The Fateful Year of 1923
GA 259 — 1 October 1923, Vienna
Worte über die Gründungsversammlung der österreichischen Landesgesellschaft
Wien, 1.Oktober 1923 (Schluß des Vortrags) beim letzten Vortrag für Mitglieder während der österreichischen Herbstveranstaltung
Meine lieben Freunde! In der heutigen Nachmittagsversammlung haben Sie eine Resolution angenommen, für die ich Ihnen dankbar sein muß. Ich spreche Ihnen diesen Dank aus tiefster, herzlicher Empfindung aus. Aber Sie müssen mir nicht böse sein, wenn ich auch ein wenig meine Meinung sage über das, was doch verknüpft sein soll mit dem, wovon heute nachmittag in manchmal so lauten Worten gesprochen wurde: von der Weiterentwicklung, Neugestaltung, dem Mündigwerden der Anthroposophischen Gesellschaft. Gewiß ist das alles außerordentlich gut, wenn ein recht starker Wille dahinter steckt. Aber, meine lieben Freunde, ich werde schon manchmal in die Lage gebracht, etwas konkreter sprechen zu müssen von dem, was eigentlich notwendig ist. Da ich zu meinem Leidwesen nicht so oft in Wien sein kann, habe ich gerade von diesen Dingen hier in Wien weniger konkret gesprochen als zum Beispiel im Februar bei anderen Gelegenheiten in Stuttgart. Doch es wird ja einiges auch durchgesickert sein von dem, was ich in Stuttgart oder Dornach zuweilen sagte mit Bezug auf das, was nötig wäre für dieses Mündigwerden der Anthroposophischen Gesellschaft in dem einundzwanzigsten Jahr ihres Lebens. Auf ein Wort mußte ich immer wieder hinweisen, was gar sehr in der Entwickelung der Anthroposophischen Gesellschaft notwendig ist: Das ist das Wort Aufwachen, aufmerksam sein auf das, was in der Umgebung vor sich geht, ein Herz haben für das Leben - nicht bloß für Theorien über das Leben - in der Anthroposophischen Gesellschaft. Verzeihen Sie, wenn ich dann auch Kleinigkeiten charakterisiiere; aber dem, der das Leben betrachtet, enthüllt es sich oft in Kleinigkeiten. Ich darf auf eine solche Kleinigkeit aufmerksam machen, es ist gar nicht schlimm gemeint, aber es hat sich in diesen Tagen folgendes zugetragen.
Nicht wahr, so wenig als irgend möglich liegt mir an dem, was in der Öffentlichkeit über meine Vorträge oder über das, was ich tue, gesagt wird. Aber es gibt Ausnahmefälle. Da ist an dem Tage, an dem mein zweiter öffentlicher Vortrag war, hier ein Zeitungsartikel erschienen, der- ich will jetzt ganz absehen, ob er sich lobend ausspricht oder nicht, mir sind lobende Artikel nicht wertvoller als furchtbar schimpfende -, der aber doch einige charakteristische Worte hat, die folgendes besagen. Ich erwähne es wegen des Mündigwerdens unserer Gesellschaft. Da wird von der übersinnlichen Erkenntnis gesagt:
«Sie (die Anthroposophie) hat der Zeitforderung nach Verbesserung unserer Existenz nicht genügt, sich also bis jetzt selbst nicht als Zeitforderung erwiesen. Und sie wird es auch nicht werden, bis sie nicht bei ihrer «exakten Ausgestaltung des übersinnlichen Erlebens zu wirklich fördernden Erkenntnissen kommt. Was sie uns bietet, ist doch nur alte Mystik, die einschlief bei Erlebnis des Übersinnlichen und beim Erwachen alles Erlebte wieder vergessen hatte. Solche Vergeßlichkeit zu überwinden, das ist die Zeitforderung an Rudolf Steiner.» (Neues Wiener Journal vom 29. September 1923.)
Diese Worte sind außerordentlich charakteristisch. Ich bin ja nur, ich möchte sagen, wie durch ein Schicksal etwas eingegangen auf die Besprechung dieser Forderung, indem ich darauf hingewiesen habe, daß es Erkenntnisse gibt, zum Beispiel die über das menschliche Herz, die uns in der Pädagogik weiterführen. Aber denken Sie: Wenn ich diesen Artikel, statt ihn einen Tag nach dem Vortrage in die Hand zu bekommen, dann gehabt hätte, als der Vortrag war, dann hätte geantwortet werden können: Das, was du da forderst, das besteht ja! - Ich habeees ja berührt, aber ich hätte es vielleicht im anderen Falle ausführlicher getan. Die Dinge sind ja da — nur werden sie nicht berücksichtigt. Aber dann kommen die Leute mit solchen Forderungen!
Nicht wahr, wenn einer unserer Freunde hier die Gewogenheit gehabt hätte, mir am Neunundzwanzigsten im Laufe des Tages diesen Artikel zu geben, so würde das bedeutet haben: Man wacht, man kümmert sich um die Dinge, die vorgehen, man geht mit! Denn ich hätte, wenn auch nur in fünf Zeilen, im Anknüpfen an den Schluß dieses Artikels etwas sehr Wichtiges gesagt, und es hätte dadurch etwas getan werden können. Mit dem bloßen Reden davon, daß wir eine neue Phase der Gesellschaft begründen, ist es nicht getan. Wir müssen wirklich aufwachen und mitarbeiten. Das können wir im Kleinsten und im Größeren. Denn ebenso wie ich diesen Artikel bekommen habe, als die Kuh aus dem Stalle war, hätte ich ihn bekommen können, als die Kuh noch in Stalle war. Das ist es, was ich mir als das Mündigwerden der Gesellschaft einmal erbeten habe. Ich muß unangenehm werden, wenn ich von meinem Standpunkte aus die Dinge charakterisiere; aber es ist nun einmal geschehen, und es ist auch nicht so schlimm gemeint!
Aber auf diese Dinge muß man hinweisen, denn da kann wirklich mitgearbeitet werden! Es wäre ganz gut gewesen... ich weiß, es haben viele den Artikel gelesen, aber sie haben es nicht als der Mühe wert gefunden, mir am Tage vor dem Vortrag diesen Artikel zu übergeben. Es ist nur ein Symptom, und ich wähle, um bemerklich zu machen, daß ich es nicht schlimm meine, das läßlichste Symptom, aber es ist deshalb doch charakteristisch.
Und so möchte ich bitten, recht im Ernste zu nehmen, was ich mit dem Erwachen meine. Erwachen heißt: Anfeuern der Aufmerksamkeit für die Umgebung, mitarbeiten an der Welt, mitarbeiten für unsere große Sache, wenn unsere große Sache in Betracht kommt. Theoretische Auseinandersetzungen, daß wir «nun einundzwanzig Jahre alt werden», tun es nicht. Was hilft es, wenn man nun einundzwanzig Jahre alt geworden ist? Wenn man es jedoch im Inneren der Seele wirklich erreicht hat, ist das Wachwerden dasjenige, was wir brauchen. - Es ist eigentlich gemeint als eine Freundlichkeit, was ich damit sage.
Ich bin am Nachmittage gefragt worden, ob ich selber sprechen möchte, und ich will nun dazu sagen: Im allgemeinen ist es auch gut für unsere lieben Freunde in Österreich, wenn sie — da ich Österreich so gerne habe - nicht bloß mitmachen würden dieses Erwachen, sondern wenn sie sogar ein Musterbeispiel für das Erwachen sein würden. Aber dann muß es beginnen bei den alltäglichsten Dingen, insofern es das Leben der Gesellschaft berührt. In Österreich hat man wirklich Gelegenheit, viel, viel zu tun gerade für diese geistige Bewegung, der wir ergeben sind. Denn Österreich hat bei einem gewissen, ich möchte sagen, Fortentwickeln eines äußeren oder manches bürokratisch-mechanischen Eingesponnenen der Lebensgeister dennoch immerdar eine starke Innerlichkeit gerade auf jenem Gebiete gehabt, wo Intellektuelles in Gemüthaftes übergeht. Und ich möchte wirklich niemals versäumen, dieses auszusprechen. Wenn man in die fünfziger, sechziger Jahre oder noch an den Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückgeht, so gab es damals in Österreich die besten Schulbücher von der ganzen Welt, und dieses Gute erstreckte sich nicht etwa bloß auf die sogenannten humanistischen Schulbücher, sondern bis in die Mathematik- und Geometriebücher hinein. Und da muß man durchaus gerecht sein. Gerecht sein kann man auch gegen jene, die unsere Gegner sind. Es wäre wirklich an der Zeit, wenn man einsehen würde, daß Anthroposophie niemandes Gegner ist: die anderen sind Gegner der Anthroposophie. Ich mußte das einmal vor kurzem bei einer unerquicklichen Angelegenheit in Stuttgart stark monieren. Man spricht davon, daß der oder jener mich als «Gegner» behandelt. Dazu hat er gar kein Recht, da ich mich nicht als Gegner geriere, bis ich mich genötigt sehe, gegnerische Angriffe abzuwehren; die anderen werden Gegner. Dazu braucht man ein feines Unterscheiden. Daher muß man gerecht sein und sagen: Aus jener feinen Bildung heraus, die das geistige Leben ziselierte, die in Österreich bis in die Mittelschulen hinein die Bildung der Benediktiner, der Zisterzienser war, aus dieser Bildung ist etwas eingeflossen von Geistigem in das österreichische Gemüt, was Sie sonst nirgends finden. Ich will Ihnen sonst wirklich nicht schmeicheln, aber die Älteren von Ihnen haben es unbewußt in sich, berücksichtigen es vielleicht nicht. Man hat nicht ungestraft die späteren schauderhaften Geometriebücher eingeführt an Stelle zum Beispiel des Fialkowski oder des alten Močnik, den man als Geometriebuch früher in Österreich hatte, wo alles in der darstellenden Geometrie, ohne daß man es merkte, ins Gemüthafte hinübergeführt war. Schon an den Figuren war das zu merken: Man hatte einen schwarzen Grund und darauf weiße Linien, statt der heute meist anzutreffenden schwarzen Striche. Das alles stand dem Gemüte unendlich viel näher. Davon lebt doch hier noch vieles. Es lebt in den Seelen; nur malträtieren die Menschen ihre eigene Seele: Sie unterdrücken diese Dinge. Und eben gerade der Umstand, daß jener reformatorische protestantisch-evangelische Intellektualismus nicht als durchgreifende Welle durch das österreichische Gemüt gegangen ist, gerade das bedingt ein ganz besonderes österreichisches Seelenmilieu. Das Deutschtum in Österreich ist etwas anderes als das Deutschtum irgendwo in der Welt. Man braucht ja nur hinzuweisen auf jene feinen Geister, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Österreich gewirkt haben. Ich will nicht Namen nennen, aber sie sind ja überall zu finden, manchmal gerade an den unscheinbarsten Orten.
Das alles könnte darauf hinweisen, daß mir ja auch dieser Gedanke in einem entscheidenden Augenblicke vorschwebte: Rede einmal über Anthroposophie und das menschliche Gemüt gerade in Österreich und gerade in Wien. Und wenn Sie auch in Ihren Oberseelen das alles so auffassen würden, wie die Welt das sonst auffaßt: In Ihren Unterseelen können Sie das gar nicht so! Denn da ist etwas vorhanden von jenem feinen Vibrieren, das aus der eben doch tiefgehenden Bildung, die in Österreich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts da war, hervorgegangen ist. Und man muß sich die Frage: Was kann Deutsch-Österreich für die Anthroposophie tun? eben mit dem Gemüt beantworten. Man muß da nicht spekulieren darüber, wie der Unterschied zwischen diesem oder jenem Erdgebiete ist, sondern man muß fühlen, wie hier wirklich starke Innerlichkeit steckt. Das drückt sich in den geringsten Einzelheiten aus. Die anderen Deutschen fühlen das manchmal als etwas recht Fremdes.
Sehen Sie, daß Sie hier eine besondere Aufgabe haben, aus dem Gemüte heraus zu wirken, das mag Ihnen aus Einzelheiten hervorgehen. Ich saß einmal in Weimar mit Herman Grimm zusammen. Wir kamen im Zusammenhange des Gespräches auf Grillparzer zu sprechen, und Herman Grimm sagte: «Ich habe einmal gehört von Scherer (der von Wien nach Berlin berufen wurde), daß Grillparzer auch ein Dichter sein soll.» Denken Sie sich: Der Mann, der damals der geistvollste unter den Vertretern des deutschen Geisteslebens war, sprach in dieser Weise! Und er erzählte dann weiter: «Ich hatte einmal bei einem Aufenthalt in München eine freie Stunde und schickte hinüber zur Hofbibliothek, um mir etwas von Grillparzer kommen zu lassen; und als ich las, da kam mir das vor, als wenn das eigentlich gar nicht in deutscher Sprache, sondern in einer fremden Sprache geschrieben wäre, es kam mir wie etwas ganz Fremdes vor.» Das sagte Herman Grimm!
Wer Österreich mit dem Gemüte faßt, der kann nicht so sprechen; dem wird eben diese Sprache, die gerade bei Grillparzer so stark hervorrtritt, als die Sprache des Gemütes sich offenbaren. Man muß schon mit dem Herzen sich diese Frage beantworten: Was soll Österreich für die Anthroposophie tun? — Es ist ja gut für den Österreicher, daß im Wort «Anthroposophie» nur ein R ist; denn Sie wissen ja — Sie werden mir recht geben -, der Österreicher lernt eigentlich niemals das R ordentlich aussprechen. Das ist gerade seine Eigentümlichkeit, daß er immer da, wo ein R ist, eigentlich ein A spricht. Wir vokalisieren das R. Erforschen Sie nur Ihre Vokal- und Konsonantengeheimnisse, und Sie werden finden, daß Sie zum R kein großes Genie haben! Es ist so beim Österreicher, daß er dieses «Rollen» des R eigentlich niemals mit seinem Sprachorgan begreift. Der Österreicher spricht eben ein «gemütliches» R; aber es ist eben nicht gemütlich — und so wird es kein ordentliches R. Doch ist es eben so, daß man das Wesenhafte da ergreifen muß, wo es ist.
Und so dachte ich: Ich möchte einmal durch diese Vortragsreihe Ihr Gemüt ergreifen! Das ist die Antwort auf die Frage, die unser lieber Freund Zeißig heute nachmittag an mich stellte. Das ist es, was ich als Abschiedsgruß sagen wollte. Damit schließe ich diese Vortragsreihe, und ich möchte nur noch hinzufügen, daß es mir eine tiefe Befriedigung gewährt hat, wieder einmal unter Ihnen in Wien zu sein. Und ich hoffe ja, daß wir bei unserer Geistesbewegung, wenn wir auch äußerlich auseinander sind, uns immer innerlich zusammen wissen. Und da wir uns ja immer zusammen wissen und zusammen fühlen, so werden wir, auch wenn wir räumlich getrennt sind, geistig zusammen sein!