bewegungen des menschlichen Körpers, durch gegenseitige Bewegungen und Stellungen von zu Gruppen verteilten Persönlichkeiten.

Der ganze Sinn dieser unserer eurythmischen Kunst fußt auf der Goethe’schen Weltanschauung, und zwar gerade auf denjenigen Teilen der Goethe’schen Weltanschauung, die, wenn man sie in seine künstlerische Empfindung aufnimmt, wohl [als] die grundtiefsten und für die Zukunft der künstlerischen Entwickelung vielleicht fruchtbarsten erscheinen.

Wenn es auch theoretisch aussieht, so darf ich zur Erläuterung der darstellenden Gruppen in dieser Beziehung vielleicht einiges bemerken. Es ist ja in weitesten Kreisen bekannt, wie Goethe nicht nur als Künstler tätig war, sondern wie er tiefe - leider darf man heute nicht sagen wissenschaftliche - wissenschaftsähnliche Einblicke in das Weben und Wesen all der Naturvorgänge und Naturbedingungen getan hat. Und man braucht nur zu erinnern, wie Goethe zu der Vorstellung gelangt ist, jedes einzelne Pflanzenorgan als eine Umwandelung der anderen Pflanzenorgane, die an demselben Wesen vorkommen, anzusehen, das eine Glied eines natürlichen Wesens als eine Metamorphose des anderen Gliedes, dann aber wiederum die ganze Pflanze - und so auch auf höhere organische Wesen, Tiere und Menschen übertragen das ganze Wesen als eine zusammenfassende Metamorphose der einzelnen bedeutungsvollen Glieder anzusehen. Dazu war Goethe gekommen.

Durchdringt man sich mit dem, was für die Intuition in dieser Natureinsicht liegt, so ist es möglich, diese Einsicht in künstlerische Empfindung und künstlerische Gestaltung umzusetzen. Das ist versucht worden hier in unserer eurythmischen Kunst für gewisse künstlerisch ausgestaltete Bewegungen des menschlichen Körpers selbst. Und zwar soll das dadurch erreicht werden, dass das, was Goethe angeschaut hat zunächst für die Form, hier künstlerisch umgesetzt wird in Bewegung.

Wenn ich zusammenfassend ausdrücken will, was eigentlich in dieser eurythmischen Kunst unsere Absicht ist, so möchte ich sagen: Der ganze Mensch soll werden zu einer Metamorphose eines einzelnen Organes, eines allerdings hervorragenden, bedeutungsvollen Organes, des Kehlkopfes. - So wie der menschliche Kehlkopf durch das Wort, durch den Ton ausdrückt dasjenige, was in der Seele lebt, so ist es möglich, dass, wenn man intuitiv erfasst die Kräfte, die im Kehlkopf und seinen Nachbarorganen bei der Lautformung, bei der Tonformung wirksam sind, wenn man diese Kräfte intuitiv fasst, so kann man sie umsetzen in Bewegungsformen des ganzen menschlichen Organismus. Der ganze menschliche Organismus kann gewissermaßen ein sichtbarer Kehlkopf werden, wobei man sich nur klar vor Augen halten muss, dass dasjenige, was der menschliche Kehlkopf zum Ausdrucke bringt in Wort, in Ton, in der Harmonie, in der gesetzmäßigen Aufeinanderfolge der Laute und der Töne, dass das nur die Anlage zu gewissen Bewegungen innerhalb der Luftmassen selber ist, in denen ja eigentlich dasjenige, was Wort und Ton ist, zu seinem sinnlich-physischen Ausdrucke kommt.

So möchte ich sagen: Das, was als Gestaltungsform die Bewegung des menschlichen Kehlkopfes hineinschickt in eine Luftmasse, das versuchen wir durch den ganzen menschlichen Organismus zum Ausdruck zu bringen.

Dann soll auch dasjenige, was Ton und Rede durchklingt als Seelenstimmung, als innere Empfindung, was erklingt in der künstlerischen Gestaltung der Rede in Rhythmus, in Reim, in Alliteration, in Assonanz und so weiter, das soll nun zum Ausdruck dadurch kommen, dass wir Gruppen bilden, deren einzelne Glieder eben Rhythmus, rein innere Seelenstimmung, Weben der Empfindung und dergleichen zu dem noch hinzufügen, was die einzelne Persönlichkeit durch ihre Bewegungen zum Ausdruck bringt.

Vermieden, wesentlich vermieden ist bei uns alles dasjenige, was irgendwie nur ein augenblicklicher Ausdruck wäre desjenigen, was in der Seele vorgeht. So wie unser Kehlkopf nicht in irgendeiner augenblicklichen, erfundenen Bewegung zum Ausdrucke bringt, was in der Seele vorgeht, sondern so, wie im Kehlkopf eine Gesetzmäßigkeit gegeben ist in der Aufeinanderfolge der Laute und der Töne, so ist hier in dieser eurythmischen Kunst eine Gesetzmäßigkeit gegeben in der Aufeinanderfolge der Bewegung. Alle Mimik, alle Ausdrucksform, die bloß in der Geste liegen, sollen vermieden werden. Und alle Mimiken, wo sie heute auftreten werden, da bitte ich Sie, dies noch als in unserer Kunstform bestehende Unvollkommenheit aufzufassen. Wir sind noch durchaus nicht so weit, als wir schon gerne wären.

Von anderen ähnlichen Kunstformen unterscheidet sich ja, wie Sie aus diesen Worten schon werden entnehmen können, unsere eurythmische Kunst noch dadurch, dass der ganze menschliche Körper, nicht bloß etwa die Beine, in Bewegung kommt. Ich möchte sagen: Es wird hier in besonders hervorragendem Maße gar nicht mit den Beinen eine tanzartige Bewegungskunst entfaltet, sondern die Hauptorgane für diese Bewegungskunst sind gerade die menschlichen Arme.

So versuchen wir auf einem ganz bestimmten Gebiete dasjenige, was als Impuls in der Goethe’schen Weltanschauung liegt, in unserer eurythmischen Kunst vorzuführen. Derjenige, welcher uns heute richtig beurteilen will, muss dasjenige, was wir bieten können, durchaus nur als einen allerersten Anfang, der als Anfang nur unvollkommen sein kann, aufnehmen. Er muss aber auch berücksichtigen, dass jene Gewohnheiten des künstlerischen Aufnehmens solcher Dinge entgegenstehen demjenigen, was in unserer eurythmischen Kunst eigentlich als das Wesentlichste wirkt. Hier ist nichts eben augenblicklicher Ausdruck, sondern alles ist einer innerlichen Gesetzmäßigkeit unterworfen, die auf einem intuitiven Studium der Bewegungsmöglichkeiten des menschlichen Organismus beruht, wie in der Musik selbst die Aufeinanderfolge der Töne einer Gesetzmäßigkeit unterworfen ist, wie im Sprechen, im Versemachen die Aufeinanderfolge der Laute und Worte einer ganz bestimmten Gesetzmäßigkeit unterworfen ist, sodass niemals irgendetwas aus augenblicklicher Willkür bei dieser eurythmischen Kunst entstehen kann, sondern wenn zwei Menschen, die vielleicht in ihrer Individualität schr verschieden voneinander sind, in eurythmischer Kunst etwas darstellen, oder zwei verschiedene Gruppen etwas darstellen, so kann die Verschiedenheit nur so weit gehen, wie etwa die Verschiedenheit der Auffassung verschiedener Klavierspieler, die eine und dieselbe Beethovensonate spielen. - Es handelt sich also darum, dass alles Subjektive, alles Willkürliche aus unserer eurythmischen Kunst ausgeschaltet ist.

Indem ich mir erlaubt habe, diese paar Worte vorauszuschicken, bitte ich Sie, dass Sie erkennen, dass Sie durchaus wissen, dass es sich durchaus um einen Anfang nur handelt, um einen schwachen Anfang bei unserer eurythmischen Kunst handelt, von dem wir allerdings glauben, dass er einer weiteren Vervollkommnung fähig ist. Und so bitten wir Sie, das, was wir darstellen können, mit aller Nachsicht, die in solchen Dingen möglich ist, aufzunehmen. Wenn Sie uns so behandeln, dann hoffen wir, dass nach diesem ersten Versuch unsere Kräfte wachsen und wir - oder vielleicht andere einmal - auf diesem Gebiete in solchen Kunstformen auch etwas Besseres leisten können als schon heute.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →