Giordano Bruno Association
GA 51 — 31 March 1902, Berlin
Die Einheit der Welt
Diskussion im «Giordano Bruno-Bund für einheitliche Weltanschauung» mit Votum Rudolf Steiners
Nach diesen Worten Kirchbachs erhob sich Herr Dr. Rudolf Steiner zu folgenden Ausführungen:
«Ich möchte mich streng an die Frage halten: Was bedeutet einheitliche Weltanschauung ihrem Begriffe und Werte nach? Ich stehe dabei in geradem Gegensatz zu meinem Herrn Vorredner. Wenn ich mir die Frage vorlege: Sind wir vom Standpunkt unserer modernen Natur- und Geisteswissenschaft berechtigt, die Welt für eine Einheit zu halten, so muß ich sagen, wir sind es, wir sind jedenfalls in die Notwendigkeit versetzt, danach zu suchen. Gegenüber der Mannigfaltigkeit, in die uns ohne Zweifel die Spezialisierung der Wissenschaften geführt hat, frage ich: Worin haben wir die Einheit zu suchen? Von vornherein zu sagen, dieses oder jenes müsse als Einheit vorerst nachgewiesen werden, erscheint mir als übertriebene Forderung einer extremen Erkenntnistheorie. Für mich ist das Streben nach einheitlicher Weltanschauung schon darin berechtigt, daß es einfach ein unauslöschliches Bedürfnis des menschlichen Geistes ist, das zu allen Zeiten vorhanden war, deutlicher vielleicht in den vorchristlichen Zeiten, als es noch nicht zurückgedrängt war von den Dogmen und Anschauungen der Kirche, gegen die anzukämpfen vor allem die Pflicht eines Bundes ist, der an Giordano Bruno anknüpfen will.
Indessen finde ich, daß auch die Ergebnisse der Naturwissenschaften diesem Bedürfnisse entgegenkommen. Zwar hat die Chemie siebzig Elemente gefunden und wird diese Mannigfaltigkeit vielleicht noch vermehren; zugleich aber etwas ganz Besonderes dazu: Zwischen diesen Elementen hat sie zum Beispiel hinsichtlich des Atomgewichtes bestimmte Verhältnisse gefunden, nach denen sich eine Skala der Elemente aufbauen läßt, die zugleich eine Gliederung dieser Elemente nach ihren akustischen, optischen und anderen physischen Eigenschaften ist. Man hat aus einem Zwischenraum in dieser Skala auf fehlende Elemente geschlossen, ihre Eigenschaften zum Teil vorhergesagt und sie hinterher tatsächlich entdeckt. So stellen die phänomenal allerdings verschiedenen Elemente dennoch eine große Einheit dar, die wir mit der Rechnung verfolgen können.
Allerdings ist der Chemiker gezwungen, die Einheit anderswo zu suchen als in dem brutalen Begriff einer wesenseinheitlichen Materie, nämlich in einem System gesetzmäßiger Beziehungen. Professor Ostwald hat sich auf einem Naturforscherkongreß in dieser Richtung ausgesprochen. Auch ist neuerdings eine Zeitschrift gegründet worden zur Weiterbildung des veralteten Materialismus in diesem neuen naturphilosophischen Sinne. So stehen wir denn vor einem neuen Weltbild, das wir zwar noch nicht abschließen können, zu dem uns aber eine Perspektive eröffnet ist, und zwar eine Perspektive zur Einheit.
So steht es auch mit der Einheitlichkeit der Kraft. Dem Phänomene nach werden wir Elektrizität wohl niemals zurückführen können auf reine Gravitation, aber in der mathematischen Formel, nach der wir sie berechnen und umrechnen, haben wir etwas Reales, Grundlegendes; und somit ist uns auch zur Einheit der Kraft eine Perspektive eröffnet.
Ohne mich genau auf den Standpunkt von Goethes Metamorphosenlehre stellen zu wollen, der auf organischem Gebiete zum ersten Male ein Einheitsprinzip suchte, meine ich doch, daß auch sie einen bedeutenden Schritt zur einheitlichen Weltanschauung darstellt. Hinzu kommt das biogenetische Grundgesetz, wonach jedes Wesen bei seinem embryonalen Bildungsgange die Formen der Wesensarten noch einmal durchläuft, von denen es abstammt. Seitdem es vollends gelungen ist, organische Stoffe im Laboratorium herzustellen, ist uns auch hier eine freie Aussicht auf Einheit geboten.
Wenn man nicht die Einheit geradezu im Phänomenalen verlangen will, so zeigt uns diese Perspektive, wo wir das Monon zu suchen haben. Und immer deutlicher enthüllt sich, was für alle großen Philosophen keinen Zweifel hatte: Daß das, was wir in der Außenwelt erleben, sich als gleichbedeutend darstellt mit dem, was wir im Geiste erfahren. Wenn wir von der äußeren zur inneren Erfahrung fortschreiten, werden wir ein einheitliches Weltbild zustande bringen. Für einen nach Einheit Suchenden sind die letzten Jahrzehnte der Wissenschaft recht trostreich, denn aus allen Gebieten strömen ihm Elemente zu, die ihm einheitliche Weltanschauung eröffnen.
Ihr Wert besteht darin, daß sie einem geistigen Bedürfnisse genügt, das ebenso notwendig wie Luft und Licht zum Glück eines Geistes gehört, der dieses Bedürfnis in sich ausbildet.»