Our Dead
GA 261 — 27 December 1914, Dornach
Ansprache am Grabe von Albert Faiss
Liebe Leidgenossen!
Nach den lieben Worten des Herrn Pfarrers habe ich zu sein der Interpret für diejenigen Herzen, die in Liebe aufgenommen den Teuren, der von uns dahingegangen ist. Zuerst habe ich mich zu wenden an die liebe, teure Lebensgefährtin, den lieben Vater und die lieben Kinder und dann an Euch alle, die Ihr hier versammelt seid, um zu begleiten die irdische Hülle des von uns so sehr geliebten Freundes zu ihrer letzten Ruhestätte.
Kurz, kurz ist es her, seitdem wir denselben Weg gegangen sind und der lieben Lebensgefährtin des Dahingegangenen gelobten, ihren Schmerz mitzutragen, mitzutragen den Schmerz, über den wir sie nicht trösten wollten, sondern gegenüber dem wir ihr nur versprachen, ihn mitzutragen.
Und heute sind wir in der Lage, das Versprechen versuchen zu müssen, den vermehrten, den vergrößerten Schmerz mit unserer lieben Freundin zu tragen und mit den anderen, denen der teure Dahingegangene so nahestand. Er ist uns im Laufe der Zeit immer näher und näher gekommen, näher gekommen mit denjenigen Kräften des Menschen, mit denen man den Menschen am allernächsten kommen kann, mit den besten Kräften seines seelischen Strebens.
Auch diesmal möchte ich mit diesen Worten nichts anderes zum Ausdruck bringen, als damals, als wir am Grabe des teuren Kindes standen: daß wir tragen wollen, getreu tragen wollen den Schmerz, der so berechtigt der Hülle zum Grabe folgt, der dauern wird, der aber tapfer und mutig getragen sein muß in dem Bewußtsein, daß von den geistigen Welten, in die aufgenommen ist die menschliche Seele nach dem Tode, uns zwar Raum und Zeit trennen, aber daß uns nichts trennt von den geistigen Welten, wenn die Seelen verbunden sein wollen mit diesen geistigen Welten durch jene Kräfte, die sie in sich selber tragen und durch die sie in treulichem Zusammenhang mit diesen Welten werden siegen können über Raum und Zeit. In solchem Streben haben wir ihn gekannt, unseren Freund Albert Faiss. Vor Jahren kam er schon in unsere Mitte, geprüft, schwer geprüft von dem äußeren Leben. Man darf wohl sagen: Arbeit, harte Arbeit und mühseliges Streben ward ihm zugeteilt. Aber, wenn man so seine Seele kennen lernte, wie sie sich darlebte, wie sie aus den lieben, treuen Augen so zuversichtlich blicken konnte, da sah man, daß diese Seele in sich selber Halt und Sicherheit gefunden hatte, fähig war, schwere, mühselige Arbeit und Lebenssorge zu tragen, weil sie sich fest wußte auf dem sicheren Grunde geistigen Lebens.
In weite Ferne mußte der Teure wandern und auch in weiter Ferne fand er nicht Ziel und Ruhe, aber im eigenen Herzen, in der eigenen Seele fand er sie. Er fand sie, und wir wußten zu schätzen den festen Zusammenhalt des Strebens, das er in seiner Seele entwickelte, mit unserem eigenen Streben. Wir wußten zu schätzen, was uns so unendlich wertvoll sein muß, meine liebe Trauergemeinde.
Wenn jemand den Zusammenhang mit uns findet, wie unser Freund Faiss ihn fand, so findet er ihn deshalb, weil dieser Zusammenhang in den ewigen Gründen schon vorgebildet ist, weil er bei uns das nur suchte, was er in seiner eigenen Seele immer suchte. Das gab auch unserem Freunde jene so wunderbar schön geschlossene Natur, die derjenige, der ihm nahe kam, immer wieder in ihm beobachten konnte,
Er hatte sich einen Beruf erwählt, der ihn mit der Natur in Zusammenhang brachte. Er hatte es dahin gebracht, aus diesem Berufe, wenigstens in seinen Gedanken, dasjenige zu machen, was im Grunde genommen mit jedem Berufe gemacht werden sollte und was aus der Sicherheit des geistigen Lebens aus jedem Berufe gemacht werden kann. Er brachte es zu einem höheren Streben innerhalb seines Berufes. Wenn er so sprach und durchdringen wollte die Kräfte, welche die Erde entwickelt, um hervorzubringen in seinem Berufe Nahrungsmittel, wie sie der Menschheit am besten dienen könnten, wenn er sich erkundigte, welche Pflanze für diese oder jene menschliche Natur besser geeignet war, dann sah man, wie er verstand, Menschheitsdienst aus seinem Berufe heraus zu entwickeln. Das war etwas Schönes in seiner Natur, daß er niemals daran dachte, den Beruf aus persönlichen Gründen zu verfolgen, sondern versuchte, aus demselben das zu machen, was Menschheitsdienst und damit auch Gottesdienst sein kann, versuchte, zu durchdringen menschliches Wirken mit dem Bewußtsein von göttlichem Wirken.
Das ist unsere Aufgabe, und dieser Aufgabe widmete sich unser Freund Albert Faiss mit inniger Hingebung, mit all den Kräften, die ihm zur Verfügung standen. Das, was so in seiner Seele lebte, was er so liebevoll und innig zu durchdringen wußte mit seinem ganzen Wesen, und alles, was so in ihm lebte, oh, das brachte ihm die Liebe, die innige Liebe derer, die in seiner Nähe lebten. Wir kennen sie alle, diese Frau Faiss, wir wissen, wie sie in inniger Liebe und gleichem Streben mit dem teuren Dahingegangenen zusammenhing, wir wissen zu schätzen das harmonische Zusammenwirken dieser beiden Menschen, und da wir das wissen, werden wir auch Wege finden, den Schmerz, für den es kaum Trostesworte gibt, mit ihr zu tragen.
Ich wüßte kaum etwas, was so wunderbar schön ausdrücken kann, wie die in der Seele unseres Freundes sich ausdrückenden Kräfte sich werktätige Liebe zu erwerben vermochten, als wenn ich noch mit einigen Worten gedenke des entschlafenen Kindes.
Als der Vater in den Krieg gezogen und die Mutter allein mit den Kindern war, da sprach das teure entschlafene Kind - es war das älteste derselben -, indem es treu an der Seite der Mutter arbeitete: Jetzt, wo der Vater fort ist, muß ich besonders fleißig arbeiten, damit ich meiner Mutter eine Stütze bin. — Das ist werktätige Liebe, wie man sie erwirbt mit so edlen Seelenkräften, wie sie der teure Dahingegangene besaß. Dieses Kind, es wird jetzt empfangen in entsprechender Weise die Seele des dahingegangenen Freundes; sie werden zusammen wirken in der geistigen Welt, und wir sollen uns im Geiste, den wir zu ergreifen glauben, mit ihnen vereinigen.
Stark sind die Gedanken an die Teuren, die sie von drüben schicken zu denen, welche sie zurückgelassen haben; sie erwarten, daß wir die Seelenblicke zu ihnen richten. Wir wollen gedenken oft und oft, wie die Toten, die sogenannten Toten, wissen können, wie hier die Seelen nach ihnen blicken, wie hier die Seelen mit ihnen vereint sind. So wollen wir denn in inniger, treuer Freundschaft mit den Hinterbliebenen den Liebesdienst pflegen mit dem Dahingegangenen, wissend, daß er in gleichem Streben mit uns vereint war.
Ja, lieber Freund, liebe Seele, Du verstandest es aus Deiner ganzen Natur heraus, den Weg des Geistes zu gehen. Du machtest keinen Schritt in Deinem täglichen Leben hier auf Erden, ohne daß Du wußtest, daß alles, was das Auge umschließt, die Hände ergreifen, gegeben ist von Gott, dem Vater, dem ewigen Gott, in all Deinem Erdenwirken. Du wußtest Dich eingewoben in das Ewige Gottes.
Und so war Dein Wirken, lieber Freund, liebe Seele, daß es suchen mußte nach der Erkenntnis, die ihr angemessen war, daß es durchdrungen werde mit der Wesenheit, welche der Erde erst ihren Sinn gegeben hat, mit der Wesenheit des Christus. Das wußtest Du. Und das suchtest Du, als Du den letzten Deiner Erdenschritte in diese Gegend machtest, als Du Deine Tätigkeit entfalten wolltest im Einklange mit unserem geistigen Streben in der Nähe des Baues, durch den wir entwickeln wollen dieses geistige Streben.
So suchtest Du in Deiner Art das Ewige in Dir, schon während Deines Erdenlebens zu durchdringen mit jener Kraft, die dahin strebt, den Sinn der Erde zu erfassen, und Du suchtest jene Erkenntnis zu gewinnen, welche darnach strebt, den Sinn des Erdenlebens zu gewinnen, welchen der Christus Jesus gegeben hat. Dadurch wußtest Du Dich verbunden mit Deinem ewigen, göttlichen Teil in dem Christus Jesus selber, wußtest Dich einverwoben in ihn. Und so wußtest Du auch, daß Du einstmals sterben werdest in dem Christus Jesus, und wußtest, daß Du durch die Pforte des Todes tragen werdest die Anwartschaft, zu leben mit dem Geiste, mit dem wir alle vereinigt sind.
So lebtest Du mit dem Gotte, lebtest mit dem Christus, so starbest Du in dem Christus und so wird Deine Seele mit ihm vereinigt sein und wir dürfen zu Dir hinaufschauen im Geiste.
In diesem Bewußtsein mit Dir vereint zu sein, oftmals unsere Gedanken hinzurichten nach den Reichen, in denen Deine Seele jetzt wirkt, das geloben wir, denn für uns sind die Toten lebend, lebend mit uns, wie sie es waren im irdischen Leben, als sie noch im physischen Leibe mit uns verbunden waren, und wir wissen: Dasjenige, was wir ihm jetzt nachfühlen, ist auch hier auf der Erde hineinverwoben in dasjenige, was herunterströmt aus den geistigen Planen, in welche die Toten eingegangen sind. Verbunden wissen wir mit Deinen Kräften diejenigen Kräfte, diejenigen Seelenkräfte, die raum- und zeitlos sind.
Das geben wir Dir als Versprechen mit, getreulich zu stehen zu denjenigen, die Du hier hinterlassen hast, mit denen wir zu tragen versuchen werden ihren Schmerz, aufschauend zu Dir, der Du empfangen wirst von der Seele des teuren Kindes, mit der vereint wir Dich wissen. In ewigen Sphären, nicht nur im Tode, fühlen wir uns mit Dir verbunden, und wir dürfen, voll durchdrungen von diesem Bewußtsein, Deiner Seele zurufen: Lebe wohl, lebe wohl im Geiste und lasse uns, so weit wir es vermögen, mit Dir leben!