Anthroposophy and its Opponents

GA 255b — 7 December 1919, Dornach

Mitteilung vor dem Mitgliedervortrag

Mitteilung Vor Dem Mitgliedervortrag

Meine lieben Freunde, ich muß Sie auch heute wiederum in der Einleitung plagen mit einer kleinen Mitteilung. Aber da wir ja heute wohl die letzte unserer Betrachtungen haben vor unserer Abreise — die Abwesenheit wird diesmal ja wohl kürzer dauern so muß ich diese mir wenig schmackhafte Mitteilung schon noch machen. Sie gehört in die Reihe der zahlreichen Angriffe, die jetzt erfolgen und unterscheidet sich von den anderen Ihnen bereits mitgeteilten Angriffen dadurch, daß sie vielleicht noch um ein wesentliches Stückchen gemeiner ist als andere. Es erscheint ein Blatt hier — wie ich glaube nicht sehr ferne -, das sich nennt «Suisse-Belgique-Outremer»; in diesem Blatt findet sich ein Artikel über «Die Kernpunkte der Sozialen Frage», und dieser Artikel beginnt mit den Worten:

Quel abîme, si nous passons d’un Emile Waxweiler à un Rudolf Steiner! L’un est, au premier abord, obscur dans sa terminologie, mais sa pensée est d’une clarté aiguë. L’autre développe ses pensées en une langue que ses intimes pourront trouver claire, mais sa pensée nous paraît éminemment obscure! L’écrivain allemand est théosophe. On affirme qu’il fut le conseiller intime, le confident et l’inspirateur de Guillaume II, par déférence nous ne répéterons point l’expression de ‹Raspoutine› de Guillaume II, par laquelle nous l’avons entendu désigner.

Nun, meine lieben Freunde, zuerst die Logik, die in diesem Falle ein Stück Moral ist - und da wir ja in der letzten Zeit über mannigfaltiges Moralisches auch zu sprechen hatten, so reiht sich ja das in unsere anderweitigen Betrachtungen nicht schlecht ein -, zuerst die Logik, die ein Stück Moral ist: Man verbreitet ein ganz gemeines Gerücht, und man sagt zu gleicher Zeit, daß man nichts zu seiner Verbreitung beitragen will; man sagt, man will etwas nicht behaupten — und behauptet es. Das ist die Logik vieler Menschen der Gegenwart.

Nun möchte ich die Tatsachen dem entgegenstellen. Unsere Freunde werden sich erinnern, daß ich im Laufe der Jahrzehnte seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts - vielleicht können sich diejenigen, die hier sind, nur an Jahrzehnte in geringerer Anzahl erinnern, das macht aber nichts, weit zurück wissen sich aber manche zu erinnern, die hier sitzen —, daß ich zahlreiche Vorträge gehalten habe. Sie werden wissen, daß ich zu diesem «Guillaume II» nur die eine Stellung hatte durch die ganze Zeit hindurch, die Stellung des absoluten Ignorierens — eine andere Möglichkeit gab es ja nicht -, die Stellung des absoluten Ignorierens. Gegenüber jener Stellung, welche wahrhaftig nicht nur etwa allein in Deutschland, im ehemaligen Deutschland eingenommen worden ist zu «Guillaume II», sondern auch im Auslande, ist das doch wohl etwas abstechend, daß hier auf unserem Boden, soweit ich selber in Betracht komme, das absoluteste Ignorieren stattfand. Ich habe - ich kann das sehr einfach darstellen — seit gestern nachgedacht - gestern abend bekam ich diesen Artikel —, welches meine Beziehungen zu «Guillaume II» eigentlich sind. Und ich habe diesen Wilhelm II. gesehen einmal, indem ich saß im zweiten Rang eines Berliner Theaters: da saß er in der Hofloge - ich war so weit entfernt, wie von hier bis zu den dort in den letzten Reihen Sitzenden -, da sah ich ihn. Dann ging ich einmal über die Friedrichstraße, da ritt er unter seinen Generälen oder so etwas mit dem Marschallstabe. Und dann sah ich ihn noch einmal im Zuge schreiten, als er hinter dem Sarg der Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar ging. Gesprochen habe ich mit ihm noch nie ein Wort; in seiner Nähe war ich niemals.

Das ist die Wahrheit, meine lieben Freunde, und es gibt heute die Möglichkeit, daß die Wahrheit nicht nur von Skatbrüdern beim Dämmerschoppen und von Kaffeetanten in einer solchen Weise entstellt wird - das ist sie ja schon seit längerer Zeit -, sondern von Menschen, die in «Zeitschriften» schreiben. Und, meine lieben Freunde, diese Zeitschriften werden gelesen, ohne daß man sich darum kümmert, welche Gesinnung gegenüber der Wahrheit in unserem Zeitschriftenwesen heute ist. Da muß man doch die Frage aufwerfen: Welche Aussicht hat denn überhaupt gegenüber einer solchen bodenlosen Korruption eine geistige Bewegung, die sich in der Welt geltend machen will - eine geistige Bewegung, die es wahrlich nötig hatte, nicht aus einem äußeren Geflunker, sondern aus dem innersten Nerv ihres Existierens, ihrer Existenzmöglichkeit heraus zu sagen: Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit? - Wir mußten oftmals gerade gelegentlich der Betrachtungen der letzten Wochen, meine lieben Freunde, immer wieder und wieder darauf aufmerksam machen: Wenn dasjenige, was ich hier Geisteswissenschaft nenne, in der Welt wirklich durchdringen will, so ist dazu erforderlich, daß ein Boden ehrlichster und aufrichtigster Wahrhaftigkeit für dasjenige, was die Geisteswissenschaft der Welt zu sagen hat, da sei. Und ich habe oftmals darauf aufmerksam gemacht, daß im Kleinsten es notwendig ist von denjenigen, die sich beteiligen wollen an solch einer geisteswissenschaftlichen Bewegung, zu sehen, wie selbst in den unbedeutendsten Worten und in der unbedeutendsten Mitteilung der alltäglichsten Tatsache absoluteste wortgetreue Wahrhaftigkeit herrschen müsse. Denn dasjenige, was das Nicht-genau-Nehmen mit der Wahrheit in der Alltäglichkeit ist, das hat eine innere Wachstumskraft, das wächst, das hat eine eigene Vitalität, und das wächst sich dann aus zu diesen Dingen, die eigentlich nicht mehr charakterisiert werden können, weil sie alles Maß des Menschlich-Gemeinen überschreiten, weil in Menschen, die in einer solchen Weise ihre gemeine Verleumdungssucht auf Papier mit Druckerschwärze vervielfältigen dürfen, dasjenige steckt, was unsere Kultur korrupt macht. Und es ist durchaus eine Wahrheit, daß, solange nicht der Kampf aufgenommen wird in ernstlicher und ehrlicher Weise gegen alles dasjenige, was aus solcher Ecke herauskommt, die Menschheit weiter in die Dinge hineinsegeln wird, die heute nun gründlich wahrzunehmen sind.

Man muß, meine lieben Freunde, anschauen dasjenige, was in der Welt geschieht, an solchen Symptomen. Deshalb ist es hier notwendig, daß Kleines und Großes, was gegen den Wahrheitssinn verstößt, immer wieder gerügt werde. Derjenige, der eine Ahnung davon hat, was verbunden wird heute mit der Persönlichkeit des Rasputin, der weiß zu gleicher Zeit, aus welch bodenlos gemeiner Ecke heraus eine solche Verleumdung gemünzt ist. Sie sehen also, meine lieben Freunde, nicht bloß von der kirchlichen Seite, von der die Angriffe immer heftiger werden, sondern auch von nichtkirchlicher Seite droht gar mancherlei demjenigen, was sich hier geltend machen will als geisteswissenschaftlicher Kultureinschlag. Und man möchte wahrhaftig Worte finden - ich sagte das ja hier schon öfter -, welche mehr Tragkraft haben, als meine Worte bisher haben konnten, denn das zeigt sich ja auch wiederum an allen Ecken und Enden; man möchte Worte finden, welche mehr Tragkraft finden könnten, um zu begegnen dem, was heute der Ausbreitung der Wahrheit in der Welt entgegensteht. Man möchte deshalb mehr Kraft finden, weil leider die Seelen der meisten Menschen gegenüber demjenigen, was hier als Wahrheit gemeint ist, eigentlich doch schlafen, weil die Seelen der meisten Menschen im Grunde genommen doch das ungeheuer Ernste, das hinter diesen Sachen steckt, sehr bald wiederum vergessen, nachdem es vor sie hingetreten ist.

Ich möchte heute eben dies auch noch als Prinzipielles sagen. Versuchen Sie es einmal, meine lieben Freunde, die Zeit der wenigen Wochen, in denen ich hier vielleicht keine Vorträge halten werde, dazu zu verwenden, über Wahrheitsgefühl und Wahrheitsgesinnung einmal ernst zu meditieren, zu meditieren über die Tragfähigkeit des Wahrheitssinnes und über das ungeheuer Korrumpierende des heute die Welt so intensiv durchziehenden Unwahrhaftigkeitssinnes. Denn glauben Sie es mir: Die menschlichen Gedanken sind reale Mächte, und Unwahrhaftigkeiten sind, auch wenn sie im Kleinen walten, sie sind tödlich für dasjenige, was eigentlich bezeichnet werden muß als der die Erdenevolution fördernde Geist. Und man kann einfach auf die Dauer nicht zur Verbreitung dieses Erden-Fördernden beitragen, wenn man etwa zu stoßen hätte immer wieder und wiederum auf lauter Unwahrhaftigkeit. Das mußte ich wiederum zur Einleitung heute sagen, damit Sie aufgeklärt sind darüber, meine lieben Freunde, woran es liegen könnte, wenn etwa das Esoterische allmählich immer mehr und mehr versickern müßte aus demjenigen, was als geisteswissenschaftliche Bewegung auch durch unsere Reihen geht. Glauben Sie nicht, daß hier etwas Unwichtiges gesagt wird. Es ist notwendig, daß jeder eigentlich ernsthaft mit sich zu Rate geht, meditativ sich verhält zu der Frage über die Tragkraft der Wahrheit, denn einmal tritt sie im Kleinen, in der alltäglichen Mitteilung auf, die Unwahrhaftigkeit, das andere Mal als moralisch korrupte Unlogik, wie hier in diesem Artikel. Die Dinge sind nur quantitativ verschieden, qualitativ im Grunde genommen dasselbe.

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