The Fateful Year of 1923
GA 259 — 4 January 1923, Dornach
Besprechung einiger führender deutscher Mitglieder
mit Rudolf Steiner über die Durchführung eines geplanten internationalen Kongresses
Protokoll von Karl Schubert
Lehrer Rudolf Meyer, Berlin, stellt die Frage, ob es richtig sein würde, den geplanten internationalen Kongreß in Berlin zu veranstalten. Er bittet Dr. Steiner um Richtlinien.
Dr. Steiner: Ist es nötig, daß wir durch die Katastrophe eine Änderung eintreten lassen, als höchstens diese, daß wir noch eifriger sind als wir waren? Ich meine, dies Unglück ist doch etwas, was unabhängig von uns geschehen ist, so daß wir darüber nicht nachzudenken brauchen, inwiefern wir andere Dinge tun sollen, als wir bisher getan haben. Es wird sich nur die spezielle Frage ergeben: Wie wird der Bau wieder aufgeführt? Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Arbeitsmethode draußen anders werden soll.
Rudolf Meyer fragt, ob man den Kongreß verschieben solle.
Dr. Steiner: Es handelt sich darum, ob sich eine Möglichkeit ergibt, das Internationale in einem großen Umfang zu erreichen. Es ist die Frage, ob gerade in Berlin das Internationale eine große Bedeutung haben kann. Ich glaube, daß ein Kongreß in Berlin nicht international verlaufen wird. Haben Sie andere Gründe dafür als die finanziellen? Nach Berlin werden aus den westlichen und südlichen Ländern nicht viele kommen; ob aus Österreich viele Leute nach Berlin kommen werden, ist auch nicht sicher. Deshalb frage ich: Haben Sie ein besonderes Interesse daran, daß der Berliner Kongreß einen real internationalen Charakter trägt?
Rudolf Meyer antwortet, insofern Goethe ein übernationales Seelen- und Geistesleben vertreten habe.
Dr. Steiner: Das erreichen Sie nicht dadurch, daß Sie in Berlin ein besseres Verständnis für Goethe anbahnen. Das erreichen Sie besser, wenn Sie irgendwo anders hingehen. In Berlin nicht. Wenn Sie in Berlin davon sprechen, ist es geeignet, das Gegenteil der gewünschten Wirkung hervorzurufen. Goethe —- das ist kein Grund, einen internationalen Kongreß in Berlin zu machen. Wird man etwas bei Engländern erreichen, wenn sie nach Berlin eingeladen werden? Wenn Sie in Berlin sagen, daß Goethe ein großer Mann ist, so werden die Leute es nicht dulden. Wohl aber, wenn Sie es in Paris sagen könnten! Formell kann man den Kongreß international gestalten, aber es wäre gut, wenn man nicht darauf rechnete, daß es zieht. - Ob es ein Kongreß oder etwas anderes ist, darauf kommt es nicht an. Eine solche Versammlung, wenn sie ihre Aufgabe richtig erfaßt, könnte für Deutschland außerordentlich wichtig sein, weil die Deutschen allen Grund haben, sich selbst ein wenig zu belehren. Im «Namen» kann man die Internationalität in Erscheinung treten lassen; in die Realität wird sich das kaum umsetzen lassen.
Dr. Unger sagt einiges, das nicht notiert ist.
Rudolf Meyer: Der Bau in Dornach geht vor. Die deutschen Freunde werden sparen, um die [Mysterien-]Spiele zu ermöglichen!
Dr. Steiner: Ich glaube nicht, daß es wünschenswert ist, daß die deutschen Freunde sparen, weil es doch nicht hilft. Wenn sie noch so viel sparen, so bedeutet das in Dornach wenig, während es in Berlin etwas bedeuten kann. Wenn die Deutschen 30 000 000 Mark sparen, so sind das 17000 Franken.
Dr. Unger: Vielleicht kann man anderswo einen Kongreß veranstalten ?
Dr. Steiner: In den westlichen Ländern fehlen uns die Kräfte. In Deutschland sind die Persönlichkeiten vorhanden; aber die Verhältnisse sind schrecklich. Für die westlichen Länder haben wir kaum die Kräfte, die uns den Kongreß machen würden. Der Aufbau von Dornach ist viel konkreter. Die Anthroposophische Gesellschaft in den westlichen Ländern bedarf eines Aufbaues, bevor man daran denken kann, etwas zu machen. Ob es finanziell möglich ist oder nicht, weiß ich nicht. Ein Garantiefonds durch eine Sammlung ist eine fragliche Geschichte. Wenn er nicht Garantiefonds bleibt, ist er eben eine fragwürdige Geschichte. Ist es denn so, daß in Deutschland nicht genug Leute nach Berlin kommen werden?
Dr. Kolisko: Es ist finanziell kaum möglich.
Dr. Steiner: Wenn das so ist, dann ist es schwierig, einen ausführlichen Kongreß zu machen. Emil Leinhas: Vielleicht einen Kongreß als Hochschulveranstaltung?
Es sprechen Frau Eljakim und Dr. Stein (nicht notiert).
Dr. Steiner: Was hier uns entgegentreten könnte, müßte sein, daß man versucht, tatsächlich in der Welt etwas hinzustellen, was Anthroposophie ist. Das würde darin bestehen, daß die drei Kurse, Wärme, Optik, Astronomie, weiter ausgearbeitet würden und diese Arbeiten vorliegen würden. Zu sehr haben sich die Sachen so entwickelt, daß diese Kurse eingesperrt gewesen sind, daß jetzt von allen Seiten die Leute an mich herankommen und von mir die Erlaubnis haben wollen, diese Kurse zu lesen. Es würde deren Verarbeitung da das Nötige tun. Das war von Anfang an beabsichtigt. Die Dinge, die schadhaft sind, zeigen sich in Symptomen. Es wurde zum Beispiel bei einer öffentlichen Tagung ein Theberath-Referat angekündigt. Theberath ist nicht erschienen. Diese Dinge gehen nicht, sonst kommt das Urteil heraus: Was wollen die sich mit der Wissenschaft beschäftigen!
Dr. Stein: Man soll keinen Kongreß machen; erst muß gearbeitet werden!
Dr. Steiner: Es wird doch gearbeitet! Wir haben zusammengezählt, wieviel Wissenschaftler wir haben. Da muß doch etwas sehr Nettes herausgearbeitet werden können. Ich habe nur diejenigen gezählt, die bei uns an irgendeiner Stelle stehen. Es sind diejenigen gezählt, die bei uns Gelegenheit haben, experimentell zu arbeiten.
Dr. Kolisko: Der Kongreß ist aus finanziellen Gründen unmöglich.
Dr. von Heydebrand: Man kann in Preußen schlecht von «international» öffentlich reden.
Rudolf Meyer: Es ist nicht im Sinne der Berliner Freunde, einen Kongreß ohne Dr. Steiner zu machen.
Albert Steffen: Es herrscht Besorgnis wegen der mangelnden Sicherheit und der Möglichkeit von Tumulten. Die Bitte, das zu berücksichtigen, wurde an mich gerichtet.
Dr. Steiner: Das ist nur ein vorübergehender Zustand. Doch ist für mich die erste Frage diese: Wenn ich jetzt Vorträge in Deutschland halte, so gibt es einen solchen Krakeel, daß die Vorträge überhaupt für alle Zukunft aufhören würden, besucht zu sein. Natürlich ist an verschiedenes gedacht worden; ich selbst kann nichts anderes tun, als den Leisegang aufs Korn zu nehmen. Aber das ist etwas, was nicht genügen wird; vor allen Dingen, weil alle möglichen Strömungen durcheinandergehen. Man muß schon daran glauben, daß die Gegnerschaft gegen Anthroposophie sich unter den jetzigen Verhältnissen ins Unermeßliche vergrößert, wenn die Sachen so weitertreiben. Ein stärkeres Wahrzeichen für die Vergrößerung der Gegnerschaft kann es nicht geben, als daß dieser Bau verbrannt worden ist. Die Gegnerschaft wächst mit jeder Woche.
Die innere Konsolidierung und Positivierung der Gesellschaft wäre notwendig. Mit der Kritik des Unfugs, der außen geschieht, ist es nicht getan. Wenn man das weiter tut, so wird die Gegnerschaft nur größer. Alle diejenigen Unternehmungen, die darauf hinauslaufen, den Gegnern ihr eignes Antlitz zu zeigen, machen die Gegnerschaft nur wilder. Die Gegnerschaft ist dadurch gewachsen, daß wir auf die bloße Kritik hin viele Feinde uns machten. Solange es nicht gelingt, etwas zur Konsolidierung der Gesellschaft zu tun, so lange werden diese Verhältnisse sich nicht ändern.
Dr. Hahn spricht (nicht notiert).
Dr. Steiner: Ich habe konkrete Beispiele dafür angeführt. Sie zeigen, daß es notwendig ist, die Aufnahme der positiven anthroposophischen Arbeit innerhalb unserer Gesellschaft zu intensivieren. In unserer Gesellschaft geschehen Dinge, die, wenn sie woanders geschehen würden, tatsächlich etwas Weitgehendes begründen würden: Bei uns läßt man sie vorübergehen. Wenn aber die Dinge so behandelt werden, wie diese positive Arbeit behandelt worden ist, dann ist kein Verständnis vorhanden innerhalb unserer Gesellschaft für das, was ich die innere Konsolidierung unserer Gesellschaft nenne. Das in der Gesellschaft Geleistete muß von der Gesellschaft anerkannt werden. Denn sonst ist es kein Wunder, wenn sich die Verhältnisse so entwickeln, wie sie sich entwickelt haben. Man geht um den heißen Brei herum. Man muß die Dinge beim richtigen Namen nennen!
An sich würde jetzt mit deutschen Kräften ein Kongreß in Stockholm, Kopenhagen, Kr istiania [Oslo] für die Anthroposophie eine gute Sache sein; rein theoretisch betrachtet. Aber es fragt sich, ob dies augenblicklich unter diesen Verhältnissen, wo für den Bau gesorgt werden muß, finanziell wünschenswert ist.
Allerdings hat Fräulein Dr. von Heydebrand da eine Frage aufgeworfen. Es hat mich diese Frage dazu gebracht, daß ich sagen muß, man darf die Sache nicht von hinten herum behandeln. Es war etwas anderes, als die Anthroposophische Gesellschaft eine andere Position hatte. Jetzt muß mit der Abwehr der Gegnerschaft ernst gemacht werden; dafür muß man Verständnis haben. Dieses Verständnis ist nicht vorhanden. Und da kann man vielleicht davon reden hören, ob etwas Neues notwendig ist. Über das, was notwendig ist, kann man immer reden. Aber man denkt nicht daran, dies als eine wichtige Frage zu nehmen, daß Theberath ein Referat ankündigt und dann ausbleibt. Die Behandlung der Arbeit von Frau Kolisko habe ich auch angeführt. Es geht nicht, daß man die Sachen so laufen läßt, daß man sich um die Dinge nicht kümmert! Dadurch bringen wir die Bewegung auf ein totes Geleise. Durch die Auseinandersetzung mit der Atomistikfrage zum Beispiel bringen wir die Sache auf ein totes Geleise.
Die Gegnerschaft schlummert nicht. Man kommt dem mit nichts anderem bei als mit positiven Leistungen der Gesellschaft. Dadurch, daß in den letzten Jahren Wissenschaftler aufgetreten sind, muß die Gesellschaft beginnen mit dem, was sich nach außen fortsetzen will. Aber wenn wir es so treiben, daß wir den eigenen Arbeiten so schlecht entgegenkommen, so konsolidieren wir die Gesellschaft nie. Es ist notwendig, in der Gesellschaft selbst Verhältnisse herbeizuführen, die möglich sind, wodurch sich die Leistungen gegenseitig stützen. Die Zustände bei der Koliskoschen Broschüre sind zum Ruin der Gesellschaft.