The History of the Anthroposophical Society 1913–1922

GA 251 — 8 February 1913, Berlin

5. Zweite Abschiedsrede zur Generalversammlung

Damit, meine lieben Freunde, sind wir wohl endgültig zum Ende unserer Versammlung gekommen, aber bei allem können wir eine Tatsache hervorheben. Sehen Sie, meine lieben theosophischen Freunde, es scheint sich außerordentlich Wichtiges vollzogen zu haben. Man kann sich fragen: Ist es eine Generalversammlung gewesen? Was war es denn eigentlich? Wenn später davon die Rede sein wird, dann wird man sagen: «Es war einmal ... Wann war es denn gewesen?» — so wie es im Märchen heißt. Wir waren, wie wir hergefahren, noch Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft in Adyar, jetzt sind wir es nicht mehr. Welterschütterndes also scheint sich zugetragen zu haben, aber in Bezug auf die Sache hat man es eigentlich nicht gemerkt. Wir gehen in Bezug auf das Sachliche wieder so auseinander, wie wir früher auseinandergegangen sind, und gerade diese Tatsache, dass wir das können, dass wir das tun, ist cine sehr wichtige. Vielleicht bezeugt das doch, wie es uns mit dem Geistigen, mit der Pflege der geistigen Kultur Ernst gewesen ist, mit dem Inhalt unserer Sache; und wenn es uns damit Ernst gewesen ist, wird keine Form diesen Inhalt zerbrechen, sondern dieser Inhalt wird seine neue Form suchen, wenn man ihm die alte streitig gemacht hat.

Mich selbst, meine lieben theosophischen Freunde, ich muss gestehen, in Bezug auf das Äußere, was geschehen ist, hat mich die Sache so berührt, dass ich doch wieder finden muss: Die Dinge haben eigentlich nur einen Gradunterschied. Sehen Sie, Misses Besant hat gefunden, dass sie die allen Tatsachen sinnlos ins Gesicht schlagende Behauptung tun muss, dass ich in einer Jesuitenschule erzogen [worden] wäre. Sie ist so, dass man sie wichtig nehmen muss, denn sie ist in der Gegenwart eine sehr starke Anschuldigung, und wirksam, wenn sie geglaubt würde in Bezug auf das Innere, auf die Hassmotive.

Und in Bezug auf die bei Misses Besant zugrunde liegenden anderen Motive finde ich nur einen gradweisen Unterschied gegenüber einer anderen Anschuldigung, die mir zufällig unter die Augen kam, aus einem Briefe, der aus einer ganzen Reihe von Briefen einer ist. So bekam ich aus Hamburg einen Brief, worin eine Dame schreibt, sie hätte sich immer abhalten lassen, zu den Vorträgen zu gehen, jetzt habe sie sich selbst überzeugt, denn vorher ging sie nie, weil ein Pastor gesagt hat, ich sei ein Satan. Die anderen Briefe habe ich noch nicht gelesen, es kommt ja jeden Tag einer, manchmal auch zwei. So wurde mir nämlich kurz vor em Vortrag hier in diesem Saale ein Brief heraufgebracht - er sei sehr 8 ich solle ihn durchaus noch vor dem Vortrag lesen. In dem Brief schrieb mir eine Dame, sie habe einige Vorträge von mir gehört, die ihr gut gefallen haben. Nun aber hat sie im Schriftsteller-Lexikon nachgesehen, wie alt ich denn eigentlich sei, und da ist sie zu der Entdeckung gekommen, dass ich sorgfältig meine Haare färbe, denn in meinem Alter habe man doch keine schwarzen Haare mehr! Sie könne also nicht mehr in meine Vorträge kommen, denn unerhört wäre das und spräche für die Verbreitung einer solchen Sache.

Man bekommt allerlei solche Dinge zu hören und schließlich, die Anschuldigungen sind zu unterscheiden nach den Motiven, wie sie wirksam gemacht sind. Die Motive sind menschlich, allzu menschlich, ob sie der eine oder andere macht, ob man nun von Misses Besant beschuldigt wird, in einer Jesuitenschule erzogen worden zu sein oder von einer anderen Dame wegen etwas anderem. So gehen die Leute vor. Man könnte noch vieles erzählen.

Was wirklich einem energischen Wunsch unserer Freunde entgegengekommen ist - die Zyklen drucken zu lassen -, wird auch zum Angriffsobjekt gemacht. Man wirft mir vor, dass darauf steht: «Nach einer vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschrift.» Das hat aber einen sehr einfachen Grund; ich habe keine Zeit, die Nachschriften durchzusehen. Sie würden niemals herauskommen, wenn ich sie erst durchlesen müsste. Der Betreffende sagt: Er — Dr. Steiner — hat die Sache nicht angesehen, also hält er sich immer ein Hintertürchen offen, wenn man ihn auf Fehlern ertappen würde.

In dieser Weise kann man ja alles verdächtigen, während wir doch wirklich nur dem energischen Wunsch der Mitglieder Rechnung getragen haben. Es handelt sich bei uns um ernste, tiefe, inhaltvolle Dinge, und da müssen wir voll unterscheiden können das, was ernste und heilige Sache ist, und was äußere Form ist, und müssen nicht schlafen und glauben, wenn nur immer vom Inhalt träumen und reden, vorwärtszukommen. Es können uns die schlimmsten Dinge passieren, wenn wir nicht auf der Hut wären, wenn nicht berücksichtigt würde das Wachehalten. Und insofern durfte ich ja auch an das, was heute von Dr. Peipers gesagt worden ist, wiederum anknüpfen das Wort vom Wachehalten. Es gibt auch ein produktives Wachehalten. Das liegt in unserer Linie und nicht in der unserer Gegner.

So hoffe ich, dass wir friedlich auseinandergehen im Gefühl, dass wir geistig beieinanderbleiben.

Auf Wiedersehen!

German original of Second Farewell Address to the General Assembly · ← Previous · Next →