An Marie von Sivers in Berlin
GA 265 — 30 November 1905
An Marie von Sivers in Berlin
Donnerstag, 30. November 1905
Karlsruhe, 30. Nov. 1905
Mein Liebling, mit Deinem Programm bin ich einverstanden. In Stuttgart ist nun auch schon für die bezüglichen Tage der Saal genommen. Damit sind also die Tage für Stuttgart auch äußerlich festgelegt. Für Weihnachten lasse ich alles Deinem Ermessen anheimgestellt, mein Liebling. Ich möchte nur eventuell, wenn ich die Sachen bis dahin so weit habe, nach Pest fahren und dann möchte ich einmal in Horn1 gewesen sein. Doch darüber können wir ja noch reden.
In Stuttgart und Heidelberg ist, denke ich, alles gut gegangen. Da ich den Vorsatz mit Tübingen2 ausgeführt habe, ist alles in Stuttgart etwas eilig geworden. Sonst hätte ich meinem Liebling schon von dort aus geschrieben.
Schön sind Deine Worte in dem letzten Briefe; und ich bin so froh, dass Du von den Luciferaufsätzen etwas gehabt hast.3
Julius Engel4 hat ja seine Sache nunmehr bekommen. Ich hoffe, dass das alles in Ordnung ist.
Viel kann ich Dir auch heute nicht schreiben. Auch in Heidelberg haben die Leute mich viel in Anspruch genommen, wie Du Dir denken kannst.
Die Freimaurer-Sache5 wollen wir nur ja bedächtig, ohne alle Überstürzung machen. Reuß ist kein Mensch, auf den irgendwie zu bauen wäre. Wir müssen uns klar darüber sein, dass Vorsicht so dringend dabei nötig ist. Wir haben es mit einem «Rahmen», nicht mit mehr in der Wirklichkeit zu tun. Augenblicklich steckt gar nichts hinter der Sache. Die okkulten Mächte haben sich ganz davon zurückgezogen. Und ich kann vorläufig nur sagen, dass ich noch gar nicht weiß, ob ich nicht eines Tages doch werde sagen müssen: das darf gar nicht gemacht werden. Ich bitte Dich daher, mein Liebling, doch ja nichts anderes, als etwas ganz vorläufiges mit den Leuten zu besprechen. Wenn wir eines Tages sollten genötigt sein, zu sagen: da können wir nicht mit, so dürfen wir vorher nicht zu stark engagiert sein. Es sind bei der Sache zum Teil persönliche, zum Teil Eitelkeitsmotive im Spiel. Und vor beiden fliehen die okkulten Mächte. Sicher ist, dass vorläufig es allen okkulten Mächten wertlos erscheint, dass wir solches tun. Doch ganz bestimmtes kann ich auch heute noch nicht darüber sagen. Bemerken wir bei der nächsten Unterredung mit Reuß etwas Unrichtiges, dann können wir noch immer das Angemessene tun.
Für heute nur noch allerherzlichsten Gruß Rudolf.
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Diese Absicht führte Rudolf Steiner höchstwahrscheinlich zwischen dem 3. und 7. Januar 1906 aus, s. Hinweis zu Nr. 44. ↩
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Besuch bei dem Arzt Emil Schlegel in Tübingen zwischen dem 26. und 28. November 1905 von Stuttgart aus. Im Vortrag Dornach, 12. April 1924 in GA 236 wird dieser Besuch erwähnt. ↩
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Es dürfte sich vor allem um die im Oktober-Heft 1905 der Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» begonnenen beiden neuen Aufsatzreihen handeln: «Theosophie und soziale Frage» (jetzt in «Luzifer-Gnosis 1903-1908», GA 34) sowie «Die Stufen der höheren Erkenntnis» (jetzt GA 12). ↩
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(ca. 1854-1925), Maler, 1894-97 Vorsitzender der D.T.G. Berlin, 1898 Gründer und Vorsitzender des Zweiges Charlottenburg, ca. 1905 Professor an der Technischen Hochschule Magdeburg. ↩
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Theodor Reuß (1855-1923), war zusammmen mit Dr. Franz Hartmann 1902 von dem Freimaurer John Yarker autorisiert worden den Memphis-Misraim Ritus in Deutschland einzuführen. Nach neuen Brieffunden war es Franz Zavrel, der Rudolf Steiner den Vorschlag machte, eine Memphis-Misraim Loge für Theosophen zu errichten. Er vermittelte den Kontakt zu Reuß, als Rudolf Steiner im Oktober 1905 beschloss für die zu begründende erkenntniskultische Abteilung der Esoterischen Schule die Autorisierung durch diesen Orden zu erwerben. Franz Zavrel aus Prag lebte zu dieser Zeit in Berlin, er hatte den 95. Grad inne und war 1904 von dem Amt eines Generalsekretärs in diesem Orden, wahrscheinlich in Böhmen, zurückgetreten. Im Februar 1905 war er im Berliner Zweig Mitglied geworden. Näheres dazu siehe Kapitel 36 von «Mein Lebensgang» und «Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule», GA 265, ferner Hella Wiesberger, «Rudolf Steiners esoterische Lehrtätigkeit», Dornach 1997. ↩