An Marie von Sivers in Berlin

GA 265 — 25 November 1905

An Marie von Sivers in Berlin
Samstag, 25. November 1905, aus Nürnberg

Mein Liebling, beifolgend schicke ich Dir also die Sache über Wochentage und Evolution. Es ist skizzenhaft, wird Dir aber dienen können, den Gegenstand Montag vorzubringen,1 der ja jetzt nach der Sonnen- und Mond-Entwickelung2 auch ganz gut postiert ist. —

Nun hast Du gestern selbst gesehen,3 wie wenig noch übrig geblieben ist von den einstigen esoterischen Institutionen, die doch einmal ein physiognomischer Abdruck waren höherer Welten. In Wahrheit sollten die drei symbolischen Grade: Lehrling, Geselle, Meister die drei Stufen ausdrücken, auf denen der Mensch im Geiste sich selbst d.h. sein Selbst innerhalb des Menschentypus findet. Und die Hochgrade sollten die Erhebung stufenweise andeuten, durch die der Mensch ein Bauer am Menschheitstempel wird. Und wie der gewordene Menschenorganismus d.h. der astrale, ätherische und physische Organismus ein Mikrokosmos der Vergangenheitswelt sind, so soll der von der Maurerei in Weisheit, Schönheit und Stärke zu errichtende Tempel das makrokosmische Abbild einer inneren mikrokosmischen Seelen-Weisheit, Seelenschönheit und Seelenstärke sein.

Im Materialismus hat die Menschheit das lebendige Bewusstsein von alle dem verloren und die äußere Form ist vielfach an Menschen übergegangen, die zum inneren Leben keinen Zugang haben.

Es wäre nun die Aufgabe, das maurerische Leben aus den veräußerlichten Formen aufzufangen und neu zu gebären, wobei natürlich das wieder geborene Leben auch neue Formen hervorbringen müsste. Dies sollte unser Ideal sein: Formen zu schaffen als Ausdruck des inneren Lebens. Denn einer Zeit, die keine Formen schauen und schauend schaffen kann, muss notwendigerweise der Geist zum wesenlosen Abstraktum sich verflüchtigen und die Wirklichkeit muss sich diesem bloß abstrakten Geist als geistlose Stoffaggregation gegenüberstellen. — Sind die Menschen imstande wirklich Formen zu verstehen z.B. die Geburt des Seelischen aus dem Wolkenäther der sixtinischen Madonna: dann gibt es bald für sie keine geistlose Materie mehr. - Und weil man größeren Menschenmassen gegenüber Formen vergeistigt doch nur durch das Medium der Religion zeigen kann, so muss die Arbeit nach der Zukunft dahin gehen: religiösen Geist in sinnlich-schöner Form zu gestalten. Dazu aber bedarf es erst der Vertiefung im Inhalte. Theosophie muss zunächst diese Vertiefung bringen. Bevor der Mensch nicht ahnt, dass Geister im Feuer, in Luft, Wasser und Erde leben, wird er auch keine Kunst haben, welche diese Weisheiten in äußerer Form wiedergibt.

Für heute herzlichstes von Rudolf



  1. Bezieht sich auf den Berliner Zweigabend, den Marie v. Sivers in Abwesenheit Rudolf Steiners leitete. ↩

  2. Siehe «Aus der Akasha-Chronik», GA 11. ↩

  3. Theodor Reuß (1855-1923), war zusammmen mit Dr. Franz Hartmann 1902 von dem Freimaurer John Yarker autorisiert worden den Memphis-Misraim Ritus in Deutschland einzuführen. Nach neuen Brieffunden war es Franz Zavrel, der Rudolf Steiner den Vorschlag machte, eine Memphis-Misraim Loge für Theosophen zu errichten. Er vermittelte den Kontakt zu Reuß, als Rudolf Steiner im Oktober 1905 beschloss für die zu begründende erkenntniskultische Abteilung der Esoterischen Schule die Autorisierung durch diesen Orden zu erwerben. Franz Zavrel aus Prag lebte zu dieser Zeit in Berlin, er hatte den 95. Grad inne und war 1904 von dem Amt eines Generalsekretärs in diesem Orden, wahrscheinlich in Böhmen, zurückgetreten. Im Februar 1905 war er im Berliner Zweig Mitglied geworden. Näheres dazu siehe Kapitel 36 von «Mein Lebensgang» und «Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule», GA 265, ferner Hella Wiesberger, «Rudolf Steiners esoterische Lehrtätigkeit», Dornach 1997. ↩

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