Anthroposophy and its Opponents
GA 255b — 8 June 1920, Stuttgart
Schlusswort nach dem öffentlichen Vortrag
Stuttgart, 8. Juni 1920
Meine sehr verehrten Anwesenden! Damit habe ich im Grunde, wenn auch nur skizzenhaft, zum Ausdruck gebracht, was ich heute als Einleitung ausführen will zu dem, was ich übermorgen weiter und ins Konkrete hinein zu sagen habe. Und nachdem somit meine Aufgabe erschöpft ist, darf ich vielleicht auch heute in wenigen Worten auf einiges zurückkommen, was ich das letzte Mal hier gesagt habe, weil ja sonst immer falsche Konsequenzen gezogen werden, wenn man ganz schweigt gegenüber gewissen Dingen.
Ich mußte dazumal hinweisen auf die Unlauterkeit und Verlogenheit desjenigen, was sich jetzt in vielen Teilen der gegenwärtigen gebildeten Welt gegen das Ringen nach einer wirklichkeitsgemäßen Weltanschauung geltend macht, geltend macht auch hier an diesem Orte. Aus allen möglichen Winkeln heraus werden die Dinge gesucht, die nicht etwa darauf ausgehen, in ehrlicher Weise dasjenige zu diskutieren, was hier vorgebracht wird, sondern die ausgehen und wie ausgehen - auf die Verunglimpfung im Persönlichen, die nur Persönliches vorzubringen haben.
Damit ich nun nicht wieder mißverstanden werde, wie ich das letzte Mal in untergeordneten Punkten mißverstanden worden bin, möchte ich noch einmal vorausschicken: Ich halte es von meinem Standpunkte aus für höchst gleichgültig, ob jemand denkt, ich sei Jude oder Christ oder Katholik oder was immer. Ich halte diese Frage für irrelevant. Aber so wie sie aufgebracht wird, so wird sie nicht als irrelevant betrachtet. Und da habe ich es auch nicht zu tun mit der Wertung des Judentums oder Nicht-Judentums, sondern einfach mit Wahrheit und Verlogenheit, mit Wahrheit und ganz unsauberer Lüge.
Meine sehr verehrten Anwesenden, was da als Unwahrheit und unlautere Verleumdung auftritt, paart sich noch mit einer ganz besonderen Art von Tropfigkeit und Unwissenheit. Ich habe wiederholt geantwortet auf das, was mit Bezug auf meine Biographie von dieser oder jener Seite her vorgebracht worden ist. Nur mit ein paar Worten muß ich darauf zurückkommen. Ich habe zum Beispiel gesagt, daß ich als ein Sohn eines österreichischen Eisenbahnbeamten in Kraljevec in Ungarn geboren bin. Nun kommt man mit dem Einwand, daß? man ja entdeckt habe, Kraljevec liege in Kroatien-Slawonien. Nun, sehen Sie nach, wo Kroatien-Slawonien geographisch tatsächlich lag in den Zeiten, von denen ich sprach, daß mein Geburtsort in Österreich-Ungarn gelegen habe. Kroatien-Slawonien gehörte zu den Ländern der sogenannten Heiligen Stephanskrone und war ungarisches Gebiet. Nur Unwissenheit und Tropfigkeit vermag zu sagen: Da behauptet einer, er sei in Württemberg geboren, und er ist doch in Stuttgart geboren. -— Denn so ist es, wenn ich sage, ich sei in Kraljevec in Ungarn geboren und der andere nicht darauf kommt, daß Kroatien und Slawonien ein integrierender Teil der Heiligen Stephanskrone war und zu Ungarn gehörte, und dann sagt: Da will der also gleichzeitig in Kraljevec und in Ungarn geboren sein -, daß heißt also so viel wie: in Württemberg und in Stuttgart. Da redet also die volle Unwissenheit und Dummheit, unterstützt von Lügenhaftigkeit. Aber derselbe Mann, der heute hier die Versammlung eröffnet hat, hat gegenüber diesen unsauberen Angriffen meinen Taufschein vorgewiesen, woraus zu ersehen war, daß ich als das Kind christlicher, gutkatholischer Eltern am 27. Februar 1861 in Kraljevec getauft worden bin. Der Taufschein wurde also vor Augen vorgeführt.
Aber diejenige Seite, welche in dieser Weise vorgeht, findet sich noch nicht damit zufrieden, sondern schreibt allerlei Briefe an meinen Heimatort. Nun ist es einfach in den österreichisch-ungarischen Staatsgesetzen begründet, daß die Kinder dort heimatberechtigt sind, wo die Eltern her sind, so daß ich also heimatberechtigt bleibe in dem niederösterreichischen Bauernland, wo mein Vater und meine Mutter heimatberechtigt waren, auch als die beiden fortgezogen waren. Als österreichischer Eisenbahnbeamter wurde also mein Vater, weil die Österreichische Südbahn eine Strecke dazumal in Ungarn hatte, nach Kraljevec in Ungarn versetzt, und meine Geburt fiel gerade in diesen Aufenthalt in Kraljevec hinein. Mein Vater wurde also bei seiner Anstellung bei der österreichischen Südbahn, die eine Privatbahn war und heute noch ist, herunterversetzt nach Kraljevec in Ungarn. Beide Eltern sind aus dem niederösterreichischen Bauernstand herausgewachsen. Mein Vater war lange Zeit bedienstet im Prämonstratenserstift, wo man sich noch an ihn erinnert, wie ich mich überzeugt habe vor einigen Jahren, als ich dort war. Meine Mutter stammt aus Horn, und dort leben noch zahlreiche Verwandte von ihr. Sie zog dazumal mit meinem Vater nach Kraljevec, und sie sind alle beide aus derselben unmittelbaren Heimatnachbarschaft. Man kannte sie beide dort sehr gut. Der Mann, der nicht weiß, und die Leute, die nicht wissen, daß Kroatien-Slawonien zur ungarischen Krone gehörte, wie Stuttgart zu Württemberg, der fand sich aber auch gedrängt, nach meinem Heimatort zu schreiben, um sich dort zu erkundigen. Da bekam er allerdings, sogar vom Pfarrer aus, die Nachricht - wie der Pfarrer sich ausdrückte -, daß ich «Arier und Katholik» sei.
Was tut man jetzt? Sehen Sie, man muß auf den ganzen Unfug hinschauen. Was tut man jetzt, nachdem man da überall nicht die Auskunft erhalten hat, die sich dahin drehen läßt, daß ich Jude sei? Man sagt, man müsse also das folgende vermuten: Ich sei als der älteste Sohn eben ein uneheliches Kind. Meine Mutter habe sich vergangen, bevor sie meinen Vater geheiratet habe. Ich würde also trotz Taufschein und Nachfrage durch Seitensprung meiner Mutter mit irgendeinem Juden vor oder nach der Verheiratung doch von Juden abstammen.
Sehen Sie, in solchen Sumpf hinein kommt jene Verlogenheit, die, weil sie nicht auf Sachliches einzugehen in der Lage ist, sich nur an die persönliche Verunglimpfung heranwagt. Es tut mir leid, daß ich Sie, nachdem ich meinen Vortrag gehalten habe, mit diesen Dingen behelligen muß, aber was würde man sagen, wenn darauf ganz geschwiegen würde? Es gibt auch Leute, die sagen: Warum klagst du nicht? - Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, es gibt Dinge, denen gegenüber man eigentlich, wenn man mit ihnen zu tun hat, sich darauf beschränkt, sich hinterher die Hände zu waschen. Klagen, wenn die Sache so liegt?
Verzeihen Sie, ich möchte jetzt vom eigentlich Konkreten der Sache übergehen nur zu einem Vergleich: Ich war noch sehr jung, da kam ich einmal in einen Bauernhof. Das erste, was mir entgegenkam, neben dem, daß ich sonst sehr gut aufgenommen wurde, war ein wildes Schwein. Das wilde Schwein kam auf mich los und — verzeihen Sie, in England sagt man das Wort nicht, aber in Deutschland kann man es aussprechen - beschmutzte meine Hosen, zerriß mir auch meine Hosen. Meine sehr verehrten Anwesenden, ich klagte das Schwein nicht an.
Starker Beifall.
Aber trotz alledem, meine sehr verehrten Anwesenden, glaube ich doch, was ja oftmals ausgesprochen worden ist: Die Wahrheit - und derjenige, der sich ihrer Erforschung widmet, er muß, selbst wenn er irren würde, von der Wahrheit desjenigen, dem er nachgeht, überzeugt sein -, die Wahrheit muß ihren Weg durch die Entwicklung der Menschheit hindurch finden; und sie wird nicht aus der Welt geschlagen werden, auch nicht durch Unwissenheit und auch nicht durch Böswilligkeit. Aber es war ja immer so, daß Unwissenheit und Böswilligkeit gegen die Wahrheit herzogen.
Ich will damit nicht irgendwie von einer Absolutheit desjenigen, was hier als Erkenntnis vorgetragen wird, sprechen; ich möchte vielmehr gegenüber mancherlei auch von sogenannter christlicher Seite kommenden Angriffen darauf hinweisen, daß ich es halte mit denjenigen, die da sagen: Das, was du zu vertreten hast - du mußt es vertreten. Denn ist es ein Irrtum, dann wird es durch die entgegenstehende Wahrheit schon aus der Welt geschafft werden, dann wird es ganz gewiß nicht so verbleiben. Ist es aber die Wahrheit, dann kann und darf es nicht überwältigt werden, nicht durch Unwissenheit, nicht durch Böswilligkeit.