The Fateful Year of 1923
GA 259 — 13 September 1923
September-Tagung der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland
Delegiertentagung1 zur Vorbereitung auf die Gründung der Internationalen Anthroposophischen Gesellschaft
Stuttgart, 13. bis 17. September 1923
Einladungsschreiben in Nr. 6 der «Mitteilungen, herausgegeben vom Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland», Stuttgart, Juli 1923
An die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland
Hierdurch laden wir alle Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, insbesondere die Mitglieder des erweiterten Vorstandes und die Vertrauenspersönlichkeiten zu einer Hauptiagung ein, die in der Zeit zwischen dem 10. und 15. September dieses Jahres in Stuttgart stattfinden soll. Ein ausführliches Programm dieser Tagung können wir Ihnen heute noch nicht vorlegen, doch haben wir die große Freude, Ihnen mitteilen zu können, daß Herr Dr. Steiner vom 12. bis 15. September eine Reihe von Vorträgen zugesagt hat.
Anmeldungen zu dieser Haupttagung können schon jetzt an die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland, Stuttgart, Champignystraße 17, gerichtet werden.
Liebe Freunde!
Seit der Delegiertenversammlung hat Herr Dr. Steiner an verschiedenen Stellen, zum Beispiel bei den zwei Generalversammlungen der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz, davon gesprochen, daß sich die Anthroposophische Gesellschaft eine neue Aufgabe stellen muß, die ihr auch die Achtung der Außenwelt verschafft. Am eindringlichsten kommt die Frage in den acht Vorträgen zur Geltung, die er vom 10. bis 17. Juni in Dornach gehalten hat. Wir bringen in dieser Nummer der «Mitteilungen» einen zusammenfassenden Bericht über diese Vorträge und möchten ganz besonders auf die Stelle am Schluß verweisen: «Darüber sollte überall verhandelt werden, wie man der Anthroposophischen Gesellschaft ein bestimmtes Gepräge gibt.»
Es standen solche Erörterungen auch schon seither im Mittelpunkt vieler Kreise, und was wir davon aus den Briefen, die uns zugingen, erfahren konnten, war uns außerordentlich wertvoll, und wir sind herzlich dankbar dafür. Nun wird es gewiß, ebenso wie hier in Stuttgart, in noch unendlich verstärktem Maße die Herzen bewegen, und wir sind der guten Zuversicht, daß es gelingen wird, die Früchte der Arbeit dieses Sommers von allen Seiten zu der Haupttagung zusammenzutragen, um dann die Arbeit des kommenden Winters, die gewiß besonders schwierig wird, unter die neuen Gesichtspunkte stellen zu können.
Wir sehen die Notwendigkeit, möglichst rasch bei Wiederaufnahme der öffentlichen Arbeit mit schlagkräftigen Vorträgen über das Wesen der Anthroposophie an allen größeren Plätzen aufzutreten. Es schwebt uns für solche Vorträge ein neuer Stil, gewissermaßen eine neue Sprache vor. Es müßten die Schüler der Anthroposophie, die so lange aus dem lebendigen Geistesqueil geschöpft haben, so auftreten, daß niemand sagen kann, es handle sich um einen Abklatsch von dem, was Dr. Steiner gesagt oder geschrieben hat. Wir haben viel eigene Überzeugungskraft in die Waagschale zu werfen, um die Werdekraft der Anthroposophie am lebendigen Menschen zu erweisen.
Zu einem solchen Auftreten braucht jeder einzelne hinter sich eine Gesellschaft, deren Organisation die Einheitlichkeit des Vorgehens sichert. Schon heute zeigen sich spontan an verschiedenen Orten die fruchtbaren Keime einer naturgemäßen Gliederung. Wir hören zum Beispiel von den Freunden in Mitteldeutschland, daß sie vierteljährliche Zusammenkünfte abhalten, so daß eine Reihe von Arbeitsgruppen in ihren Vertretern zum Erfahrungsaustausch und gegenseitiger Berichterstattung gelangen. Dasselbe haben die Freunde am Rhein trotz der unendlichen Erschwerung, welche durch die Besetzung gegeben ist, zustandegebracht. Hier in Stuttgart können wir mit großer Befriedigung zurückschauen auf die Zusammenkünfte, die alle vier Wochen stattgefunden haben in der Weise, daß Freunde aus allen umliegenden Orten zu gemeinsamer Arbeit hierhergekommen sind.
Wenn wir die hier vorliegenden Tendenzen bewußt ausbauen, werden wir erreichen können, was uns durch keine Korrespondenz und durch keine Sendung von Druckschriften gelingt. Wir haben im Bureau der Anthroposophischen Gesellschaft ungezählte Briefe geschrieben und erhalten und können ruhig aussprechen, daß, abgesehen von rein «bureaukratischen» Dingen, die an ihrem Orte berechtigt und notwendig sind, das Beste, was wir uns gegenseitig zu sagen und zu geben haben, nicht zum Ausdruck kommen kann. Aber stellen wir uns vor, daß wir über ganz Deutschland hin etwa sechs bis acht Mittelpunkte schaffen, welche allen in einem größeren Bezirk wohnenden Mitgliedern regelmäßig erreichbar sind, dann genügen vielleicht sechs bis acht Briefe, um eine regelmäßige und rasche Orientierung aller Freunde zu ereichen. Auch die Reisetätigkeit gewinnt damit Aussicht auf Erfolg, wenn bei solchen Zusammenkünften der größeren Bezirke ein gegenseitiger Besuch und insbesondere die Teilnahme des hiesigen Vorstandes möglich ist.
Solche Fragen wird die Haupttagung behandeln können. Ferner wollen wir zur Konstituierung des erweiterten Vorstandes und der Körperschaft der Vertrauenspersönlichkeiten gelangen; und diese Angelegenheiten werden wiederum hinweisen auf die innere Arbeit der einzelnen Arbeitsgruppen. Es sei zum Beispiel nur die wichtige Frage der Einführung in die Anthroposophie erwähnt: «Bis ins einzelne müssen wir uns zu Richtlinien durcharbeiten, die dann als das Selbstverständliche wirken werden.» So heißt es am Schluß des siebenten der Dornacher Vorträge.
Die Überwindung der «drei Punkte», die in ihrer Grundsätzlichkeit an ältere okkulte Gesellschaften erinnern, ist vielleicht die größte Aufgabe, die uns die Dornacher Vorträge stellen. Wir hoffen, Ihnen in Bälde einen Entwurf vorlegen zu können, der drei Richtlinien zur Geltung bringen soll: 1. Was diejenigen, die von außen herankommen, sehen können als Zweck der Gesellschaft, 2. was die in der Gesellschaft vereinigten Menschen sich selbst als Aufgabe stellen wollen, 3. was die Gesellschaft in alle Lebensgebiete hinauswirken will.
Wenn wir die richtige Selbstbesinnung aufbringen für das, was jeden einzelnen von uns zur Anthroposophie geführt hat, dann werden wir auch die richtigen Worte finden, die von den «heimatlosen Seelen» gehört werden können.
Die Zeit ist kurz und die Aufgaben sind groß.
Mit herzlichen Grüßen
Der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland 1. A.: Dr.-Ing. Carl Unger. Dr. Walter Johannes Stein.
Rundschreiben des Vorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland an die Arbeitsgruppen in Deutschland und Österreich sowie an die Vertrauenspersönlichkeiten:
Stuttgart, 31. Juli 1923 Champignystraße 17
Liebe Freunde!
Heute können wir Ihnen über die Haupttagung im September, zu der in den «Mitteilungen» Nr. 6 eingeladen worden ist, nähere Angaben machen, wenngleich das Programm seine endgültige Gestalt auch jetzt noch nicht erhalten kann.
In bezug auf das Datum mußte insoferne eine kleine Verschiebung eintreten, als die Tagung nicht zwischen dem 10. und 15. September, sondern von Donnerstag, den 13. bis Montag, den 17. September 1923 stattfinden wird. Der Verlauf der Tagung ist so gedacht, daß an den Vormittagen von 10-%1 Uhr Zusammenkünfte und Beratungen des erweiterten Vorstandes, der Vertrauenspersönlichkeiten und der Arbeitsgruppenleiter (aufgrund besonderer Mitteilungen an die Teilnehmer) stattfinden sollen.
Für nachmittags von 4-6 Uhr sind die Hauptreferate, insbesondere auch solche von hiesigen Mitarbeitern in Aussicht genommen. Anschließend Aussprache.
An den Abenden werden (von 8 Uhr ab) Vorträge von Herrn Dr. Steiner und eventuell von anderen Persönlichkeiten stattfinden.
Als Verhandlungsgegenstände für die Vor- und Nachmittagsveranstaltungen werden vor allem die folgenden in Frage kommen:
I. Die Anthroposophische Gesellschaft und ihre geistige Aufgabe im Inneren und nach außen. Als besondere Punkte sind vorgesehen:
- Vertrauensorganisation, erweiterter Vorstand etc.
- regionale Verbände von Arbeitsgruppen
- Vortragswesen
- «Einführungskurse»
- Vortragsnachschriften
- Mitgliederaufnahme
- Finanzfragen.
II. Gegnerbekämpfung.
III. Bildung der anthroposophischen Gesellschaften in den einzelnen Ländern und Gründung der internationalen Gesellschaft in Dornach.
IV. Der Wiederaufbau des Goetheanum.
Berichte der Arbeitsgruppen (insbesondere zu I und II) und eventuelle Referate bitten wir bis spätestens 1. September anzumelden, damit sie bei Fertigstellung der Tagesordnung entsprechend berücksichtigt werden können. Etwaige sonstige Wünsche bezüglich des Programms bitten wir uns gleichfalls möglichst bald mitzuteilen. Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland Der Vorstand:
Dr. Carl Unger.
Dr. W.J. Stein
An die Vertrauenspersönlichkeiten der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland!
Liebe Freunde!
Wir laden Sie hiermit zu einer Versammlung der Vertrauenspersönlichkeiten ein, welche unserer Tagung vorangehen soll. Donnerstag, den 13. September 1923, vorm. 10 Uhr, wollen wir im Gustav-Siegle-Haus in Stuttgart zusammenkommen, um über das Ziel der Tagung zu beraten. Denn nur wenn bei dieser Versammlung der leitende Gedanke von allen Vertrauenspersönlichkeiten gehegt und getragen wird, wird es uns gelingen, eine Tagung zu halten, in der Gesellschaftsbewußtsein sich regt. Künftig wird der Vorstand und erweiterte Vorstand zusammen mit den Vertrauenspersönlichkeiten vieles aktiv zu gestalten haben.
Wir planen bei dieser Vorversammlung zunächst die zwei Körperschaften des erweiterten Vorstandes und der Vertrauenspersönlichkeiten zu konstituieren. Jede dieser beiden Körperschaften muß sich als Körperschaft fühlen und sich ihrer Aufgabe bewußt werden.
Zur Erzeugung eines Gesellschaftsbewußtseins gehört es, daß sich die über ganz Deutschland verteilten Mitglieder des erweiterten Vorstandes als vollständig handelnde Vertreter ihrer Körperschaft fühlen und dies auch nach außen zur Geltung bringen. Es sollte ein Bewußtsein dafür vorhanden sein, daß die Arbeitsgruppen (Zweige) Gliederungen der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland sind, denen die innere Arbeit zufällt. Öffentlich nach außen sollten sie nicht auftreten. Alle öffentlichen Veranstaltungen sollten durch die einzelnen Mitglieder des erweiterten Vorstandes im Namen der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland veranstaltet werden. So wird also die Gesellschaft nach außen durch den Vorstand und erweiterten Vorstand repräsentativ vertreten.
Die Vertrauenspersönlichkeiten nehmen die Mitglieder auf. Auch sie entfalten dadurch eine Wirksamkeit nach außen. Die Aufnahme erfolgt in die Anthroposophische Gesellschaft (zunächst nicht in irgendeinen Zweig). Der Vorstand vollzieht die Aufnahme, die Vertrauenspersönlichkeit schlägt durch den von ihr unterzeichneten Aufnahmeantrag vor. So wird also jedes Mitglied zunächst freistehendes Mitglied, d.h. Mitglied der Gesellschaft. Erst dann kann es Mitglied eines Zweiges werden, d.h. Mitglied einer esoterisch arbeitenden Arbeitsgruppe. Dies soll nur ein Beispiel sein dafür, zu zeigen, welcher Art die Tätigkeit der Vertrauenspersönlichkeit ist.
Es ist geplant, jede Mitgliedskarte in Dornach gegenzeichnen zu lassen (der Vorschlag geht von Herrn Dr. Steiner aus), damit schließlich jedes einzelne Mitglied sich als Mitglied der internationalen Gesellschaft fühle, die in Dornach ihr Zentrum haben wird. Das wird aber erst in der Tagung der internationalen Gesellschaft zu Weihnachten festgelegt werden können.
Sie sehen, es kommt darauf an, die Ländergesellschaften für diesen internationalen Zusammenschluß vorzubereiten. Aber dieses Organisatorische, so wichtig es ist, wird doch in zweiter Linie stehen. Das wichtigste Ziel unserer Tagung ist die Aussprache über das Gesellschaftsziel und die Abänderung der drei Leitsätze, die in dem Entwurf der Grundsätze enthalten sind.2
Diese drei Leitsätze enthalten noch etwas von dem Sektiererischen der Theosophischen Gesellschaft und sind deshalb als Leitsätze einer wirklichen Weltbewegung nicht angemessen. Soll unsere Gesellschaft sich so ausweiten, wie es ihrer Aufgabe in der Gegenwart entspricht, dann darf von niemandem gefordert werden, daß er sich zu Leitsätzen bekenne, sondern es muß jeder Mitglied werden können, der ein Interesse daran hat, daß eine Gesellschaft besteht, in welcher in rechtmäßiger Weise die Wege in die übersinnlichen Welten gesucht werden, um aus übersinnlicher Erkenntnis das Leben und seine praktischen Einzelgebiete zu befruchten. Menschen, die so etwas wollen, gibt es aber viel mehr, als es Mitglieder unserer Gesellschaft gibt, und eine solche Umstellung der Gesellschaft würde daher eine ganz außerordentliche Erweiterung derselben zur Folge haben. Bei dieser Erweiterung aber wird alles auf die Menschenkenntnis der Vertrauenspersönlichkeiten ankommen und auf die Hilfe, welche ihnen von seiten der gesamten Mitgliedschaft erwächst. Denn künftig werden alle Arten von sektiererischen Maßnahmen bei der Mitgliedsaufnahme, wie das Verlangen eines Absolvierens von Einführungskursen, Lesen gewisser Bücher usw., wegfallen müssen, dafür aber eben alles auf die Menschenkenntnis ankommen. Die Vertrauenspersönlichkeiten werden Menschen suchen und finden lernen müssen, die durch ihr Wesen zu uns gehören, nicht solche, die eine Lehre angehört haben und sich nun dazu bekennen. Diese Tendenz und Reste eines Bekenntniswesens zu entfalten, wird überwunden werden müssen.
Alles dies werden wir zu besprechen haben und vieles andere, was die Freunde selbst werden vollbringen wollen. Aber wir hoffen, daß eine solche Vorbesprechung eine Einigkeit und Herzlichkeit schaffen kann, die dem Verlauf der ganzen Tagung anthroposophische Wärme und jugendlichen Schwung verleihen wird.
Recht herzliche Grüße
I.A.: Dr. Walter Johannes Stein