Übersetzungen der Werke von Dr. R. Steiner
Noch einmal möchte ich mich namentlich an die jüngeren Freunde in der Anthroposophischen Gesellschaft wegen der Begründung der Jugendsektion wenden. Es scheinen sich innerhalb der Kreise unserer Jugend zwei Meinungen gegenüberzustehen. Die eine empfindet das Jungsein als etwas, das suchen muss. Sie fühlt einen Zug zur Anthroposophie hin, weil sie da Befriedigung für ihr Suchen zu finden hofft. Sie ist gewahr geworden, dass dieses Suchen nach den Tiefen der Seele gehen muss, und dass die zeitgenössische Zivilisation nach diesen Tiefen nicht führen kann. Es gibt eine Jugend, die so nach Esoterik sucht, weil sie ahnend entdeckt hat, dass in der Esoterik der wahre Inhalt des Menschen erst erlebt werden kann.
Diese Jugend wird den Weg zu dem leicht finden, was der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft mit der Jugendsektion anstrebt. Und dieser Vorstand wird niemand[en] in seinem selbstständigen Streben beeinträchtigen. Er wird ein Herz haben für diese Selbstständigkeit. Aber er wird auch eingedenk der Tatsache sein, dass die Pflege des esoterischen Lebens ihm als seine Aufgabe zugewachsen ist. Ihm wird diese Sorge die erste sein. Er wird die Jugendsektion so leiten, dass in ihr der Esoterik ihr Recht zukommt, und er glaubt, aus der wahren Esoterik auch die wahre «Jugend-Weisheit» finden zu können.
Aber es gibt noch eine andere Jugendmeinung. Diese wird leicht versucht, das Jungsein in einem so absoluten Sinne zu nehmen, dass ihr auch schon das Streben nach Esoterik wie das Aufnehmen eines Fremdkörpers erscheint. Sie möchte vor allem, unbeirrt von allem, was von außen kommt, sich in das eigene Jung-Sein vertiefen, und sich dieses zum Verständnis bringen.
In der Anthroposophischen Gesellschaft hofft wohl auch die Jugend, die dieser Meinung ist, etwas zu finden. Sonst wäre sie gar nicht darinnen. Aber sie glaubt, der Anthroposophie erst den rechten Geist durch die Betätigung ihres Jung-Seins bringen zu müssen. Der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft wird weit davon entfernt sein, diesem Teile der Jugend mit einer philiströsen Kritik zu begegnen. Aber es könnte leicht geschehen, dass seine Absichten von manchem jungen Menschen in einem solchen Lichte [gesehen] werden. Denn er kann von seiner gewonnenen Einsicht nicht abweichen, dass in der durch die Anthroposophische Gesellschaft versuchten Esoterik der Ewigkeitsstrom fließt, nach dem die Jugend hinstrebt. Er kann nicht in den Irrtum verfallen, dass die Esoterik durch das Jung-Sein erst ihre wahre Gestalt erhalten müsse, da er doch weiß, in der Esoterik wird die Jugend die rechten Wege finden, um im wahren Sinne «jung» sein zu können.
Ich spreche dieses aus, nicht weil ich auf einen Gegensatz zwischen einem Teile der Jugend und dem Vorstande hinweisen will. Einen solchen sehe ich nicht; und es kann vor einer praktischen Weltauffassung einen solchen gar nicht geben. Denn der Vorstand ist sich bewusst, dass ihm seine Aufgaben aus der geistigen Welt kommen; und er wird in allem die Wege zu gehen haben, die ihm von da gewiesen werden. Einen «Gegensatz» dazu im Felde seines Wirkens kann es für ihn nicht geben.
Aber es wäre doch möglich, dass die Jugend selbst in Gegensätze hineintriebe, wenn der eine Teil sein Streben einseitig gegenüber dem andern betonte. Und das könnte der anthroposophischen Jugendbewegung unermesslichen Schaden bringen. Es wird dies aber nicht geschehen, wenn die Jugend etwas, das sie von der «allzualt» gewordenen Zivilisation gelernt hat, schärfer beachten würde, als sie dies oft tut. Es ist ein gewisser Hang zur Abstraktion, zum Reden in bloßen Begriffen. Ich habe es in der letzten Nummer dieses Mitteilungsblattes ausgesprochen, wie wenig gut dies Abstrahieren der Jugend bekommt. In Wahrheit will das auch niemand in der Jugendbewegung. Aber im Reden über Jung-Sein, über die Ideale der Jugend ist es doch da. Es ist sogar ein bedenkliches Stück «Alter» in der heutigen Jugend. Besinnt sich demgegenüber die Jugend auf ihre wahren Erlebnisse, so wird sie finden, dass diese wie Fragestellungen sind, und dass die Esoterik der Anthroposophischen Gesellschaft ihr wenigstens Versuche von Antworten entgegenbringt.
Auf der Grundlage einer solchen praktischen Einsicht wird gewiss eine Verständigung zwischen einzelnen verschiedenen Meinungen in unserer Jugendbewegung erwachsen.
Der Verkehr mit der Esoterik kann der Jugend selbst zum Erlebnis werden. Geschieht dieses, so wird die Jugend eben einsehen, dass sie gerade durch diesen Verkehr verwirklichen kann, was sie oft in unbestimmter Art sich ideell vor die Augen rückt. Geschieht es nicht, so könnte es leicht sein, dass ein Teil der Jugend nicht aus angeborenem, aber äußerlich aufgenommenem «Alt-Reden» sich einen theoretischen Vorhang schiebt vor das angedeutete Erlebnis.
Wird die Jugend sich verstehen, so wird sie auch den Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft verstehen.
(Fortsetzung in nächster Nummer.)